Hermann Vambery
Hermann Vambery

Aussprache:
arabisch: 
persisch:
آرمینیوس وامبری
englisch:
Ármin Vámbéry

Bild: 1861

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Hermann Vambery bzw. Armin Vambery, Arminius Vambery war ein Orientalist aus Ungarn, Turkologe, Geheimagent in britischen Diensten und bekennender Zionist, der ein Treffen von Theodor Herzl mit Abdülhamid II. arrangierte.

Hermann Vambery ist am 12. oder 19. März 1832 in Szerdahelyals Hermann Wamberger bzw. Bamberger oder Vamberger geboren. Die mehrfache Namensabänderung bzw. unterschiedliche Angabe in Schriften war später typisch für Geheimdienstmitarbeiter, die gleichzeitig in der Öffentlichkeit auftraten.

Er entstammte einer orthodoxen jüdischen Familie, war von Geburt an gelähmt, erhielt von den Eltern eine solide Ausbildung und musste seit dem Alter von zwölf Jahren für seinen Lebensunterhalt arbeiten, zunächst als Schneiderlehrling und später als Hauslehrer. Daneben betrieb er Studien der Ethnographie und Linguistik. Vambery genoss den Unterricht der Piaristen in St. Georgen bei Preßburg, bildete sich aber in der Folge vor allem autodidaktisch weiter und erwarb sich umfassende Kenntnisse in zahlreichen Sprachen. Nachdem er sich zunächst auf europäische Sprachen konzentriert hatte, erlernte er auch Arabisch, Türkisch und Persisch, die er fließend beherrschte.

Mit 22 Jahren reiste er nach Istanbul und gab an, die asiatischen Ursprünge der Magyaren bzw. Ungarn erforschen zu wollen. Als Lehrer für europäische Sprachen im Haus Asif Beys, dann Rifaat Paschas (1857–1863) fand er Gelegenheit, verschiedene türkische Dialekte und Sprachen zu erlernen und ersten Zugang zum Hof zu erhalten. Damals veröffentlichte ein deutsch-türkisches Wörterbuch.

Angeblich unterstützt von der Ungarischen Akademie, aber wahrscheinlich mit gezielten Absichten, durchreiste Vambery, als sunnitischer Derwisch verkleidet, 1861–64 in die Länder Armenien, Persien und Turkestan und brachte wertvolle geographische, ethnographische und linguistische Resultate zurück, die er vor allem den Briten zur Verfügung stellt. Im Auftrag des englischen Geologischen Instituts und als britischer Agent reiste er unter dem Pseudonym Raschid Effendi über das Uralgebiet und die Ostküste des Kaspischen Meeres nach Mittelasien. Nach Aufenthalten in Chiwa, Teheran, Trabzon, Buchara, Samarkand und Herat kehrte er nach Istanbul zurück. Sein Reisebericht Travels and Adventures in Central Asia erschien 1864 und wurde in ganz Europa mit großem Interesse aufgenommen. Besonders galt dies für England, das zu dieser Zeit mit Russland um die Vorherrschaft in Zentralasien kämpfte.

Nach seiner Rückkehr aus Asien im Frühling 1864 wurde Vámbéry in London ein begeisterter Empfang zuteil, worauf er eine Professur an der Universität Budapest annahm. Von 1865–1905 war er in Budapest Professor für orientalische Sprachen und galt als ein entschiedener Gegner der Finnougristik. Vambery leugnete eine Sprachverwandtschaft zwischen Finnen und Ungarn und klassifizierte die ungarische Sprache als eine mit ugrischen Elementen versetzte Turksprache, was rückwirkend betrachtet auch politische Hintergründe gehabt haben kann. Von den Finnougriern wiederum wurde Vambery angegriffen, da er auch als in Ungarn geborener Jude noch immer nicht als Stammungar galt. Seine Werke – auch einige Romane – erschienen in englisch, deutsch und ungarisch. Zu seinen bekanntesten Schülern gehörte der Orientalist Ignaz Goldziher.

In seiner Zeit bei den Osmanen gelang es ihm, engen Kontakt zu Abdülhamid II. zu erhalten und sich als enger Freund auszugeben. In Briefen ans Theodor Herzl nannte er ihn hingegen jiddisch-verächtlich "mamser-ben-nennide" (Hurensohn, Bastard, Sohn einer Unreinen). Vambery unterstützte den damals entstehenden politischen Zionismus, indem er Herzl im Jahre 1901 eine Audienz bei Abdülhamid II. verschaffte.

