Bericht Oppenheims
Bericht Oppenheims an das Auswärtige Amt und Reichskanzler Hohenlohe Schillingfürst

5.7.1898

„Alle Anzeichen scheinen dafür zu sprechen, daß die religiöse Begeisterung und die Hebung des muhammedanischen Selbstgefühls, welche durch die Siege des Padischas über die Griechen in der ganzen islamischen Welt ent-facht wurden, auch heute noch anhalten. […] Ohne Frage haben die letzten Siege des Sultans und deren Konsequenzen wieder einmal gezeigt, daß die Macht und die Lebenskraft des Islam vielfach unterschätzt wird. Nach den neuesten Berechnungen bilden die Muhammedaner mit 260 Millionen Men-schen ungefähr den sechsten Theil der Erdbevölkerung. Dabei macht der Is-lam in Asien und vorzüglich in Afrika stetig große Fortschritte und wiewohl oder gerade weil die europäische Kolonialpolitik in diesem Jahrhundert in Afrika immer energischer und zielbewußter für das Christenthum und die abendländische Kultur erobernd aufgetreten ist, ist besonders hier eine mu-hammedanische Reaktion entstanden, die mit allen Mitteln den europäischen Bestrebungen sich entgegenstemmend mit dem mehr oder weniger offenen ausgesprochenen Endzweck die christliche Herrschaft über die muhamedani-schen Länder zu beseitigen.

Unter den Faktoren, welche diese neue Bewegung des Islams ermöglicht ha-ben, ist in erster Linie der unerschütterliche Glaube der Muhammedaner an die Wahrheit ihrer Religion zu nennen, der ihnen trotz aller Enttäuschungen der letzten Jahrhunderte und des Verfalls ihrer weltlichen Macht nicht verlo-ren ging. Eine erhabende Frömmigkeit ist bis auf den heutigen Tage bis in die höchsten Klassen unter allen Völkern des Islams anzutreffen. Wir finden wenig Zweifler unter ihnen […]. Der strenge Gebetedrill, den der Koran vor-schreibt, gewöhnt sie an Gehorsam und ruft ihren Gott ihnen immer wieder in das Gedächtniß (sic!) zurück. Auf der Grundlage dieser inneren Religiösi-tät sowie auf der Gemeinsamkeit der äußeren Religionsgebräuche ist der Einheitsgedanke unter den Muhammedanern entstanden und das Gefühl ei-ner Art von mehr als nur religiöser Solidarität trotz aller nationaler Eifer-süchteleien, auf welches sie besonders stolz sind und welches sie gerade den Europäern gegenüber ostentativ herauszukehren lieben. […] Es ist bezeich-nend, daß dieses [mohammedanische Ordenswesen, Sal. Ob.] gerade in un-serem Jahrhundert in Afrika zu einem Aufflammen gebracht wurde und daß dort eine Bruderschaft mit europäerfeindlicher Tendenz besonders mysti-scher Art, mit der Auflage blinden Gefolgsams von seinen Gläubigen ent-standen ist: die Senussi, welche heute nicht nur in dem größeren Theile des nördlichen Afrika allmächtig geworden sind, sondern bereits in Arabien […] u. s. w. Fuß gefasst haben. Als in jüngster Zeit die Idee des Mahdi, die jeden Augenblick wieder in anderer Gestalt in Erscheinung treten könnte, den e-gyptischen Sudan zum Aufruhr brachte, erfolgte selbst bei Völkerstämmen, die bis dahin als religiös ganz indifferent gegolten hatten eine Steigerung des plötzlich entfachten Fanatismus, die an Wahnsinn grenzte. […]

Der Djehad, der heilige Krieg gegen die Ungläubigen, hat im Laufe der Zei-ten seine Gestalt verändert, es wird ihm gegenwärtig statt seines früheren rein aggressiveren ein mehr defensiver Charakter beigemessen. Auch heute noch würden seine Folgen unberechenbar sein, wenn er ausgerufen würde, nachdem die muhammedanischen Völker in gehöriger Weise vorbereitet worden wären. Der Sultan von Konstantinopel erhielt, ohne den Djehad pro-klamiert zu haben, bereits in dem letzten Kriege gegen Rußland aus allen Ländern des Islam Geldbeiträge und Freiwillige, […]. Die muhammedani-sche Welt hat seit langer Zeit aufgehört, ein Einheitsstaat zu sein, aber der panislamische Gedanke hat immer bestanden und wird stets bestehen. Vor mehreren Jahrzehnten wurde von Konstantinopel eine Art panislamischer (sic!) Bewegung begonnen. In außerordentlich geschickter Weise hat diese der gegenwärtige Sultan mit großer Energie in die Hand genommen […]. Mehr als je ist der Sultan gegenwärtig als der mächtigste muhammedanische Fürst und der Herr und Beschützer der heiligen Städte in der ganzen Welt des Islams angesehen. Mag er für eine Großmacht als direkter Gegner auch weniger gefährlich erscheinen, so würde er im Kampfe gegen jeden Staat, der zahlreiche muhammedanische Unterthanen besitzt, ein wertvoller Bun-desgenosse werden können. […] Es ist bemerkenswerth, wie Deutschland, das sich als Freund des Sultans auch in der Zeit seiner Noth gezeigt hat, von den christlichen Mächten sich gegenwärtig der größten Beliebtheit bei den muhammedanischen Völkern erfreut. […]“

PA-AA, R 14556, Bericht Max von Oppenheims an das Auswärtige Amt und Reichskanzler Hohenlohe Schillingfürst vom 05.07.1898, aus der Inaugural-Dissertation »Zum wilden Aufstande entflammen« Die deutsche Ägyptenpolitik 1914 bis 1918 - Ein Beitrag zur Propagandageschichte des Ersten Weltkrieges, Salvador Oberhaus, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, 2007

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