Brief an seinen Sohn
Letzte Empfehlung seitens eines betagten Vaters - Brief Imam Chomeinis an seinen Sohn Ahmad Chomeini

18.11.1986

Letzte Empfehlung seitens eines betagten Vaters

Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen
aller Preis und alle Dankbarkeit ist Allahs
und der Segensgruß und Friede sei mit dem Propheten Allahs.
Allahs Gruß sei mit ihm und den Edlen seines Hauses.

Dies ist eine letzte Empfehlung seitens eines betagten Vaters, der sein Leben mit Müßiggang und Ahnungslosigkeit verbrachte und nun auf das ewige Reich zugeht – ohne gute Taten in der Hand und nur mit einem Brief, schwarz gefüllt mit schlechten Taten; auf die Vergebung Allahs hoffend. Es ist eine letzte Empfehlung an einen jungen Sohn, der mit den Problemen des Menschseins ringt, und der die Freiheit besitzt, den geraden Gottesweg (und Gott möge ihn in seiner endlosen Huld rechtleiten) oder – Gott bewahre – einen anderen Weg zu wählen (Gott möge ihn in Seiner Barmherzigkeit vor dem Irrtum behüten).

Mein Kind! Das Buch, das ich dir schenke, handelt ein wenig von dem Ritualgebet (Salat) der Mystiker und dem spirituellen Pfad der Wanderer zu Gott; allerdings vermag die Feder eines Menschen wie mir diese Reise nicht richtig zu schildern. Ich bekenne: Was ich schrieb, geht nicht über ein paar Worte und Sätze hinaus, und ich selber habe bislang von diesem Wenigen noch keinen Schimmer erreicht.

Mein Sohn! Was diese Expedition in den Himmel in sich birgt, ist der intensivste Wunsch der Leute der Erkenntnis (Ahl-ul-Marifa). Sie bleibt uns verwehrt (Simurgh lässt sich nicht fangen, falte das Fangnetz zusammen)[1] – aber wir dürfen nicht die Hoffnung aufgeben, dass Gott, der Barmherzige, uns huldvoll beachtet, denn Er, der Allerherrlichste und Allerhöchste, hilft den Schwachen; ist Helfer der Bedürftigen.

Mein Liebling! Es geht um die Reise von den Geschöpfen zu der Wahrheit (Gott), von der Vielfalt zu der Einheit (Gott) und von der begrenzten materiellen Welt zur Allmacht (Dschabarut) – dem Reich der Allmacht, welches über dem Reich der göttlichen Namen und Attribute steht, hoch hinauf bis zur Grenze der vollständigen Entwerdung (Fana’a), welche bei der ersten Niederwerfung (Sadschda) eintritt, und daraufhin die Entwerdung von der Entwerdung[2] welche nach dem Bewusstsein (völliger Klarheit) während der zweiten Niederwerfung (Sadschda) erzielt wird. Dies ist der vollendete Kreis des Seins von Allah (min Allah) zu Allah (ila Allah). In diesem Zustand geht es nicht mehr um eine Niederwerfung und einen Sich-Niederwerfenden oder um Jenen, dem die Niederwerfung in den Staub gilt, noch um einen Dienenden (Abid) und einem, dem gedient wird (Mabud) – einen Anbetenden und Angebeteten, denn:

„Er ist der Erste und der Letzte, der Äußere und der Innere, ...“

 (Heiliger Qur´an 57:3)

Mein Sohn! Allem voran empfehle ich dir, die Rangstufen[3] der Leute der Erkenntnis (Ahl-ul-Marifa) nie zu leugnen, denn das wäre die Art der Leute der Ignoranz (Ahl-ul-Dschahaal). Hüte dich auch vor denen, die die Rangstufen der Schutzfreunde[4] (Auliya) leugnen: Es sind Wegelagerer, die den Weg zu Gott belagern.

Mein Kind! Befreie dich von der Ich-Sucht und der Ich-Orientierung, denn sie sind das Erbe Satans. Aufgrund von Egozentrik und Egoismus hat Satan den Befehl Gottes – des Hocherhabenen – verweigert, sich vor Seinem Statthalter[5] und aufrichtigen Diener des Allerherrlichsten und Allerhöchsten – niederzuwerfen. Alle Probleme der Kinder Adams gehen auf diese Hinterlassenschaft Satans zurück, welche den Ursprung von Aufruhr und Zwietracht bildet; vielleicht sind bezüglich des edlen Verses

„Kämpft gegen sie, bis kein Zwiespalt mehr besteht und die Religion nur Gott gilt ...“ (Heiliger Qur´an 2:193)

in einigen seiner Interpretationsebenen der Hinweis auf die Große Anstrengung (Dschihad Akbar)[6] und der Kampf gegen die Wurzeln des Aufruhrs gemeint, denn der Großsatan und seine Heereshorden haben tief im Boden der Herzen überall ihr Zweig- und Wurzelgestrüpp ausgebreitet. Jeder hat die Aufgabe, sich um die Beseitigung der Zwietracht, die aus seinem Inneren und aus seiner Umgebung herrührt, zu bemühen und gegen sie die Anstrengung (Dschihad) zu führen. Wenn diese Anstrengung (Dschihad) zum Sieg führt, dann wird alles und jeder erlösend gesunden.