Herzl besuchte Vambery zuvor in Tirol (16. Juni 1900) und schrieb darüber in seinen Tagebüchern:

Ich habe einen der interessantesten Menschen kennen gelernt in diesem hinkenden 70-jährigen, ungarischen Juden, der nicht weiß ob er mehr Türke oder Engländer ist, deutsch schriftstellert, 12 Sprachen mit gleicher Perfektion spricht und fünf Religionen bekannt hat, wovon er in zweien Priester war. Bei der intimen Kenntnis so vieler Religionen musste er natürlich Atheist werden. Er erzählte mir 1001 Geschichten aus dem Orient, von seiner Intimität mit dem Sultan usw.. Er fasste sofort volles Vertrauen zu mir und sagte mir unter Ehrenwort, er sei englischer und türkischer Geheimagent. Die Professur in Ungarn ein Aushängeschild, nachdem es lange eine Marter gewesen inmitten einer judenfeindlichen Gesellschaft. Er zeigte mir eine Menge geheimer Schriftstücke, allerdings in türkischer Sprache, die ich nicht lesen, nur bewundern kann; unter Anderem eigenhändige Aufzeichnungen des Sultans. Hechler schickte er gleich schroff weg er wollte mit mir allein sein. Er begann: „Ich will kein Geld haben ich bin ein reicher Mann. Goldene Beefsteaks kann ich nicht essen. Eine viertel Million hab’ ich, ich brauche nicht die Hälfte meiner Zinsen. Wenn ich Ihnen helfe ist’s wegen der Sache.“ Er ließ sich von mir alle Details unseres Planes, Geld usw. sagen. Er vertraute mir an, der Sultan habe ihn gerufen, um in den europäischen Blättern Stimmung für ihn zu machen. Ob ich da mithelfen könne? Ich antwortete evasiv. Zwischendurch kam er immer wieder auf die Denkwürdigkeiten seines Lebens zurück, die allerdings groß waren. Durch Disraeli wurde er Agent Englands. In der Türkei begann er als Sänger in Kaffeehäusern, anderthalb Jahre später war er Intimus des Grossveziers. Er könnte in Yildiz (in den Gemächern des Sultans) schlafen, meint aber, man könne ihn da ermorden. Er isst an des Sultans Tisch – in der Intimität mit den Fingern aus der Schüssel – aber er kann den Gedanken der Vergiftung nicht loskriegen. Und hundert andere solche pittoreske Sachen. Ich sagte ihm … schreiben Sie dem Sultan er möge mich empfangen, 1. weil ich ihm in der Presse Dienste leisten kann, 2. weil die bloße Tatsache meines Erscheinens ihm seinen Kredit hebt. Am liebsten wäre mir, wenn Sie der Dolmetsch wären. Aber er fürchtet die Strapazen der Sommerreise. Meine Zeit war um. Es blieb im Ungewissen, ob er was tun wird … Aber er umarmte und küsste mich, als ich Abschied nahm …

Vambery hatte Herzl gegenüber seine finanzielle Unabhängigkeit betont und dass er sich nicht des Geldes, sondern für den Zionismus einsetzen werde, um dann kurz darauf 5 000 britische Pfund für die Ermöglichung einer Audienz bzw. die Vermittlung eines jüdischen Kredits an die Türkei sowie eine schriftliche Garantieerklärung über die entsprechende Provisionszahlung zu verlangen.

Ende Dezember 1900 meldeten die Zeitungen, dass die Türkei wegen des politischen Zionismus verschärfte Einwanderungsbeschränkungen für Palästina erlassen habe; darauf schrieb Herzl Vambery (28. Dezember 1900): „Ich halte das nicht nur für kein schlechtes Zeichen, sondern für ein gutes. Die Hure [gemeint ist die Türkei] will den Preis hinaufsetzen, darum sagt sie, dass sie nicht zu haben sei. Am I right?“

Anfang Januar 1901 versuchte Herzl, über Vambery sich den Sultan gefügig zu machen, indem er direkte Drohungen ausstieß: Die Juden würden der Türkei alle Geldquellen abschneiden, wenn sie sich nicht etwas gefälliger zeigte.

