Der Sieg des Islam

Der Sieg des Islam

von Edward Gibbon

 
bullet Inhaltsverzeichnis

Zweites Kapitel - Die Spaltung der orientalischen Sekten

Theologische Geschichte der Lehre von der Menschwerdung. – Die menschliche und göttliche Natur Christi. – Feindschaft der Patriarchen von Konstantinopel und Alexandria. – Der heilige Cyrill und Nestorius. – Die dritte allgemeine Kirchenversammlung von Ephesus. – Ketzerei des Eutyches. – Die vierte allgemeine Kirchenversammlung von Chalcedon. – Bürgerliche und kirchliche Zwietracht. – Unduldsamkeit Justinians. – Die drei Kapitel. – Der monotheletische Streit. – Zustand der orientalischen Sekten. – I. Die Nestorianer. – II. Die Jakobiten. – III. Die Maroniten. – IV. Die Armenier. – V. Die Kopten und Abessinier

Nach dem Erlöschen des Heidentumes hätten die Christen in Frieden und Frömmigkeit ihren Triumph genießen können. Aber Zwietracht war zwischen ihnen, und sie strebten mit mehr Ernst danach, die Natur ihres Stifters zu ergründen als seine Gebote zu befolgen. Ich habe bereits bemerkt, daß den Streitigkeiten über die Dreieinigkeit jene der Menschwerdung folgten, gleiches Ärgernis in der Kirche erregend, gleich unheilvoll für den Staat, in ihrem Ursprunge noch geringfügiger, aber viel dauerhafter in ihren Folgen. Es ist meine Absicht, in diesem Kapitel einen Religionskampf von zweihundertfünfzig Jahren zusammen zu drängen, die kirchliche und politische Spaltung der orientalischen Sekten darzustellen und ihre lärmenden oder blutigen Kämpfe durch eine kurze Untersuchung der Lehren der Urkirchen einzuleiten.

I. Lobenswerte Rücksicht auf die Ehre der ersten Proselyten hat die Meinung, die Hoffnung und den Wunsch erregt, daß die Ebioniten oder wenigstens die Nazarener sich nur durch ihr hartnäckiges Beharren auf der Ausübung der mosaischen Gebräuche unterschieden haben könnten. Ihre Kirchen sind verschwunden, ihre Bücher vertilgt, ihre zweifelhafte Freiheit könnte eine Erweiterung des Glaubens gestatten, die Weichheit ihres noch jungen Bekenntnisses durch den Religionseifer und die Weisheit von drei Jahrhunderten verschiedenfaltig umgeformt worden sein. Aber auch der mildeste Kritiker muß diesen Sektierern jede Kenntnis von der reinen und eigentlichen Göttlichkeit Christi absprechen. In der Schule jüdischer Prophezeiungen und Vorurteile erzogen, waren sie nie unterwiesen worden, ihre Hoffnungen über einen menschlichen und zeitlichen Messias hinaus zu erheben. Wenn sie gleich den Mut hatten, ihren König zu begrüßen, als er im geringen Gewande erschien, waren sie mit ihrem gröberen Begriffe doch nicht imstande, den Gott zu erkennen, der seine himmlischen Eigenschaften geflissentlich unter dem Namen und der Gestalt eines Sterblichen verborgen hatte. Die vertrauten Gefährten Jesus von Nazareth gingen mit ihm als mit ihrem Freunde und Landsmann um, der in allen vernünftigen und menschlichen Verrichtungen ganz desselben Geschlechtes zu sein schien wie sie selbst. Während seines Reifens von der Kindheit zur Jugend und zum Mannesalter nahm er regelmäßig an Wuchs und Weisheit zu und er verschied nach schmerzlichem Kampfe der Seele und des Leibes am Kreuze. Er lebte und starb zum Wohle des Menschengeschlechtes. Aber auch Leben und Tod des Sokrates waren der Sache der Religion und der Gerechtigkeit gewidmet gewesen, und obschon der Stoiker oder Held die demütigen Tugenden Jesu vielleicht verachtet hätte, müssen doch die Tränen, die er über seinen Freund und sein Vaterland vergoß, als der reinste Beweis seiner Menschlichkeit gelten. Die Wunder des Evangeliums konnten ein Volk nicht in Erstaunen versetzen, das unerschrocken die glänzenderen Wundererscheinungen des mosaischen Glaubens geschaut hatte. Die Propheten der alten Tage hatten Krankheiten geheilt, Tote erweckt, das Meer geteilt, der Sonne Stillstand geboten und sich in einem feurigen Wagen zum Himmel erhoben. In dem metaphorischen Stil der Hebräer konnte sehr wohl einem Heiligen und Märtyrer der Titel des Sohnes Gottes beigelegt werden.

Indessen läßt sich in dem unzulänglichen Glaubensbekenntnisse der Nazarener und Ebioniten ein geringer Unterschied zwischen den Ketzern nachweisen, welche die Zeugung Christi mit der gewöhnlichen Ordnung in der Natur verwechseln und den Schismatikern, welche die Jungfräulichkeit seiner Mutter verehrten und die Beihilfe eines irdischen Vaters ausschlossen. Der Unglaube der ersteren stützte sich auf die sichtbaren Umstände seiner Geburt, die gesetzmäßige Ehe seiner vermeintlichen Eltern Joseph und Maria und seinen angestammten Anspruch auf das Königreich Davids und das Erbe Judas. Aber die geheime und authentische Geschichte war in verschiedenen Abschriften des Evangeliums des heiligen Matthäus aufgezeichnet, die diese Sektierer lange in der hebräischen Ursprache als den einzigen Beweis ihres Glaubens bewahrten. Der natürliche Argwohn des sich seiner eigenen Enthaltsamkeit bewußten Gatten wurde durch die Zusicherung (in einem Traume) zerstreut, daß seine Gattin vom heiligen Geiste beschattet worden wäre, und da dieses seltene häusliche Wunder nicht in den Bereich der persönlichen Beobachtung des Geschichtschreibers fallen konnte, so muß er derselben Stimme Gehör geliehen haben, die dem Isaias die künftige Empfängnis einer Jungfrau anzeigte. Der Sohn einer Jungfrau, erzeugt durch die unbegreifliche Wirksamkeit des heiligen Geistes, war ein Geschöpf ohne Beispiel und in jeder Eigenschaft des Geistes und Körpers den Kindern Adams überlegen. Seit der Einführung der griechischen oder chaldäischen Philosophie glaubten die Juden an das Dasein, die Wanderung und die Unsterblichkeit der Seelen, und die Vorsehung wurde durch die Annahme gerechtfertigt, daß sie in ihrem irdischen Kerker eingeschlossen wären, um die Sünden zu büßen, die sie in einem früheren Zustande begangen hatten. Aber die Grade der Reinheit und Verderbtheit waren fast unendlich. Es ließ sich in gutem Glauben annehmen, daß der erhabenste und tugendhafteste aller menschlichen Geister dem Sproß der Maria und des heiligen Geistes eingehaucht wurde, daß seine Erniedrigung das Ergebnis freier Wahl und der Gegenstand seiner Sendung die Sühnung nicht seiner, sondern der Sünde der Welt war. Nach seiner Rückkehr in den Himmel, seine Heimat, empfing er den unermeßlichen Lohn seines Gehorsams: das ewige Königreich des Messias, das von den Propheten als Frieden, Sieg und Herrschaft dunkel geweissagt worden war. Die Allmacht konnte die menschlichen Fähigkeiten Christi bis zum Umfange seines himmlischen Amtes erweitern. In den Sprachen des Altertums wurde das Wort Gott nicht streng auf den ersten Schöpfer beschränkt, und sein vollkommener Diener und eingeborener Sohn konnte ohne Anmaßung die religiöse wenn auch untergeordnete Verehrung einer unterworfenen Welt in Anspruch nehmen.

II. Der Same des Glaubens, der auf dem steinigen und undankbaren Boden Judäas langsam aufgegangen war, wurde in voller Reife nach den glücklicheren Ländern der Heiden verpflanzt, und die römischen oder asiatischen Fremdlinge, die Christus nie als Menschen gesehen, waren um so geneigter, an seine Göttlichkeit zu glauben. Der Polytheist und Philosoph, der Grieche, der Barbar waren gleich gewohnt, sich eine lange Reihe, eine unendliche Kette dem Throne des Lichtes entsprossener Engel, Dämonen, Götter, Aeonen, Emanationen zu denken. Ihnen schien es weder befremdlich noch unglaubhaft, daß der erste dieser Aeonen, der Logos oder das Wort Gottes, mit dem Vater von einerlei Wesenheit, auf die Erde herabgestiegen wäre, um das menschliche Geschlecht von Lastern und Irrtümern zu erlösen und auf die Pfade des Lebens und der Unsterblichkeit zu führen. Aber die vorherrschende Lehre von der Ewigkeit und Verderbtheit der Materie steckte die Urkirchen des Ostens an. Viele bekehrte Heiden weigerten sich zu glauben, daß sein himmlischer Geist, ein unabgetrennter Teil des Urwesens persönlich mit einer Masse unreinen und befleckten Fleisches vereinigt worden wäre, und in ihrem Eifer für die Göttlichkeit Christi schworen sie frommer Weise dessen Menschlichkeit ab. Während sein Blut fast noch auf dem Kalvarienberge rauchte, erfanden die Doketen, eine zahlreiche und gelehrte Sekte Asiens, jenes phantastische System, das nachher von den Marcioniten, Manichäern und den übrigen Unterabteilungen der gnostischen Ketzerei übernommen wurde. Sie leugneten die Wahrheit und Echtheit der Evangelien insofern sie auf die Empfängnis der Maria, die Geburt Christi und die dreißig Jahre, die der Ausübung seines Lehramtes vorangingen, bezug hatten. Ihnen zufolge erschien er zum ersten Male an den Ufern des Jordan in vollkommener Mannesgestalt; aber es war nur ein Bild, keine Wesenheit, eine menschliche Gestalt von der Hand der Allmacht geschaffen, um die Eigenschaften und Handlungen eines Menschen nachzuahmen und seine Freunde und Feinde in eine beständige Täuschung zu verstricken. Artikulierte Töne schlugen an die Ohren seiner Jünger, aber das Bild, das sich ihren Sehnerven einprägte, hielt der entscheidenden Probe der Berührung nicht stand, und sie erfreuten sich der geistigen, nicht der körperlichen Gegenwart des Sohnes Gottes. Die eitle Wut der Juden tobte gegen ein unempfindliches Phantom, und die mystischen Szenen des Leidens und Todes, der Auferstehung und Himmelfahrt Christi wurden im Theater von Jerusalem zum besten der Menschheit aufgeführt. Wenn man entgegnet, daß eine solche phantastische Nachäffung, eine so beständige Täuschung des wahrhaften Gottes unwürdig wäre, stimmten die Doketen mit nur zu vielen ihrer rechtgläubigen Brüder in der Rechtfertigung frommen Betruges überein. Nach dem System der Gnostiker war der Jehova Israels der Schöpfer der Erde, ein rebellischer oder wenigstens ein unwissender Geist. Der Sohn Gottes stieg auf die Erde nieder, um seinen Tempel zu zertrümmern und sein Gesetz abzuschaffen, und zur Erreichung seines heilsamen Zweckes bezog er die Hoffnung und Weissagung eines zeitlichen Messias geschickt auf seine eigene Person.

Einer der spitzfindigsten Kämpfer der Schule der Manichäer hatte sich auf die gefährliche und unanständige Ansicht berufen, daß der Gott der Christen als menschlicher Fötus nach neun Monaten sich dem Schöße eines Weibes entwand. Frommer Schauder verführte seine Gegner, alle sinnlichen Umstände der Empfängnis und Geburt zu leugnen und zu behaupten, daß die Gottheit durch Maria wie ein Sonnenstrahl durch eine Glasscheibe drang und daß das Siegel ihrer Jungfräulichkeit auch in dem Augenblicke unzerrissen blieb, als sie Christi Mutter wurde. Aber die Unbesonnenheit dieser Zugeständnisse gebar die milderen Ansichten jener Doketen, die lehrten, daß Christus nicht ein Phantom gewesen, sondern daß er mit einem leidensfreien und unverweslichen Leibe begabt war. Einen solchen hat er in der Tat nach dem orthodoxen Systeme vom Augenblick seiner Auferstehung an erlangt, und einen solchen muß er stets besessen haben, wenn er durch die Dichtigkeit der zwischenliegenden Materie ohne Widerstand oder Unbild zu dringen imstande gewesen ist. Der wesentlichsten Eigenschaften des Fleisches bar, konnte er auch von dessen Bedürfnissen und Schwächen frei sein. Ein Fötus, der von einem unsichtbaren Punkte zu voller Reife anwuchs, ein Kind, das den vollkommenen männlichen Wuchs ohne irgendeine Nahrung erreichte, konnte zu leben fortfahren, ohne den täglichen Abgang durch täglichen Zuwachs äußeren Stoffes zu ersetzen. Jesus teilte das Mahl seiner Jünger, ohne Hunger und Durst unterworfen zu sein, und seine jungfräuliche Reinheit wurde nie durch sinnliche Begierden getrübt. In betreff eines so eigentümlich beschaffenen Körpers entstand die Frage, durch welche Mittel und aus welchem Stoffe er ursprünglich gebildet worden, und unsere richtigere Theologie wird durch eine Antwort, die nicht eigentlich zum gnostischen Systeme gehört, in Erstaunen gesetzt, nämlich, daß sowohl Form als Substanz von dem göttlichen Wesen ausgingen. Die Idee eines reinen und absoluten Geistes ist eine Verfeinerung der neueren Philosophie. Die unkörperliche Wesenheit, wie sie von den Alten der menschlichen Seele, dem himmlischen Wesen, ja der Gottheit selbst zugeschrieben wurde, schließt den Begriff einer Ausdehnung im Raume nicht aus, und ihre Phantasie begnügte sich mit den Begriffen einer Natur von Luft, Feuer oder Äther, unendlich vollkommener, als die grobe Materie der irdischen Welt. Wenn man die Gottheit in den Raum versetzt, muß man auch ihre Gestalt beschreiben. Die Erfahrung, vielleicht auch nur die Eitelkeit der Menschen stellt die Macht der Vernunft und Tugend in menschlicher Gestalt dar. Die Anthropomorphiten, deren es unzählige unter den ägyptischen Mönchen und afrikanischen Katholiken gab, konnten sich auf die ausdrückliche Erklärung der Schrift stützen, daß der Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen worden sei. Der ehrwürdige Serapion, einer der Heiligen der nitrischen Wüste, leistete mit Tränen auf sein teures Vorurteil Verzicht und beweinte wie ein Kind seine unglückliche Bekehrung, die ihm seinen Gott genommen und seine Seele ohne einen sichtbaren Gegenstand des Glaubens und der Andacht gelassen habe.

III. Das waren die schwankenden Ansichten der Doketen. Eine tiefere, obschon minder einfache Hypothese wurde von dem Asiaten Cerinthus aufgestellt, der es wagte, dem längstlebenden Apostel Johannes entgegenzutreten. Zwischen der jüdischen und heidnischen Welt lebend, arbeitete er an einer Vereinigung der Gnostiker mit den Ebioniten, indem er behauptete, daß eine übernatürliche Vereinigung eines Gottes und eines Menschen im Messias stattgefunden habe. Seine mystische Lehre wurde mit mancherlei phantastischen Zusätzen von Carpocrates, Basilides und Valentin, den Ketzern der ägyptischen Schule, angenommen. In ihren Augen war Jesus von Nazareth ein gewöhnlicher Sterblicher, der rechtmäßige Sohn Josephs und der Maria; aber er war zugleich der beste und weiseste aller Menschen, auserwählt als würdiges Werkzeug, das Ansehen des wahrhaften und höchsten Gottes auf Erden wieder herzustellen. Als er im Jordan getauft wurde, stieg der Christus, der erste der Aeonen, der Sohn Gottes selbst, in Gestalt einer Taube auf Jesu herab, um während der ihm zugemessenen Zeit seines Lehramtes seine Seele zu bewohnen und seine Handlungen zu lenken. Als der Messias den Händen der Juden überliefert wurde, verließ der Christus, ein unsterbliches und leidensloses Wesen, seine irdische Wohnung, flog zum Pleroma oder der Welt der Geister zurück und ließ den einsamen Jesus leiden, klagen und sterben. Aber eine solche Flucht unterliegt wegen ihrer Gerechtigkeit und ihrem Edelmut großen Zweifeln. Das Schicksal eines unschuldigen Märtyrers, der von seinem himmlischen Gefährten zuerst angetrieben und dann verlassen wurde, mußte das Mitleid und die Entrüstung der Ungeweihten erregen. Ihre Zweifel wurden von den Sektierern, die das Doppelsystem des Cerinthus annahmen und abänderten, auf verschiedene Weise zum Schweigen gebracht. Sie führten an, daß Jesus, als er ans Kreuz genagelt ward, mit einer wunderbaren Leidensunempfänglichkeit der Seele wie des Körpers, die ihn gegen seine scheinbaren Martern unempfindlich machte, begabt wurde. Sie behaupteten, daß diese augenblicklichen, obschon wirklichen Schmerzen, durch die irdische Herrschaft von tausend Jahren, die dem Messias in seinem Königreiche des neuen Jerusalem vorbehalten wäre, überschwenglich belohnt würden. Sie deuteten an, daß er, wenn er litt, zu leiden verdiente, daß die menschliche Natur keiner unbedingten Vollkommenheit fähig sei und daß das Kreuz und seine Pein vielleicht Sühnung der geringen Vergehen des Sohnes Josephs vor seiner geheimnisvollen Vereinigung mit dem Sohne Gottes waren.

IV. Alle, die an die Unkörperlichkeit der Seele, diese schöne und hohe Lehre, glauben, müssen aus eigener Erfahrung die Unbegreiflichkeit der Vereinigung von Geist und Materie eingestehen. Eine ähnliche Vereinigung mit einem viel höheren, ja sogar mit dem höchsten Grade der geistigen Fähigkeiten ist nicht undenkbar, und in der Inkarnation eines Aeons oder Erzengels, des vollkommensten aller erschaffenen! Geister, liegt kein unbedingter Widerspruch oder Unsinn. Im Zeitalter der religiösen Freiheit, das mit der Kirchenversammlung von Nicäa endigte, bemaß jeder die Würde Christi nach seiner eigenen, aus der noch unbestimmten Regel der Heiligen Schrift, der Vernunft oder der Sage geschöpften Ansicht. Nachdem aber auf den Trümmern des Arianismus seine reine und wahrhafte Göttlichkeit begründet worden war, zitterte der Katholizismus am Rande eines Abgrundes, wo es unmöglich war, zurückzugehen, gefährlich zu stehen, schrecklich zu stürzen. Die vielfachen Mißlichkeiten, die ihr Bekenntnis mit sich brachten, wurden durch den erhabenen Charakter ihrer Theologie erhöht. Sie zögerten auszusprechen: daß Gott selbst, die zweite Person einer Dreieinigkeit von gleicher Wesenheit, sich im Fleische geoffenbart habe; daß ein Wesen, welches das Weltall durchdringt, in Marias Schoß eingeschlossen gewesen sei; daß seine ewige Dauer nach Tagen, Monaten und Jahren im menschlichen Dasein bemessen wurde; daß der Allmächtige gegeißelt und gekreuzigt worden; daß er während seines leidenslosen Lebens Schmerz und Angst gefühlt habe; daß seine Allwissenheit von Unkenntnis nicht frei gewesen und daß der Urquell des Lebens und der Unsterblichkeit am Kalvarienberge versiegt sei. Diese beunruhigenden Folgerungen wurden von Apollinaris, Bischof von Laodicäa und einer der Leuchten der Kirche, unbefangen und mit Einfalt gelehrt. Sohn eines gelehrten Grammatikers war er in allen Wissenschaften Griechenlands erfahren (in den Schriften des Apollinaris leuchten Beredsamkeit, Gelehrsamkeit und Philosophie) aber in Demut dem Dienste der Religion geweiht. Ein würdiger Freund des Athanasius, ein würdiger Gegner Julians, kämpfte er tapfer gegen die Arianer und Polytheisten, und obschon er strenge mathematische Beweise erkünstelte, offenbaren seine Kommentare nicht nur den buchstäblichen, sondern auch den allegorischen Sinn der Heiligen Schrift. Ein Mysterium, das bisher als ein Nebelgebilde des Volksglaubens geschwankt hatte, wurde durch seine Beharrlichkeit in technische Form gebracht, und er sprach zuerst jene denkwürdigen Worte: »Eine einzige fleischgewordene Natur Christi« aus, die noch immer mit feindlichem Geschrei in den Kirchen Asiens, Ägyptens und Äthiopiens widerhallen. Er lehrte, daß sich die Gottheit mit dem Leibe eines Menschen vereinigte oder vermengte und daß der Logos, die ewige Weisheit, im Fleische die Stelle und die Verrichtungen einer menschlichen Seele vertreten habe. Da jedoch dieser tiefdenkende Theolog über seine eigene Folgerung erschrak, stammelte er ein paar schwache Entschuldigungen und Erklärungen. Er fügte sich der von den griechischen Philosophen geschaffenen früheren Unterscheidung zwischen der vernünftigen und empfindenden Seele, um den Logos für die geistigen Verrichtungen zu bewahren und das untergeordnete menschliche Prinzip den geringeren Handlungen des physischen Lebens vorzubehalten. Mit den gemäßigten Doketen verehrte er Maria mehr als die geistige, denn die fleischliche Mutter Christi, dessen Leib entweder leidenslos und unvergänglich vom Himmel kam oder in das Wesen der Gottheit aufgenommen und gleichsam verwandelt wurde. Die kleinasiatischen und syrischen Gottesgelehrten, deren Schulen durch die Namen Basilius, Gregor und Chrysostomus geehrt, durch die Namen Diodorus, Theodorus und Nestorius verunehrt werden, bekämpften streng das System des Apollinaris. Aber die Person des greisen Bischofs von Laodicäa, sein Charakter und seine Würde blieben unangetastet; ja seine Gegner wurden, da wir sie duldnerischer Schwäche nicht zeihen können, vielleicht durch die Neuheit der Sätze eingeschüchtert und mißtrauten der endgültigen Entscheidung der katholischen Kirche. Das Urteil der letzteren fiel endlich zu ihren Gunsten aus, die Ketzerei des Apollinaris wurde verdammt und die Sonderversammlungen seiner Schüler durch die kaiserlichen Gesetze geächtet. Aber in den Klöstern von Ägypten bekannte man sich insgeheim zu seinen Grundsätzen und seine Feinde fühlten den Haß des Theophilus und Cyrillus, der nachfolgenden Patriarchen von Alexandria.

