Brief an Gorbatschow
Brief Imam Chomeinis an Michael Gorbatschow, dem Oberhaupt der ehemaligen Sowjetunion

Januar 1989

Im Namen Gottes, des Sich Erbarmenden, des Barmherzigen

An seine Exzellenz Herrn Gorbatschow,
Vorsitzender des Präsidiums des
Obersten Sowjets der UdSSR

Mit den besten Wünschen für Glück und Wohlergehen Eurer Exzellenz und der sowjetischen Nation!

Da nach Ihrem Amtsantritt der Eindruck entstanden ist, daß sich Eure Exzellenz hinsichtlich der politischen Geschehnisse in der Welt, insbesondere im Zusammenhang mit Fragen, die die Sowjetunion betreffen, in einer neuen Phase der Betrachtung, Beurteilung und Begegnung befinden und Ihre Kühnheit bei der Behandlung internationaler Realitäten durchaus Ausgangspunkt zu Veränderungen bzw. einem Einstürzen der in der Welt herrschenden Proporze sein können, halte ich es für erforderlich, Sie auf einige Punkte aufmerksam zu machen:

Wenngleich es möglich ist, dass sich Ihre neuen Überlegungen und Entscheidungen lediglich auf eine Lösung parteipolitischer Probleme und nebenher einiger Bevölkerungsangelegenheiten beschränken, so ist doch der Mut, eine Ideologie, die lange Jahre die revolutionäre Jugend hinter eisernen Vorhängen gefangen hielt, zu überprüfen, zu würdigen.

Sollten Ihre Überlegungen darüber hinausgehen, wird das erste, das gewiß zu Erfolg führen wird, darin beruhen, die Politik Ihrer Vorgänger, die Gott und Religion aus der Gesellschaft verbannten – wodurch ohne Zweifel der sowjetischen Bevölkerung der größte und härteste Schlag versetzt wurde – zu revidieren.

Bedenken Sie, dass nur so den Anforderungen der Welt wirklich Genüge getan werden kann.

Es mag allerdings sein, dass Ihnen aufgrund der ungeeigneten Methoden und fehlerhaften Strategie der früheren kommunistischen Machthaber in Sachen „Wirtschaft“, die westliche Welt wie ein blühender Garten erscheint. Jedoch der Schein trügt!

Wenn Sie lediglich die festgefahrene Wirtschaftsmisere des Sozialismus und Kommunismus beseitigen wollen und dazu im Schoß des westlichen Kapitalismus Zuflucht suchen, so werden Sie nicht nur das Leiden Ihrer Gesellschaft nicht heilen können, sondern andere werden kommen und Ihre Irrtümer korrigieren müssen. Denn wenn heute der Marxismus mit seinen wirtschafts- und sozialpolitischen Praktiken in eine Sackgasse geraten ist, so ist die westliche Welt hinsichtlich des gleichen Problembereiches – wenn auch in anderer Form – und zudem in Bezug auf andere Belange ebenfalls mit Schwierigkeiten konfrontiert.

Eure Exzellenz, Herr Gorbatschow,

es gilt, der Wahrheit ins Auge zu sehen! Das eigentliche Problem Ihres Landes betrifft nicht „Eigentum“, „Wirtschaft“ und „Freiheit“. Ihre Schwierigkeit ist das Fehlen eines echten Überzeugtseins von Gott...,

das gleiche, das auch den Westen in Geistlosigkeit und Sackgassen getrieben hat oder treiben wird.

Ihr eigentliches Handikap ist Ihr lang währender und sinnloser Kampf gegen Gott, den Ursprung allen Seins und der Schöpfung.

Eure Exzellenz, Herr Gorbatschow,

alle sind sich darüber im klaren, dass der Kommunismus von nun an in den geschichtspolitischen Museen der Welt zu suchen ist. Darum, weil der Marxismus – und zwar deswegen, weil er eine materialistische Lehre ist – keinem der tatsächlichen Bedürfnisse des Menschen gerecht werden konnte. Materialität kann die Menschheit aus der Krise, in der sie infolge ihres fehlenden Glaubens an Geistiges geraten ist und worin das Grundleiden der menschlichen Gesellschaft in Ost und West beruht, nicht befreien.

Eure Exzellenz, Herr Gorbatschow,

es mag sein, dass Sie sich in mancherlei Hinsicht überzeugungsmäßig noch nicht vom Marxismus distanziert haben und auch weiterhin in ihren Gesprächen Ihr absolutes Überzeugtsein von ihm zum Ausdruck bringen. Dennoch..., Sie wissen selbst, dass dieses den Realitäten effektiv widerspricht.

Der Führer Chinas hat dem Kommunismus den ersten Hieb versetzt, Sie den zweiten und, wie es scheint, den letzten. Heute hat die Bezeichnung „Kommunismus“ weltweit ihre Aktualität und Aussagekraft verloren.

