Hadschi Baba

Die Abenteuer des Hadschi Baba aus Isfahan

James Morier

Inhaltsverzeichnis

Vierundvierzigstes Kapitel - Hadschi erbt, kann aber kein Geld finden

Nachdem mein Vater ohne einen letzten Willen gestorben war, wurde ich naturgemäß und ohne Einspruch als sein einziger Erbe erklärt. Alle jene, die getrachtet hatten, sich in sein Vermögen zu teilen, und durch mein plötzliches Erscheinen leer ausgingen, zogen ihre Ansprüche zwar unverzüglich zurück, machten aber ihrer Enttäuschung durch üble Nachrede Luft. Sie erklärten, ich wäre ein Schuft, hätte weder Religion, noch Ehrfurcht für meine Eltern, durchzöge als Abenteurer die Welt, und meine Genossen seien Wanderderwische und Lûtis.

Da ich nicht im Sinne hatte, in Ispahan zu verbleiben, begegnete ich ihren Versuchen, mich zu schädigen, mit Verachtung; aber eine Genugtuung war es mir doch, ihre pöbelhaften Gemeinheiten durch eine Flut von Ausdrücken wettzumachen, die weder ihnen noch ihren Vätern je zu Ohren gekommen waren: gräßliche Ausdrücke, die ich in meiner ersten Jugend im jahrelangen Verkehre mit erlauchten Persönlichkeiten aufgelesen hatte.

Als meine Mutter und ich wieder allein und uns selbst überlassen waren, sie den Verlust des Gatten, ich den des Vaters hinreichend mit rührenden Wehklagen betrauert hatte, kam es zu folgender Unterredung.

»Nun sage mir, Mutter (denn zwischen uns darf kein Geheimnis sein), sage mir, wie stehen die Angelegenheiten Hassan Kerbelaïs? Da er dich liebte und dir sein Vertrauen schenkte, mußt du sie besser als irgend jemand anders kennen.«

»Inwieweit sind sie dir selbst bekannt, mein Sohn?« fragte sie mit großer Hast und augenscheinlicher Verwirrung.

Ich unterbrach sie, um in meiner Rede fortzufahren: »Es wird dir bekannt sein, daß, nachdem ich dem Gesetze nach sein Erbe bin, ich auch seine Schulden zu begleichen habe, und darum sollten diese festgestellt werden. Ferner müssen die Begräbniskosten, die sehr bedeutend sein dürften, bezahlt werden, ich jedoch bin im Augenblicke ebenso von allen Mitteln entblößt wie am Tage, als du mir das Leben gabst. Um aber alles dies zu decken, brauchen wir Geld, sonst würde mein und meines Vaters Namen vor den Leuten entehrt sein und meine Feinde nicht verfehlen, über mich herzufallen. Er stand im Geruche des Reichtums; denn hätten sich sonst so viele Blutsauger und Achselträger, die nur mein Erscheinen verjagte, um sein Totenbett gedrängt? Du bist meine Mutter, du mußt mir sagen, wo er gewöhnlich sein Bargeld hintat, wem er etwas schuldig ist oder schuldig sein könnte, und wie groß sein Vermögen außer seinem sichtbaren Eigentume sein kann?«

»O Allah!« rief sie aus, »was sind das für Reden? Dein Vater war ein armer Mann, der weder Geld noch Gut besaß. Ja, Geld! Wir hatten nichts andres zu essen als trockenes Brot! Hier und da nach Ankunft einer Karawane, wenn es recht viele Köpfe zu rasieren gab und das Geschäft flott ging, vergönnten wir uns eine Schüssel Reis oder ein Gericht Kebab; außerdem haben wir wie Bettler gelebt. Ein Bissen Brot, ein Stückchen Käse, eine Zwiebel, eine Schale saurer Milch, anders ging es alltags nicht bei uns her; und angesichts dieser Verhältnisse verlangst du Geld von mir und noch dazu Bargeld? Es ist dies Haus hier da, was du kennst, und der Laden samt der Einrichtung; aber damit habe ich auch so ziemlich alles angeführt, was anzuführen ist. Du kamst gerade zur rechten Zeit, um in die Fußstapfen deines Vaters zu treten und sein Geschäft zu übernehmen; Inschallah, so Gott will, wird deine Hand eine gesegnete sein, die jahraus, jahrein nicht zu feiern braucht.«

»Dies ist höchst seltsam!« rief ich aus. »Mehr als fünfzig Jahre harter, unablässig saurer Arbeit und kein Geld vorweisen können! Das ist unglaublich, da müssen die Wahrsager ins Haus kommen!«