V. Der am Staube klebende Ebionit und der phantastische Doket waren verworfen und vergessen; aber der neue Eifer gegen die Irrtümer des Apollinaris brachte die Katholiken zu einer scheinbaren Übereinstimmung mit Cerinthus in betreff der doppelten Natur. Aber statt einer vorübergehenden und gelegentlichen Übereinstimmung legten sie sich fest. Wir aber glauben noch immer an die wesentliche, unauflösliche und ewige Vereinigung eines wirklichen Gottes mit einem wirklichen Menschen, der zweiten Person der Dreieinigkeit mit einer vernunftbegabten Seele und einem irdischen Leibe. Am Beginne des fünften Jahrhunderts war die Einheit der zwei Naturen die herrschende Lehre der Kirche. Von allen Seiten gab man die Unmöglichkeit zu, die Art ihrer Einheit zu begreifen oder durch Worte auszudrücken. Aber eine geheime, unversöhnliche Zwietracht lebte zwischen denjenigen fort, die sich am meisten scheuten, die Gottheit und Menschlichkeit Christi zu vermengen und denjenigen, die sich am meisten fürchteten, sie zu trennen. Von Religionswahnsinn getrieben, verdammten beide Parteien mit inbrünstigem Haß den Irrtum, den sie gegenseitig als den der Wahrheit und Erlösung gefährlichsten ansahen. Beiderseits waren sie ängstlich bestrebt, die Einheit und die Verschiedenheit der zwei Naturen zu bewahren. Eifrig trachteten sie diese zu verteidigen und solche Redeformen und Lehrsymbole zu erfinden, die dem Zweifel und der Zweideutigkeit am wenigsten unterworfen waren. Die Armut der Begriffe und der Sprache bewog sie, der Natur und Kunst jeden nur möglichen Vergleich zu entlehnen; aber jeder Vergleich mißleitete ihre Phantasie zur Erklärung eines unbegreiflichen Geheimnisses. Bei der Polemik wird ein Atom zum Ungeheuer verzerrt, und jede Partei gab sich die größte Mühe, die widersinnigen und gottlosen Forderungen zu übertreiben, die aus den Grundsätzen ihrer Gegner resultierten. Um einander zu fliehen, wanderten sie durch manches dunkle und abgelegene Dickicht, bis sie durch die Schreckensgestalten des Cerinthus und Apollinaris, welche die entgegengesetzten Ausgänge des theologischen Labyrinthes bewachten, in Bestürzung gerieten. Sowie sie einen Schimmer der Vernunft und der Ketzerei wahrnahmen, schraken sie zusammen, lenkten ihre Schritte wieder rückwärts und verloren sich abermals im Dunkel undurchdringlicher Orthodoxie. Um sich von der Schuld oder dem Vorwurfe eines verdammenswerten Irrtums zu reinigen, leugneten sie ihre Folgerungen, erläuterten sie ihre Grundsätze, entschuldigten sie ihre Unklugheiten, sprachen sie einstimmig Worte der Eintracht und des Glaubens. Aber ein verborgener, fast unsichtbarer Funke glimmte unter der Asche des Streites fort; durch den Hauch des Vorurteiles und der Leidenschaft entwickelte er sich schnell zu einer mächtigen Flamme: ja die Wortstreitigkeiten der orientalischen Sekten haben die Grundfesten der Kirche und des Staates erschüttert!

Der Name Cyrills von Alexandria ist in der Geschichte der Religionsstreitigkeiten berühmt. Doch der Titel eines Heiligen ist der Beweis dafür, daß seine Meinungen und seine Partei zuletzt siegreich waren. Im Hause seines Oheims, des Erzbischofs Theophilus, sog er die orthodoxen Lehren des Glaubenseifers und der Herrschaft ein, und fünf Jugendjahre verbrachte er mit Nutzen in den benachbarten Klöstern von Nitria. Unter der Anleitung des Abtes Serapion verlegte er sich mit solchem Eifer auf die theologischen Studien, daß er im Laufe einer einzigen schlaflosen Nacht die vier Evangelien, die katholischen Episteln und die Epistel an die Römer durchzulesen vermochte. Origines verabscheute er; aber die Schriften des Clemens und Dionysius, des Athanasius und Basilius waren beständig in seinen Händen. Durch Theorie und Dispute wurde sein Glaube gestärkt und sein Verstand geschärft. In seiner Zelle lag er dem Studium der scholastischen Theologie ob und sann über jene allegorischen und metaphysischen Werke nach, deren Reste in sieben umfangreichen Foliobänden jetzt friedlich an der Seite ihrer Nebenbuhler schlummern. Cyrill betete und fastete in der Wüste, seine Gedanken jedoch blieben, sein Freund Isidor von Pelusium wirft ihm dies vor, immer an die Welt gefesselt. Der ehrgeizige Einsiedler gehorchte nur zu bereitwillig dem Rufe des Theophilus, der ihn in die tumultösen Städte- und Kirchenversammlungen berief. Mit Zustimmung seines Oheims übernahm er das Amt und erwarb bald den Ruf eines Volkspredigers. Seine stattliche Figur schmückte die Kanzel, seine klangreiche Stimme widerhallte in der Kathedrale, seine Freunde beeilten sich, den Beifall der Gemeinde zu leiten und zu unterstützen, und Schnellschreiber zeichneten seine Reden auf, die in ihrer Wirkung, wenn auch nicht ihrem Gehalte nach, mit jenen der atheniensischen Redner verglichen werden konnten. Der Tod des Theophilus erweiterte oder verwirklichte die Hoffnungen seines Neffen. Die Geistlichkeit von Alexandria war zersplittert; die Soldaten und ihre Befehlshaber unterstützten die Ansprüche des Archidiakons; aber eine überwiegende Volksmenge verteidigte mit Mund und Hand die Sache ihres Lieblings, und neununddreißig Jahre nach Athanasius' Tod saß Cyrill auf dessen Thron (412-444).

Der Preis war seines Ehrgeizes nicht unwürdig. Fern vom Hofe und an der Spitze einer großen Hauptstadt hatte der Patriarch von Alexandria, wie er nun hieß, sich allmählich die Stellung und Herrschaft einer weltlichen Obrigkeit angemaßt. Er verwaltete nach eigenem Ermessen die öffentlichen wie die privaten Wohltätigkeitsanstalten der Stadt. Seine Stimme entflammte oder beschwichtigte die Leidenschaften der Menge. Die zahlreichen und fanatischen Parabolanen, durch ihre tägliche Arbeit mit dem Tode vertraut, gehorchten blind seinen Befehlen, und die Präfekten von Ägypten wurden durch die zeitliche Macht dieser Pontifices eingeschüchtert oder gereizt. Von glühendem Eifer für die Verfolgung der Ketzer beseelt, begann Cyrill seine Regierung mit der Unterdrückung der Novatianer, der unschuldigsten und harmlosesten aller Sektierer. Die Untersagung ihrer Religionsübungen erschien in seinen Augen als gerechte und verdienstliche Tat, und er nahm ihre heiligen Gefässe weg, ohne £u fürchten, die Schuld des Kirchenraubes auf sich zu laden. Die Duldung, ja selbst die Vorrechte der Juden, deren Zahl bis auf vierzigtausend gestiegen war, waren durch die Gesetze der Cäsaren und der Ptolemäer durch sieben Jahrhunderte seit Gründung von Alexandria gesichert. Ohne irgendein richterliches Urteil, ohne irgendeinen kaiserlichen Befehl führte der Patriarch bei Tagesanbruch aufrührerische Scharen zum Sturme gegen die Synagogen. Die unbewaffneten und unvorbereiteten Juden vermochten keinen Widerstand zu leisten. Ihre Tempel wurden dem Erdboden gleichgemacht, und nachdem der bischöfliche Krieger seine Truppen mit der Plünderung ihrer Habe belohnt hatte, jagte er den Rest des ungläubigen Volkes aus der Stadt. Vielleicht durfte er sich als Entschuldigung seiner Tat auf ihren Wohlstand, ihren Hochmut und ihren tödlichen Haß gegen die Christen berufen, deren Blut erst kürzlich in einem boshaft oder zufällig angezettelten Tumulte vergossen worden war. Solche Verbrechen hätte die Obrigkeit ahnden sollen; allein bei diesem verworrenen Angriff wurden die Unschuldigen mit den Schuldigen vermengt, und Alexandria war um eine reiche und tätige Kolonie ärmer. Cyrills Eifer setzte ihn der Strenge des julischen Gesetzes aus, aber unter einer schwachen Regierung und in einem frommgläubigen Zeitalter war er der Straflosigkeit, ja selbst des Lobes sicher. Orestes klagte; allein seine gerechten Klagen wurden von den Ministern des Theodosius zu schnell vergessen, und zu sehr gedachte ihrer der Priester, der vorgab, dem Präfekten von Ägypten zu verzeihen, jedoch fortfuhr, ihn zu hassen. Als er durch die Straßen fuhr, wurde er in seinem Wagen von einem Haufen von fünfhundert nitrischen Mönchen angefallen; seine Leibwachen flohen vor diesen Furien. Seine Beteuerungen, daß er ein rechtgläubiger Christ wäre, wurden mit einem Steinhagel beantwortet, und Blut strömte über das Antlitz des Orestes. Die treuen Bürger von Alexandria eilten zu seiner Rettung herbei, und er befriedigte auf der Stelle seine gerechte Rache gegen den Mönch, von dem er verwundet worden war. Ammonius starb unter der Geißel des Liktors. Auf Cyrills Befehl wurde seine Leiche vom Boden aufgehoben und in feierlichem Zuge nach der Kathedrale überführt. Der Name Ammonius wurde in Thaumasius, der Wundervolle, umgewandelt; sein Grab wurde mit den Trophäen des Märtyrertums geschmückt, und der Patriarch bestieg die Kanzel, um die Hochherzigkeit eines Mörders und Rebellen zu preisen. Solche Ehren begeisterten die Gläubigen, unter der Fahne des Heiligen zu kämpfen und zu sterben, und bald darauf stiftete er die Ermordung einer Jungfrau an, die sich zur griechischen Religion bekannte und eine Freundin des Orestes war, oder er tat wenigstens nichts dagegen. Hypatia, die Tochter des Mathematikers Theon, war in die Studien ihres Vaters eingeweiht; ihre gelehrten Kommentare erläuterten die Geometrie des Apollonius und Diophantus, und sie lehrte sowohl in Athen als in Alexandria öffentlich die Philosophie des Plato und des Aristoteles. In der Blüte der Schönheit und der Reife der Weisheit wies sie ihre Anbeter ab und unterrichtete ihre Schüler; die durch Rang oder Verdienst ausgezeichneten Personen brannten darauf, die philosophische Jungfrau zu besuchen. Doch Cyrill sah mit neidischen Blicken den prachtvollen Zug von Pferden und Sklaven, die sich vor der Türe ihrer Akademie drängten. Unter den Christen wurde bald das Gerücht verbreitet, daß Theons Tochter das einzige Hindernis der Aussöhnung des Präfekten mit dem Erzbischof wäre, und dieses Hindernis wurde daher aus dem Wege geräumt. An einem unheilvollen Tage in der heiligen Fastenzeit wurde Hypatia aus ihrem Wagen gerissen, nackt ausgezogen, in die Kirche geschleppt und von dem Lektor Peter und einem Haufen wilder und blutdürstiger Schwärmer unmenschlich geschlachtet; das Fleisch wurde mit scharfen Austernschalen von ihren Knochen geschabt und ihre zuckenden Gliedmaßen in die Flammen geworfen. Geschenke taten zur rechten Zeit der Untersuchung und Strafe Einhalt, aber die Ermordung der Hypatia hat den Charakter und die Religion Cyrills von Alexandria mit unauslöschlichem Makel befleckt.

Im Aberglauben befangen, verzieh man vielleicht leichter den Mord einer Jungfrau als die Verbannung eines Heiligen, und Cyrill hatte indes seinen Oheim zu der rechtlosen Synode der Eiche begleitet. Als das Andenken des Chrysostomus wieder hergestellt und geheiligt wurde, verteidigte Theophilus' Neffe an der Spitze einer verlöschenden Partei die Richtigkeit seines Urteils; erst nach langem Zögern und hartnäckigem Widerstände fügte er sich dem einmütigen Willen der katholischen Welt. Seine Feindschaft gegen die byzantinischen Patriarchen war überlegt und eigenmäßig, keineswegs aber ein zufälliger Ausbruch der Leidenschaft; er beneidete sie um ihre glückliche Stellung im Glänze des kaiserlichen Hofes und fürchtete ihren zügellosen Ehrgeiz, mit dem sie die Metropoliten von Europa und Asien unterdrückten, Eingriffe in die Sprengel von Antiochia und Alexandria machten und ihre geistliche Gerichtsbarkeit bis an die Grenzen des Reiches ausdehnten. Die andauernde Mäßigung des Attikus, des milden Usurpators des Thrones des Chrysostomus, unterbrach die Feindseligkeiten der orientalischen Patriarchen, bis Cyrill endlich durch die Erhebung eines seiner Achtung und seines Hasses würdigen Nebenbuhlers gereizt wurde. Nach der kurzen und unruhigen Regierung des Bischofs Sisinnius von Konstantinopel wurden die Parteien der Geistlichkeit und des Volkes durch die Wahl des Kaisers vereint, der diesmal einen verdienstvollen Fremden berief (428). Nestorius, in Germanicia geboren und Mönch in Antiochia, empfahl sich durch sein strenges Leben und durch die Beredsamkeit bei seinen Kanzelvorträgen. Aber schon die erste Predigt, die er vor dem frommen Theodosius hielt, verriet seinen bitteren und heftigen Religionseifer. »Gib mir, o Kaiser«, so rief er aus, »gib mir die Erde von Ketzern gereinigt, und ich will dir zum Tausche das Königreich des Himmels geben. Rotte mit mir die Ketzer aus, und ich will mit dir die Perser ausrotten.« Am fünften Tage, so als wäre der Vertrag schon besiegelt, entdeckte, überrumpelte und griff der Patriarch von Konstantinopel eine kleine Versammlung der Arianer an; sie zogen den Tod der Unterwerfung vor. Die Flammen, die aus dem Hause schlugen, das sie in ihrer Verzweiflung angezündet hatten, um darin den Feuertod zu finden, ergriffen bald die benachbarten Häuser, und die triumphierenden Nestorianer wurden als Mordbrenner gebrandmarkt. Auf beiden Seiten des Hellespontes zwang er in seiner bischöflichen Strenge harte Formeln des Glaubens und der Kirchenzucht auf, und schon ein chronologischer Irrtum in betreff des Osterfestes wurde als Verbrechen gegen Kirche und Staat bestraft. Lydien und Karien, Sardes und Miletus wurden mit dem Blute der hartnäckigen Quartodezimaner gereinigt, und ein Edikt des Kaisers oder vielmehr des Patriarchen führte dreiundzwanzig Abstufungen und Arten der Schuld und Bestrafung der Ketzer an. Aber die Verfolgung, die Nestorius mit solcher Wut leitete, wirkte sich bald gegen ihn aus. Die Religion diente zwar als Vorwand, aber nach dem Urteile eines zeitgenössischen Heiligen war der Ehrgeiz der eigentliche Beweggrund zu diesem bischöflichen Kriege.

In der syrischen Schule hatte Nestorius gelernt, die Menschlichkeit seines Meisters Christus von der Göttlichkeit des Herrn Jesus genau zu unterscheiden. Er verehrte die heilige Jungfrau als Christi Mutter, aber der neue Name »Mutter Gottes«, der seit dem arianischen Streit allmählich aufgekommen war, verletzte seine Ohren. Von der Kanzel von Konstantinopel predigte ein Freund des Patriarchen und nachher der Patriarch selbst wiederholt gegen den Gebrauch oder Mißbrauch eines den Aposteln unbekannten, von der Kirche nicht genehmigten Wortes, das nur dazu dienen könne, die Schüchternen zu beunruhigen, die Weltlichen zu ergötzen und durch eine scheinbare Ähnlichkeit die alte Genealogie des Olymps zu rechtfertigen. Nach ruhigerer Überlegung gab Nestorius zu, daß es durch die Vereinigung der himmlischen und weltlichen Natur und deren Verschmelzungen geduldet oder entschuldigt werden könne. Widerspruch indes erbitterte ihn so sehr, daß er die Verehrung des göttlichen Kindes verleugnete, seine unpassenden Gleichnisse von ehelichen oder bürgerlichen Genossenschaften des Lebens hervorholte und das Menschtum Christi als das Gewand, das Werkzeug, die äußere Hülle seiner Gottheit beschrieb. Diese gotteslästerlichen Worte erschütterten die Pfeiler des Heiligtums. Die erfolglosen Nebenbuhler des Nestorius überließen sich ihrem frommen oder persönlichen Grimme, die byzantinische Geistlichkeit war insgeheim über die Einschiebung eines Fremden erbittert, was irgend abergläubisch oder widersinnig war, erfreute sich des Schutzes der Mönche, und das Volk nahm für seine jungfräuliche Beschützerin Partei. Die Predigten des Erzbischofs und der Dienst des Altars wurden durch aufrührerisches Geschrei gestört. Sondergemeinden sagten sich von seiner Herrschaft und Lehre los; die Streitigkeiten wurden wie Blätter im Winde über das ganze Reich zerstreut, und die Stimmen der Kämpfenden auf einer geräuschvollen Bühne widerhallten in den Zellen von Palästina und Ägypten. Es war Cyrills Pflicht, den Eifer und die Unwissenheit seiner zahllosen Mönche aufzuklären. In der Schule von Alexandria hatte er die Lehre der Menschwerdung eingesogen und sich dazu bekannt, und der Nachfolger des Athanasius handelte ganz seinem Stolze und Ehrgeize angemessen, als er sich in Waffen gegen einen zweiten furchtbareren und schuldigeren Arius auf dem zweiten Throne der Hierarchie erhob. Nach einem kurzen Briefwechsel, worin die eifersüchtigen Prälaten ihren Haß hinter der Sprache der Hochachtung und der christlichen Milde verbargen, verkündete der Patriarch von Alexandria dem Fürsten und Volke, dem Osten und Westen die verdammenswerten Irrlehren des byzantinischen Bischofs. Aus dem Osten, insbesondere auch Antiochia, empfing er zweideutige Ratschläge der Duldung und des Schweigens, die an beide Parteien gerichtet waren, während sie eigentlich die Sache des Nestorius begünstigten. Der Vatikan dagegen nahm die Boten aus Ägypten mit offenen Armen auf. Cölestin in seiner Eitelkeit fühlte sich durch die Berufung an den Vatikan geschmeichelt. Die parteiische Übersetzung eines Mönches entschied den Glauben eines Papstes, der samt seiner lateinischen Geistlichkeit von der Sprache, den Künsten und der Theologie der Griechen nichts verstand. An der Spitze einer italienischen Kirchenversammlung untersuchte Cölestin den Streit, billigte das Glaubensbekenntnis des Cyrillus, verdammte die Ansichten und die Person des Nestorius, entsetzte den Ketzer seiner bischöflichen Würde, gab ihm eine zehntägige Frist zum Widerruf und zur Buße und beauftragte dessen Feind mit der Vollstreckung dieses übereilten, ungesetzlichen Urteils. Aber während der Patriarch von Alexandria die Blitze eines Gottes schleuderte, offenbarte er die Irrtümer und Leidenschaften eines Sterblichen; seine zwölf Flüche martern noch immer die orthodoxen Gläubigen, die in ihm einen Heiligen verehren, ohne ihrer Anhänglichkeit an die Kirchenversammlung von Chalcedon etwas vergeben zu wollen. Seine kühnen Behauptungen sind unauslöschlich mit apollinarischer Ketzerei befleckt, während die ernsten und vielleicht aufrichtigen Bekenntnisse des Nestorius noch die einsichtsvolleren und minder parteiischen Theologen der Gegenwart befriedigen.

