Lieselotte Sekatsch
Lieselotte Sekatsch

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Lieselotte Sekatsch

7.5.1930 - 2.2.1990

.Bücher zu islamischen Themen finden Sie im Verlag Eslamica.

Lieselotte Sekatsch war die Herausgeberin der Zeitschrift "Freunde der Islamischen Revolution".

Geboren am 7. Mai 1930 in Barbi an der Elbe (damalige DDR), verlor sie schon mit drei Jahren Vater und Mutter. Ihr Großvater, Ingenieur und eingeschworener Sozialdemokrat nahm sie in seine Obhut und schickte sie auf die nahe gelegene Dorfschule. Von sozialkritischen Äußerungen des Großvaters über das Hitlerreich inspiriert, machte sie sich bald in der Schule mit Bemerkungen gegen den Krieg unbeliebt. Deutschland hatte sich zum Krieg entschlossen und gleich im ersten Jahr sollte der geliebte Großvater sterben. Fortan hatte das erst neunjährige Mädchen für die unbeholfene Großmutter und sich selbst zu sorgen. Um zu Überleben musste sie auf Höfen und in Zechen hamstern. Später einmal gefragt, wie es denn dazu gekommen sei, dass sie so gar keinen Hang zum Materiellem habe, antwortete sie: "Schon als Kind habe ich früh erfahren, dass alles, was ich liebgewonnen hatte, nicht von Dauer war."

Mit vierzehn Jahren verlor sie auch ihre Großmutter und kam zu einer Verwandten, deren Ehemann sie als "Arbeitstier" auf seinem Hof einsetzte. Auch diese schwere Zeit Überstand sie und siedelte 1948 legal nach Osnabrück Über, um Arbeit in einem Stahlwerk aufzunehmen. Trotz ihrer schweren Kindheit hat es sie später immer wieder zu ihrem Geburtsort gezogen. Alljährlich besuchte sie mit ihren Kindern das Grab ihrer Mutter. Auf einer dieser Reisen begegnete sie ihrem ehemaligen Lehrer, der sie als exzellente Schülerin in guter Erinnerung hatte und ihr zur Wiederaufnahme ihrer schulischen Laufbahn riet. Er wollte ihr sogar zum Stipendium für eine Ausbildung zur Richterin verhelfen. So sehr es Lieselottes Wunsch gewesen war - sie entschied sich für ihre Kinder und deren Erziehung.

In den Genuss von Müßiggang oder Luxus war Lieselotte Sekatsch Zeit ihres Lebens nie gekommen. Aber als sie von den schrecklichen Erlebnissen eines iranischen Jungen gehört hatte, ließ ihr das keine Ruhe. Sie selbst schilderte die Begegnung wie folgt: "Es fing alles damit an, dass mein ältester Sohn Karl-Heinz eines Abends einen Iranischen Jungen aus dem Studentenhelm mit nach Hause brachte. Der Junge machte einen ziemlich verstörten Eindruck. Er erzählte uns, wie sein Vater von der berüchtigten SAVAK des Schah-Regimes gefoltert und umgebracht worden war...."

Den unter der Diktatur des Schah leidenden Menschen musste aus ihrer Sicht irgendwie geholfen werden. Lieselotte Sekatsch ließ sich in den Kreis iranischer Studentenvereinigungen einführen, die Opposition zum Schah standen und unterstützte sie gegen das menschenverachtende Schahregime.

1972 schloss sie sich Amnesty International an, gründete mit Freunden zusammen das Iran-Komitee in Osnabrück und setzte ihre Bemühungen zur Freilassung politischer Häftlinge in Iran intensiver fort als zuvor. Sie verteilte Flugblätter, sammelte Unterschriften für Petitionen und wirkte bei Iran-Veranstaltungen mit. Ihr jüngster Sohn Rolf, der ihr später eine große Stütze bei ihrer Arbeit sein sollte, erlebte das sozialpolitische Engagement seiner Mutter von Anbeginn mit.

Dann kam das große Ereignis von dem sie, wie sonst Übernichts anderes, schwärmerisch erzählte: "Iranische Studenten hatten mich nach Paris zu Imam Chomeini mitgenommen. Der Umgang der muslimischen Studenten untereinander beeindruckte mich tief. Es war so viel Herzlichkeit und Brüderlichkeit zu spüren, wie ich sie sonst nie angetroffen habe. Dann sah ich Imam Chomeini. Seine Augen strahlten Wärme und Menschlichkeit aus. Da wusste ich: Wenn es in Iran zu einer Revolution zum Wohle des einfachen Volkes kommen sollte, dann nur über diese Muslime."