»Die Wahrsager?« rief meine Mutter einigermaßen bestürzt. »Was sollen diese uns nützen? Die läßt man kommen, um Diebe ausfindig zu machen! Hadschi, du wirst doch deine Mutter nicht des Diebstahls bezichtigen wollen? Geh, erkundige dich bei deinem Freunde, dem Akhund, der auch deines Vaters Freund war. Er ist über alle Angelegenheiten deines Vaters genau unterrichtet und kann dir meiner Überzeugung nach nur wiederholen, was ich dir gesagt habe.«

»Mutter, dein Vorschlag klingt nicht übel,« antwortete ich. »Der Akhund, der meines Vaters intimster Vertrauensmann auf seinem Sterbebette zu sein schien, wird auch wissen, welches seine letzten Wünsche waren, und mir sagen können, ob er etwas hinterließ und wo das Geld zu finden ist.«

Demzufolge suchte ich sofort den alten Mann auf und fand ihn inmitten seiner Schüler in der gleichen Ecke der kleinen Gemeindemoschee sitzen, genau wie vor zwanzig Jahren, wo ich selbst den Unterricht bei ihm genossen hatte.

Als er mich kommen sah, entließ er seine Schüler, indem er sagte, auch er wolle ebenso wie andre des Vergnügens teilhaftig werden, das ich unfehlbar hervorriefe, wo auch immer ich erschiene.

»Ahib Akhund,« sagte ich, »mache dich nicht über mich lustig. Mein Glück läßt mich ganz im Stiche; denn jetzt, wo ich hoffen konnte, daß das Schicksal, das mir den Vater nahm, mich für diesen Verlust durch Reichtum entschädigen würde, scheint meiner eine Enttäuschung zu harren, und am Ende werde ich noch bettelärmer sein, als ich es je gewesen bin!«

»Allah kerim, Gott ist gütig!« sagte der Schulmeister, blickte gen Himmel, legte seine Hände, die Innenseite nach oben gekehrt, auf seine Knie und rief: »O Allah, alles, was ist, bist du!« Und mir zugewendet, sagte er: »Ja, mein Sohn, so ist die Welt und wird immer so bleiben, solange man sein Herz nicht allen menschlichen Wünschen verschließt. Wünsche nichts, suche nichts, dann wird dich nichts suchen.«

»Seit wann bist du denn ein Sufi,« fragte ich ihn, »daß du in dieser Weise redest? Über das Thema kann ich mitsprechen, seitdem mich meine schlechten Sterne nach Kum führten. Aber jetzt nehmen mich andre Angelegenheiten in Anspruch!« Ich sagte ihm dann, weshalb ich ihn aufgesucht hätte, und bat ihn, mir mitzuteilen, was er von meines Vaters Angelegenheiten wüßte.

Bei dieser Frage begann er zu husten, machte ein erschrecklich kluges Gesicht, schwor zahllose Eide und erging sich in gewundenen Beteuerungen, die damit endeten, mir zu wiederholen, was ich schon vorher durch meine Mutter erfahren hatte, nämlich, er glaube, mein Vater sei gestorben, ohne im Besitz von ›Nagd‹ – Bargeld – zu sein (worauf doch eigentlich mein momentanes Suchen allein gerichtet war). Was seine liegenden Güter beträfe, die kennte ich doch sicher ebensogut wie er selbst.

Zuerst ließ mich die Enttäuschung für einige Zeit verstummen, um später meinem Staunen mit den heftigsten Worten Ausdruck zu geben. Ich hatte Beweise, daß mein Vater als echter, guter Muselmann niemals Geld auf Zinsen lieh, entsann mich jetzt sehr wohl aus meiner Jugend, daß Osman Aga, mein erster Herr, eine große Summe von ihm borgen wollte, ihm auch hohe Zinsen dafür anbot, mein Vater aber sein Gewissen in die Hände eines rechtgläubigen Mollas legte, der ihm sagte, die Vorschrift des Korans verböte dies überhaupt. Ob er nun seit der Zeit weniger streng an seinen Grundsätzen festgehalten, konnte ich nicht sagen, war aber überzeugt, daß er sich dem ungesetzmäßigen Brauch, Zinsen zu nehmen, stets abgeneigt zeigte und im Tode wie im Leben das wahre Vorbild eines Rechtgläubigen gewesen war. Sehr niedergeschlagen verließ ich die Moschee, lenkte meine Schritte zu meines Vaters Laden und zermarterte mir das Gehirn, was ich beginnen sollte, um mir künftighin meinen Unterhalt zu sichern.