Aber weder der Kaiser noch der Primas des Morgenlandes waren geneigt, dem Befehl eines italienischen Priesters zu gehorchen. Eine Versammlung der katholischen oder vielmehr der griechischen Kirche wurde einstimmig als das einzige Hilfsmittel bezeichnet, um diesen kirchlichen Streit zu schlichten oder zu entscheiden. Das von allen Seiten zu Wasser und zu Lande zugängliche Ephesus wurde zum Orte, das Pfingstfest (431) zum Tage der Zusammenkunft ausersehen. Jeder Metropolit erhielt ein Einladungsschreiben, und man stellte eine Wache auf, um die Väter zu schützen und von der Menge abzuschließen, bis sie die Geheimnisse des Himmels und den Glauben der Erde bestimmt haben würden. Nestorius erschien nicht als Verbrecher, sondern als Richter. Er verließ sich mehr auf den Einfluß als auf die Zahl seiner Prälaten. Seine stämmigen Sklaven aus den Bädern des Zeuxippus waren sowohl für den Angriff wie die Verteidigung bewaffnet. Aber sein Gegner Cyrill gebot über mächtigere Waffen des Fleisches und des Geistes. Dem Schreiben oder wenigstens dem Sinne des kaiserlichen Einladungsschreibens entgegen, ließ er sich von fünfzig ägyptischen Bischöfen begleiten, die vom Winke ihres Patriarchen die Eingebung des Heiligen Geistes erwarteten. Er hatte ein festes Bündnis mit dem Bischof Memnon von Ephesus geschlossen. Der despotische Primas von Asien gebot über dreißig bis vierzig bereitwillige Bischöfe, aber eine Schar der Kirche ergebener Bauern strömte in die Stadt, um durch Schläge und Geschrei einen metaphysischen Lehrsatz zu verteidigen. Das Volk hielt eifrig an der Ehre der Jungfrau fest, deren Gebeine in Ephesus ruhten. Die Flotte, mit der Cyrill von Alexandria eintraf, war mit den Reichtümern Ägyptens beladen. Er setzte eine zahlreiche Schar Seeleute, Sklaven und Schwärmer ans Land, die den Fahnen des heiligen Markus und der Mutter Gottes in blindem Gehorsam folgten. Diese Entfaltung kriegerischer Streitkräfte schüchterte die Väter, ja selbst die Wachen der Kirchenversammlung ein. Die Gegner Cyrills und Marias wurden auf den Straßen beleidigt oder in ihren Häusern bedroht; seine Beredsamkeit und Freigebigkeit vermehrte täglich die Zahl seiner Anhänger. Bald vermochten die Ägypter zu berechnen, daß er auf die Anwesenheit und Stimmen von zweihundert Bischöfen zählen könne. Aber was der Verfasser der zwölf Anathemata voraussah und fürchtete, war der Widerstand Johanns von Antiochia, der mit einem kleinen, jedoch achtbaren Gefolge von Metropoliten und Theologen in kleinen Tagereisen von der fernen Hauptstadt des Ostens heranzog. Zürnend über einen Verzug, den er als absichtlich und verbrecherisch brandmarkte, kündete Cyrill die Eröffnung der Synode sechzehn Tage nach dem Pfingstfeste an. Nestorius, der auf die baldige Ankunft seiner orientalischen Freunde baute, beharrte gleich seinem Vorgänger Chrysostomus auf der Ableugnung der Gerichtsbarkeit, auf Ungehorsam gegen die Vorladung seiner Feinde. Diese aber beschleunigten seinen Prozeß, und sein Ankläger führte den Vorsitz auf dem Richterstuhle. Achtundsechzig Bischöfe, darunter zweiundzwanzig von erzbischöflichem Range, verteidigten die Sache des Nestorius durch einen bescheidenen und gemäßigten Protest; sie wurden von der Ratssitzung ihrer Brüder ausgeschlossen. Gandidian forderte im Namen des Kaisers einen Aufschub von vier Tagen; aber die weltliche Obrigkeit wurde mit Schimpfworten aus der Versammlung der Heiligen vertrieben. Diese ganze wichtige Verhandlung spielte sich in der kurzen Zeit während eines Sommertages ab (22. Juni). Die Bischöfe gaben ihre Stimmen abgesondert ab, aber die Gleichförmigkeit des Stils offenbarte den Einfluß oder die Hand eines Meisters, den man beschuldigte, ihre Urkunden und Unterschriften gefälscht zu haben. Ohne auch nur eine einzige abfällige Stimme erkannten sie in den Episteln Cyrills das nicäische Glaubensbekenntnis und die Lehre der Väter an; aber die parteiischen Auszüge aus den Briefen und Predigten des Nestorius wurden durch Flüche und Bannstrahlen unterbrochen und der Ketzer seiner Würde als Bischof und Geistlicher entsetzt. Das Urteil, boshafterweise »an den neuen Judas« überschrieben, wurde in den Straßen von Ephesus angeheftet und verkündet; die ermüdeten Prälaten wurden, als sie aus der Kirche der Mutter Gottes kamen, als deren Verteidiger begrüßt und ihr Sieg durch Festbeleuchtung, Gesänge und nächtlichen Lärm gefeiert.

Am fünften Tage danach wurde der Triumph durch die Ankunft der entrüsteten orientalischen Bischöfe getrübt. In einem Gemache des Gasthofes gab Johann von Antiochia, noch bevor er den Staub von seinen Schuhen geschüttelt hatte, dem kaiserlichen Minister Candidian Gehör, der ihm über seine vergeblichen Bemühungen, das Ungestüm des verwegenen Ägypters zu hemmen oder ihn zu vernichten, Bericht erstattete. Mit gleicher Eile und gleichem Ungestüm entsetzte die aus fünfzig Bischöfen bestehende orientalische Synode Cyrill und Memnon ihrer bischöflichen Würden, verdammte in den zwölf Anathemen die giftige apollinarische Ketzerei und beschrieb den Primas von Alexandria als ein zur Zerstörung der Kirche geborenes und erzogenes Ungeheuer. Sein Thron war fern und unzugänglich, aber sie beschlossen auf der Stelle, der Herde von Ephesus die Segnung eines treuen Hirten angedeihen zu lassen. Der wachsame Memnon ließ jedoch die Kirchen vor ihnen schließen und warf eine starke Besatzung in die Kathedrale. Unter Candidians Befehl rückten die Truppen zum Sturme vor; die Außenposten wurden besiegt und niedergemetzelt, aber der Platz blieb uneinnehmbar. Die Belagerer zogen sich zurück. Ein kräftiger Ausfall verfolgte sie. Sie verloren ihre Pferde und viele Soldaten erlitten gefährliche Keulen- und Steinwunden. Ephesus, die Stadt der Jungfrau, wurde durch Wut und Geschrei, durch Aufruhr und Blut geschändet. Die einander befeindenden Synoden schleuderten Bannflüche und Exkommunikationen aus ihren geistlichen Geschützen, und der Hof des Theodosius wurde durch die feindseligen und widerspruchsvollen Darstellungen bloßgestellt. Während einer Periode von drei Monaten versuchte der Kaiser geschäftig jedes Mittel, um diesen theologischen Streit zu schlichten, ausgenommen das beste, nämlich Gleichgültigkeit und Verachtung. Er unternahm es, die Anführer durch ein gemeinsames Urteil der Lossprechung oder Verdammung zu entfernen oder einzuschüchtern. Er versah seine Stellvertreter in Ephesus mit ausgedehnten Vollmachten und stellte Militär zu ihrer Verfügung. Er forderte von jeder Partei die Absendung von acht gewählten Abgeordneten zu einer freien und unparteiischen Besprechung in der Nähe der Hauptstadt, fern von jeder Berührung mit dem wütenden Volk. Aber die Orientalen weigerten sich nachzugeben, und die Katholiken, stolz auf ihre Anzahl und ihre lateinischen Verbündeten, verwarfen alle Bedingungen der Einigung oder Duldung. Die Geduld des milden Theodosius war erschöpft. Entrüstet löste er diesen bischöflichen tumultuösen Rat auf, der heute, so viele Jahrhunderte später, den ehrwürdigen Titel der dritten allgemeinen Kirchenversammlung für sich in Anspruch nimmt. »Gott ist mein Zeuge«, ließ sich der fromme Fürst vernehmen, »daß ich nicht der Urheber dieser Verwirrung bin. Die Vorsehung wird den Schuldigen erkennen und bestrafen. Kehret in eure Sprengel zurück, und eure persönlichen Tugenden mögen das Unheil und Ärgernis eurer Zusammenkunft wieder gutmachen.« Sie kehrten in ihre Sprengel zurück, aber dieselben Leidenschaften, welche die Synode von Ephesus zerrüttet hatten, verbreiteten sich über die ganze morgenländische Welt. Nach drei hartnäckigen und unentschiedenen Feldzügen ließen sich Johann von Antiochia und Cyrill von Alexandria zu gegenseitigen Erklärungen und zur brüderlichen Umarmung herbei. Aber die scheinbare Aussöhnung der beiden Patriarchen muß mehr der Politik als der Überzeugung, mehr ihrer gegenseitigen Müdigkeit als ihrer christlichen Milde zugeschrieben werden.

Der byzantinische Bischof hatte dem Kaiser ein verderbliches Vorurteil gegen den Charakter und das Benehmen seines ägyptischen Nebenbuhlers eingeflößt. Ein Schreiben voll Drohungen und Schmähungen, das den Vorladungsbrief begleitete, bezeichnete ihn als vorlauten, übermütigen und neidischen Priester, der die Einfachheit des Glaubens verwirre, den Frieden der Kirche und des Staates störe und durch seine listigen Sonderbriefe an die Gemahlin und Schwester des Theodosius sich erdreiste, den Samen der Zwietracht in der kaiserlichen Familie selbst vorauszusetzen oder dort auszustreuen. Auf Befehl seines Souveräns hatte sich Cyrill nach Ephesus begeben, wo ihn die Obrigkeiten im Interesse des Nestorius und der Orientalen befeindeten, bedrohten und einkerkerten und die Truppen von Lydien und Jonien zusammenzogen, um das fanatische und lärmende Gefolge des Patriarchen zu unterdrücken. Ohne die kaiserliche Erlaubnis abzuwarten, entfloh er seinen Wächtern, schiffte sich eilig ein, verließ die Synode und flüchtete nach seiner bischöflichen Feste in Sicherheit und Unabhängigkeit. Aber seine schlauen Sendlinge arbeiteten sowohl am Hofe als in der Stadt mit Erfolg daran, den Zorn des Kaisers zu besänftigen und seine Gunst zu erlangen. Der schwache Sohn des Arkadius wurde abwechselnd von seiner Gattin und von seiner Schwester, von den Eunuchen und den Frauen des Palastes regiert. Aberglaube und Habsucht waren ihre vorherrschenden Leidenschaften, und die Häupter der rechtgläubigen Partei ließen kein Mittel unversucht, jenen in Bestürzung zu versetzen und diese zu befriedigen. Konstantinopel und die Vorstädte waren durch zahlreiche Klöster geheiligt, und die frommen Äbte Dalmatius und Eutyches hatten ihren Eifer und ihre Treue der Sache Cyrills, der Verehrung der Maria und der Einheit Christi gewidmet. Vom ersten Augenblick ihres Mönchslebens an hatten sie sich niemals unter die Menschen gemischt oder den unheiligen Boden der Stadt betreten. Aber in diesem wichtigen Augenblick der Gefahr für die Kirche entband eine erhabenere und unerläßlichere Pflicht sie ihres Gelübdes. An der Spitze eines langen Gefolges von Mönchen und Einsiedlern, die brennende Wachslichter in den Händen trugen und Litaneien zur Ehre der Mutter Gottes sangen, zogen sie aus ihren Klöstern nach dem Palast. Das außerordentliche Schauspiel erbaute und entflammte das Volk, und der zitternde Monarch schenkte den Bitten und Beschwörungen der Heiligen Gehör, die kühn verkündeten, daß niemand auf Seligkeit hoffen könne, der nicht an der Person und dem Glaubensbekenntnisse des rechtmäßigen Nachfolgers des Athanasius festhielte. Zu gleicher Zeit wurde jeder Zugang zum Thron mit Gold erkauft. Unter dem züchtigen Vorwand von Belobungen und Segnungen bestach man die Höflinge beiderlei Geschlechts nach Maßgabe ihres Einflusses und ihrer Habsucht. Aber ihre unaufhörlichen Forderungen leerten die Heiligtümer von Konstantinopel und Alexandria, und die Macht des Patriarchen reichte nicht aus, um das gerechte Murren seiner Geistlichkeit, daß bereits eine Schuldenlast von sechzigtausend Pfund zur Bestreitung dieser Bestechung gemacht worden sei, zum Schweigen zu bringen. Pulcheria, die ihrem Bruder die Bürde eines Reiches abgenommen hatte, war die festeste Stütze der Rechtgläubigen, und so innig war die Synode und der Hof miteinander verbunden, daß Cyrill des Erfolges sicher war, wenn es ihm gelang, einen Eunuchen aus der Gunst des Theodosius zu verdrängen und einen anderen einzuschieben. Indessen konnte sich der Ägypter weder eines glorreichen noch eines entscheidenden Sieges rühmen. Der Kaiser beharrte mit ungewohnter Festigkeit bei seinem Versprechen, die Unschuld der orientalischen Bischöfe zu schützen und Cyrill milderte seine Bannflüche und bekannte sich doppelsinnig und widerstrebend zu einer zweifachen Natur Christi, bevor ihm gestattet wurde, seine Rache gegen den unglücklichen Nestorius zu stillen.

Der unbesonnene und hartnäckige Nestorius wurde vor Beendigung der Synode von Cyrill unterdrückt, vom Hofe verraten und von seinen orientalischen Freunden schwach unterstützt. Ein Gefühl der Furcht oder der Entrüstung bestimmte ihn noch zur rechten Zeit, den Ruhm einer freiwilligen Abdankung für sich in Anspruch zu nehmen. Sein Wunsch wurde erfüllt oder wenigstens sein Ansuchen gern gewährt; er wurde mit Ehren von Ephesus nach seinem alten Kloster in Antiochia geleitet, und kurz darauf wurden seine Nachfolger Maximian und Proklus als die rechtmäßigen Bischöfe von Konstantinopel anerkannt. Aber in seiner stillen Zelle vermochte der abgesetzte Patriarch die Unschuld und Zufriedenheit eines gewöhnlichen Mönches nicht mehr zu finden. Er bedauerte die Vergangenheit, war unzufrieden mit der Gegenwart und hatte Ursache, die Zukunft zu fürchten. Die orientalischen Bischöfe lösten einer nach dem anderen ihre Sache von einem verhaßten Namen, und jeder Tag verminderte die Zahl der Schismatiker, die Nestorius als den Bekenner des Glaubens verehrten. Nachdem er sich vier Jahre in Antiochia aufgehalten hatte, unterzeichnete Theodosius ein Edikt, das ihn auf eine Stufe mit dem Zauberer Simon stellte, seine Meinungen und Anhänger ächtete, seine Schriften zum Scheiterhaufen verdammte und ihn selbst zuerst nach Petra in Arabien und zuletzt nach der Oasis, einer der Inseln der Lybischen Wüste verbannte. Ausgeschlossen von der Kirche und der Welt, wurde der Verbannte fortwährend von Religionsschwärmern verfolgt und von Plünderern heimgesucht. Ein wandernder Stamm der Blemmyer oder Nubier drang in seinen einsamen Kerker. Auf dem Rückwege entließen sie eine Schar nutzloser Gefangener. Kaum hatte aber Nestorius die Ufer des Nils erreicht, als er einsehen mußte, daß er besser aus einer römischen und rechtgläubigen Stadt in die mildere Knechtschaft von Wilden entflohen wäre. Seine Flucht wurde als neues Verbrechen bestraft. Die Gesinnung des Patriarchen beseelte die bürgerlichen und kirchlichen Gewalten von Ägypten. Obrigkeiten, Soldaten, Mönche quälten frommerweise den Feind Christi und Cyrills, und der Ketzer wurde abwechselnd bis an die Grenzen von Äthiopien geschleppt und wieder zurückberufen, bis sein greiser Körper den Beschwerden oder Unfällen der häufigen Reisen erlag. Sein Geist aber blieb unabhängig und ungebeugt. Seine Hirtenbriefe schüchterten den Statthalter der Thebais ein. Er überlebte den katholischen Tyrannen von Alexandria, und nach sechzehnjähriger Verbannung würde ihm die Kirchenversammlung von Chalcedon vielleicht in die Gemeinschaft der Kirche wieder aufgenommen haben. Der Tod hinderte jedoch Nestorius, ihrer Vorladung Folge zu leisten. Die Art seiner Krankheit verlieh dem schimpflichen Gerücht, daß seine Zunge, das Werkzeug der Gotteslästerung, von Würmern zerfressen worden sei, einigen Halt. Er wurde in einer unter dem Namen Chemnis oder Panopolis oder Akmim bekannten Stadt Oberägyptens begraben. Der unsterbliche Haß der Jakobiten hat jahrhundertelang die Sitte, Steine gegen sein Grab zu schleudern und die törichte Sage bewahrt, daß es nie vom Regen des Himmels bewässert werde, der doch in gleichem Maße auf die Gerechten wie auf die Gottlosen niederfällt. Die Menschlichkeit mag dem Schicksale des Nestorius eine Zähre weihen, der Gerechte aber ist zur Bemerkung gezwungen, daß er nur die Verfolgung erlitt, die er bei anderen gebilligt und vielen zugefügt hatte.

Der Tod des alexandrinischen Primaten nach zweiunddreißigjähriger Regierung überließ die Katholiken der Übermäßigkeit des Religionseifers und dem Mißbrauch des Siegers. Die monophysitische Lehre (eine inkarnierte Natur) wurde in den orientalischen Kirchen und Klöstern gepredigt; den ursprünglichen Glauben des Apollinaris schützte die Heiligkeit Cyrills, und der Name des Eutyches, seines ehrwürdigen Freundes, ward jener Sekte beigelegt, die der syrischen Ketzerei des Nestorius am schroffsten gegenüberstand. Sein Nebenbuhler Eutyches war Abt oder Archimandrit oder Oberer über dreihundert Mönche. Aber die Meinungen eines einfachen und ungelehrten Einsiedlers würden verborgen geblieben sein, da er in der Zelle bereits siebzig Jahre verbracht hatte, wenn nicht der ingrimmige oder unkluge byzantinische Bischof Flavian das Ärgernis vor den Augen der christlichen Welt aufgedeckt hätte. Er berief unverzüglich die Geistlichkeit seines Sprengels. Geschrei und Hinterlist befleckten diese Versammlung, die den greisen Ketzer in ein scheinbares Bekenntnis verstrickte, Christus' Leib sei nicht vom Fleische der Jungfrau Maria gewesen. Um sich gegen ihr parteiisches Urteil zu schützen, verlangte Eutyches eine allgemeine Kirchenversammlung, und seine Sache wurde von seinem Paten Chrysaphius, dem regierenden Eunuchen des Palastes und von seinem Genossen Dioskorus, der dem Neffen des Theophilus auf dem Throne, im Glaubensbekenntnisse, an Talenten und Lastern nachgefolgt war, kräftig unterstützt. Auf besonderen Befehl des Theodosius war die zweite Synode von Ephesus (August 449)nach richtiger Auswahl aus zehn Metropoliten und zehn Bischöfen aus jeder der sechs großen Provinzen des morgenländischen Reiches zusammengesetzt; einige Ausnahmen aus Gunst oder der Verdienste wegen erhöhten die Zahl bis auf einhundertfünfunddreißig, und auch der Syrer Barsumas erhielt als Oberhaupt und Stellvertreter der Mönche die Aufforderung, mit den Nachfolgern der Apostel zu sitzen und zu stimmen. Auch diesmal jedoch unterdrückte der despotische alexandrinische Patriarch die Freiheit der Verhandlungen. Die gleichen geistlichen und weltlichen Waffen wurden abermals aus den Arsenalen von Ägypten genommen. Die asiatischen Veteranen, eine Schar Bogenschützen, dienten unter dem Befehle des Dioskorus, und die noch furchtbareren Mönche, die der Vernunft und dem Mitleide unzugänglich waren, belagerten die Tore der Kathedrale. Die Väter nahmen allem Anschein nach allgemein und ungezwungen das Glaubensbekenntnis, ja sogar die Anatheme des Cyrill an, und die Ketzerei des Glaubens an zwei Naturen wurde in den Personen und Schriften des gelehrtesten Orientalen feierlich verdammt. »Mögen diejenigen, die Christus teilen, mit dem Schwerte geteilt, mögen sie in Stücke gehauen, mögen sie lebendig verbrannt werden!« waren die frommen Wünsche einer christlichen Synode. Die Unschuld und Heiligkeit des Eutyches wurde ohne Zaudern anerkannt, aber die Prälaten, insbesondere die von Thracien und Asien, wollten ihren Patriarchen nicht gern wegen Ausübung oder gar wegen Mißbrauch seiner gesetzlichen Amtsgewalt absetzen. Sie umfaßten die Knie des Dioskorus, während er mit drohender Miene

[fehlende/vertauschte Zeile/n im Buch. Re] auf insbesondere die von Thrazien und Asien, wollten ihren Pa-

Vergehen seines Bruders zu verzeihen und seine Würde zu achten. »Wollt ihr einen Aufruhr erregen?« rief der unerbittliche Tyrann. »Wo sind die Wachen?« Auf diese Worte hin brach eine wütende Schar Mönche und Soldaten mit Stöcken, Schwertern und Ketten in die Kirche; die zitternden Bischöfe verbargen sich hinter dem Altar oder unter den Bänken, und da sie durchaus kein Verlangen nach dem Märtyrertum trugen, unterschrieben sie einer nach dem anderen ein leeres Papier, auf das nachher das Verdammungsurteil des byzantinischen Bischofs gesetzt wurde. Flavian wurde unverzüglich den Bestien dieses geistlichen Amphitheaters ausgeliefert; die Mönche wurden durch Zuruf und Beispiel des Barsumas angeeifert, die Unbilden Christi zu rächen. Der Patriarch von Alexandria soll seinen Amtsbruder von Konstantinopel beschimpft, geschlagen, gestoßen und mit Füßen getreten haben. Sicher ist, daß das Opfer, bevor es den Ort seiner Verbannung erreichen konnte, am dritten Tage an den Wunden und Quetschungen starb, die es in Ephesus erlitten hatte. Die Teilnehmer dieser zweiten Synode sind mit Recht als eine Schar Räuber und Mörder gebrandmarkt worden, indes haben wohl die Ankläger des Dioskorus seine Gewalttätigkeiten übertrieben, um die Feigheit und die Unbeständigkeit ihres eigenen Benehmens zu beschönigen.