Mein Sohn! Versuche diesen Sieg oder einige Stufen dieses Sieges zu erreichen. Sei eifrig und vermindere die Vorlieben der Seele, welche keine Grenzen kennen! Bitte Gott den Höchsterhabenen, Allerherrlichsten und Allerhöchsten, um Beistand, denn ohne Seine Hilfe kann niemand etwas erreichen. Das tägliche Lobpreisgebet, das Ritualgebet (Salat), diese Himmelfahrt der Mystiker und Reise der Gottliebenden, ist der zu diesem Ziel führende Weg. Wenn du – wenn wir – das Glück haben, einen Gebetsabschnitt (Raka)[7] dieses Preisgebets zu beten und die verborgenen Lichtstrahlen in ihm und seine verhüllten Geheimnisse anzuschauen, und sei es nur so weit wir es erfassen können, werden wir ein wenig von dem Ziel und den Zielen der Freunde Gottes verspüren und einen Ausblick auf das zur Reise in den Himmel führende Gebet des Fürsten der Propheten und der Mystiker – der Friede sei mit ihm und der Friede und der Gottesgruß sei mit den Edlen aus seinem Hause – erlebt haben. Gott, der Beglückenden (Mannaan), möchte uns und euch diese große Gnade erweisen. Der Weg ist somit weit, voller Gefahren und erfordert viel Reiseproviant. Und der Reiseproviant eines Jemanden wie mir ist gleich Null oder sehr wenig, es sei denn die Huld des Freundes, der der Allerherrlichste und Allerhöchste ist, wird zuteil und hilft.

Mein Liebling! Nutze die jungen Jahre entsprechend dem, was noch von ihnen verblieben ist, denn im Alter gleitet alles aus der Hand, selbst die Beachtung des Jenseits und die Hinwendung zu Gott, dem Erhabenen. Es gehört zu den gewaltigen Intrigen Satans und dessen befehlender Seele (Nafs-ul-Amara)[8], jungen Leuten Heil und Heilung im Alter zu versprechen, damit sie in Nachlässigkeit und Ahnungslosigkeit die Jugend vergeuden; den Gealterten aber verspricht er ein langes Leben. Und bis zum letzten Augenblick hält er den Menschen mit seinen leeren Versprechungen vom Gottesgedenken und der ausschließlichen Redlichkeit (Ichlas)[9] ab und raubt ihm noch im letzten Augenblick den Glauben, wenn er ihn nicht schon vorher geraubt hat.

So erheb dich in jungen Jahren, in denen du mehr Kräfte besitzt, zur Anstrengung (Dschihad) und wende dich von jedem ab[10], außer von dem Allerherrlichsten und Allerhöchsten; und festige deine Verbindung – wenn du eine hast – so gut wie möglich; und wenn du – Gott bewahre – keine Verbindung hast, so erlerne sie und gib dir Mühe, sie zu stärken, denn kein Wesen außer dem Allerherrlichsten und Allerhöchsten ist einer innigen Verbindung würdig. Sogar die Verbindung zu den Freunden Gottes wird zur Fußangel des Teufels, sobald sie nicht der Intensivierung der Verbindung zu Ihm dient. Satan versperrt auf jede Art und Weise den Weg des Rechtes und der Wahrheit. Blick nie mit Genugtuung auf dich und deine Taten. Dies haben die Freunde der Redlichkeit (Auliya-u-Chalas) nie getan, vielmehr haben sie sich als Nichts betrachtet. Und betrachte manchmal deine guten Eigenschaften als Schlechtes (Sayyiat). Mein Sohn! Je größer der Rang des Wissens wird, desto mehr wächst das Gefühl der Geringfügigkeit alles anderen, was außer Ihm, dem Allherrlichsten und Allerhöchsten, ist.

