Hadschi Baba

Die Abenteuer des Hadschi Baba aus Isfahan

James Morier

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel - Hadschis Geburt und Erziehung

Mein Vater Hassan Kerbelāi war einer der renommiertesten Barbiere Ispahans. Er zählte kaum siebzehn Jahre, als er sich mit der Tochter eines Krämers aus der Nachbarschaft verheiratete; doch da der Ehe der Kindersegen versagt blieb, kümmerte sich mein Vater, wohl aus diesem Grunde, wenig um seine Frau. Seinem gewandten Rasiermesser verdankte er nicht nur hohes Ansehen, sondern auch einen großen Zulauf von Kunden, besonders unter den Kaufleuten; und nach zwanzigjähriger, saurer Arbeit glaubte er die Zeit gekommen, sich eine zweite Frau in seinem Harem vergönnen zu dürfen. Einem reichen Geldwechsler hatte er alle diese Jahre mit solcher Meisterschaft den Kopf rasiert, daß ihm dieser ohne jede Schwierigkeit die Hand seiner Tochter zusagte. Nicht nur, um den lästigen Eifersuchtsszenen der ersten Frau wenigstens für einige Zeit entrückt zu sein, sondern auch, um sich bei seinem reichen Schwiegervater ins beste Licht zu setzen, der zwar notorisch Geldstücke beschnitt und für vollwertig ausgab, aber doch gerne den Heiligen spielte, unternahm er mit seinem jungen Weibe die große Pilgerfahrt nach dem hochberühmten Grabe Husseïns in Kerbela. Auf dieser Reise wurde ich geboren.

Vor der denkwürdigen Reise war mein Vater kurzweg als Hassan der Barbier bekannt gewesen. Nachher aber legten ihm die Leute den ehrenvollen Titel »Kerbelāi« (einer der nach Kerbela gepilgert war) bei. Mir aber, den die Mutter auf der Reise geboren und sehr verhätschelte, gab man, ihr zu Gefallen, den hochangesehenen Titel »Hadschi« oder Mekkapilger. Und siehe da, trotzdem nur solche ein Anrecht auf diese hohe Würde besitzen, die selbst die lange Wallfahrt zum Grabe des göttlichen Propheten unternommen haben, blieb mir der Titel mein Lebtag haften und trug mir unzählige unverdiente Ehren und Auszeichnungen ein.

Auch mein zukünftiger Beruf sollte der Streichriemen werden. Wäre nicht ein Molla (Priester), der einer nahegelegenen Schule vorstand, zufällig auf mich aufmerksam geworden, hätte ich sicher keine andere Bildung genossen, als die Erlernung der vorgeschriebenen Gebete erfordert. Jede Woche rasierte ihn mein Vater umsonst, »aus Liebe zu Gott«, wie er gerne betonte, wohl auch, um seinen wohlerworbenen Ruf als Frommer aufrecht zu erhalten. Der heilige Mann lehrte mich aus Dankbarkeit dafür Lesen und Schreiben. Unter seiner Leitung machte ich solche Fortschritte, daß ich binnen zwei Jahren den Koran entziffern und leserlich schreiben konnte. Studierte ich nicht in der Schule, so erlernte ich in der Barbierstube meines Vaters die Anfangsgründe meines künftigen Gewerbes. Drängten sich dort die Kunden, so durfte ich meine ersten Versuche mit dem Rasiermesser an den Köpfen der Kamel- oder Maultiertreiber, recht oft zu derem bitteren Schaden, wagen. Als ich sechzehn Jahre alt war, hätte man schwer entscheiden können, ob ich das Vollkommenste als Schüler oder als Barbier leistete. Ich verstand das Kopfrasieren, Ohrenreinigen, die kunstvollste Bartpflege, doch rühmte man nichts so sehr als meine Bedienung im Bade. Die verschiedenen Arten des Kopfwaschens, wie sie in Indien, Kaschmir und in der Türkei gebräuchlich sind, verstand niemand besser als ich. Beim Kneten aber die Gelenke knacken zu lassen, den Schlägen ein Echo in den hohen Baderäumen zu entlocken, war eine ganz besondere Spezialität, die mir keiner nachmachte. Dank meinem Lehrer würzte ich die Unterhaltung mit gelegentlich passend angebrachten Zitaten unserer mir wohlbekannten Dichter Hafis oder Saadi, und dieser Vorzug, den eine wohllautende Stimme unterstützte, ließ mich allen, deren Kopf oder Glieder meiner Wirksamkeit anheimgegeben waren, als einen seltenen, angenehmen Gesellschafter erscheinen. Kurz, ohne Eitelkeit kann ich behaupten, für erlesene Kenner und verständnisvolle Sybariten galt Hadschi Babas Bedienung als besonderer und vielbegehrter Genuß. Unsere Barbierstube ward zum Stelldichein einheimischer und fremder Kaufleute, und oft geschah es, daß einige für die Kurzweil, die ihnen die schlagfertigen Antworten des hoffnungsvollen Sohnes bereiteten, über das Gebräuchliche bezahlten. Einer von diesen, ein Kaufmann aus Bagdad, faßte eine große Vorliebe für mich und zog meine Bedienung selbst der meines erfahrenen Vaters vor. Er unterhielt sich mit mir in türkischer Sprache, die ich leidlich innehatte, und reizte durch fabelhafte Schilderungen der herrlichen fremden Städte, die er bereist hatte, meine Wißbegierde in so hohem Maße, daß mich alsbald eine brennende Wanderlust erfaßte. Da er einen Mann zur Führung seiner Rechnungen suchte, ich sowohl Barbier wie auch Schreiber war und er mir glänzende Anerbietungen machte, so zögerte ich keinen Augenblick, in seine Dienste zu treten. Mein Vater, der mich ungern verlieren mochte, versuchte mich abzuhalten, ein sicheres Gewerbe gegen ein neues zu vertauschen, das voraussichtlich Gefahren und wechselndes Glück mit sich brächte. Die glänzenden Bedingungen des Kaufmannes aber ließen seine Bedenken schwinden, er gab mir seinen Segen, begleitet von einem Futterale voll neuer Rasiermesser.

Meine Mutter bedauerte unter Tränen den Verlust meiner Gesellschaft, auch der Umstand, daß ich mit einem Ketzer, einem Sūni [Fußnote] und Anhänger Omars, in die Ferne ziehen wollte, ließ sie für meine Zukunft nichts Gutes ahnen. Desungeachtet aber gab sie mir als Zeichen ihrer mütterlichen Liebe einen Beutel voll zerbrochener Zuckerbrote und eine kleine Blechschachtel, angefüllt mit einer köstlichen Salbe, die, wie sie mir versicherte, nicht nur alle äußeren, sondern auch inneren Schäden zu heilen vermöchte. Ferner wies sie mich an, beim Verlassen des Hauses mein Gesicht der Tür zuzuwenden, um mir, nach einer unter so ungünstigen Umständen angetretenen Reise, eine glückverheißende Heimkehr zu sichern.

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