Der Glaube von Ägypten hatte die Oberhand behalten, aber die besiegte Partei wurde von demselben Papste unterstützt, der sich ohne Furcht der feindlichen Wut Attilas und Genserichs entgegengestellt hatte. Die Theologie des Leo, sein berühmtes Tome oder Schreiben über das Mysterium der Inkarnation, war von der Synode von Ephesus unberücksichtigt gelassen worden. Sein Ansehen und das der lateinischen Kirche wurde in seinen Legaten beschimpft, die der Sklaverei und dem Tode entflohen, um die traurige Geschichte von der Tyrannei des Dioskorus und dem Märtyrertum Flavians zu erzählen. Seine Provinzialsynode vernichtete das regelwidrige Verfahren jener von Ephesus; da aber dieser Schritt selbst eine Unregelmäßigkeit war, betrieb er die Einberufung einer allgemeinen Kirchenversammlung in den freien und rechtgläubigen Provinzen von Italien. Von seinem unabhängigen Throne aus sprach und handelte der römische Bischof ohne Gefahr als das Oberhaupt der Christen. Seine Verordnungen wurden willfährig von Placidia und ihrem Sohne Valentinian abgeschrieben, die sich an ihre morgenländischen Kollegen wandten, um den Frieden und die Einheit der Kirche wiederherzustellen. Die Puppe auf dem orientalischen Kaiserthrone jedoch wurde mit gleicher Geschicklichkeit von dem Eunuchen geleitet, und Theodosius ließ sich ohne Zögern zu der Antwort bewegen, daß die Kirche bereits Frieden genieße und triumphiere und daß der neuerliche Brand durch die gerechte Bestrafung der Nestorianer gelöscht worden sei. Vielleicht wären die Griechen noch immer in die Ketzerei der Monophysiten verstrickt, wenn nicht das Pferd des Kaisers zu rechter Zeit gestrauchelt wäre. Theodosius verschied, seine rechtgläubige Schwester Pulcheria folgte ihm mit einem nominellen Gemahl auf den Thron. Chrysophius wurde verbrannt, Dioskorus fiel in Ungnade, man berief die Verbannten zurück, und das Tome Leos wurde von den orientalischen Bischöfen unterschrieben. Indessen konnte der Papst mit seinem Lieblingsplane einer lateinischen Kirchenversammlung nicht durchdringen. Er verschmähte es, in der griechischen Synode, die alsbald zu Nicäa in Bithynien versammelt wurde, den Vorsitz zu führen; seine Legaten forderten in gemessenem Tone die Anwesenheit des Kaisers, und die erschöpften Väter wurden nach Chalcedon unter die unmittelbare Aufsicht Marcians und des Senats von Konstantinopel versetzt. Eine Viertelmeile vom thrakischen Bosporus stand die Kirche der heiligen Euphemia auf dem Gipfel eines sanft geneigten, aber hohen Berges; der Dreibau wurde als ein Wunder der Kunst gepriesen, und der unbegrenzte Blick über Land und Meer konnte wohl in einem Sektierer erhebende Gedanken über den Gott des Weltalls auslösen. Im Kirchenschiff saßen sechshundertdreißig Bischöfe, aber die Legaten hatten den Vorrang vor den Patriarchen des Ostens. Einer der Legaten war ein einfacher Priester. Der Ehrenplatz blieb dreißig Laien von senatorischem oder konsularischem Range vorbehalten. Das Evangelium war prunkend im Mittelpunkte aufgestellt, die Glaubensregel jedoch wurde von den päpstlichen und kaiserlichen Ministern bestimmt, welche die dreizehn Sitzungen (8. Oktober bis 1. November 451) des Konzils von Chalcedon leiteten. Ihre parteiische Einmischung brachte das unmäßige Geschrei und die für die bischöfliche Würde entehrenden Verwünschungen zum Schweigen. Aber auf die förmliche Anklage der Legaten hin mußte Dioskorus den Platz eines in der Meinung seiner Richter bereits verurteilten Verbrechers einnehmen. Die gegen Nestorius minder feindlich als gegen Cyrill gesinnten Orientalen begrüßten die Römer als ihre Befreier. Thrazien, Pontus und Asien waren gegen die Mörder Flavius' erbittert und die neuen Patriarchen von Konstantinopel und Antiochia sicherten sich ihre Stellungen, indem sie ihren Wohltäter aufgaben. Die Bischöfe von Palästina, Makedonien und Griechenland hingen zwar dem Glauben Cyrills an, aber vor versammelter Synode, in der Hitze der Schlacht gingen die Anführer vom rechten zum linken Flügel über und entschieden den Sieg durch ihre rechtzeitige Flucht. Von den siebzehn Bischöfen, die von Alexandria mitgesegelt waren, ließen sich vier ihrer Treue abwendig machen. Die übrigen dreizehn fielen zur Erde und flehten die Gnade der Kirchenversammlung unter Schluchzen und Weinen und mit der pathetischen Erklärung an, daß sie im Falle der Nachgiebigkeit bei ihrer Rückkehr nach Ägypten von dem entrüsteten Volke ermordet werden würden. Man ließ späte Reue die Schuld oder den Irrtum der Mitschuldigen des Dioskorus sühnen; aber ihre Sünden wurden auf sein Haupt gehäuft, weder verlangte noch hoffte er auf Verzeihung, und die Gemäßigten, die für eine allgemeine Verzeihung sprachen, wurden durch Sieges- und Rachegeschrei übertönt. Um den Ruf seiner gewesenen Anhänger zu retten, entdeckte man geschickt einige persönliche Vergehen: seine verwegene und ungesetzliche Ausschließung des Papstes aus der Kirchengemeinschaft und seine frevelhafte Weigerung (während er doch als Gefangener festgehalten wurde), der Vorladung der Synode Folge zu leisten. Zeugen wurden vorgeladen, um Beweise seines Stolzes, seiner Habsucht und Grausamkeit zu erbringen, und die Kirchenväter hörten mit Abscheu, daß die Almosen der Kirchen an Tänzerinnen verschwendet würden, daß sein Palast, ja selbst sein Bad den Freudendirnen von Alexandria geöffnet wäre, und daß der Patriarch die schändliche Pansophia oder Irene öffentlich als seine Geliebte unterhalten hätte.

Wegen dieser ärgerlichen Dinge wurde Dioskorus von der Synode abgesetzt und vom Kaiser verbannt, sein Glaube jedoch in Anwesenheit und mit der stillschweigenden Billigung der Kirchenväter für rein erklärt. Die klugen Kirchenväter setzten die Ketzerei des Eutyches, der nie vor ihren Richterstuhl geladen ward, voraus, ohne sich über sie auszusprechen und sie saßen still und beschämt da, als ein kühner Monophysit ihnen ein Werk Cyrills vor die Füße warf und sie aufforderte, in ihm selbst die Lehre des Heiligen zu ächten. Wenn wir die Akten von Chalcedon, so wie sie von der orthodoxen Partei aufgezeichnet worden sind, unparteiisch durchlesen, finden wir, daß die meisten Bischöfe die einfache Einheit Christi bekannten und das Zugeständnis, daß er von oder aus zwei Naturen gebildet worden sei, konnte entweder ein früheres Dasein oder eine spätere Vereinigung der Empfängnis des Menschen und der Menschwerdung Gottes andeuten. Die römische, mit größerer Bestimmtheit ausgeprägte Theologie nahm die die Ägypter am meisten verletzende Lehre an, daß Christus in zwei Naturen sei, und diese wichtige Fassung, die man eher auswendig lernen als verstehen konnte, hätte beinahe eine Spaltung zwischen den katholischen Bischöfen hervorgerufen. Sie hatten das Tome Leos mit Ehrfurcht, vielleicht sogar mit Aufrichtigkeit unterschrieben, beteuerten jedoch nachher in zwei aufeinanderfolgenden Verhandlungen, daß es weder rätlich noch recht sei, über die geheiligten Grenzsteine hinauszugehen, die in Nicäa, Konstantinopel und Ephesus nach der Schrift und der Überlieferung festgelegt worden wären. Endlich gaben sie dem ungestümen Anliegen ihrer Gebieter nach, aber ihr Beschluß wurde, nachdem er durch besondere Abstimmung und leidenschaftlichen Zuruf gutgeheißen worden war, in der nächsten Sitzung durch den Widerstand der Legaten und ihrer orientalischen Freunde umgestoßen. Umsonst riefen die Bischöfe im Chore: »Die Entscheidung der Kirchenväter ist rechtsgültig und unabänderlich! Die Ketzer sind nun entdeckt! Fluch den Nestorianern! Sie sollen die Synode verlassen! Sie sollen nach Rom zurückgehen!« Die Legaten drohten, der Kaiser blieb beharrlich, und ein Ausschuß von achtzehn Bischöfen verfaßte einen neuen Beschluß, der der Versammlung wider ihren Willen aufgedrungen wurde. Im Namen der vierten allgemeinen Kirchenversammlung wurde Christus in einer Person, aber in zwei Naturen der katholischen Welt verkündet. Über die Ketzerei des Apollinaris und das Glaubensbekenntnis Cyrills ging man stillschweigend hinweg. Die Meisterhand des theologischen Künstlers baute den Weg zum Paradies als gefährliche Brücke über den Abgrund. Die Synode von Chalcedon triumphiert noch jetzt in den protestantischen Kirchen, aber der Streit hat sich gelegt, und die frömmsten Christen der Gegenwart kennen ihren eigenen Glauben in betreff der Menschwerdung nicht oder kümmern sich nicht darum.

Weit verschieden davon war der Charakter der Griechen und Ägypter unter den orthodoxen Regierungen Leos und Marcians. Diese frommen Kaiser erzwangen durch Waffen und Edikte die Anerkennung des Symbols ihres Glaubens; ja, fünfhundert Bischöfe erklärten aus Gewissen oder Ehrgefühl, daß die Beschlüsse der Synode von Chalcedon mit vollem Recht sogar mit dem Schwert verteidigt werden dürften. Die Katholiken bemerkten mit Genugtuung, daß dieselbe Kirchenversammlung sowohl von den Nestorianern als auch von den Monophysiten gehaßt werde; aber die Nestorianer waren entweder weniger ungestüm oder weniger mächtig, und der Osten wurde durch die hartnäckigen und blutdürstigen Monophysiten zerrüttet. Ein Heer von Mönchen besetzte Jerusalem; sie plünderten, sengten und mordeten im Namen der einen menschgewordenen Natur, befleckten das Heilige Grab mit Blut und bewachten in rebellischem Aufruhr die Tore der Stadt gegen die kaiserlichen Truppen. Die Ägypter wünschten sich den verbannten und in Ungnade gefallenen Dioskorus, ihren geistlichen Vater, zurück und verabscheuten seinen Nachfolger, der ihnen durch die Kirchenväter von Chalcedon aufgedrungen worden war. Der erzbischöfliche Thron des Proterius mußte durch eine Wache von zweitausend Soldaten verteidigt werden. Der Erzbischof führte einen fünfjährigen Krieg gegen das Volk von Alexandria und fiel auf die erste Kunde von Marcians Tod als Opfer ihres Religionseifers. Am dritten Tage vor dem Osterfeste wurde der Patriarch in der Kathedrale belagert und in der Taufkapelle ermordet. Die Reste seines verstümmelten Leichnams wurden den Flammen, seine Asche dem Winde überlassen. Die Tat war durch die Erscheinung eines angeblichen Engels eingegeben worden, eines ehrgeizigen Mönches, der unter dem Namen »die Katze Thimotheus« Dioskorus in Amt und Meinungen nachfolgte. Der tödliche Aberglaube wurde auf beiden Seiten durch den Grundsatz der Wiedervergeltung entflammt. Infolge eines metaphysischen Streites wurden mehrere Tausende erschlagen und die Christen aller Stände der wesentlichen Genüsse des geselligen Lebens und der Segnungen der Taufe und des heiligen Abendmahles beraubt. Eine etwas übertriebene Fabel jener Zeiten dürfte eine allegorische Schilderung dieser Fanatiker sein, die sich selbst und einander marterten. »Unter dem Konsulat des Venantius und Celer«, erzählt ein Bischof, »wurde das Volk von Alexandria und von ganz Ägypten von einem außerordentlichen und teuflischem Wahnsinn befallen. Große und Kleine, Sklaven und Freie, Mönche und Priester, die Eingeborenen des Landes, die sich der Kirchenversammlung von Chalcedon widersetzten, verloren ihre Sprache und Vernunft, bellten gleich Hunden und rissen mit ihren Zähnen das Fleisch von ihren eigenen Händen und Armen.«

Endlich, nach dreißigjähriger Unordnung und Wirrnis, trat (482) das berühmte Henotikon des Kaisers Zeno in Kraft, das unter seiner und unter Anastasius' Regierung von allen Bischöfen des Ostens unterzeichnet werden mußte. Der Klerus lacht vielleicht über die Anmaßung eines Laien, der Glaubensartikel festsetzte, oder er verwirft eine solche Handlung. Wenn sich indes ein Kaiser mit derartigen Dingen beschäftigt, kann sein Geist weder von Vorurteilen noch vom Eigennutz befangen sein. Und gerade in der Kirchengeschichte erscheint Zeno am wenigsten verächtlich. Das Henotikon gefiel den Ägyptern am besten. Nichtsdestoweniger vermochten die eifersüchtig suchenden Augen unserer orthodoxen Schulmänner nicht den geringsten Flecken darin zu entdecken. Es stellt den katholischen Glauben der Menschwerdung mit Genauigkeit dar, ohne die besonderen Ausdrücke oder Lehrsätze der feindlichen Sekten anzunehmen oder zu verwerfen. Ein feierliches Anathema wird gegen Nestorius und Eutyches, gegen alle Ketzer ausgesprochen, die Christus Natur teilen oder vermengen oder zu einem Phantom herabwürdigen. Ohne die Zahl oder den Artikel des Wortes Natur zu bestimmen, wird das reine System des heiligen Cyrill, der Glaube von Nicäa, Konstantinopel und Ephesus ehrfurchtsvoll bestätigt; statt aber den Entschlüssen des vierten Konzils beizustimmen, endigt das Edikt mit dem Tadel aller entgegengesetzten Lehren, wenn solche zu Chalcedon oder anderswo aufgestellt worden wären. Unter diesem vieldeutigen Ausdrucke hätten Freunde wie Feinde der letzten Synode ruhig in Brüderlichkeit leben können. Die vernünftigen Christen beruhigten sich bei dieser Art der Duldung; aber ihr Verstand war schwach und unstet, und ihr Gehorsam wurde von ihren heftigen Brüdern als furchtsam und knechtisch verachtet. Es war schwer, in betreff eines Gegenstandes, der alle Gedanken und Gespräche der Menschen in Anspruch nahm, strenge Neutralität zu beobachten; ein Buch, eine Predigt, ein Gebet entzündete wieder die Flamme des Streites, und die Bande der kirchlichen Gemeinschaft wurden durch die persönlichen Feindseligkeiten der Bischöfe abwechselnd zerrissen und wieder gefestigt. Zwischen Nestorius und Eutyches bestanden tausend abgestufte Unterschiede in der Sprache und den Meinungen. Die Acephaler von Ägypten und die römischen Päpste, die zwar gleich mutig, aber ungleich stark waren, standen sich in den äußersten Extremen gegenüber. Die Acephaler, ohne König oder Bischof, waren seit über dreihundert Jahren von den Patriarchen von Alexandria getrennt, welche der Kirchengemeinschaft von Konstantinopel beigetreten waren, ohne eine förmliche Verdammung der Synode von Chalcedon zu verlangen. Wegen der Annahme der Lehren der Kirchengemeinschaft von Alexandria, ohne förmliche Billigung derselben Synode, wurden die Patriarchen von Konstantinopel von den Päpsten in Bann getan. Ihr unbeugsamer Despotismus verwickelte die rechtgläubigsten der griechischen Kirchen in diese geistige Ansteckung, leugnete oder bezweifelte die Gültigkeit ihrer Sakramente und nährte fünfunddreißig Jahre hindurch die Spaltung des Ostens und Westens, bis sie zuletzt vier byzantinische Bischöfe aus ihren Gebeten ausschlossen, die es gewagt hatten, sich der Herrschaft des heiligen Petrus zu widersetzen. Vor dieser Periode war der ungesicherte Waffenstillstand zwischen Konstantinopel und Ägypten durch die sich gegenseitig bekämpfenden Prälaten gebrochen worden. Makedonius, welcher der nestorianischen Ketzerei verdächtig war, verteidigte in der Verbannung die Synode von Chalcedon, während der Nachfolger Cyrills ihren Sturz durch eine Bestechungssumme von zweitausend Pfund Gold zu erkaufen wünschte.

In diesen fieberhaften Zeiten genügte der Sinn oder vielmehr der Klang einer Silbe, den Frieden eines Reiches zu stören. Das Trisagion (dreimal heilig) »heilig, heilig, heilig ist der Herr, Gott der Heerscharen!« wird von den Griechen für die Hymne, welche die Engel und Cherubim vor dem Thron Gottes ewig wiederholen, gehalten und war der Kirche von Konstantinopel gegen das Ende des fünften Jahrhunderts auf jene wunderbare Weise offenbart worden. Das andächtige Antiochia fügte bald hinzu: »der für uns gekreuzigt wurde!« Diese entweder an Christus allein oder an die Dreieinigkeit gerichtete Dankeseinschaltung läßt sich durch die Regeln der Theologie rechtfertigen und ist allmählich von den Katholiken des Ostens und Westens angenommen worden. Aber ein monophysitischer Bischof hatte sie erdacht. Die Gabe eines Feindes wurde zuerst als eine entsetzliche und gefährliche Gotteslästerung verworfen, und die verwegen eingeführte Neuerung hätte dem Kaiser Anastasius beinahe Thron und Leben gekostet. Es fehlten dem Volke von Konstantinopel alle vernünftigen Freiheitsgrundsätze; wohl aber galt ihm die Farbe eines Wagenlenkers im Zirkus oder die Auslegung eines Mysteriums in den Schulen als rechtmäßiger Grund zum Aufruhr. Das Trisagion wurde von den beiden Chören in der Kathedrale mit und ohne diese unheilvolle Zugabe gesungen, und wenn ihre Lungen erschöpft waren, griffen sie zu ausgiebigeren Mitteln, zu Stöcken und Steinen. Die Angreifer wurden vom Kaiser bestraft und vom Patriarchen in Schutz genommen, und Krone und Inful hingen von dem Ausgange dieses wichtigen Streites ab. Die Straßen füllten sich augenblicklich mit unzähligen Schwärmen von Männern, Weibern und Kindern; die Mönche marschierten in geschlossenen Reihen und schrien und fochten an ihrer Spitze: »Christen, dies ist der Tag des Märtyrertums! Lasset uns unsere geistlichen Väter nicht verlassen! Fluch dem manichäischen Tyrannen! Er ist unwürdig zu regieren!« Dies war der Ruf der Katholiken, und die Galeeren lagen mit eingehangenen Rudern vor dem Palaste, bis der Patriarch dem Reuigen verzieh und die empörte Menge zum Schweigen gebracht hatte. Der Triumph des Makedonius wurde durch schleunige Verbannung gehindert, aber der Eifer seiner Herde abermals durch dieselbe Frage aufgestachelt: »Ob eine Person der heiligen Dreieinigkeit gekreuzigt worden sei?« Bei diesem wichtigen Anlaß stellten die blauen und grünen Parteien von Konstantinopel ihre Zwietracht ein, und die bürgerliche und militärische Macht sank ihnen gegenüber in Nichts zusammen. Die Schlüssel der Stadt und die Fahnen der Leibwachen wurden auf dem Forum des Konstantin, dem Hauptposten und Lager der Gläubigen, hinterlegt. Tag und Nacht waren sie unaufhörlich mit Hymnensingen zu Ehren ihres Gottes oder mit Plünderung und Ermordung der Diener ihres Fürsten beschäftigt. Das Haupt seines Lieblingsmönches, »des Freundes des Feindes der Dreieinigkeit«, wurde auf einer Lanze umhergetragen, und das Feuer, das sie an Gebäude ketzerischer Bewohner gelegt hatten, verbreitete sich, ohne Unterschiede zu machen, über die orthodoxesten Bauwerke. Die Standbilder des Kaisers wurden zerbrochen. Er selbst hielt sich in einer Vorstadt verborgen, bis er es nach drei Tagen wagte, die Gnade seiner Untertanen anzuflehen. Ohne sein Diadem und in der Stellung eines Bittenden erschien Anastasius auf dem Throne im Zirkus. Die Katholiken wiederholten vor ihm ihr echtes Trisagion; sie jubelten über sein Anerbieten, den Purpur niederzulegen, das er durch einen Herold stellen ließ. Sie hörten auf seine Mahnung, daß, weil nicht alle herrschen könnten, sie sich zuvörderst über die Wahl eines Souveräns einigen sollten. Endlich verlangten sie den Tod zweier verhaßter Minister, die ihr Gebieter ohne Zögern verurteilte, den Löwen vorgeworfen zu werden. Diese wütenden, aber kurzen Aufstände wurden durch Vitalian geschürt, der sich mit einem Heer Bulgaren und Hunnen, größtenteils Götzendienern, zum Verfechter des katholischen Glaubens erklärte. In diesem frommen Aufruhr verheerte er Thrakien, belagerte Konstantinopel und rottete fünfundsechzigtausend seiner Mitchristen aus, bis er die Zurückberufung der Bischöfe, Genugtuung für den Papst und das Festhalten an dem Konzil von Chalcedon erwirkte, ein orthodoxer Vertrag, den der sterbende Anastasius widerwillig unterzeichnete, der Oheim des Justinian jedoch treu vollzog. Das war der Ausgang des ersten aller Religionskriege (514), die im Namen und von den Nachfolgern des Gottes des Friedens geführt worden sind.