Daher appelliere ich nachdrücklich an Sie, sich jedoch nicht, währenddessen Sie die Mauern der marxistischen Illusionen einreißen, in den Fesseln des Westens und großen Mephistos zu verfangen. Ich hoffe, dass Ihnen die Ehre zuteil werden möge, sowohl die Geschichte als auch Ihr Land von den letzten modrigen Überresten des siebzigjährigen Irrweges der kommunistischen Welt zu bereinigen. Heute werden Ihnen gleichgesinnte Regierende, denen es um das Wohl von Heimat und Bevölkerung geht, niemals länger bereit sein, Bodenschätze und Ressourcen ihrer Länder für die Stabilisierung des Kommunismus, dessen Einstürzen selbst deren Kinder nicht verborgen blieb, hinzugeben.

Herr Gorbatschow,

als nach siebzig Jahren von den Minaretten der Moscheen einiger ihrer Republiken den Ruf „Allah u Akbar“ (Gott ist erhaben – groß!) und das Bezeugen der Prophetenschaft des letzten Gesandten (s.) erklang, rührte dieses die Anhänger des wahren Islam – jenes Islam, den Prophet Muhammad (s.) verkündete – zu Tränen.

Ich halte es für angebracht, Sie auf einige Punkte aufmerksam zu machen, damit Sie die materialistische und theistische Weltanschauung möglicherweise noch einmal überdenken.

Die Materialisten verstehen – ihrem Weltbild gemäß – die „Sinneserfahrung“ als das Kriterium des Erkennens. Sie gehen davon aus, dass alles, was nicht mit den Sinnen wahrnehmbar ist, außerhalb der Wissenschaft liegt. Für sie ist das Sein Materie und das, was nicht Materie ist, nicht existent.

Demzufolge ist für sie die transzendente Welt – wie die Existenz des Erhabenen Gottes, Offenbarung, Prophetentum und Auferstehung – nichts weiter als ein Märchen, die, weil laut der theistischen Weltanschauung „Sinneserfahrung“ und „Vernunftschluss“ gemeinsam das Kriterium für Erkenntnis sind. Das, was mit der Vernunft erfasst wird, fällt in das Reich der Wissenschaft, auch wenn es mit den Sinnen nicht wahrzunehmen ist.

Das Sein umfasst sowohl das Transzendente als auch das mit den Sinnen konkret Erfassbare, und etwas, das nicht Materie ist, kann dennoch existent sein. Ebenso wie sich Materielles auf Immaterielles beruft, stützt sich empirisches Erkennen auf rationales.

Der Heilige Koran weist jene Basis, auf der das materialistische Denken aufgebaut ist, zurück und antwortet denjenigen, die meinen, Gott existiere nicht, sonst wäre er zu sehen:

„O Moses, wir werden dir nicht glauben, bis wir Gott offen sehen. – Da ergriff euch der Donnerschlag, während ihr zuschauet.“ (2:55)

mit den Worten:

„Die Blicke erreichen Ihn nicht, Er aber erreicht die Blicke. Und Er ist der Feinfühlige, der Kenntnis von allem hat.“ (6:103)

Doch lassen wir den Heiligen Koran und seine Erklärungen zu Offenbarung, Prophetentum und Auferstehung, da wir andernfalls – angesichts Ihres Blickwinkels – erst ganz am Anfang der Diskussion stünden. Zudem beabsichtige ich keinesfalls, Sie mit komplizierten philosophischen oder gar islamisch-philosophischen Themen zu belasten. Ich möchte es daher bei zwei einfachen, dem menschlichen Wesen und Gewissen gemäßen Punkten bewenden lassen, die auch den Politikern von Nutzen sein können.

Es zählt zu den Offensichtlichkeiten, dass Materie bzw. Stoffliches, was immer es auch sein mag, unbewusst seiner selbst ist. Eine steinerne Statue, eine menschliche Plastik beispielsweise weiß von sich und ihren verschiedenen Seiten nichts, wohingegen sich Mensch und Tier dessen recht wohl bewusst sind. Sie wissen, wo sie sind und was um sie herum vor sich geht, d.h. sie erkennen das vielfältige Geschehen in ihrer Umwelt. Folglich gibt es in Mensch und Tier etwas, das über der Materie steht. Etwas, das außerhalb des Materiellen liegt und mit dem Sterben der Materie nicht vergeht, sondern bleibt.

Seinem Wesen gemäß strebt der Mensch alles Vollkommene an und zwar in dessen absoluter Form. Wie Ihnen recht wohl bekannt ist, strebt er z.B. nach vollkommener Macht, nicht nach einer unvollkommenen. Wenn die Welt in seiner Hand ist und er hört, dass es noch weitere gibt, so wird es ihm – naturbedingt – daran gelegen sein, auch über diese zu verfügen. Erfährt der Mensch – so gelehrt er auch sein mag – dass es außer dem seinen noch anderes Wissen gibt, so möchte er dieses ebenfalls erwerben. Es müssen demnach absolute Macht und absolutes Wissen gegeben sein, so dass er nach ihnen strebt. Er möchte das „absolut Wahre“ erreichen, um in Gott aufzugehen.

