Paronomasie
Paronomasie

Aussprache: al-dschinaas
arabisch:
الجِنَاس
persisch:
جناس
englisch:
Paronomasia

Foto: Mohammad Najafi (IQNA) 2010

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Paronomasie (auch Wortspiel oder Klangspiel) ist eines der Stilelemente des Heiligen Quran als rhetorisches Stilmittel, bei dem zwei oder mehr Wörter mit ähnlichem Klang nebeneinander gestellt werden. Es erzeugt klangliche Ähnlichkeit mit Verstärkung.

Im Allgemeinen ist der Paronomasie-Effekt das Zusammenspiel mit gleich oder ähnlich klingenden Wörtern, das Aufmerksamkeit erzeugt, Bedeutung verdichtet oder ironisch wirkt.

Im Heiligen Quran wird Paronomasie mit hoher Kunstfertigkeit genutzt. Diese klanglichen Effekte dienen der rhythmischen Struktur, semantischen Verstärkung, emotionalen Wirkung und theologischen Tiefe. Obwohl dieser Effekt besonders in den mekkanischen Suren auftreten, kommen sie auch in den medinensischen Suren vor. Beispiele für diesen Effekt im Heiligen Quran sind:

bullet... das Herangerückte ist herangerückt (53:57)
bulletSobald die Erde beben lassen worden ist in ihrem Beben (99:1)
bulletund die Ausbreitenden im Ausbreiten (77:3)

Wollte man den Effekt systematisieren, wären folgende Einteilungen denkbar:

Im Qurʾan wirkt Paronomasie – arabisch meist ǧinās (جناس), also Wortspiel durch Klangähnlichkeit – nicht bloß schmückend. Sie verbindet Laut, Bedeutung und Argumentation. Zwei ähnlich klingende Wörter können dabei unterschiedliche Bedeutungen, Wurzeln oder grammatische Funktionen haben.