Wir haben Justinian bereits in dem verschiedenartigen Licht eines Fürsten, eines Eroberers und eines Gesetzgebers gesehen. Als Theolog werden wir ihn jetzt kennenlernen, da die Theologie einen sehr bedeutenden Zug in seinem Charakter bildete. Der Souverän sympathisierte mit seinen Untertanen in ihrer Verehrung lebender und abgeschiedener Heiliger; sein Kodex und noch mehr seine Vorlagen bestätigen und erweitern die Vorrechte der Geistlichkeit, und in jedem Streite zwischen einem Mönche und einem Laien war er geneigt auszusprechen, daß Wahrheit, Unschuld und Gerechtigkeit sich stets auf Seite der Kirche befänden. In seinen öffentlichen und geheimen Andachtsübungen war der Kaiser emsig und musterhaft. Seine Gebete, Nachtwachen und Fasten trugen das Gepräge strenger Kasteiung. Er war überzeugt, daß er der persönlichen Eingebung Gottes teilhaftig geworden sei. Er hatte sich dem Schutz der heiligen Jungfrau und des Erzengels Michael anvertraut, und als er eines Tages von einer schweren Krankheit genas, wurde das der wunderbaren Hilfe der heiligen Märtyrer Cosmas und Damian zugeschrieben. Die Hauptstadt und die Provinzen des Ostens wurden mit den Denkmälern seiner Religion geschmückt, und obschon der weitaus größere Teil dieser kostspieligen Bauten seinem Geschmack oder seiner Prunksucht zugeschrieben werden muß, ist es doch wahrscheinlich, daß den Kaiser bei diesen Bauten ein echtes Gefühl der Liebe und Dankbarkeit gegen seine unsichtbaren Wohltäter leitete. Unter den kaiserlichen Titeln war ihm der Beiname Pius der angenehmste; die Förderung zeitlicher und geistlicher Wohlfahrt der Kirche betrachtete er als oberste Pflicht seines Lebens, und oft war er weniger Landesvater als Glaubensverteidiger. Die Streitigkeiten des Zeitalters sagten seinem Charakter und Verstande zu, und die eigentlichen Theologen mußten innerlich den Eifer eines Uneingeweihten belächeln, der ihre Kunst betrieb und seine eigene vernachlässigte. »Was könnt ihr«, sagte ein kühner Verschwörer zu seinen Genossen, »von eurem bigotten Tyrannen fürchten? Schlaflos und unbewaffnet sitzt er ganze Nächte in seiner Stube, beratschlagt mit geistlichen Graubärten und wendet die Blätter ihrer theologischen Bücher um.« Das Wissen aus diesen nächtlichen Studien wurde in mancher Besprechung entfaltet, in der Justinian als der lauteste und spitzfindigste Zänker glänzte, in mancher Predigt, die als Edikt oder Schreiben dem Reiche die Theologie seines Gebieters verkündete. Während die Barbaren in die Provinzen einbrachen, während die siegreichen Legionen unter den Fahnen Belisars und Narses' marschierten, begnügte sich der Nachfolger Trajans, unbekannt im Lager, an der Spitze einer Synode zu siegen. Wenn Justinian zu diesen Synoden einen unbeteiligten und verständigen Zuschauer eingeladen hätte, würde er erfahren haben können: »daß religiöses Gezänke das Kind des Hochmutes und der Torheit sei; daß echte Frömmigkeit am lobenswertesten sich durch Schweigen und Unterwerfung kundgebe; daß der Mensch, der seine eigene Natur nicht kennt, sich nicht vermessen solle, die Natur seines Gottes zu erforschen und daß es für uns zu wissen hinreiche, daß Macht und Güte die Eigenschaften der vollkommenen Gottheit sind.«

Duldung war nicht die Tugend der Zeiten und Milde gegen Empörer ist selten die Tugend der Fürsten gewesen. Wenn aber ein Fürst den engherzigen und reizbaren Charakter eines Zänkers hat, wird er leicht verleitet, den Mangel an Gründen durch die Fülle seiner Macht zu ersetzen und ohne Erbarmen diejenigen zu züchtigen, die sich geflissentlich gegen seine Beweise verschließen. Die Regierung Justinians bietet ein ununterbrochenes vielgestaltiges Schauspiel der Verfolgung. Er übertraf seine trägen Vorgänger sowohl in der Erfindung von Gesetzen, wie in der Strenge ihrer Ausführung. Drei Monate nur wurden für die Bekehrung oder Verbannung aller Ketzer festgesetzt, und wenn er ihnen nachsichtig einen unsicheren Aufenthalt gestattete, waren sie unter seinem eisernen Joch nicht nur der Wohltaten der Gesellschaft, sondern auch der allgemeinen Menschen- und Christenrechte beraubt. Nach vierhundert Jahren noch beseelte die Montanisten von Phrygien jener wilde Enthusiasmus für religiöse Schwärmer und Propheten, den sie von ihren männlichen und weiblichen Aposteln, den auserlesenen Werkzeugen des Parakletes, eingesogen hatten. Sobald sich ihnen katholische Priester und Soldaten näherten, griffen sie mit Freuden zur Märtyrerkrone. Versammlung- und Gemeindehaus wurden von den Flammen verzehrt, aber sogar noch dreihundert Jahre nach dem Tode ihres Tyrannen waren diese Urschwärmer nicht gänzlich vertilgt. Unter dem Schutze der gotischen Bundestruppen hatte die arianische Kirche in Konstantinopel der Strenge der Gesetze getrotzt: ihre Geistlichkeit tat es an Reichtum und Prunk dem Senate gleich, und das Gold und Silber, dessen sich der räuberische Justinian bemächtigte, konnte allenfalls als die den Provinzen abgenommene Beute und als die Trophäe der Barbaren in Anspruch genommen werden. Es gab noch immer unter den Menschen, sowohl in hohen wie in niederen Kreisen, heimliche Heiden. Sie erregten die Entrüstung der Christen, die es vielleicht nicht gern sahen, daß Fremdlinge Zeugen ihrer inneren Zwistigkeiten waren. Ein Bischof wurde zum Glaubensinquisitor ernannt. Er entdeckte bald am Hofe wie in der Stadt Beamte, Rechtsgelehrte, Ärzte und Sophisten, die noch immer dem Aberglauben der Griechen anhingen. Ihnen wurde allen Ernstes bedeutet, daß sie ohne Verzug zwischen dem Mißfallen Jupiters und der Ungnade Justinians zu wählen hätten und daß sie ihren Abscheu gegen das Evangelium nicht länger unter der Ärgernis erregenden Maske der Gleichgültigkeit oder Gottlosigkeit verbergen dürften. Der Patrizier Photius war vielleicht der einzige, der wie seine Ahnen zu leben und zu sterben entschlossen war; er tötete sich mit seinem Dolche und ließ seinem Tyrannen die armselige Genugtuung, daß dieser seinen leblosen Körper schimpflich aussetzen lassen konnte. Seine schwächeren Glaubensgenossen unterwarfen sich ihrem irdischen Monarchen, unterzogen sich den Zeremonien der Taufe und waren bestrebt, durch außergewöhnlichen Eifer den Verdacht der Götzendienerei von sich abzuwälzen oder deren Schuld zu sühnen. Das Vaterland Homers, Schauplatz des trojanischen Krieges, bewahrte noch die letzten Spuren seiner Mythologie; durch die Emsigkeit desselben Bischofs wurden siebzigtausend Heiden in Kleinasien, Phrygien, Lydien und Karien entdeckt und bekehrt, sechsundneunzig Kirchen für die neuen Proselyten gebaut und durch die fromme Freigebigkeit Justinians mit leinenen Gewändern, Bibeln, Liturgien und goldenen und silbernen Gefäßen versehen. Die Juden, die nach und nach ihrer Freiheit beraubt worden waren, wurden durch ein drückendes Gesetz gequält, das sie zwang, das Osterfest an demselben Tage zu begehen, an welchem es von den Christen gefeiert wurde. Sie hatten um so mehr Grund sich zu beklagen, weil die Katholiken selbst mit den astronomischen Berechnungen ihres Souveräns nicht übereinstimmten: das Volk von Konstantinopel verzögerte den Anfang der Fasten um eine ganze Woche nach dem Zeitpunkte, der schließlich von der Behörde festgesetzt worden war, und es hatte das Vergnügen, sieben Tage zu fasten, während auf Befehl des Kaisers Fleisch zum Verkauf ausgeboten wurde. Die Samaritaner von Palästina waren ein bunt durcheinander gewürfelter Menschenstamm, eine zweifelhafte Sekte, von den Heiden als Juden, von den Juden als Schismatiker, von den Christen als Götzendiener verworfen. Schon war das von ihnen verabscheute Kreuz auf ihrem heiligen Berge Garizim aufgepflanzt worden; aber die Verfolgung des Justinian ließ ihnen nur die Wahl zwischen Taufe und Empörung. Sie wählten die letztere, erhoben sich unter der Fahne eines verzweifelten Führers und rächten die erlittenen Unbilden an dem Leben, dem Eigentume und den Tempeln eines wehrlosen Volkes. Die Samaritaner wurden zuletzt durch die regulären Truppen des Ostens unterworfen. Zwanzigtausend fanden den Tod, zwanzigtausend verkauften die Araber an die Ungläubigen von Persien und Indien, und der Rest dieses unglücklichen Volkes sühnte das Verbrechen des Hochverrates mit der Sünde der Heuchelei. Man hat berechnet, daß in dem samaritanischen Kriege, der die einst fruchtbare Provinz in eine menschenleere und kahle Wildnis verwandelte, einhunderttausend römische Untertanen ausgerottet wurden. Aber nach dem Glaubensbekenntnisse Justinians war die Niedermetzelung Ungläubiger kein Mord, und er bestrebte sich frommer Weise, die Einheit des christlichen Glaubens mit Feuer und Schwert herzustellen.

Bei solchen Gesinnungen lag ihm ob, wenigstens immer auf dem rechten Pfade zu bleiben. In den ersten Jahren seiner Regierung zeigte er seinen Eifer als Schüler und Beschützer der Rechtgläubigen. Nach Aussöhnung der Griechen mit den Lateinern wurde das Tome des heiligen Leo als das Glaubensbekenntnis des Kaisers und des Reiches aufgestellt. Die Nestorianer und Eutychianer waren auf beiden Seiten mit doppelter Schärfe der Verfolgung preisgegeben, und die vier Synoden von Nicäa, Konstantinopel, Ephesus und Chalcedon wurden in einem Kodex von einem katholischen Gesetzgeber genehmigt. Aber während Justinian die Einheit des Glaubens und Gottesdienstes zu bewahren strebte, hatte seine Gattin Theodora, deren Laster offenbar mit Frömmelei nicht unvereinbar waren, den monophysitischen Lehren Gehör geschenkt, und die offenen und heimlichen Feinde der Kirche erhoben sich wieder und vermehrten sich bei dem Lächeln ihrer gnadenreichen Beschützerin. Hauptstadt, Palast und Ehebett wurden durch geistliche Zwietracht zerrüttet. So zweifelhaft war aber die Aufrichtigkeit des kaiserlichen Paares, daß ihre scheinbare Uneinigkeit von vielen einem geheimen und verderblichen Bündnisse gegen die Religion und das Glück des Volkes zugeschrieben wurde. Der berühmte Streit, betreffend die drei Kapitel, der mehr Bände gefüllt hat als er Zeilen verdienen würde, trägt tiefe Spuren dieses spitzfindigen und unaufrichtigen Geistes. Dreihundert Jahre waren nun verflossen, seit der Körper des Origenes im Grabe verfaulte. Seine Seele, an deren Vorhandensein er geglaubt hatte, befand sich in den Händen ihres Schöpfers, aber seine Schriften wurden von den Mönchen von Palästina gierig gelesen. Der scharfsichtige Justinian vermochte in diesen Schriften mehr als zehn metaphysische Irrtümer zu entdecken, und der Urvater wurde gemeinsam mit Pythagoras und Plato durch die Geistlichkeit den ewigen Höllenflammen überliefert, die er zu leugnen gewagt hatte. Unter dem Deckmantel dieses Vorspieles wurde ein verräterischer Streich gegen das Konzil von Chalcedon geführt. Die Kirchenväter hatten mit Ungeduld dem Lobe Theodors von Mopsu Hestia zugehört; sie hatten gerechterweise oder mit Nachsicht sowohl Theodoret von Cyrrhus als auch Ibas von Edessa wieder in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen. Aber diese orientalischen Bischöfe waren mit Ketzerei befleckt, die man ihnen vorwarf; der erste war der Lehrer, die beiden anderen waren die Freunde des Nestorius gewesen. Die verdächtigsten Stellen wurden unter dem Titel der drei Kapitel angeprangert, und durch ihre Verdammung mußte die Ehre einer Synode angetastet werden, deren Name von der ganzen katholischen Welt mit aufrichtiger oder vorgeblicher Ehrfurcht genannt wurde. Wenn diese Bischöfe, sie mochten nun schuldig oder unschuldig sein, im Tode Vernichtung gefunden hatten, weckte sie wahrscheinlich das Geschrei nicht, das hundert Jahre später über ihren Gräbern erhoben wurde. Und wenn sie sich bereits in den Fängen des Satans befanden, konnten ihre Qualen durch Menschen weder verstärkt noch gemildert werden. Erfreuten sie sich dagegen in der Gemeinschaft der Heiligen und Engel des Lohnes ihrer Frömmigkeit, so mußten sie die eitle Wut der theologischen Insekten belächeln, die noch auf der Oberfläche der Erde krochen. Das vorderste dieser Insekten, der römische Kaiser, streckte seinen Stachel und spritzte sein Gift aus, vielleicht ohne die eigentlichen Beweggründe der Theodora und ihrer kirchlichen Partei zu sehen. Die Opfer waren seiner Gewalt nicht mehr unterworfen, und der Stil seiner heftigen Edikte konnte nur ihre Verdammung kundtun und die Geistlichkeit des Ostens auffordern, mit ihm im vollen Chore Bannflüche und Verwünschungen auszustoßen. Der Osten pflichtete etwas zögernd seinem Souverän bei. Die fünfte allgemeine Kirchenversammlung, aus drei Patriarchen und einhundertfünfundsechzig Bischöfen bestehend, wurde in Konstantinopel (533) abgehalten; die Verfasser sowie die Verteidiger der drei Kapitel wurden aus der Gemeinschaft der Heiligen ausgeschlossen und dem Fürsten der Finsternis feierlich überantwortet. Die lateinischen Kirchen jedoch hielten fester an der Ehre Leos und der Synode von Chalcedon, und wenn sie wie gewöhnlich unter dem Banner Roms gestritten hätten, würden sie vernunftgemäß und nach menschlichem Ermessen vielleicht gesiegt haben. Aber ihr Oberhaupt war Gefangener ihres Feindes. Der durch Simonie geschändete Thron des heiligen Petrus wurde durch den feigen Vigilius verraten, der nach langem, unstetem Kampfe dem despotischen Justinian und den sophistischen Griechen nachgab. Seine Abtrünnigkeit erbitterte die Lateiner, und nur zwei Bischöfe fanden sich, um ihre Hände seinem Diakon und Nachfolger Pelagius segnend aufzulegen. Aber die beharrlichen Päpste stempelten allmählich ihre Gegner mit dem Namen Schismatiker; die Kirchen von Illyrien, Afrika und Italien wurden durch bürgerliche und kirchliche Obrigkeiten nicht ohne einige Hilfe des Militärs unterdrückt. Die Barbaren bekannten sich zum Glauben des Vatikans, und nach Ablauf eines Jahrhunderts nahm auch die Spaltung wegen der drei Kapitel ein Ende, die in Aquileja im Jahre 698 gänzlich behoben wurde. Aber die religiöse Unzufriedenheit der Italiener hatte bereits die Eroberungen der Langobarden gefördert, und die Römer selbst waren gewohnt, an dem Glauben ihres byzantinischen Tyrannen zu zweifeln und seine Regierung zu verabscheuen. Justinian ging in dem schwierigen Unternehmen, seine und seiner Untertanen unbeständige Meinungen zu festigen, weder stetig noch folgerichtig vor. In seiner Jugend erbitterte ihn die geringste Abweichung von der Rechtgläubigkeit; in seinen allen Tagen überschritt er das Maß gemäßigter Ketzerei, und sowohl Jakobiten als auch Katholiken nahmen Anstoß an seiner Erklärung, daß der Leib Christi unverweslich sei und er im Mannesalter weder die Bedürfnisse noch die Schwächen fühlte, die unseres Fleisches Erbteil sind. Diese phantastische Meinung wurde in den letzten Edikten Justinians verkündigt, und im Augenblicke seines Verscheidens hatte sich die Geistlichkeit geweigert, ihnen Folge zu leisten. Der Fürst war zur Verfolgung und das Volk zum Märtyrertume und Widerstand entschlossen. Der Bischof Nicetius von Trier redete aus sicherer Ferne jenseits der Grenzen seiner Gewalt den Monarchen des Ostens mit Worten der Macht und Liebe an: »Erhabener Justinian, gedenke deiner Taufe und deines Glaubensbekenntnisses. Beflecke deine grauen Haare nicht mit Ketzerei. Rufe deine Kirchenväter aus der Verbannung, deine Anhänger vom Verderben zurück. Es kann dir nicht unbekannt sein, daß bereits Italien und Gallien, Spanien und Afrika deinen Fall beklagen und deinen Namen mit Anathemen belegen. Wenn du nicht ohne Verzug widerrufst, was du gelehrt hast, wenn du nicht mit lauter Stimme ausrufst, ich habe mich geirret, ich habe gesündigt, Fluch dem Nestorius, Fluch dem Eutyches, so wirst du deine Seele denselben Flammen überliefern, in denen die ihrigen ewig brennen werden!« Justinian starb ohne Zeichen der Reue. Sein Tod stellte den Frieden der Kirche einigermaßen wieder her, und die Regierungen seiner vier Nachfolger, Justin, Tiberius, Mauritius und Phocas, sind wegen dem seltenen aber glücklichen Umstand hervorzuheben, daß sie nicht in der Kirchengeschichte des Orients aufscheinen. Sinne und Vernunft können am wenigsten auf sich selber einwirken; das Auge ist dem Sehen, die Seele dem Denken höchst unzugänglich und doch denken wir, ja fühlen sogar, daß ein Wille, ein einziges Prinzip des Handelns zu unserem vernünftigen und selbstbewußten Sein wesentlich notwendig ist. Als Heraklius aus dem persischen Kriege zurückkam, befragte der rechtgläubige Held seine Bischöfe, ob der Christus, den er anbete, in einer Person, aber zwei Naturen unter dem Einfluß eines einzigen oder doppelten Willens stände. Sie antworteten, er sei ein einziges Wesen, und der Kaiser fühlte sich ermuntert, die Jakobiten von Ägypten und Syrien durch das Bekenntnis zu einer Lehre auszusöhnen, die ganz gewiß harmlos, ja wahrscheinlich richtig war, da sie sogar von den Nestorianern selbst gelehrt wurde. Der Versuch hatte keinen Erfolg, und die furchtsamen oder fanatischen Katholiken vermieden sogar den Schein eines Rückzuges vor einem schlauen und verwegenen Feind. Die rechtgläubige (herrschende) Partei erfand neue Arten des Ausdruckes, der Frage, der Auslegung; jede der beiden Naturen Christi begabten sie mit einer eigentümlichen und besonderen Willenskraft; aber der Unterschied entzog sich dem Verständnis, sowie sie behaupteten, der menschliche und göttliche Wille sei unwandelbar der gleiche. Diese krankhafte Streitsucht war von den gewöhnlichen Symptomen begleitet, die griechischen Geistlichen jedoch, wie gesättigt von dem endlosen Streite über die Menschwerdung, träufelten heilsamen Rat in das Ohr des Fürsten und des Volkes. Sie erklärten sich als Monotheleten (Verteidiger der Einheit des Willens), aber sie behandelten die Worte als neu, die Fragen als überflüssig und empfahlen religiöses Schweigen als der Klugheit und Milde des Evangeliums am angemessensten. Dieses Gebot des Schweigens wurde nacheinander durch die Ekthesis oder Auseinandersetzung des Heraklius (639), durch den Typus oder das Muster seines Enkels Konstans (648) auferlegt, und die Patriarchen von Rom, Konstantinopel, Alexandria und Antiochia unterschrieben die kaiserlichen Edikte teils mit Freuden, teils mit Widerstreben. Aber der Bischof und die Mönche von Jerusalem schlugen Lärm; die lateinischen Kirchen gewahrten in der Sprache, ja sogar im Stillschweigen der Griechen eine versteckte Ketzerei, und der Gehorsam des Papstes Honorius gegen die Befehle seines Souveräns wurde durch seine kühneren und unwissenden Nachfolger verleugnet und getadelt. Sie verdammten die fluchwürdige und abscheuliche Ketzerei der Monotheleten, welche die Irrlehren eines Manes, eines Apollinaris, eines Eutyches u. a. wieder auffrischten; sie unterzeichneten das Urteil der Ausschließung aus der Kirchengemeinschaft auf dem Grabe des heiligen Petrus; die Tinte wurde mit dem Abendmahlweine, Christi Blut, vermengt, und keine Feierlichkeit wurde unterlassen, die ein gläubiges Gemüt mit Schauder und Entsetzen erfüllen mußte. Als Stellvertreter der abendländischen Kirche anathematisierten Papst Martin und seine laleranensische Synode das treulose und verbrecherische Stillschweigen der Griechen; einhundertfünf italienische Bischöfe, die meisten Konstans' Untertanen, erdreisteten sich, seinen ruchlosen Typus und die gottlose Ekthesis seines Großvaters zu verwerfen und die Verfasser wie ihre Anhänger mit einundzwanzig berüchtigten Ketzern, den Abtrünnigen der Kirche und Stimmführern des Teufels, auf eine Stufe zu stellen. Eine solche Beschimpfung konnte auch unter der mildesten Regierung nicht unbestraft bleiben. Papst Martin endete seine Tage auf dem ungastlichen Gestade des taurischen Chersonesus, und seinem Orakel, dem Abt Maximus, wurde auf unmenschliche Weise die Zunge herausgerissen und die rechte Hand abgeschnitten. Aber derselbe unbezähmbare Geist lebte in ihren Nachfolgern fort, und die triumphierenden Lateiner rächten ihre neuerliche Niederlage und verwischten die Schmach der drei Kapitel. Die Synoden von Rom wurden in der sechsten allgemeinen Versammlung von Konstantinopel (7. November 680 bis 16. September 681) im Palaste und in Gegenwart eines neuen Konstantin, eines Abkömmlings des Heraklius, bestätigt. Der kaiserliche Bekehrer bekehrte den byzantinischen Patriarchen und die Mehrheit der Bischöfe; die Dissidenten wurden mit ihrem Oberhaupte, Macarius von Antiochia, zu den geistlichen und weltlichen Strafen der Ketzerei verurteilt. Der Osten nahm schließlich die Lehren des Westens an, und es ward jener Glaube festgesetzt, der die Katholiken lehrt, daß zwei Willen oder Willenskräfte in der Person Christi vereint sind. Die Majestät des Papstes und der römischen Synode wurde durch zwei Priester, einen Diakon und drei Bischöfe vertreten; aber diese unbekannten Lateiner besaßen weder Waffen für den Zwang, noch Schätze zur Bestechung, noch Worte zur Überredung, und ich weiß nicht, wodurch es ihnen gelang, den stolzen griechischen Kaiser zu bewegen, den Katechismus seiner Kindheit abzuschwören und die Religion seiner Väter zu verfolgen. Vielleicht waren Mönche und Volk von Konstantinopel dem lateranensischen Glauben günstig, obwohl er in der Tat der minder begünstigte von beiden ist, eine Vermutung, die durch die unnatürliche Mäßigung der griechischen Geistlichkeit unterstützt wird, die sich in diesem Kampfe ihrer Schwäche bewußt zu sein schien. Während die Synode beriet, schlug ein Schwärmer eine raschere Entscheidung durch Erweckung eines Toten zum Leben vor; die Prälaten wohnten dem Versuche bei, aber das offenbare Mißlingen deutet an, daß die Monotheleten die Leidenschaften und Vorurteile der Menge nicht auf ihrer Seite hatten. Als in der nächsten Generation der Sohn Konstantins von den Jüngern des Macarius abgesetzt und erschlagen wurde, genossen sie die Wonnen der Rache und Herrschaft; das Bild der sechsten Kirchenversammlung wurde verstümmelt und die Originalakten den Flammen überliefert. Zwei Jahre später jedoch wurde ihr Beschützer vom Throne gestürzt, die Bischöfe des Ostens wurden von ihrer durch die Umstände hervorgerufenen Übereinstimmung erlöst, der römische Glaube ward durch die orthodoxen Nachfolger des Bardanes wieder befestigt, und man vergaß die schönen Probleme der Menschwerdung über dem volkstümlicheren Streit um die Bilderverehrung.

