kleine Auswanderung
  kleine Auswanderung

Aussprache: al-hidrscha-tul-sughraa
arabisch: الهجرة الصُغرى
persisch:
هجرت کوچک
englisch: Minor emigration

Die kleine Auswanderung ist die Schutzsuche einer Gruppe von Muslimen in Abessinien vor der eigentlichen Auswanderung aller Muslime nach Medina.

In der Anfangszeit des Islam in Mekka wurden Muslime massiv unterdrückt. Die Verfolgung und Unterdrückung durch die Götzendiener nahmen grausame Ausmaße an und führten u.a. zur Ermordung von Jasir und Sumajja.

Prophet Muhammad (s.) wollte den Schutzlosen unter den Gläubigen [mumin] weiteres Leid ersparen und daher wies er eine Gruppe von ihnen an, Mekka zu verlassen und unter Führung von Dschafar ibn Abu Talib sich nach Abessinien zu begeben. Der Negus, der abessinische Herrscher, war Christ und als gerecht bekannt. Die ausgewanderten Gefährten des Prophet Muhammad (s.) wurden vom Negus freundlich aufgenommen. In ihrer neuen Umgebung konnten die 83 Muslime ihre Religion ungestört ausüben, Niemand verfolgte oder unterdrückte sie deshalb. Reisende berichteten in Mekka von dem friedvollen und ungestörten Leben, das die Muslime in Abessinien führen konnten. Die feindlich gesonnen Quraisch befürchteten, der Islam könnte weitere Anhänger gewinnen und auf diese Weise immer mächtiger werden. Sie beriefen eine Versammlung ein einigten sich darauf, die Muslime wieder nach Mekka zurückzuholen. Sie wählten u.a. Amr ibn Aas als Abgesandten aus, den sie mit vielen prachtvollen Geschenken für den Herrscher und dessen Berater nach Abessinien schickten.

Die Abgesandten suchten unmittelbar nach ihrer Ankunft die einflussreichen Berater des Herrschers auf und überreichten ihnen die Geschenke und erbaten die Auslieferung der Muslime mit folgenden Argumenten: "Eine Gruppe junger und unerfahrener Männer unseres Stammes hat sich kürzlich von unserem Glauben und dem Glauben unserer Vorväter abgewandt. Sie sind nun in euer Land gekommen. Unsere Stammeseltesten haben uns nun entsandt, um euch aufzufordern, uns diese Männer auszuliefern. Es ist unser aufrichtiges Anliegen, dass ihr euch bei eurem Herrscher für unser Begehren einsetzt."

Letztendlich trugen sie ihr Anliegen dem Negus selbst vor. Auch ihm überreichten sie prächtige Schätze, und wie sie es nicht anders erwartet hatten forderten die vorher beschenkten Berater den Herrscher auf, die Muslime wegzuschicken und sie den Gesandten der Quraisch zu übergeben.

Der Negus war jedoch nicht so ohne weiteres für dieses Vorhaben zu gewinnen. Er sprach: "Menschen, die ihr eigenes Land verlassen haben, um bei uns Zuflucht zu suchen, verdienen es, dass man sie zumindest anhört, bevor irgendeine Entscheidung über ihr weiteres Schicksal gefällt wird. Bringt die Flüchtlinge in meinen Palast, so dass ich hören kann, was sie zu dieser Angelegenheit zu sagen haben. Erst dann kann ich eine Entscheidung fällen."

Die Abgesandten der Quraisch wurden nervös. Sie wollten den Muslimen  keinesfalls die Gelegenheit geben, mit dem Herrscher zu sprechen. Der Herrscher bestand aber darauf, die Emigranten zu sehen. Diese wurden in den Palast des Negus bestellt. Die Tatsache, dass sie sich nicht vor dem Negus verbeugten führte zu Verwunderung. Doch ein Dschafar ibn Abu Talib erklärte: "Wir haben hier Zuflucht gesucht um unseres Glaubens willen, der uns lehrt, uns vor niemandem als dem Einzigen Gott niederzuwerfen." Und er erläuterte weiterhin:  "Oh König, bevor wir Muslime wurden, waren wir unwissende Menschen. Wir beteten Götzen an und wir aßen das Fleisch verendeter Tiere. Wir haben uns gegenüber anderen Menschen ungerecht und schlecht verhalten. Die Mächtigen und Reichen von uns machten sich die Armen und Schwachen untertan. Unsere Situation war so unmenschlich und hoffnungslos, dass Gott uns einen Propheten schickte, den wir alle seit langem als einen aufrichtigen, glaubwürdigen und tugendhaften Menschen kannten.

Der Prophet lud uns ein, Gott allein anzubeten und keine Götzen, die wir selbst aus Stein oder Holz gefertigt hatten. Er wies uns an, die Wahrheit zu sprechen und uns unseren Mitmenschen gegenüber anständig und gerecht zu verhalten, er lehrte uns den Respekt vor dem Leben und den Lebewesen. Er verbot uns. Menschen zu verleumden und die Waisen um ihr Hab und Gut zu bringen. Er lehrte uns, dass Gott nur Einer ist und nichts Gleiches hat. Wir beten fünfmal jeden Tag und fasten einen Monat im Jahr. Sind das etwa keine göttlichen Lehren? Wir sind von diesen Lehren überzeugt und haben ihn als Propheten anerkannt und folgen ihm in dem, was Allah ihm offenbart hat.

Doch unseren Stammesältesten und unserem Volk missfällt das. Sie machten uns das Leben unerträglich. Und je länger wir uns weigerten, dem Islam abzuschwören, desto schlimmer wurden die Verfolgungen. Deshalb haben wir unsere Heimat verlassen und hier Zuflucht gesucht. Wir hoffen, hier friedlich leben zu können und gerecht behandelt zu werden."

Der Negus war sehr beeindruckt und wollte wissen, ob die Emigranten einige Verse der göttlichen Offenbarung kennen würden. Dschafar bejahte, und der Negus forderte ihn auf einige Verse zu rezitieren. Dscha'far wählte einige Verse aus, in denen von Maria (a.)  und Jesus (a.) die Rede war und trug sie mit schöner und lauter Stimme vor. "Bei Gott!" rief der Negus, "die Lehren des Islam sind vom gleichen Ursprung wie unsere Lehren!" Dann gab er Anweisung, den Gesandten der Quraisch alle Geschenke zurückzugeben. Die Muslime jedoch konnten in Ruhe und Sicherheit in Abessinien leben. Sie lebten dort, bis sie Signale aus Arabien erhielten, dass sie zurück kehren können, zumeist nach Medina. Einige wenige blieben in Abessinien.