Im täglichen Lobpreisgebet – dieser Sprossenleiter zur Ankunft bei Gott – folgt jeder Lobpreisung der Ausspruch “Allahu Akbar“ (Allah ist am größten[11]). Und an der Schwelle zum Gebet erfolgt ebenso dieser Ruf: Allah ist am größten! Das ist Hinweis darauf, dass Gott größer ist als jede Lobpreisung, und sei es die größte Lobpreisung, nämlich das Ritualgebet (Salat). Und nach Abschluss des Ritualgebets werden Größenpreisungen (Takbirat)[12] gesprochen – und es wird mehrmals wiederholt “Allah ist am größten“. Dies vergegenwärtigt, dass Er viel größer ist, als dass es durch sein Wesen, seine Attribute und sein Wirken beschreibbar wäre. Ach, was sage ich da! Wer soll hier beschreiben können?! Was soll er beschreiben? Und wen beschreiben? Und in welcher Sprache beschreiben und in welche Worte fassen? Ist doch die gesamte Welt, von den höchsten Stufen des Seins bis zu den allerniedrigsten, ein Nichts! Nur Er ist! Was vermag jemand über das absolute Sein zu sagen?! Und wäre die Anweisung Gottes, des Allerhabenen und die Erlaubnis des Allerherrlichsten und Allerhöchsten nicht gewesen, hätte vielleicht keiner von den Heiligen ein Wort über Ihn gesagt; Und zugleich ist alles, was ist, ausschließlich Sein Wort und niemand kann sich dem Gedenken (Dhikr) Seiner widersetzen, jedes Gedenken ist Sein Gedenken.

„Und dein Herr hat befohlen: Verehrt keinen außer Ihm ...“

(Heiliger Qur´an 17:23)

und:

„Dir allein dienen wir und Dich allein bitten wir um Hilfe“

(Heiliger Qur´an 1:5)

wobei dies vielleicht ein Gedenken in der Sprechweise Gottes ist, welches er allen Geschöpfen übersandt hat, damit sie damit Seiner gedenken. Und dann wäre

„...und es gibt nichts, was Seine Herrlichkeit nicht dankpreist; ihr aber versteht deren Dankpreisung nicht...“ (Heiliger Qur´an 17:44)

dementsprechend das Gedenken Gottes aus dem Munde der Vielfalt[13]. Und wenn dem nicht so sein sollte, so ist Er jedenfalls: Dankpreisung (Hamd), Dankpreisender (Hamid) und Dankgepriesener (Mahmud)!

Denn:

Wahrlich, dein Herr ist Dankpreisender[14]

sowie:

„Allah ist das Licht der Himmel und der Erde ...“

(Heiliger Qur´an 24:35)

Mein Sohn! Wir, die wir nicht vermögen, Ihm für Seine endlosen Wohltaten zu danken, sollten besser nicht den Dienst an Seinen Dienern versäumen, denn der Dienst an ihnen ist Gott-Dienen, weil alle von Ihm kommen. Niemals solltest du dich beim Dienst am Volke Allahs als deren Gläubiger sehen, denn es sind diese Menschen, die das Recht haben, dass wir ihnen zu Dank verpflichtet sind, weil sie ein Mittel für den Dienst gegenüber Ihm, dem Allerherrlichsten und Allerhöchsten sind. Sei auch, wenn du ihnen dienst, nicht nach Ruhm und Beliebtheit bestrebt, denn das ist in sich eine List Satans, die uns in ihren Schlund hinabzieht. Beim Dienste an den Dienern Gottes entscheide dich für das, was ihnen den größten Nutzen bringt, und nicht für das, was dir oder deinen Freunden am meisten nützt. Dies wird Zeichen deiner Aufrichtigkeit an der heiligen Schwelle zu Ihm, dem Herrlichen und Höchsten sein.

Mein lieber Sohn! Gott ist gegenwärtig und die Welt ist Seine Gegenwart. Das Blatt unserer Seele ist einer der Briefe mit unseren Taten. Versuche dich für jede Beschäftigung und Tat, die dich Ihm näher bringen, zu entscheiden, denn das wird Seine Zufriedenheit, die Zufriedenheit des Allerherrlichsten und Allerhöchsten bedeuten.

Bitte sag in Gedanken nicht zu mir: „Wenn du die Wahrheit sagst, warum bist du selber nicht so?“ Ich weiß doch, dass keine einzige Eigenschaft der Leute reiner, empfänglicher Herzen auf mich zutrifft. Und ich fürchte, dass diese zerbrochene Feder Iblis und der bösen Seele dient, und ich morgen gerügt und bestraft werde. Aber im Kern ist das Geschriebene wahr, auch wenn es jemand wie ich schreibt, der nicht vollkommen von teuflischen Eigenschaften frei ist. Und in diesen letzten Atemzügen suche ich Zuflucht bei Gott dem Höchsterhabenen und hoffe auf Hilfe und Fürbitten seitens Seiner Freunde, den Freunden des Herrlichen und Höchsten.