Vor Ende des siebenten Jahrhunderts wurde die Lehre der Menschwerdung, die in Rom und Konstantinopel festgesetzt worden war, gleichfalls auf den fernen Inseln Britannien und Irland gepredigt. Dieselben Begriffe wurden von allen Christen, deren Liturgie in griechischer oder lateinischer Sprache gehalten ward, anerkannt oder vielmehr dieselben Worte wiederholt. Ihre Anzahl so wie ihr sichtbarer Glanz gaben ihnen einen Anspruch auf den Namen Katholiken, aber im Osten wurden sie mit dem minder ehrenvollen Namen Melchiten oder Königsdiener belegt, Menschen, deren Glaube, statt auf den Grundlagen der Schrift, Vernunft oder Überlieferung zu beruhen, durch die willkürliche Gewalt eines zeitlichen Monarchen festgesetzt worden war und noch fortwährend aufrechterhalten wurde. Ihre Gegner konnten die Worte der Kirchenväter von Konstantinopel anführen, die sich selbst als Sklaven des Königs bekannten; sie konnten mit boshafter Freude erzählen, wie die Beschlüsse von Chalcedon durch den Kaiser Marcian und seine jungfräuliche Gemahlin eingegeben und abgeändert wurden. Die herrschende Partei schärft ganz natürlich die Pflicht der Unterwerfung ein, und nicht minder natürlich ist es, daß die Dissidenten die Grundsätze der Freiheit fühlen und verteidigen. Unter der Geißel der Verfolgung arteten die Nestorianer und Monophysiten in Rebellen und Flüchtlinge aus, und den ältesten und nützlichsten Bundesgenossen Roms wurde gelehrt, den Kaiser nicht als das Haupt, sondern als den Feind der Christen zu betrachten. Die Sprache, das leitende Prinzip, das die Menschen vereinigt oder trennt, unterschied bald die Sektierer des Ostens durch ein besonderes und dauerndes Abzeichen, das jeden Verkehr und jede Hoffnung auf Versöhnung zunichte machte. Die lange Herrschaft der Griechen, ihre Kolonien und vor allem ihre Beredsamkeit, hatte eine Sprache verbreitet, ohne Zweifel die vollkommenste, die Menschenkunst je erfunden hat. Aber die Masse des Volkes, sowohl in Syrien als in Ägypten, beharrte auf dem Gebrauch ihrer Nationalsprache, jedoch mit dem Unterschiede, daß die Koptische auf die rohen und schriftunkundigen Bauern des Nils beschränkt blieb, während das Syrische von dem assyrischen Gebirge bis zum Roten Meere der Dichtkunst und Lehre vorbehalten war. Nach Armenien und Abessinien war die griechische Sprache und Gelehrsamkeit gedrungen, und die barbarischen, durch die Studien des neuen Europa aufgefrischten Sprachen dieser Länder wurden von den Bewohnern des römischen Reiches nicht verstanden. Das Syrische und Koptische, das Armenische und Äthiopische ist dem Dienste ihrer Kirchen geweiht und ihre Theologie durch einheimische Übersetzungen der heiligen Schrift als auch der beliebtesten Kirchenväter bereichert. Der Funke des Streites, der zuerst durch eine Predigt des Nestorius entzündet worden war, glüht noch heute im Orient weiter, und die feindseligen Gemeinden bewahren noch immer den Glauben und die Kircheneinrichtungen ihrer Stifter. In ihrer Unwissenheit, Armut und Knechtschaft verwarfen die Nestorianer und Monophysiten die geistliche Oberhoheit Roms und liebten ihre türkischen Gebieter, die ihnen gestatteten, einerseits den heiligen Cyrill und die Synode von Chalcedon, anderseits den Papst Leo und das Konzil von Ephesus zu anathematisieren. Die Rolle, die sie bei dem Sturze des orientalischen Reiches spielten, fordert unsere Aufmerksamkeit, und der Leser mag sich mit den verschiedenen Schilderungen begnügen: I. der Nestorianer; II. der Jakobiten; III. der Maroniten; IV. der Armenier; V. der Kopten; VI. der Abessinier. Den drei ersteren ist das Syrische gemeinsam, von den letzteren Sekten hat jede eine eigene Nationalsprache. Die jetzigen Bewohner von Armenien und Abessinien wären aber unfähig, mit ihren Altvordern zu reden, und die Christen von Ägypten und Syrien, welche die Religion der Araber verwarfen, haben deren Sprache angenommen. Die Zeit hat das Priestertum unterstützt, und im Osten wie im Westen wird Gott in einer veralteten Sprache angerufen, welche die Mehrzahl der Gemeinde nicht versteht.

I. Die ketzerische Lehre des unglücklichen Nestorius erlosch sehr schnell sowohl in seinem Geburtslande als in seinem bischöflichen Sprengel. Die orientalischen Bischöfe, die in Ephesus in seiner Gegenwart dem anmaßenden Cyrill Widerstand geleistet hatten, ließen sich durch dessen spätere Zugeständnisse erweichen. Dieselben Prälaten oder ihre Nachfolger unterzeichneten ohne Widerrede die Beschlüsse von Chalcedon; die Macht der Monophysiten söhnte sie mit den Katholiken in Übereinstimmung leidenschaftlichen Fanatismusses, des Eigennutzes und der Toleranz aus, und ihr letztes Widerstreben erlosch bei der Verteidigung der drei Kapitel. Ihre Brüder, die entweder minder gemäßigt oder aufrichtiger waren, wurden durch Gesetze unterdrückt, und schon zur Zeit des Regierungsanfanges Justinians hielt es schwer, eine nestorianische Kirche innerhalb der Grenzen des römischen Reiches zu finden. Jenseits dieser Grenzen hatten sie eine neue Welt entdeckt, wo sie auf Freiheit hoffen und nach Eroberung streben konnten. In Persien hatte trotz des Widerstandes der Magier das Christentum tiefe Wurzel gefaßt, und die Völker des Ostens ruhten in seinem heilbringenden Schatten. Der Katholikos oder Primas residierte in der Hauptstadt; er und seine Metropoliten, Bischöfe und Geistlichkeit stellten den Glanz und die Ehren einer geordneten Hierarchie dar. Sie freuten sich der Zunahme der Proselyten, die sich vom Zendavest zum Evangelium, vom weltlichen zum mönchischen Leben bekehrten, und ihr Eifer wurde durch die Anwesenheit eines schlauen und furchtbaren Feindes angestachelt. Die persische Kirche war von syrischen Glaubensboten gestiftet worden, deren Sprache, Kirchenzucht und Lehren eng mit ihrer ursprünglichen Einrichtung verwoben waren. Der Katholikos wurde von seinen eigenen Suffraganen gewählt, aber seine Sohnesabhängigkeit von den Patriarchen von Antiochia wird von den Canones der orientalischen Kirche bezeugt. In der persischen Schule in Edessa erlernten die kommenden Geschlechter getreulich ihre theologische Sprache; sie studierten die syrische Übersetzung der zehntausend Bände Theodors von Mopsu Hestia und verehrten den apostolischen Glauben und das heilige Märtyrertum seines Schülers Nestorius, dessen Person und Sprache den Völkern jenseits des Tigris gleich unbekannt waren. Die erste unverlöschliche Lehre des Bischofs Ibas von Edessa unterwies sie, die Ägypter zu verfluchen, die auf der Synode von Ephesus die beiden Naturen Christi gottloserweise verschmolzen hatten. Die Flucht der Lehrer und Schüler, die aus dem Athen Syriens zweimal vertrieben wurden, erzeugte eine Schar Missionäre, entflammt durch Religionseifer und Rache. Und die strenge Einheit der Monophysiten, die unter den Regierungen des Zeno und Anastasius auf den Thronen des Ostens saßen, reizte ihre Gegner in einem freien Lande, eher eine moralische als eine physische Einheit der beiden Naturen Christi zu behaupten. Seit der ersten Verkündigung des Evangeliums hatten die sassanidischen Könige mit argwöhnischen Blicken ein Geschlecht Fremder und Abtrünniger betrachtet, welche die Religion der Erbfeinde ihres Vaterlandes angenommen hatten und deren Sache unterstützten. Die königlichen Edikte hatten ihnen oft den gefährlichen Verkehr mit der syrischen Geistlichkeit verboten; diese fortschreitende Spaltung war dem eifersüchtigen, stolzen Perozes willkommen, und er schenkte einem schlauen Prälaten Gehör, der Nestorius als Persiens Freund schilderte und in ihn drang, sich die Treue seiner christlichen Untertanen dadurch zu sichern, daß er den Opfern und Feinden des römischen Tyrannen einen gerechten Vorzug einräume. Die Mehrzahl des Volkes und der Geistlichkeit waren Nestorianer; sie wurden durch die Gunst des Despoten ermutigt und mit dessen Schwerte bewaffnet. Viele ihrer schwächeren Brüder erschraken aber bei dem Gedanken, sich von der christlichen Welt gänzlich loszusagen, und der Tod von siebentausendsiebenhundert Monophysiten oder Katholiken festigte die Einheit des Glaubens und der Verfassung der persischen Kirchen. Ihre kirchlichen Einrichtungen zeichneten sich durch ein freisinniges Prinzip der Vernunft oder wenigstens der Politik aus. Die klösterliche Strenge ließ nach und wurde langsam vergessen. Milde Stiftungen wurden für die Erziehung der Waisen und Findlinge errichtet. Das Gesetz des Zölibates, das die Griechen und Lateiner so dringend empfahlen, blieb von der persischen Geistlichkeit unberücksichtigt, und die Zahl der Vermählten wurde durch die öffentlichen und wiederholten Ehen der Priester, Bischöfe, ja selbst des Patriarchen vermehrt. Unter diese Fahne natürlicher und religiöser Freiheit strömten aus allen Provinzen des morgenländischen Reiches Scharen von Flüchtlingen; die engherzige Bigotterie Justinians wurde durch die Auswanderung seiner fleißigsten Untertanen bestraft. Sie brachten die Kriegskunst, Literatur und Wissenschaften nach Persien, und diejenigen, die würdig waren vorgezogen zu werden, wurden im Dienste eines einsichtsvollen Monarchen befördert. Den Heeren Nushirwans leisteten die verzweifelten Sektierer, die noch in ihren Vaterstädten des Ostens verborgen waren, Beistand mit Rat, Geld und Truppen. Für ihren Eifer wurden sie mit den Kirchen der Katholiken belohnt. Als aber diese Städte und Kirchen von Heraklius wieder erobert wurden, zwang sie ihr offenkundiger Hochverrat und ihre Ketzerei, Zuflucht in dem Reiche ihres auswärtigen Verbündeten zu suchen. Aber die scheinbare Ruhe der Nestorianer wurde oft gefährdet und zuweilen erschüttert. Sie waren in die allgemeinen Übel des orientalischen Despotismus verstrickt; ihre Feindschaft gegen Rom vermochte nicht immer ihre Anhänglichkeit an das Evangelium zu sühnen. Einer Kolonie von dreihunderttausend Jakobiten, den Gefangenen von Antiochia und Apamea wurde erlaubt, einen Altar vor dem Katholikos und im Sonnenglanze des Hofes zu errichten. Justinian hatte in seinen letzten Vertrag einige Bedingungen einfließen lassen, die darauf abzielten, die Duldung der Christen in Persien zu vergrößern und ihre Stellung zu befestigen. Der Kaiser, dem Gewissensbisse fremd waren, vermochte allerdings die Ketzer, welche die Autorität der heiligen Synoden leugneten, weder zu bemitleiden noch zu achten, aber er hoffte, daß sie allmählich die Vorteile einer Vereinigung mit dem römischen Reich und der römischen Kirche einsehen würden, und wenn es ihm auch nicht gelang, ihre Dankbarkeit zu gewinnen, so konnte er doch hoffen, die Eifersucht ihres Souveräns gegen sie zu erregen. In viel späterer Zeit ließ der allerchristlichste König wegen des Glaubens und aus politischen Gründen die Lutheraner in Paris verbrennen und in Deutschland beschützen.

Der Wunsch, Seelen für Gott und Untertanen für die Kirche zu gewinnen, hat zu allen Zeiten die Tätigkeit der christlichen Priester angespornt. Nach der Eroberung von Persien trugen sie ihre geistlichen Waffen nach dem Norden, Osten und Süden, und das einfache Evangelium wurde mit den Farben der syrischen Theologie bemalt und geschmückt. Im sechsten Jahrhundert wurde nach den Berichten eines nestorianischen Reisenden das Christentum mit Erfolg den Baktrianern, Hunnen, Persern, Indern, Persarmeniern, Medern und Elamiten gepredigt. Vom Persischen Meerbusen bis zum Kaspischen Meere gab es unzählige Kirchen der Barbaren, und ihr neuerworbener Glaube leuchtete durch die Zahl und Heiligkeit ihrer Mönche und Märtyrer. Die Pfefferküste von Malabar und die Inseln des Ozeans, Soctora und Ceylon bevölkerten sich mit einer immer zunehmenden Menge Christen, und die Bischöfe und Geistlichen dieser entlegenen Gegend empfingen ihre Ordination von dem Katholikos in Babylon. In späterer Zeit überschritten die glaubenseifrigen Nestorianer die Schranken, die den ehrgeizigen und neugierigen Griechen und Persern gesetzt waren. Die Missionäre von Balch und Samarkand folgten ohne Furcht den wandernden Tartaren und schlichen sich in die Lager der Imaustäler und an den Ufern der Selinga ein. Sie setzten diesen unkundigen Hirten metaphysische Glaubenslehren auseinander und empfahlen diesen blutdürstigen Kriegern Menschlichkeit und Ruhe. Ein Khan, dessen Macht sie ruhmredig übertrieben, soll sogar aus ihren Händen das Sakrament der Taufe, ja selbst der Priesterweihe empfangen haben, und der Name Priester oder Presbyter Johann hielt lange das leichtgläubige Europa in Atem. Man gestattete dem königlichen Bekehrten den Gebrauch eines tragbaren Altars; aber er schickte eine Gesandtschaft an den Patriarchen, um anzufragen, wie er sich in der Fastenzeit der tierischen Nahrung enthalten und wie er das heilige Abendmahl in einer Wüste, die weder Korn noch Wein hervorbringt, feiern solle. Die Nestorianer betraten bei ihren Reisen zu Wasser und zu Land China durch den Hafen von Kanton und durch die nördliche Residenz von Sigan. Unähnlich den römischen Senatoren, welche die Rolle von Priestern und Auguren mit einem Lächeln übernahmen, sind die Mandarine, die sich öffentlich als Philosophen geberden, in ihren Häusern jeder Art von Aberglauben ergeben. Sie ehrten und vermengten die Götter von Palästina und Indien, aber die Ausbreitung des Christentums weckte die Eifersucht des Staates, und nach kurzer Gunst und Verfolgung kam die fremde Sekte in Vergessenheit. Unter der Herrschaft der Kalifen war die nestorianische Kirche von China bis Jerusalem und Cypern verbreitet, und man berechnete, daß ihre Angehörigen samt den Jakobiten die Zahl der griechischen und lateinischen Gemeinden überstiegen. Ihre Hierarchie bestand aus fünfundzwanzig Metropoliten oder Erzbischöfen, aber mehrere von ihnen waren wegen der Entfernung und den Gefahren, welche die Wege unsicher machten, von persönlicher Amtsverwaltung unter der Bedingung befreit, daß sie ihren Glauben und ihren Gehorsam alle sechs Jahre dem Katholikos oder Patriarchen von Babylon bezeigen sollten: eine unbestimmte Formulierung, die nacheinander auf die königlichen Residenzen von Seleukia, Ktesiphon und Bagdad angewendet worden ist. Diese fernen Zweige sind seit langer Zeit ausgestorben, und der alte patriarchalische Stamm teilt sich jetzt in die Elidschahs von Mosul, die fast in gerader Linie von den echten und ursprünglichen Repräsentanten hergeleitet werden können, die Josephs von Amida, die mit der römischen Kirche ausgesöhnt sind, und die Simeone von Van oder Ormia, die von den persischen Sophis im sechzehnten Jahrhundert an der Spitze von vierzigtausend Familien aufgewiegelt wurden. Man gibt jetzt die Gesamtzahl der Nestorianer, die als Chaldäer oder Assyrer mit der gelehrtesten und mächtigsten Nation der orientalischen Länder im Altertum identifiziert werden, auf dreihunderttausend an.