  1. Bedeutungsgegensatz hörbar gestalten
    Ein besonders klares Beispiel ist: وَهُمْ يَنْهَوْنَ عَنْهُ وَيَنْأَوْنَ عَنْهُ „Sie halten andere davon ab und halten sich selbst davon fern.“ (Heiliger Quran 6:26). Die Verben: يَنْهَوْنَ – yanhawna: sie verbieten, halten ab يَنْأَوْنَ – yanʾawna: sie entfernen sich, bleiben fern, klingen fast gleich, stammen aber aus verschiedenen Wurzeln: ن هـ ي ن أ ي Die Klangnähe macht die doppelte Haltung der Gegner besonders eindringlich: Sie weisen andere zurück und ziehen sich selbst zurück. Die lautliche Ähnlichkeit verbindet beide Handlungen, während die kleine Lautabweichung ihre unterschiedliche Bedeutung markiert.
  2. Verdichtung einer Aussage
    In Ayat (Vers) 30:55  heißt es: وَيَوْمَ تَقُومُ السَّاعَةُ يُقْسِمُ الْمُجْرِمُونَ مَا لَبِثُوا غَيْرَ سَاعَةٍ „Und an dem Tag, da die Stunde eintritt, schwören die Schuldigen, sie hätten nur eine Stunde verweilt.“ Darin stehen zweimal dieselben Laute: السَّاعَة – as-sāʿa: die Stunde, also die Auferstehungsstunde سَاعَة – sāʿa: eine kurze Zeitspanne, eine Stunde. Das ist ein vollständiges Klangwortspiel mit verschiedener Bedeutung. Die große, kosmische Stunde des Gerichts wird der vermeintlich kleinen Stunde des irdischen oder jenseitigen Verweilens gegenübergestellt. Die Paronomasie verkürzt damit einen theologischen Gedanken: Vor der Ewigkeit erscheint die vergangene Zeit plötzlich verschwindend klein.
  3. Erzeugung rhetorischer Geschlossenheit
    In Ayat (Vers) 93:9 heißt es: فَأَمَّا الْيَتِيمَ فَلَا تَقْهَرْ ۝ وَأَمَّا السَّائِلَ فَلَا تَنْهَرْ „Was nun die Waise betrifft, so unterdrücke sie nicht; und was den Bittenden betrifft, so fahre ihn nicht an.“ Die Verben: تَقْهَرْ – taqhar: unterdrücke nicht تَنْهَرْ – tanhar: fahre nicht an, weise nicht schroff zurück, unterscheiden sich nur in einem Konsonanten. Dadurch werden zwei soziale Pflichten als zusammengehörig hörbar: den Schwachen nicht gewaltsam behandeln, den Bedürftigen nicht verletzend behandeln. Die Klangparallelität macht aus zwei Einzelgeboten eine ethische Einheit.
  4. Steigerung der Einprägsamkeit
    Paronomasien sind leichter erinnerbar, weil das Ohr Ähnlichkeiten registriert. Das ist besonders wichtig in einem Text, der ursprünglich vor allem: rezitiert, gehört, memoriert wurde. Ähnlich klingende Wörter bilden akustische Klammern. Sie helfen dem Hörer, den Gedanken nicht nur rational, sondern auch klanglich zu erfassen.
  5. Erzeugung semantischer Spannung
    Bei Paronomasie erwartet das Ohr zunächst eine Wiederholung. Dann erkennt der Verstand: Das zweite Wort bedeutet etwas anderes. Genau in diesem kurzen Moment entsteht rhetorische Spannung. Ein Beispiel ist: السَّاعَة … سَاعَة (siehe oben). Der Hörer nimmt zuerst denselben Laut wahr, muss ihn aber sofort in zwei verschiedenen Bedeutungen verstehen. Das führt zu einer verdichteten geistigen Bewegung: dieselbe Form – verschiedene Dimensionen von Zeit.
  6. Verbindung Wörter verschiedener Wurzeln
    Manchmal liegt die Wirkung nicht in völlig identischen Wörtern, sondern in ähnlichen Lautgestalten. Das nennt man häufig unvollständige Paronomasie (dschinas naqis). Ein Beispiel ist: تَقْهَرْ – تَنْهَرْ. Die Wörter unterscheiden sich in einem Laut, haben verschiedene Wurzeln, gehören aber semantisch demselben Bereich verletzenden Verhaltens an. Die Klangverwandtschaft bildet somit eine ethische Verwandtschaft ab.
  7. Beruhen auf gemeinsamer Wurzel
    Neben dem eigentlichen dschinas gibt es im Heiligen Quran häufig ischtiqāq, also das Spiel mit verschiedenen Ableitungen derselben Wurzel. Beispielsweise können Verb, Substantiv und Partizip einer Wurzel in enger Folge auftreten. Dadurch wird ein Grundbegriff aus verschiedenen Perspektiven entfaltet: Handlung, Handelnder, Ergebnis, Zustand. Diese Form ist streng genommen nicht immer klassische Paronomasie, wirkt aber ähnlich: Die Wiederkehr derselben Wurzel erzeugt begriffliche Geschlossenheit.
  8. Ironie oder Entlarvung erzeugen
    Im Heiligen Quran 30:55 steht: تَقُومُ السَّاعَةُ … غَيْرَ سَاعَةٍ . Die Schuldigen befinden sich am Tag der endgültigen Wahrheit, behaupten aber, nur eine kurze Stunde verweilt zu haben. Das Wortspiel entlarvt ihre verzerrte Wahrnehmung. Die Paronomasie ist hier beinahe ironisch: Die große „Stunde“ ist eingetreten. Sie reden dennoch nur von einer kleinen „Stunde“. Der Klang führt ihre eigene Sprache gegen sie.
  9. Verstärkung der Rezitationsrhythmus
    Paronomasie wirkt nicht nur über Wörterbuchbedeutungen, sondern auch über: Artikulationsstellen, Konsonantenfolgen, Vokalmuster, Satzrhythmus. Bei: يَنْهَوْنَ … يَنْأَوْنَ liegt die Wirkung auch im minimalen Wechsel zwischen ه und ء. Die fast identische Bewegung der Artikulation spiegelt zwei fast gleichzeitig vollzogene Verhaltensweisen. Bei: تَقْهَرْ … تَنْهَرْ entsteht durch die gleiche Endung ـهَرْ ein deutlicher rhythmischer Parallelismus.

Paronomasie ist im Heiligen Quran in der Regel bedeutungsgebunden. In klassischer arabischer Rhetorik wurde zwischen gelungenem und künstlichem Wortspiel unterschieden. Ein dschinas gilt dann als gelungen, wenn: die Bedeutung natürlich bleibt, kein Wort nur wegen des Klanges gewählt wurde, der Klang die Aussage verstärkt, das Wortspiel nicht vom Inhalt ablenkt. Im Heiligen Quran ist die Paronomasie daher normalerweise keine selbständige Verzierung. Sie dient der Aussage.

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