Das in der Natur eines jeden Menschen ruhende Verlangen nach ewigem Leben ist ein Zeichen für das Gegebensein einer ewigen, gegen den Tod geschützten Welt. Wenn sich Eure Exzellenz diesbezüglich informieren wollen, können Sie Ihre in diesem Metier bewanderten Gelehrten veranlassen, außer der westlichen Philosophien auch die Werke des Alpharabius und Avicennas zu studieren, auf dass Ihnen deutlich werde, dass sich das Gesetz von „Ursache und Wirkung“ – in dem jede Kenntnis fußt – auf die Vernunft stützt, nicht auf Sinneserfahrung.

Das Erkennen von Allgemeinbegriffen und –gesetzen, auf die sich eine jegliche Argumentation stützt, ist ebenfalls rational bedingt, nicht empirisch.

Auch in den Werken Sohravardis (Gottes Segen sei mit ihm!) mögen sie sich über die „Philosophie der Illumination“ erkundigen und Euer Exzellenz auseinandersetzen, dass jede Materie des absoluten Lichtes – eines Lichtes, das für die Sinne nicht erreichbar ist – bedarf. Wie auch, dass das intuitive Begreifen des Menschen seiner eigenen Wahrheit nicht auf Sinneserfahrung beruht.

Bitten Sie die Gelehrten, sich mit der „Muti’aliah-Philosophie“ des Sadr ul Muti’alihins (Gottes Wohlgefallen sei mit ihm! Gott möge ihn am Jüngsten Tage gemeinsam mit den Propheten und Aufrichtigen rufen!) zu befassen, auf dass Ihnen deutlich werde, dass das Wesen der Wissenschaft außerhalb der Materie liegt, dass jegliches Denken rein von Materie und den Gesetzen der Materie nicht untergeordnet ist!

Da ich Sie nicht ermüden möchte, werde ich die Bücher der großen Mystiker, insbesondere der Muhyiddin Ibn Arabis nicht namentlich aufführen. Sollten Sie jedoch über die Gedanken dieses großen Mannes etwas erfahren wollen, so entsenden Sie einige ihrer befähigten Gelehrten, die sich mit diesem Themenkomplex beschäftigen, nach Qum, damit ihnen dort – so Gott will – nach einigen Jahren die hohe Feinheit und Tiefe der Erkenntnisphasen bewusst werde..., etwas, das ohne diese Reise nicht möglich ist.

Eure Exzellenz, Herr Gorbatschow,

nun, nach diesen einleitenden Hinweisen, rufe ich Sie auf, sich ernsthaft über den Islam zu informieren. Nicht etwa deswegen, weil Islam und Muslime Ihrer bedürften, sondern der hohen und universalen Werte des Islam wegen, die der Erleichterung und Befreiung aller Völker dienen, als auch die wesentlichen Schwierigkeiten der Menschheit beseitigen können. Eine aufmerksame Betrachtung des Islam wird Ihnen möglicherweise eine Lösung des Afghanistan-Problems und ähnlicher in der Welt vorhandener Angelegenheiten vor Augen führen.

Uns liegt das Ergehen der Muslime in aller Welt ebenso am Herzen wie das der Muslime unseres Landes. Wir wissen uns stets an ihrem Geschick mitbeteiligt. Mit der Zubilligung relativer Religionsfreiheit in einige Republiken der Sowjetunion zeigten Sie, dass Sie nicht mehr davon ausgehen, dass die Religion ein Narkotikum für die Gesellschaft sei.

Allen Ernstes..., kann wohl eine Religion, die Iran zu einem uneinnehmbaren Felsen gegenüber den Supermächten werden ließ, ein Narkotikum der Gesellschaft darstellen? Ist wohl eine Religion, die effektiv Gerechtigkeit in der Welt und die Befreiung des Menschen aus materiellen und geistigen Fesseln anstrebt, als Opium der Gesellschaft zu bezeichnen?

Wohl aber ist eine Religion, die dazu beiträgt, dass das materielle und geistige Vermögen der islamischen und nicht-islamischen Länder den Groß- und Supermächten zur Verfügung gestellt wird und den Bevölkerungen einredet, daß Religion und Politik voneinander zu trennen seien, Opium für die Gesellschaft! Doch sie ist nicht als eine wirkliche Religion zu verstehen, sondern als etwas, das unsere Nation als „amerikanische Religion“ bezeichnet.

Abschließend möchte ich betonen, dass die Islamische Republik Iran als größter und mächtigster Stützpunkt der islamischen Welt recht leicht das Glaubensvakuum in Ihrem System zu füllen vermag und unser Land – nach wie vor – eine „gute Nachbarschaft“ und bilaterale Beziehungen befürwortet und respektiert.

Friede sei mit dem, der der Rechtleitung folgt.

Ruhullah al-Mussawi al-Khomein

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