Nach der Legende des Altertums predigte der heilige Thomas in Indien das Evangelium. Gegen Ende des neunten Jahrhunderts wurde sein Grab in der Nähe von Madras von den Gesandten König Alfreds besucht. Eine Ladung Perlen und Gewürze, die sie mitbrachten, belohnte den Eifer des englischen Monarchen, der die ausgedehntesten Pläne für Handel und Entdeckungsreisen hegte. Als die Portugiesen zuerst den Seeweg nach Indien fanden, waren die Christen des heiligen Thomas seit Jahrhunderten an der Küste von Malabar ansässig, und die Verschiedenheit ihres Charakters und ihrer Hautfarbe bezeugte die Beimischung des Blutes eines fremden Stammes. An Waffentüchtigkeit, in den Künsten, vielleicht auch an Tugend übertrafen sie die Eingeborenen von Hindostan. Die Landwirte pflanzten Palmen, die Kaufleute wurden durch den Pfefferhandel reich, die Soldaten hatten vor den Nairen oder Edlen von Malabar den Vorrang, und ihre Vorrechte wurden aus Dankbarkeit oder Furcht von den Königen von Kochin, ja sogar von den Zamorin geachtet. Sie erkannten einen Hindu-Souverän an, wurden aber in Wirklichkeit von dem Bischof von Angamala regiert. Er führte seinen alten Titel eines Patriarchen von Hindostan, seine tatsächliche Gerichtsbarkeit jedoch erstreckte sich über vierzehnhundert Kirchen, und er war mit der Obsorge über zweihunderttausend Seelen betraut. Ihre Religion würde sie zu den festesten und wärmsten Bundesgenossen der Portugiesen gemacht haben, aber die Inquisitoren entdeckten bald in den Christen des heiligen Thomas die unverzeihliche Schuld der Ketzerei und des Schismas. Statt sich als Untertanen des römischen Papstes, des geistlichen und weltlichen Monarchen des Erdballs zu bekennen, hingen sie wie ihre Vorfahren der Kirchengemeinschaft des nestorianischen Patriarchen an. Die Bischöfe, die er zu Mosul ordinierte, trotzten den Gefahren des Meeres und des Landes, um ihren Sprengel an der Küste von Malabar zu erreichen. In ihrer syrischen Liturgie geschah der Namen Theodor und Nestorius fromme Erwähnung; sie beteten die beiden Naturen Christi vereint an. Der Name Mutter Gottes beleidigte ihr Ohr, und sie ließen der Jungfrau Maria, die der lateinische Glaube fast zum Range einer Göttin erhoben hatte, nur wenig Ehren zukommen. Als ihr Bild den Schülern des heiligen Thomas zuerst gezeigt wurde, riefen sie entrüstet aus: »Wir sind Christen, keine Götzendiener!« Bei ihrer einfachen Andacht begnügten sie sich mit der Verehrung des Kreuzes. Ihre Trennung von der abendländischen Welt hatte sie in Unkenntnis der Fortschritte eines Jahrtausends gelassen, und ihre Übereinstimmung mit dem Glauben und der Religion des fünften Jahrhunderts hätte Protestanten wie Papisten in gleichem Grade enttäuscht. Es war die erste Sorge der Diener Roms, allen Verkehr mit dem nestorianischen Patriarchen abzuschneiden; mehrere seiner Bischöfe starben in den Kerkern der Inquisition. Die hirtenlose Herde wurde von den Portugiesen, den intriganten Jesuiten und dem glaubenseifrigen Erzbischof Alexis de Menezes von Goa bei seiner persönlichen Besichtigung der Küste von Malabar angegriffen. Die Synode von Diamper, auf der er den Vorsitz führte, vollendete das fromme Werk der Wiedervereinigung und zwang streng die Lehren und die Einrichtungen der römischen Kirche auf, ohne die Ohrenbeichte, dieses stärkste kirchliche Werkzeug, zu vergessen. Das Andenken Theodors und des Nestorius wurde verdammt und Malabar der Herrschaft des Papstes, des Primas und der Jesuiten unterworfen, die sich des Sitzes von Angamala oder Cranganor bemächtigten. Sechzig Jahre der Knechtschaft und der Heuchelei (1599–1663) wurden geduldig ertragen. Kaum aber war das portugiesische Reich durch die mutigen und tätigen Holländer erschüttert worden, als sich die Nestorianer kräftig und erfolgreich für die Religion ihrer Väter erhoben. Die Jesuiten waren nicht imstande, die Macht zu verteidigen, die sie mißbraucht hatten; die Waffen von vierzigtausend Christen waren gegen sie gerichtet, und der indische Archidiakon betreute die Nestorianer, bis von dem Patriarchen von Babylon eine neue Zufuhr bischöflicher Gaben und syrischer Glaubensboten eintreffen konnte. Seit der Vertreibung der Portugiesen wird der nestorianische Glaube an der Küste von Malabar frei bekannt. Die holländischen und englischen Handelsgesellschaften sind tolerant gegen diesen, wenn aber Unterdrückung minder kränkend ist als Verachtung, so haben die Christen des heiligen Thomas Ursache, sich über die kalte und stille Gleichgültigkeit ihrer europäischen Brüder zu beklagen.

II. Die Geschichte der Monophysiten ist minder reichhaltig und interessant als die der Nestorianer. Unter den Regierungen des Zeno und des Anastasius sicherten sich ihre schlauen Häupter die Vermittlung der Fürsten, usurpierten die Throne des Orients und erdrückten die Schulen der Syrier auf ihrem heimatlichen Boden. Die monophysitische Lehre wurde von dem Patriarchen Severus von Antiochia mit besonderer Klugheit bestimmt; er verdammte in der Sprache des Henotikon die Ketzereien des Nestorius und Eutyches, behauptete entgegen dem letzteren die Wirklichkeit des Leibes Christi und zwang die Griechen zuzugeben, daß er ein Lügner war, der die Wahrheit sprach. Aber Annäherung der Begriffe vermochte die Heftigkeit der Leidenschaft nicht zu zügeln. Jede Partei staunte, daß man über einen so geringfügigen Unterschied streiten könne. Der Tyrann von Syrien erzwang sein Glaubensbekenntnis, und während seiner Regierung wurde das Blut von dreihundertfünfzig Mönchen vergossen, die vielleicht nicht ohne Herausforderung oder Widerstand ihrerseits unter den Mauern von Apamea erschlagen wurden. Der Nachfolger des Anastasius pflanzte im Osten die orthodoxe Fahne wieder auf. Severus floh nach Ägypten und sein Freund, der beredte Xenaias, der den Nestorianern von Persien entronnen war, wurde in der Verbannung von den Melchiten Paphlagoniens erwürgt. Vierundfünfzig Bischöfe wurden von ihren Thronen vertrieben, achthundert Geistliche ins Gefängnis geworfen, und trotz der Gunst der Theodora hätten die orientalischen ihrer Hirten beraubten Herden nach und nach entweder verschwinden oder sich der siegreichen Religion unterwerfen müssen. In dieser geistlichen Not wurde die im Abstieg begriffene Partei durch die Anstrengungen eines Mönches neu belebt, vereinigt und verewigt, und der Name des Jakobus Baradäus lebt in der Bezeichnung Jakobiten fort. Jakobus erhielt von den heiligen Bekennern in ihren Kerkern in Konstantinopel die Vollmachten eines Bischofs von Edessa und Apostels des Ostens, auch die Ordination von achtzigtausend Bischöfen, Priestern und Diakonen fließt aus derselben unerschöpflichen Quelle. Der eifrige Glaubensbote wurde durch die schnellen Dromedare eines frommen Araberhäuptlings befördert; die Lehre und Kirchenzucht der Jakobiten wurde insgeheim in Justianians Gebieten befestigt, und jeder Jakobit wurde gezwungen, die Satzungen des römischen Gesetzgebers zu übertreten und sich seinen Haß zuzuziehen. Die Nachfolger des Severus, ob sie auch in Klöstern oder Dörfern verborgen lagen, ob sie ihre geächteten Häupter in den Höhlen der Einsiedler oder in den Zelten der Sarazenen bargen, behaupteten, ja behaupten noch ihr unverjährbares Recht auf Titel, Rang und Vorrechte eines Patriarchen von Antiochia. Unter der milderen Herrschaft der Ungläubigen residieren sie ungefähr eine Stunde von Merdin in dem angenehm liegenden Kloster Zapharan, das sie mit Zellen, Wasserleitungen und Anpflanzungen verschönt haben. Den zweiten, aber sehr ehrenvollen Platz behauptet der Maphrian, der in seinem Palast in Mosul selbst dem nestorianischen Katholikos, mit dem er um die Oberhoheit über den Orient streitet, trotzt. Unter den Patriarchen und dem Maphrian hat man in den verschiedenen Jahrhunderten der jakobitischen Kirche einhundertfünfzig Erzbischöfe und Bischöfe gezählt; aber die Ordnung der Hierarchie ist erschlafft oder aufgelöst, und der größere Teil ihrer Sprengel beschränkt sich auf die Umgebung des Tigris und Euphrat. Die Städte Aleppo und Amida, die von den Patriarchen häufig besucht werden, haben einige reiche Kaufleute und fleißige Handwerker, die Mehrzahl aber verdient ihren kärglichen Unterhalt durch tägliche Arbeit, und Armut mag ebensowohl als der Glaube der Grund ihrer übertriebenen Enthaltsamkeit sein: Fünf jährliche Fasten, während der Geistliche sowohl als Weltliche sich nicht nur des Fleisches und der Eier, sondern auch des Weines, Öles und der Fische enthalten müssen! Ihre Anzahl schätzt man auf fünfzig- bis achtzigtausend Seelen, die den Rest einer einst volkreichen Kirche bilden, die unter dem Druck von zwölf Jahrhunderten gelitten hat. Doch haben sich in dieser langen Periode einige verdienstvolle Fremde zum monophysitischen Glauben bekehrt; der Vater des berühmten Primas des Ostens, Abulpharagius, im Leben wie im Tod wahrhaft ausgezeichnet, ist ein Jude gewesen. Er war ein ausgezeichneter Schriftsteller in der syrischen und arabischen Sprache, Dichter, Arzt, Geschichtschreiber, scharfsinniger Philosoph und gemäßigter Theolog. Nach seinem Tode wohnte dem Leichenbegängnisse sein Nebenbuhler, der nestorianische Patriarch, mit einem Gefolge von Griechen und Armeniern bei, die ihre Streitigkeiten vergaßen und gemeinsame Tränen über dem Grabe eines Feindes vergossen. Die Sekte, die durch die Tugenden Abulpharagius geehrt wurde, scheint jedoch unter dem Range ihrer nestorianischen Brüder zu stehen. Ihre Fasten sind strenger, ihre inneren Spaltungen zahlreicher und ihre Gelehrten (insofern ich es zu beurteilen vermag) weiter von Vernunft entfernt. Einiges mag allerdings auf die Strenge der monophysitischen Theologie geschoben werden, noch mehr aber auf den stärkeren Einfluß der Mönche. In Syrien, Ägypten und Äthiopien haben sich die jakobitischen Mönche seit jeher durch ihre strengen Kasteiungen und durch ihre albernen Legenden ausgezeichnet. Lebendig und tot werden sie als die Lieblinge der Gottheit verehrt. Das Kreuz des Bischofs und Patriarchen wird ihren ehrwürdigen Händen vorbehalten, und sie übernehmen die Führung über Menschen, während sie noch von den Gewohnheiten und Vorurteilen des Klosters strotzen.

III. Nach dem Sprachgebrauche der orientalischen Christen werden die Monotheleten in jedem Zeitalter Maroniten genannt, ein Name, der allmählich von einem Einsiedler auf ein Kloster, von einem Kloster auf eine Nation übertragen worden ist. Syrien war der Schauplatz der religiösen Raserei des Maron, eines Heiligen oder Wilden des fünften Jahrhunderts. Die Städte von Apamea und Emesa stritten sich um seine Reliquien. Eine stattliche Kirche wurde über seinem Grab errichtet, und sechshundert Jünger wohnten in ihren einsamen Zellen an den Ufern des Orontes. In den Streitigkeiten betreffend die Inkarnation, hielten sie scharf die orthodoxe Linie zwischen den Sekten des Nestorius und Eutyches, aber die unglückliche Frage wegen eines Willens oder einer Wirksamkeit in den zwei Naturen Christi entstand durch ihre müßige Forschsucht. Ihr Proselyt, der Kaiser Heraklius, wurde als Maronit von Emesa abgewiesen. Er fand eine Zuflucht in dem Kloster seiner Brüder und vergalt ihre theologische Lehre, indem er ihnen ein großes und reiches Gebiet schenkte. Name und Lehre dieser ehrwürdigen Schule wurden unter den Griechen und Syriern fortgepflanzt, und ihr Eifer wurde von dem Patriarchen Macarius von Antiochia vor der Synode von Konstantinopel durch die Erklärung illustriert, daß er sich tausendmal lieber in Stücke hauen und ins Meer werfen lassen würde, als den doppelten Willen Christi bekennen wolle. Eine ähnliche, aber minder grausame Verfolgung bekehrte bald die wehrlosen Untertanen der Ebene, während der ruhmvolle Titel Mardaiten oder Rebellen den kraftvollen Bewohnern des Libanon wegen ihrer Tapferkeit verblieb. Johann Maron, einer der gelehrtesten und beliebtesten ihrer Mönche, nahm den Titel eines Patriarchen von Antiochia an. Sein Neffe Abraham verteidigte an der Spitze der Maroniten ihre bürgerliche und religiöse Freiheit gegen die orientalischen Tyrannen. Der Sohn des orthodoxen Konstantin verfolgte mit frommem Hasse ein kriegerisches Volk, das als das festeste Bollwerk seines Reiches gegen die gemeinsamen Feinde Christi und Roms hätte verwendet werden können. Ein griechisches Heer brach in Syrien ein. Das Kloster des heiligen Maron wurde verbrannt, die tapfersten Häuptlinge wurden verraten oder ermordet und eine Kolonie von zwölftausend ihrer Anhänger nach den fernen Grenzen von Armenien und Thrakien verschickt. Aber das geringe Volk der Maroniten hat das byzantinische Reich überlebt und genießt noch jetzt unter seinen türkischen Gebietern freie Religionsübung und unterliegt milder Knechtschaft. Ihre einheimischen Regenten werden aus dem alten Adel gewählt; der Patriarch träumt sich in seinem Kloster Canobin noch immer auf dem Throne von Antiochia. Neun Bischöfe bilden eine Synode, und hundertfünfzig Priester, die sich ihre Heiligsprechung vorbehalten, sind mit der Sorge über hunderttausend Seelen betraut. Ihr Land erstreckt sich vom Kamm des Libanongebirges bis zum Gestade von Tripolis. Die allmähliche Verflachung bietet ihnen auf einem kleinen Raume jede Art des Bodens und Klimas. Dort wachsen von den heiligen, unter der Wucht des Schnees emporragenden Zedern alle Pflanzen bis zu dem Weine, den Maulbeer- und Ölbäumen des fruchtbaren Tales. Im zwölften Jahrhundert söhnten sich die Maroniten, indem sie den monotheletischen Irrtum abschworen, mit den lateinischen Kirchen von Antiochia und Rom aus. Dieses Bündnis wurde durch die ehrgeizigen Päpste und die sich in Not befindlichen Syrer oft erneuert. Aber es bleibt natürlich fraglich, ob die Vereinigung je vollkommen oder aufrichtig gewesen ist. Die gelehrten Maroniten des Kollegiums in Rom haben sich umsonst bemüht, ihre Altvordern von der Schuld der Ketzerei und des Schismas freizusprechen.

IV. Seit dem Zeitalter Konstantins hatten die Armenier ihre Anhänglichkeit an die christliche Religion und an das christliche Reich bewahrt. Die Zerrüttungen ihres Vaterlandes und ihre Unkenntnis der griechischen Sprache hatten ihre Geistlichkeit abgehalten, der Synode von Chalcedon beizuwohnen. Vierundachtzig Jahre schwebten sie in Ungewißheit, bis sich die Sendlinge Julians von Halikarnaß ihres Glaubens bemächtigten. Julian war durch die Gründe oder den Einfluß seines Nebenbuhlers Severus, des monophysitischen Patriarchen von Antiochia, in Ägypten, ihrem gemeinsamen Verbannungsorte, bekehrt worden. Die Armenier allein sind reine Schüler des Eutyches, ein unglücklicher Stammvater, da der größte Teil seiner geistlichen Nachkommenschaft von ihm abgefallen ist. Sie allein hielten an der Meinung fest, daß Christus aus einem göttlichen und unverweslichen Stoff geschaffen worden sei oder ohne Erschaffung existiere. Ihre Gegner werfen ihnen die Anbetung eines Phantoms vor, und sie schleudern die Anklage zurück, indem sie die Lästerung der Jakobiten verlachen oder verfluchen, die der Gottheit die elenden Schwächen des Fleisches zuschreiben, ja sogar bei ihr die natürlichen Wirkungen der Nahrung und Verdauung annehmen. Die Religion der Armenier konnte weder durch die Gelehrsamkeit noch Macht seiner Einwohner großen Ruhm erlangen. Das Königtum erlosch gleichzeitig mit dem Entstehen ihres Schismas, und ihre christlichen Könige, die an den Grenzen von Kilikien im dreizehnten Jahrhundert auftauchten und untergingen, waren die Schützlinge der Lateiner und die Vasallen des türkischen Sultans von Ikonium. Der hilflosen Nation war es selten gestattet, die Ruhe der Knechtschaft zu genießen. Armenien war von den frühesten Zeiten bis zum achtzehnten Jahrhundert der Schauplatz immerwährender Kriege. Die Länder zwischen Tauris und Erivan sind durch die grausame Politik der Sophis entvölkert worden, und Myriaden christlicher Familien wurden in die fernen Provinzen von Persien verschickt, um dort umzukommen oder sich zu vermehren. Unter der Rute der Unterdrückung ist der Glaube der Armenier inbrünstig und unerschrocken geblieben; sie haben die Krone des Märtyrertums häufig dem weißen Turban Mohammeds vorgezogen. Sie hassen zutiefst die Irrtümer und die Abgötterei der Griechen, und ihre vorübergehende Vereinigung mit den Lateinern entbehrt ebensosehr der Wahrheit wie das Anerbieten ihres Patriarchen, tausend Bischöfe zum Fußfall zum römischen Papst zu senden. Der Katholikos oder Patriarch der Armenier residierte im Kloster Edschmiasin, drei Stunden von Erivan entfernt. Siebenundvierzig Erzbischöfe, von denen jeder vier bis fünf Suffraganen hat, werden von ihm geweiht; es sind aber größtenteils nur Titularprälaten, die durch ihre Anwesenheit und Dienstleistung seinem einfachen Hofe Würde verleihen. Sobald sie ihre Liturgie verrichtet haben, bestellen sie den Garten und unsere Bischöfe werden mit Erstaunen hören, daß die Strenge ihres Lebens mit der Erhöhung ihres Ranges zunimmt. Der Patriarch erhält in den achtzigtausend Städten oder Dörfern, die seiner geistlichen Herrschaft unterworfen sind, von jeder Person über fünfzehn Jahre eine kleine und freiwillige Steuer; aber die jährlich eingehende Summe von sechshunderttausend Kronen reicht nicht hin, die unaufhörlichen Anforderungen, die seiner Mildtätigkeit gestellt werden, zu befriedigen oder den Tribut zu zahlen. Seit Anfang des siebzehnten Jahrhunderts haben die Armenier einen großen und gewinnbringenden Anteil am Handel des Orients genommen. Ihre Karawane macht auf ihrer Rückkehr von Europa gewöhnlich in der Nachbarschaft von Erivan halt, die Altäre werden mit den Früchten ihres Fleißes geschmückt und der Glaube des Eutyches wird in ihren neuen Gemeinden in der Berberei und in Polen gepredigt.

