.Bücher
zu islamischen Themen finden Sie im Verlag Eslamica.
Gustav Israel Oelsner war ein deutscher Architekt,
Stadtplaner, kommunaler Baubeamter und Hochschullehrer im
Exil. Er zählt zu den prägenden Gestalten des Neuen Bauens in
Norddeutschland und war von 1924 bis 1933 Bausenator bzw.
Stadtbaurat der damals selbständigen preußischen Stadt Altona.
Er verbrachte viele Jahre im Exil in der
Türkei.
Er wurde am 23. Februar 1879 in Posen/Poznań als Sohn einer
deutsch-jüdischen Familie geboren. In seiner Jugend trat er
zum evangelischen Glauben über und legte den Zweitnamen „Israel“
ab. Er studierte Architektur an der Technischen Hochschule
Charlottenburg in Berlin und schloss sein Studium um 1900 ab.
Danach arbeitete er unter anderem bei Paul Wallot, dem
Architekten des Berliner Reichstagsgebäudes, sowie bei Max
Hasak, bei dem er an der Bauleitung des Bode-Museums beteiligt
war.
Diese frühe Ausbildung verband ihn noch mit der
historistischen Baukultur des Kaiserreichs. Seine spätere
Bedeutung liegt jedoch gerade darin, dass er sich von deren
dekorativer Repräsentationsarchitektur löste und eine
sachliche, soziale, hygienisch und städtebaulich begründete
Moderne entwickelte.
1907 wurde Oelsner Stadtbauinspektor in Breslau. Dort
arbeitete er unter anderem an Hochschul- und
Verwaltungsbauten. 1911 wurde er zum Stadtbaurat von Kattowitz
berufen, das damals zu Preußen gehörte. Dieses Amt übte er bis
1922 aus, also bis zur politischen Neuordnung Oberschlesiens
nach dem Ersten Weltkrieg. In Kattowitz entstanden unter
seiner Verantwortung unter anderem Schulen und
Verwaltungsbauten, darunter ein Neubau für die
Fürstlich-Plessische Bergwerksdirektion.
In Kattowitz setzte sich Oelsner intensiv mit der
Gartenstadtbewegung auseinander. Diese Erfahrung wurde später
für seine Altonaer Wohnsiedlungen wichtig. Wohnen sollte nicht
bloß Unterbringung sein, sondern eine Verbindung von Licht,
Luft, Grün, sozialer Infrastruktur und städtebaulicher
Ordnung.
Seine wichtigste Wirkungsstätte wurde Altona, das bis 1937
eine selbständige Stadt war und erst danach durch das
Groß-Hamburg-Gesetz zu Hamburg kam. 1923 erhielt Oelsner
zunächst den Auftrag, an einem Generalbebauungsplan für die
preußischen Nachbarstädte Hamburgs mitzuwirken. 1924 wurde er
unter dem sozialdemokratischen Oberbürgermeister Max Brauer
parteiloser Bausenator bzw. Stadtbaurat von Altona. Dieses Amt
hatte er bis zur nationalsozialistischen Machtübernahme 1933
inne.
Seine Amtszeit fiel in eine Phase massiver sozialer
Wohnungsnot. Altona war eine industriell geprägte Großstadt
mit vielen Arbeiterquartieren und schlechter
Wohnraumversorgung. Oelsner verstand Stadtplanung daher als
öffentliche Sozialpolitik. Er setzte auf kommunalen und
gemeinnützigen Wohnungsbau, auf neue Grundrisse, auf
Grünflächen, Spielplätze, Licht und Belüftung. In den 1920er
Jahren wurden in Altona Tausende Wohnungen geschaffen. Die
Stadt selbst war dabei ein wichtiger Bauherr. Der Verein für
Hamburgische Geschichte hebt hervor, dass Oelsner mit den
„bunt gesprenkelten Gelbklinkerbauten der Weimarer Zeit in
kubischer Form“ das Altonaer Stadtbild prägte. Zu Oelsners
wichtigsten Altonaer Leistungen gehören öffentliche Bauten,
Wohnsiedlungen und Grünplanungen. Besonders bekannt sind:
Arbeitsamt Kieler Straße, Haus der Jugend am Platz der
Republik, Helmholtz-Siedlung in Ottensen, Steenkampsiedlung in
Bahrenfeld, Elbparks, Elbwanderweg und Grüngürtel.