In Ispahan zu verbleiben, kam nicht in Frage, da mir die Stadt und ihre Bewohner geradezu verhaßt waren; also blieb mir nichts andres übrig, als über alles, was mir gehörte, zu verfügen und in die Hauptstadt zurückzukehren, die für einen Abenteurer wie mich schließlich doch die größten Vorteile bot.

Ich konnte mich des Gedankens nicht entschlagen, mein Vater habe sicher Bargeld besessen, und gegen meinen Willen stieg mir ein Argwohn auf, man habe in der einen oder andern Weise falsches Spiel mit mir gespielt.

Da ich fremd in der Stadt war und nicht wußte, an wen ich mich wenden sollte, und gerade darüber nachdachte meinen Fall mit dem Kadi zu beraten, redete mich der alte Kaputschi an. »Friede sei mit dir, Aga!« sagte er. »Möge dein Überfluß größer werden! Meine Augen werden heller, wenn ich dich sehe!«

»Du scheinst köstlich gelaunt zu sein, Ali Mohammed,« gab ich zur Antwort. »Was nun meinen Überfluß, von dem du sprichst, anbelangt, so habe ich allerdings Kümmernisse im Überfluß, von einem andern aber wüßte ich nichts. Ach!« rief ich mit einem Seufzer, »meine Leber ist zu Wasser geworden und meine Seele verdorrt.«

»Was soll das heißen?« fragte der alte Mann. »Dein Vater (der in Frieden ruhe) ist gerade gestorben. Du bist sein Erbe, bist jung und, Maschallah, auch hübsch, hast obendrein einen hellen Kopf, was willst du denn mehr!«

»Allerdings bin ich der Erbe, aber wovon? Was nützt es mir, ein altes Haus aus Lehm zu erben, ein paar zerschlissene Teppiche, einige Töpfe, Pfannen und altersschwachen Hausrat, den Laden dort nebst den Messingbecken und einem Dutzend Rasiermessern? Auf eine solche Erbschaft spucke ich!«

»Aber Hadschi,« rief der Torwart, »wo ist dein Geld, dein Bargeld? Deinem Vater (Gott sei mit ihm) sagt man nach, er sei ebenso knauserig mit seinem Gelde als freigebig mit seiner Seife gewesen; jedermann weiß auch, daß er viel zusammengescharrt haben muß, und kein Tag verging, an dem er seinem Schatze nicht etwas zulegte.«

»Das mag ja richtig sein,« sagte ich, »aber was nützt mir das, wenn ich nicht herausbringen kann, wo er sein Geld aufbewahrte? Meine Mutter sagt, er hätte keins gehabt; das nämliche wiederholte mir der Akhund. Leider bin ich kein Zauberer, um die Wahrheit herauszubringen, und hatte gerade im Sinne, zum Kadi zu gehen.«

»Zum Kadi?« fragte Ali Mohammed. »Gott bewahre, geh da nicht hin. Ebensogut könntest du in meiner Abwesenheit ans Tor der Karawanserei anklopfen, als den Versuch machen, durch ihn, ohne hohe Gebühren im voraus, zu deinem Rechte zu kommen.«

»Ja, was ist denn da zu tun?« sagte ich. »Könnten mir vielleicht die Wahrsager in dem Falle helfen?«

»Da ist weiter gar nichts Schlimmes dabei,« antwortete der Torwart. »Gerade während meiner Dienstzeit in dieser Karawanserei sah ich sie bedeutende Entdeckungen machen; Kaufleute, die ihr Geld verloren hatten, fanden es häufig durch ihr Zutun wieder. Nur beim Überfalle der Turkmenen, wo so viel Gut gestohlen wurde, waren sie völlig am Ende ihrer Weisheit. Ach, war das ein seltsames Erlebnis, das viel Trübsal über mein Haupt brachte. Waren doch einige infam genug, zu sagen, ich sei mit ihnen im Einverständnisse gewesen, und, was noch merkwürdiger ist, zu behaupten, du hättest dich unter ihnen befunden, Hadschi; denn nur auf deinen Namen hin, dessen sich der Hundesohn bediente, um mich zum Öffnen des Tores zu bewegen, entstand das ganze Unheil.«

Glücklicherweise sah der alte Mohammed sehr schlecht, sonst hätte er bei diesen Worten eine Veränderung meiner Gesichtszüge beobachten müssen. Dessenungeachtet endete unser Gespräch damit, daß er mir versprach, den erfahrensten aller Wahrsager von ganz Ispahan zu schicken; »ein Mann,« sagte er, »der ein Goldstück aus der Erde herausziehen würde, und wäre es zehn Gäz (Ellen) tief vergraben.«

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