V. In den übrigen Teilen des römischen Reiches vermochte der despotische Fürst die Sektierer eines gehaßten Glaubens auszurotten oder zum Schweigen zu bringen. Aber die halsstarrigen Ägypter beharrten im Widerstande gegen die Synode von Chalcedon, und Justinian gab sich dazu her, eine Zwietracht abzuwarten und sie zu benutzen. Die monophysitische Kirche von Alexandria wurde durch die Streitigkeiten der an die Sterblichkeit des Körpers Christi glaubenden und der an sie nicht glaubenden zerrüttet, und nach dem Tode des Patriarchen unterstützte jede der beiden Parteien ihre Kandidaten. Gajan war der Schüler Julians, Theodosius war der Zögling des Severus gewesen; die Ansprüche des ersteren stützten sich auf die Mönche und Senatoren der Stadt und der Provinz, Theodosius berief sich auf seine frühere Weihe, die Gunst der Kaiserin Theodora und die Waffen des Eunuchen Narses, die in einem ehrenvolleren Kriege hätten verwendet werden können. Die Verbannung des vom Volke geliebten Kandidaten nach Karthago und Sardinien entfachte die Gärung in Alexandria, und nach einem Schisma von hundertsiebzig Jahren verehrten die Gajaniten noch immer das Andenken und die Lehre ihres Stifters. Die Macht der Menge wurde in einem verzweifelten und blutigen Kampfe gegen Kriegskunst auf die Probe gestellt. Die Straßen waren mit den Leichen der Bürger und Soldaten angefüllt, die frommen Frauen bestiegen die Dächer ihrer Häuser und schleuderten alle scharfen und schweren Hausgeräte auf die Köpfe der Feinde, und Narses verdankte seinen Sieg schließlich nur den Flammen, womit er die dritte Hauptstadt der römischen Welt verheerte. Aber der Stellvertreter Justinians hatte nicht zu Gunsten eines Ketzers gesiegt. Theodosius selbst wurde alsbald, aber mit Milde, entfernt und Paul von Tanis, ein orthodoxer Mönch, auf den Thron des Athanasius erhoben (538). Die ganze Regierungsgewalt wurde zu seiner Unterstützung aufgeboten; er durfte die Herzoge und Tribunen von Ägypten anstellen oder entfernen; die Verteilung von Brot, die Diokletian bewilligt hatte, wurde eingestellt, die Kirchen wurden geschlossen und dadurch eine ketzerische Nation gleichzeitig ihrer geistlichen und leiblichen Nahrung beraubt. Der Tyrann wurde seinerseits durch das glaubenseifrige Volk geachtet, und niemand, die knechtischen Melchiten ausgenommen, dachte daran, ihn als Mensch, als Christ oder als Bischof zu begrüßen. So groß ist jedoch die Verblendung des Ehrgeizes, daß Paul, nachdem er wegen Mordanklage vertrieben worden war, sich mittels einer Bestechungssumme von siebenhundert Pfund Goldes um seine Wiedereinsetzung auf denselben verächtlichen und verhaßten Posten bewarb.

Sein Nachfolger Apollinaris (551) betrat die feindliche Stadt in militärischem Aufzuge, gleich gerüstet zur Schlacht wie zum Gebet. Seine Truppen, die die Waffen bereithielten, wurden in den Straßen verteilt; die Tore der Kathedrale wurden bewacht und eine erlesene Schar im Chore aufgestellt, um ihren Befehlshaber zu verteidigen. Er stand aufrecht auf seinem Throne und bot sich, das Obergewand des Kriegers von sich werfend, den Augen der Menge in der Tracht des Patriarchen von Alexandria dar. Erstaunen hielt ihre Zungen im Zaum. Kaum aber hatte Apollinaris das Tome des heiligen Leo zu lesen begonnen, als sich ein Regen von Flüchen, Schmähungen und Steinen über den verhaßten Diener des Kaisers und der Synode ergoß. Der Nachfolger der Apostel befahl sogleich den Angriff. Die Soldaten wateten bis an die Knie im Blute. Zweihunderttausend Christen sollen durch das Schwert umgekommen sein; eine unglaubliche Anzahl, selbst wenn sie nicht an einem einzigen Tage, sondern in den achtzehn Regierungsjahren des Apollinaris niedergemetzelt wurden. Zwei darauffolgende Patriarchen, Eulogius und Johann, arbeiteten an der Bekehrung der Ketzer mit Waffen und Gründen, die dem evangelischen Berufe angemessener waren. Eulogius entfaltete seine theologische Gelehrsamkeit in manchem Bande, worin er die Irrtümer des Eutyches und Severus vergrößerte und es versuchte, die zweideutige Sprache des heiligen Cyrill mit dem orthodoxen Glaubensbekenntnisse des Papstes Leo und der Kirchenväter von Chalcedon in Übereinstimmung zu bringen. Die Mildtätigkeit Johanns des Almosengebers war entweder durch Frömmigkeit, Wohlwollen oder Politik hervorgerufen. Siebentausendfünfhundert Arme wurden auf seine Kosten unterhalten. Er fand bei seiner Thronbesteigung achttausend Pfund Gold im Kirchenschatze vor. Er sammelte aus den Beisteuern der Gläubigen weitere zehntausend; dennoch konnte sich der Primas in seinem Testament rühmen, daß er nicht mehr als den dritten Teil der kleinsten aller Silbermünzen zu hinterlassen habe. Die Kirchen von Alexandria wurden den Katholiken übergeben, die monophysitische Religion in Ägypten geächtet und ein Gesetz wieder aufgefrischt, das die Eingeborenen von allen Ehren und Begünstigungen des Staates ausschloß.

Eine wichtigere Eroberung blieb noch übrig: die des Patriarchen, des Orakels und Regenten, der ägyptischen Kirche. Theodosius hatte den Drohungen wie den Versprechungen Justinians mit dem Mute eines Apostels oder Schwärmers Widerstand geleistet. »Das waren«, erwiderte der Patriarch, »die Verheißungen des Versuchers, als er die Reiche der Erde zeigte. Aber meine Seele ist mir teurer als Leben und Herrschaft. Die Kirchen sind in der Gewalt des Fürsten, der den Leib töten kann; aber mein Gewissen gehört mir selbst. In Verbannung, Armut und Ketten werde ich fest bei dem Glauben meiner heiligen Vorgänger Athanasius, Cyrillus und Dioskorus beharren. Fluch dem Tome des Leo und der Synode von Chalcedon! Fluch allen, die ihres Glaubens sind! Nackt kam ich aus meiner Mutter Leibe, nackt werde ich in die Erde hinuntersteigen. Mögen diejenigen, die Gott lieben, mir nachfolgen und ihre Seligkeit wahren.« Nachdem er seine Brüder getröstet hatte, schiffte er sich nach Konstantinopel ein und unterwarf sich in sechs aufeinanderfolgenden Unterredungen nicht der fast unwiderstehlichen Macht der kaiserlichen Gegenwart. Palast und Stadt nahmen seine Anschauung günstig auf; der Einfluß Theodoras gewährte ihm sicheres Geleite und ehrenvolle Entlassung, und er endete seine Tage zwar nicht auf dem Throne, aber doch in seinem Vaterlande. Bei der Nachricht von seinem Tode gab Apollinaris den Großen und der Geistlichkeit ein unpassendes Gastmahl. Aber seine Freude wurde durch die Kunde von einer neuen Wahl gemäßigt, und während er den Reichtum von Alexandria genoß, herrschte sein Nebenbuhler in den Klöstern der Thebais und wurde durch freiwillige Gaben des Volkes unterhalten. Das Andenken des Theodosius brachte dauernd Patriarchen hervor, und die monophysitischen Kirchen von Syrien und Ägypten waren durch den Namen der Jakobiten und die Glaubensgemeinschaft verbunden. Aber der nämliche, auf eine kleine Sekte der Syrier beschränkte Glaube dehnte sich über die ganze ägyptische oder koptische Nation aus, welche die Beschlüsse der Synode von Chalcedon fast einstimmig verwarf. Tausend Jahre waren nun verflossen, seitdem Ägypten aufgehört hatte, ein Königreich zu sein, seitdem die Eroberer von Asien und Europa auf den gefügigen Nacken eines Volkes ihre Füße gesetzt hatten, eines Volkes, dessen alte Weisheit und Macht über alle geschichtlichen Urkunden hinausreicht. Der Kampf der Glaubenseifrigen mit den Verfolgern entzündete in den Ägyptern wieder einige Funken des Nationalgeistes. Sie schworen mit einer fremden Ketzerei die Sitte und Sprache der Griechen ab; jeder Melchit galt in ihren Augen als Ausländer, jeder Jakobit als Bürger. Ehebündnisse mit den ersteren, sogar die von der Menschlichkeit gebotenen Dienste wurden als Todsünden verdammt; die Eingeborenen entsagten aller Treue für den Kaiser, und seine Befehle wurden in einer gewissen Entfernung von Alexandria nur unter dem Einflüsse einer Militärmacht vollzogen. Eine hochherzige Anstrengung würde die Religion und Freiheit von Ägypten gerettet haben, seine sechshundert Klöster hätten Myriaden heiliger Krieger entsenden können, für die der Tod keine Schrecken haben konnte, weil ihnen das Leben keine Tröstungen und Freuden bot. Aber es ist ein Unterschied zwischen tätigem und leidendem Mute; der Fanatiker, der ohne Schmerzenslaut die Qualen der Folter oder des Scheiterhaufens aushält, zittert und flieht vor einem bewaffneten Feind. Die kleinmütigen Ägypter waren nur mehr imstande, eine Änderung der Gebieter zu wünschen; Chosroes verheerte das Land, aber die Jakobiten freuten sich unter seiner Herrschaft eines kurzen wenn auch unsicheren Friedens. Der Sieg des Heraklius erneuerte und erschwerte die Verfolgung. Der Patriarch entwich abermals aus Alexandria in die Wüste. Auf seiner Flucht wurde Benjamin durch eine Stimme ermutigt, die ihm gebot, nach Ablauf von zehn Jahren den Beistand eines fremden Volkes zu erwarten, die gleich den Ägyptern, den alten Brauch der Beschneidung pflogen. Die Art und Natur dieser Befreiung werden wir später kennenlernen. Jetzt aber überspringe ich einen Zeitraum von elf Jahrhunderten, um das Elend der Jakobiter von Ägypten zu betrachten. Die volkreiche Stadt Kairo ist die Residenz ihres dürftigen Patriarchen und eines Überrestes von zehn Bischöfen oder gewährt ihnen vielmehr Obdach. Vierzig Klöster haben die Einbrüche der Araber überdauert, aber infolge Knechtschaft und Abtrünnigkeit ist das Koptenvolk bis auf fünfundzwanzig- oder dreißigtausend Familien herabgesunken, ein Haufe unwissender Bettler, deren einziger Trost in dem größeren Elend des griechischen Patriarchen und seiner winzigen Gemeinde liegt.

VI. Der koptische Patriarch, Aufrührer gegen den Kaiser oder Sklave des Kalifen, rühmte sich dauernd des kindlichen Gehorsams der Könige von Abyssinien und Äthiopien. Er belohnte ihre Huldigung durch Übertreibung ihrer Macht, behauptete dreist, daß sie hunderttausend Pferde und eine gleiche Anzahl von Kamelen ins Feld bringen, daß ihre Hand die Wasser des Nils aussenden oder zurückhalten könne und daß der Friede und Reichtum von Ägypten selbst in dieser Welt nur durch die Fürbitte des Patriarchen zu erhalten sei. Theodosius hatte in der Verbannung in Konstantinopel seiner Beschützerin die Bekehrung der schwarzen Völkerschaften vom Wendekreise des Krebses bis an die Grenzen von Abyssinien empfohlen. Der rechtgläubige Kaiser argwöhnte ihre Absicht und suchte sie zu vereiteln. Die rivalisierenden Missionäre, ein Melchit und ein Jakobit, schifften sich zu gleicher Zeit ein; die Kaiserin jedoch fand aus Liebe oder Furcht wirksameren Gehorsam. Der katholische Priester wurde von dem Statthalter der Thebais zurückgehalten, während der König von Nubien und sein Hof eilig in dem Glauben des Dioskorus getauft wurden. Der säumige Gesandte Justinians wurde mit Ehren empfangen und entlassen, als er aber die Ketzerei und den Verrat der Ägypter anklagte, sagte der bekehrte Neger, wie ihm gelehrt worden, daß er seine Brüder, die wahren Gläubigen, niemals den rachsüchtigen Anhängern der Synode von Chalcedon preisgeben werde. Mehrere Jahrhunderte hindurch wurden die Bischöfe von Nubien von den jakobitischen Patriarchen von Alexandria ernannt und geweiht. Das Christentum herrschte bis ins zwölfte Jahrhundert, und noch haben sich einige Gebräuche und einige Ruinen in den wilden Städten von Sennaar und Dongola erhalten. Endlich aber führten die Nubier ihre Drohung, zur Götzenverehrung zurückzukehren, aus. Das Klima erforderte die Vielweiberei, und sie haben schließlich den Sieg des Korans der Erniedrigung durch das Kreuz vorgezogen. Eine metaphysische Religion mag zu fein für die Fassungskraft eines Negers sein, aber ein Schwarzer oder ein Papagei kann abgerichtet werden, die Worte des chalcedonischen oder monophysitischen Glaubensbekenntnisses zu wiederholen.

Tiefere Wurzel schlug das Christentum in dem abessinischen Reiche (530), und obschon die Verbindung mit der Mutterkirche von Alexandria oft siebzig, ja hundert Jahre unterbrochen blieb, erhielt sie ihre Kolonie doch in beständiger Abhängigkeit. Sieben Bischöfe bildeten einst die abessinische Synode; wäre ihre Zahl auf zehn gestiegen, so hätten sie einen unabhängigen Primaten wählen dürfen. Einer ihrer Könige wünschte, seinen Bruder auf den kirchlichen Thron zu erheben. Aber man hatte das Ereignis vorausgesehen, verweigerte die Vermehrung und beschränkte das bischöfliche Amt allgemein auf den Abuna, das Oberhaupt und den Schöpfer der abyssinischen Priesterschaft. Der Patriarch ersetzte die erledigte Stelle jedesmal durch einen ägyptischen Mönch, denn ein Fremder erscheint in den Augen des Volkes ehrwürdiger und minder gefährlich in denen des Monarchen. Als sich im sechsten Jahrhundert das Schisma von Ägypten befestigte, waren die beiden Parteien mit ihren Beschützern Justinian und Theodora bestrebt, einander in Erwerbung eines fernen und unabhängigen Landes zuvorzukommen. Die emsige Kaiserin trug abermals den Sieg davon, und die fromme Theodora hat in dieser abgelegenen Kirche den Glauben und die Kirchenzucht der Jakobiten eingeführt. Auf allen Seiten von Feinden ihrer Religion umgeben, schlummerten die Äthiopier fast tausend Jahre, der Welt uneingedenk, die ihrer vergessen hatte. Sie wurden von den Portugiesen geweckt, die das südliche Vorgebirge von Afrika umschifften und in Indien und dem Roten Meere erschienen, gleich als wären sie von einem fernen Planeten niedergestiegen. In den ersten Augenblicken des Zusammentreffens bemerkten die Untertanen von Rom und die von Alexandria mehr die Ähnlichkeit als die Unterschiede ihres Glaubens, und jede der beiden Nationen erwartete von einem Bündnisse mit ihren christlichen Brüdern die größten Vorteile. Die Äthiopier waren in ihrer einsamen Lage fast wieder in ihren Urzustand zurückgesunken. Ihre Schiffe, die bis Ceylon Handel getrieben hatten, wagten es kaum, die Flüsse von Afrika zu befahren; die Trümmer von Axuma waren verlassen, die Nation in Dörfern zerstreut, und ihr Kaiser, der diesen prunkenden Titel führte, begnügte sich, im Frieden wie im Kriege mit einem unbeweglichen Lager als Residenz. Im Bewußtsein ihrer Dürftigkeit hatten die Abessinier den vernünftigen Plan gefaßt, europäische Gewerbe und Künste einzuführen, und ihre Gesandten in Rom und Lissabon erhielten Auftrag, um eine Kolonie von Schmieden, Zimmerleuten, Zieglern, Maurern, Buchdruckern, Wundärzten und Ärzten zum Nutzen ihres Vaterlandes zu bitten. Aber die öffentliche Gefahr forderte bald die unverzügliche und ausgiebige Hilfe an Waffen und Soldaten, um ein kriegerisches Volk gegen die Barbaren, die das Innere verheerten, und gegen die Türken und Araber zu verteidigen, die in furchtbaren Mengen von der Meeresküste heranrückten. Äthiopien wurde durch vierhundertfünfzig Portugiesen gerettet, die im Felde die angeborene Tapferkeit der Europäer entwickelten und Musketen und Kanonen besaßen. Im ersten Schrecken hatte der Kaiser versprochen, sich und seine Untertanen mit dem katholischen Glauben auszusöhnen; ein lateinischer Patriarch vertrat die Oberhoheit des Papstes. Man glaubte, daß das Reich, dem man den zehnfachen Umfang gab, mehr Gold enthalte als die amerikanischen Minen und baute die ausschweifendsten habsüchtigen Hoffnungen auf die freiwillige Unterwerfung der afrikanischen Christen.

Aber die Gelübde, die der Schmerz erpreßt hatte, wurden bei wiederkehrender Gesundheit abgeschworen. Die Abessinier hingen noch immer dem monophysitischen Bekenntnisse mit unerschütterlicher Standhaftigkeit an; ihr matter Glaube wurde durch Zank entflammt, sie brandmarkten die Lateiner mit dem Namen Arianer und Nestorianer und warfen denjenigen, welche die zwei Naturen Christi trennten, Anbetung von vier Göttern vor. Den jesuitischen Missionären wurde Fremona zur Gottesverehrung oder vielmehr zur Verbannung angewiesen. Ihre Geschicklichkeit in den edlen wie mechanischen Künsten, ihre theologische Gelehrsamkeit und ihr anständiges Benehmen flößten sicherlich Hochachtung ein; es fehlte ihnen jedoch die Gabe der Wunder, und sie suchten vergebens um Verstärkung europäischer Truppen an. Geduld während vierzig Jahren und Gewandtheit verschafften ihnen endlich günstigeres Gehör. Zwei Kaiser von Abessinien ließen sich zu dem Glauben überreden, daß Rom das zeitliche und ewige Glück seiner Verehrer sichern könne. Der erste dieser königlichen Bekehrten verlor Krone und Leben; das Heer der Rebellen war von dem Abuna geweiht worden, der ein Anathem gegen den Abtrünnigen schleuderte und seine Untertanen von dem Treueide entband. Der Tod Zadenghels wurde durch den mutigen und glücklichen Susneus gerächt, der den Thron unter dem Namen Segued bestieg und das fromme Unternehmen seiner Verwandten mit größerer Kraft fortsetzte. Der Kaiser erklärte sich nach dem Gaukelspiele eines ungleichen Kampfes zwischen den Jesuiten und seinen ungelehrten Priestern zum Proselyten der Synode von Chalcedon, voraussetzend, daß Geistlichkeit und Volk ohne Verzug die Religion ihres Fürsten annehmen würden. Auf die Freiheit der Wahl folgte ein Gesetz, das bei Todesstrafe den Glauben an die zwei Naturen Christi gebot. Den Abessiniern wurde eingeschärft, am Sabbath zu arbeiten und zu spielen, und Segued sagte sich vor Europa und Afrika von seiner Verbindung mit der alexandrinischen Kirche los.

Ein Jesuit, Alphonso Mendez, katholischer Patriarch von Äthiopien, nahm im Namen des Papstes Urban VIII. die Huldigung und Abschwörung des Büßlings an (1620). »Ich bekenne«, sprach der Kaiser kniend, »ich bekenne, daß der Papst der Stellvertreter Christi, der Nachfolger des heiligen Petrus und der Gebieter der Welt ist. Ihm schwöre ich wahrhaft Gehorsam und lege ihm meine Person und mein Königreich zu Füßen.« Ein ähnlicher Eid wurde von seinem Sohne, Bruder, der Geistlichkeit, den Edlen, ja sogar von den Frauen des Hofes geleistet; der lateinische Patriarch wurde mit Ehren und Reichtümern bedacht, und seine Missionare errichteten ihre Kirchen oder Zitadellen an den bestgelegenen Punkten des Reiches. Die Jesuiten selbst beklagen die verderbliche Unklugheit ihres Oberhauptes, das die Milde des Evangeliums und die Politik des Ordens vergaß, um übereilt mit Gewalt die römische Liturgie und die portugiesische Inquisition einzuführen. Er verdammte den alten, in dem äthiopischen Klima mehr der Gesundheit als des Glaubens wegen zuerst erfundenen Brauch der Beschneidung. Eine neue Taufe und Weihe wurde den Eingeborenen aufgezwungen; sie zitterten vor Schauder, als die heiligsten ihrer Väter aus den Gräbern gerissen, die erlauchtesten ihrer Lebenden von einem fremden Priester in den Bann getan wurden. Die Abyssinier erhoben sich zur Verteidigung ihrer Religion und Freiheit mit verzweifelter, aber erfolgloser Wut. Fünf Aufstände wurden im Blut der Empörer ausgelöscht, zwei Abunas in der Schlacht getötet, Tausende und Tausende auf dem Felde niedergemetzelt oder in ihren Höhlen erstickt, und weder Verdienst, noch Rang, noch Geschlecht konnte die Feinde Roms von schmählichem Tod retten. Aber der siegreiche Monarch wurde zuletzt durch die Standhaftigkeit der Nation, durch seine Mutter, seinen Sohn und seine treuesten Freunde überwunden. Segued lieh der Stimme des Mitleids, der Vernunft, vielleicht der Furcht Gehör und sein Edikt, wodurch er Gewissensfreiheit verkündete, enthüllte zugleich die Tyrannei und die Schwäche der Jesuiten. Basilides vertrieb nach seines Vaters Tode den lateinischen Patriarchen und gab der Nation den Glauben und die Kirchenzucht von Ägypten zurück (1632). Die monophysitischen Kirchen widerhallten von dem Triumphgesange, »daß die Schafe von Äthiopien jetzt von den Hyänen des Westens befreit wären«. Die Tore dieses einsamen Reiches schlössen sich für immer gegen europäische Künste, Wissenschaften und Glaubenswut.

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