Es war inzwischen 1978, das Jahr vor dem Durchbruch der Islamischen Revolution. Lieselotte Sekatsch hatte sich vielleicht ihren Traum von "Richterin" verwirklichen wollen. Auf Zureden ihres ältesten Sohnes, dem sie geistig sehr nahe stand, begann sie ein Fernstudium in Jura. Sie gründete den Verein der "Freunde der Islamischen Revolution in Iran" und gab von Zeit zu Zeit eine Broschüre heraus, in der sie über bedeutende Ereignisse im Iran, Persönlichkeiten und Errungenschaften der Revolution berichtete.

In den folgenden Jahren bereiste sie mehr als ein Dutzendmal den Iran. Unermüdlich eilte sie gleich nach ihrer Ankunft auf dem Teheraner Flughafen von einem Termin zum nächsten. Ihre Interviews und Aufzeichnungen galten nicht eher hohen Persönlichkeiten, sondern dem einfachen Volk auf der Straße: hier eine Hausfrau, dort ein Verkäufer oder ein Arbeiter nach Werkschluss. Auf noch so holprigen Landstraßen ließ sie sich in die abgelegensten Dörfer fahren, um sich selber vor Ort zu vergewissern, ob die Organisation für Aufbau den Ärmsten der Armen wie versprochen Strom- und Wasserleitungen gelegt hat. Sie besichtigte neu gegründete Kooperativen und notierte sich die Höhe des Darlehens und erkundigte sich, ob es sich wirklich nur um ein zinsloses Darlehen handelte. Sie fotografierte Plakate gegen das Rauchen und steckte sich die Lehrbücher der Organisation für Alphabetisierung ein, um sie später auf ihren Veranstaltungen Interessenten zu zeigen.

Auch wenn sie oft von Universitäten oder Hochschulen zu Veranstaltungen eingeladen wurde, wollte sie - wie auch in ihrer Broschüre - eher den einfachen Menschen als intellektuelle Kreise ansprechen. Die Völker dieser Erde, die entrechteten Völker der Erde müssen von der Islamischen Revolution aufgeklärt werden um eine Veränderung ihrer Situation schaffen zu können.

Lieselotte Sekatsch hatte schon mit frühen Jahren auf eigenen Beinen gestanden und sich zu verteidigen gelernt. Um so mehr kritisierte sie die Haltung von Muslime im In- und Ausland, die die massiven Hetzkampagnen der Presse und Medien gegen die Islamische Revolution kommentarlos hinnahmen. Auf jede Falschmeldung reagierte sie prompt und sachlich mit einem Leserbrief.

Wie die Verhetzung der Oberhäupter der Islamischen Revolution, so deutete sie auch den Irak-Iran-Krieg als weiteren Beleg dafür, dass die Islamischen Revolution wahrhaftig den Unterdrückten zu ihren Rechten verhelfen und die ungerechte ausbeuterische Wirtschaftsordnung zerschlagen wird. Terroristische Gruppen, die sich im Westen als Oppositionelle einen Namen gemacht hatten, waren ihr ein Dorn im Auge. Ihre Sprecher kannte sie zum Teil persönlich aus ihrer Zeit vor der Islamischen Revolution, wusste von ihre jeweilige Abhängigkeit von Großmächten und um ihre Absichten, um jeden Preis, im Iran an die Macht zu kommen. Für sie bedeutete die Islamische Revolution der Anbeginn einer künftigen Weltrevolution, die den Schwachen und Unterdrückten endlich zu ihren Rechten verhelfen werde.

Als Mutter ihren Kindern gegenüber eine eher protestantisch-konservative Haltung einnehmend, war sie durch ihr politisches Engagement in den 70ern zunächst einmal ins Umfeld der "Linken" geraten, mit denen sie Anfang der 80er endgültig brach, als sie, wie sie sich später immer wieder äußerte, feststellen musste, dass "den Linken das geistig spirituelle Rüstzeug" fehle. "Die sind mit sich selber noch nicht im Klaren", pflegte sie zu sagen. Als sie in ihren Broschüren die Machenschaften jener terroristischen Gruppen, mit eigenen Veröffentlichungen und Aussagen aufdeckte, kündigte auch amnesty international (ai) Lieselotte Sekatsch die Mitgliedschaft auf, da sich damals ai bezüglich Iran auf terroristische Quellen berief. Etliche ihrer Briefe an den Hauptsitz von ai in London, Beweismaterial für die Unrichtigkeit der schweren Anschuldigungen gegen die Regierung der Islamische Republik Iran, blieben unbeantwortet.