Im August 1901 forderte Herzl, Vambery solle dem Sultan nochmals klarmachen, was Herzl und die Zionisten alles für ihn tun können, Herzl hätte dem Sultan sogar einen „Torpedozerstörer besorgen“ und ihm die französische Demütigung ersparen können (die Franzosen hatten zur Durchsetzung einer strittigen Forderung gegen die Türkei mit Kriegsschiffen die Insel Mytilene besetzt und waren erst abgezogen, nachdem die Osmanen sich zu einer ratenweisen Bezahlung verpflichtet hatten); im Übrigen bot Herzl Vambery 300.000 Gulden für die Besorgung des Charters zur jüdischen Besiedlung Palästinas; das Geld könne er nach Belieben zur Erreichung des Zwecks einsetzen oder für sich behalten, nur das Ergebnis zähle. Der Brief zeigte Wirkung: Vambery, der angeblich kein Geld benötigte, antwortete, er wolle im Zweifel selbst einen wichtigen Posten in der osmanischen Regierung einnehmen oder sogar den Sultan stürzen.

Der Kontakt Herzls zu Vambery war zustande gekommen auf Anraten von Tobias Marcus aus Meran; Marcus, einer der ersten Zionisten Italiens, hatte Vambery in einem Brief an Herzl (13. September 1898) wie folgt charakterisiert: „Wie ich bereits angedeutet, ist V. eine extrem komplizierte Individualität. Vor allem ein genialer Mensch, aber – ohne Feinheit, ohne Erziehung und ohne Gemüt. Voll von sich und seiner Wichtigkeit sieht er auf jeden herab, der in der Öffentlichkeit etwas bedeutet. Verächter aller Konfessionen u. des Patriotismus, angeblich größter Freidenker und Kosmopolit, verherrlicht er den Islam und verehrt er England. Alles in Allem, ein sich stark verehrender u. in Widersprüchen bewegender Mensch dessen Aussprüche nicht durchwegs ernst zu nehmen sind, dem man aber mit der größten Vorsicht näher treten muss, denn seine Gegnerschaft ist gefährlich.“

Als Herzls Agent in Konstantinopel wirkte Dr. Soma Wellisch (1866–1926), ein in Ungarn geborener jüdischer Arzt, der lange Jahre die Gesundheitsabteilung des türkischen Innenministeriums leitete. Er war Vertrauter Vámbérys beim Sultan.

Vampery starb am 15. September 1913 in Budapest. Sein Sohn war Rustem Vámbéry (1872–1948), ungarischer Strafrechtler und Politiker; 1902 wurde er Mitglied der juristischen Fakultät der Universität Budapest, 1919 ordentlicher Professor und Dekan und Mitglied des ungarischen Nationalrates von 1918.

Vambery war auch der Impulsgeber für den berühmten Dracula-Roman von Bram Stoker, der 1897 erschien. 1890 traf Stoker mit Vambery zusammen, der ihm von der Legende des rumänischen Prinzen Vlad III. Drăculea (Drakula) erzählte; aus diesem Charakter entwickelte Stoker die Figur des Vampirs Dracula.

Zu seinen Veröffentlichungen gehören

bulletDeutsch-türkisches Taschenwörterbuch. Konstantinopel 1858
bulletAbuschka. tschagataisches Wörterbuch, aus orientalischen Handschriften ediert und übersetzt, Pest 1861 (ungarisch)
bulletReise in Mittelasien. Leipzig 1865
bulletTschagataische Sprachstudien. Leipzig 1867
bulletMeine Wanderungen und Erlebnisse in Persien. Leipzig 1867
bulletSkizzen aus Mittelasien Leipzig 1867
bulletUigurische Sprachmonumente und das Kudatku-Bilik. Innsbruck 1870
bulletGeschichte Bocharas. Stuttgart 1872, 2 Bände
bulletDer Islam im 19. Jahrhundert. Leipzig 1875
bulletSittenbilder aus dem Morgenland. Berlin 1876
bulletEtymologisches Wörterbuch der turkotatarischen Sprachen. Leipzig 1878
bulletDie primitive Kultur des turkotatarischen Volkes auf Grund sprachlicher Forschungen. Leipzig 1879
bullet Der Ursprung der Magyaren. Leipzig 1882
bulletDas Türkenvolk. Leipzig 1885
bulletDie Scheibaniade, ein özbegisches Heldengedicht. Text und Übersetzung, Budapest 1885

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