Mit der Machtübertragung an die Nationalsozialisten 1933
endete Oelsners Altonaer Tätigkeit abrupt. Er wurde als
Bausenator abgesetzt, mit Berufsverbot belegt und wegen
angeblicher Veruntreuung bzw. Amtsmissbrauchs angeklagt; das
Verfahren endete ohne belastbares Ergebnis bzw. mit
Freispruch. Wegen seiner jüdischen Herkunft wurde er zunehmend
verfolgt. 1939 verließ er Deutschland und ging ins türkische
Exil, nachdem er sich dort beworben hatte. Das
Einladungsschreiben aus der
Türkei lautete:
Herrn Gustav Israel Ölsner
Hamburg Agnesstr. 51
Sehr geehrter Herr,
Ihr Bewerbungsgesuch und Lebenslauf, den Sie an Herrn
Prf. Vorhölzer, Chef der Architektur Abteilung an der
Kunstakademie in Istanbul, geschickt haben, ist geprüft
worden.
Es wurde für gut befunden Sie als Spezialist für
Staedtebau bei Hoch- und Staedtebauabteilung im Ministerium
für öffentl. Arbeiten zu engagieren.
Ihr Aufgabe wird darin bestehen persönlich mit einem v.
Ministerium Ihnen zugeteilten Ing. gemeinsam die v. Min.
übernommenen Staedtebau Plaene an Ort und Stelle zu studieren,
dieselben zu entwerfen, u. die von privaten Sachverständiger
entworfenen Staedtebauplaene zu prüfen u. zu kritisieren.
Wir denken Ihnen einen Monatsgehalt v. 900 Ltqs.
anzubieten. Von diesem Gehalt erhalten Sie nach Abzug aller
Steuern netto 621.44 Ltqs.
Ihre diesbezgl. Gegenvorschläge erwartend unter zeichnen
Hochachtungsvoll
Generaldirektur der Hoch- und Staedt Bauabteilung
i.M.f.ö.Arbeiten (im Ministerium für öffentliche Arbeiten)
Der Brief stammt vom 14. Juli 1939. Oelsner emigrierte 1939
in die
Türkei. In der Türkei wurde Oelsner zu einer wichtigen
Figur der modernen Stadtplanung. Er arbeitete für das
türkische Ministerium für öffentliche Arbeiten in Ankara und
war am Aufbau städtebaulicher Verwaltungs- und
Ausbildungsstrukturen beteiligt. Das METROMOD Archive
bezeichnet ihn sogar als eine Art Gründungsfigur der
Stadtplanung in der
Türkei.
Er lehrte an der Technischen Universität Istanbul und an
der Akademie der Schönen Künste. Von 1940 an war er am Aufbau
eines Lehrstuhls für Städtebau an der Technischen Universität
beteiligt. Seine Tätigkeit zielte darauf, eine Generation
junger türkischer Architekten und Stadtplaner für öffentliche
Bauaufgaben, regionale Planung, Hygiene, Infrastruktur,
Schulen, Plätze und ländliche Siedlungsfragen auszubilden.
Oelsner publizierte außerdem zahlreiche Beiträge in der
türkischen Architekturzeitschrift Arkitekt und beschäftigte
sich mit Fragen der behutsamen Modernisierung, der
Dorfplanung, der Gesundheitsbedingungen und der Anpassung
moderner Planung an lokale Lebensformen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Oelsner 1949 auf Bitten
Max Brauers nach Hamburg zurück. Er war dort beratend am
Wiederaufbau der zerstörten Stadt beteiligt. Der Verein für
Hamburgische Geschichte betont, dass er im Nachkriegshamburg
wichtige Weichen in der Stadtentwicklung mitstellte, besonders
im Hinblick auf Zeilenbauweise, Grünkonzepte und die
Lebensqualität der Großstadtbewohner.
1955 erhielt er von der Technischen Universität Istanbul
die Ehrendoktorwürde. Ein Jahr später starb er am 26. April
1956 in Hamburg. Beigesetzt wurde er auf dem
Friedhof Ohlsdorf Hamburg im Bereich des Althamburgischen
Gedächtnisfriedhofs.