Umso unermüdlicher setzte Lieselotte Sekatsch ihre Bemühungen um Verständnis für die Ziele der Islamischen Revolution fort. Von ihrem bescheidenen Häuschen in Lotte/Büren aus, verschickte sie ihre Schriften an den mehrere 1000 Personen umfassenden Interessentenkreis, beantwortete unzählige Anfragen ungeachtet der vielen Drohbriefe, die ihr von iranischen linken Gruppen ins Haus geschickt wurden.

Wenn ihr die Arbeit in der Druckerei, mit der sie sich über viele Jahre hin weg ihren Lebensunterhalt bestritt und ihre politische Tätigkeit über den Kopf wuchsen, war Rolf da. Er tippte für sie, erledigte die Post und half ihr bei der Hausarbeit.

Im Frühjahr 1984 erlitt sie einen Schlaganfall, der sie für die nächsten Jahre an ein Leben im Rollstuhl binden sollte. Sie ertrug ihr Schicksal mit Geduld und Fassung. Nie war nur ein Wort der Klage aus ihrem Mund zu vernehmen. Umso mehr gedachte sie der vielen Märtyrer und Verletzten des Irak-Iran-Krieges und deren Hinterbliebenen. Ihre Reisen in den Iran musste sie zunächst einmal einstellen, aber dank Rolfs liebevollem Einsatz besuchte sie in seiner Begleitung auch weiterhin Tagungen und Seminare und setzte ihre Arbeit fort.

"Die Leute hier erfahren viel zu wenig über die Revolution," schimpfte sie. "Es muss viel mehr getan werden." Als die Islamische Republik Iran, Anteilseigner an den Stahlwerken der Krupp AG, durch ihr Veto die Entlassungen von Arbeitnehmern verhinderte, kritisierte sie das Versäumnis der Muslime anhand solcher Beispiele "dem Menschen hier auf der Straße" zu verdeutlichen, dass die Islamische Revolution eine humane ist, die die Belange der Schwachen ins Auge fasst.

Im Sommer 1988 fuhr sie zum letzten Mal mit ihrem Sohn Rolf in die Islamische Republik Iran, ohne Rollstuhl, gestützt auf Krücken. Es war eine anstrengende Reise, voller Termine aber auch Enttäuschungen aufgrund ihrer großen Erwartungen, die sie stets an ihre Mitmenschen stellte. "Es ruhen sich so manche ungestraft auf den Lorbeeren anderer aus. Die Revolution geht viel zu gut mit ihnen um." Wenn sie etwas leid war, dann waren es sogenannte Revolutionäre, die sich jetzt aufgrund ihnen aufgetragener Positionen zunehmend in Distanz zum einfachen Volk bewegt haben. "Sie fahren einen Mercedes und wohnen im Luxus. Wie wollen sie sich als Vertreter der Schwachen verstanden wissen?"

Das Ableben Imam Chomeinis am 3. Juni 1989 hat sie mit großer Trauer erfüllt. Die letzten Monate vor ihrem eigenen Ableben hatte sie ruhig und in Abgeschiedenheit von allem Trubel verbracht. Hier und da nahm sie Stellung zu den politischen Ereignissen im Iran, die sie immer noch intensiv in den Zeitungen und im Radio/Fernsehen verfolgte. Dass es im iranischen Parlament Abgeordnete gebe, die nicht aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Partei sondern ihrer eigenen Persönlichkeit, Fähigkeiten und Gesinnung wegen vom Wähler direkt ins Parlament gewählt werden, schätzte sie sehr positiv ein und nannte das iranische Parlament als einziges wahres Parlament der Erde, in dem Beschlüsse zum Wohle des einfachen Volkes gefasst werden könnten.

Ein Leben lang zeichneten Schlichtheit und Bescheidenheit ihre äußere Erscheinung aus. Auf Veranstaltungen hielt sie selbst als Redner nur kurze Vorträge und ließ lieber ihre Zuhörer zu Worte kommen. Wie oft hat sie so manchen Kontrahenten mit ihren spitzen Äußerungen in Verlegenheit gebracht. Sentimentalitäten und Ausschweifungen lagen ihr fern.

Am 2. Februar 1990 wurde Lieselotte Sekatsch, die unermüdliche Streiterin für die Rechte der Schwachen abberufen. Sie wurde auf eigenen Wunsch im anonymen Grabfeld auf dem Heger Friedhof in Osnabrück beigesetzt.

Al-Fadschr widmete ihr in der Ausgabe 44 (1990) einen Nachruf, von dem große Teile des obigen Textes stammen.

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