Oh Gott, Du selber nimm Dich dieses schwachen alten Mannes und des jungen Ahmads[15] an, und gib, dass wir ein gutes Ende nehmen. Gewähre uns in deiner umfassenden Barmherzigkeit Einlass an der Palastpforte zu deiner Herrlichkeit und Pracht.

Und der Friede sei mit denen, die der Rechtleitung folgen.

Nacht zum 15. des Rabi-ul-Awwal 1407 (18.11.1986)

Ruhullah al-Musawi al-Chomeini

[1] Der Simurgh ist ein legendäres Fabelwesen der persischen Mythologie und symbolisiert in der Mystik von Atar Nischapuri (1136-1220 n.Chr.) das unerreichbare Ideal des Menschen. Die Aussage „Simurgh lässt sich nicht fangen, falte das Fangnetz zusammen“ ist so zu einem persischen Sprichwort geworden. Der Mystiker Hafiz dichtete: „Simurgh lässt sich nicht fangen, falte das Fangnetz zusammen - Es ist ein sinnloses Mühen, das Netz wird nur Luft einfangen.“

[2] Entwerdung von der Entwerdung ist die Stufe der Entwerdung vom Menschsein, bei der die erste Entwerdung zur Erreichung einer noch höheren Stufe hinter sich gelassen wird.

[3] Der verwendete Begriff “Maqam“ bedeutet Platz, Ort, Stätte. Hier erscheint aber die Verwendung des künstlichen Begriffs “Rangstufen“ angebracht und anschaulich.

[4] Schutzfreunde sind die Ahl-ul-Bait, also Prophet Muhammad (s.), seine Tochter Fatima (a.) und die Zwölf Imame (a.) sowie ihre würdigen Vertreter.

[5] Adam (a.)

[6] Dschihad bedeutet “Anstrengung“ (auf dem Weg Gottes). Der “Große Dschihad“ ist der Kampf eines Menschen gegen das Böse in sich selbst. Siehe auch: Dschihad-un-Nafs – Die Anstrengung der Seele, Auszug aus der Erläuterung zu vierzig Überlieferungen, Imam Sayyid Ruhullah Chomeini, m-haditec, Bremen 2007, ISBN 978-3-939416-12-8

[7] Ein Gebetsabschnitt (Raka) besteht aus einer Folge von Stellungen, wie der Eröffnungspreisung (Takbirat-ul-Ihram) am Anfang, dem Stehen (Qiyam), der Verneigung (Ruku), der Niederwerfungen (Sadschda), der Bekenntnisverlesung (Taschahhud) jeweils nach dem zweiten Gebetsabschnitt und im letzten, und dem Abschlussgruß (Salam) jeweils am Ende des Ritualgebets.

[8] Die Nafs-ul-Amara spornt zu den irdischen Gelüsten und den bösen Eigenschaften an, s. Lughatnameh Dehkhoda

[9] Darbietung des reinen Herzens ohne “Beimengungen“ siehe eslam.de

[10] Es ist hier gemeint, dass man seine Zuflucht nur bei Allah sucht. Die freundschaftlichen Beziehungen zu Menschen um Gottes Willen gehören selbstverständlich zum Gottesdienst.

[11] Im Arabischen wird nicht der Superlativ verwendet, sondern die im Deutschen nicht übliche Elativ-Form. Elativ ist die höchstmögliche Steigerungsform des Adjektivs. Mit dem auch "absoluter Superlativ“ genannten Elativ wird außerhalb eines Vergleichs ein sehr hoher Grad angezeigt, während der Superlativ das Beschriebene immer relativ, also im Vergleich zu anderen, heraushebt. Allah aber ist unvergleichbar.

[12] Es ist empfohlen nach dem Abschlussgruß (Salam) drei Mal “Allahu Akbar (Allah ist am größten)“ zu sagen und dabei jeweils die Hände zu erheben.

[13] Das Wesen des Einen Gottes tritt auch in der Vielfalt der Geschöpfe in Erscheinung, da diese in ihrer Beschränktheit die Unbeschränktheit der Einheit anstreben.

[14] Überlieferung aus Usul al-Kafi, Bd. 2, S. 329, Kitab-ul-Hudschat, Bab al-Muwalid-un-Nabi (s.), Hadith 13

[15] Ahmad Chomeini (1945-1995 n.Chr.) war der jüngere Sohn von Imam Chomeini. Sein älterer Bruder Mustafa wurde bereits 1977 Märtyrer.

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