Hadschi Baba

Die Abenteuer des Hadschi Baba aus Isfahan

James Morier

Inhaltsverzeichnis

Fünfundvierzigstes Kapitel - Hadschi versucht sein Erbe zu finden

Am darauffolgenden Tage, bald nach dem ersten Gebete, betrat eine zwergenhaft verwachsene Gestalt mein Zimmer und stellte sich als Wahrsager vor. In dem Riesenkopfe des Buckligen saßen zwei so prachtvoll funkelnde Augen, und er selbst schien über so große Geistesgaben zu verfügen, daß ich fühlte, er könne mich mit einem einzigen Blicke völlig durchschauen. Eine Fülle pechschwarzer Haare quoll unter seiner Derwischmütze hervor, die im Verein mit einem dicken, struppigen Barte seinen Zügen etwas Imponierendes verliehen. Ein beständiges, entweder künstliches oder natürliches Zwinkern der Lider ließ seine Augen wie Sterne funkeln, so daß diese Mißgeburt, nur so hoch wie ein Knüppel, wie ein kleiner Dämon wirkte.

Er begann, mich peinlich genau auszufragen, wollte über jeden Umstand meines Lebens unterrichtet werden, insbesondere jede Kleinigkeit wissen, die sich seit meiner Rückkehr nach Ispahan zugetragen; erkundigte sich auch, welche Freunde und Bekannte mein Vater besonders bevorzugt hatte und welches meine Verdachtsgründe seien; kurz, er untersuchte jeden einzelnen Umstand mit der Genauigkeit eines Arztes, der einem seltsamen, versteckten Übel auf den Grund kommen möchte.

Nachdem er alles, was ich ihm zu wissen tat, lange und wohlerwogen hatte, verlangte er die Räume zu sehen, in denen sich mein Vater vorzüglich aufgehalten hatte. Da meine Mutter gerade das Bad besuchte, konnte ich ihm diese ohne ihr Wissen zeigen. Er ersuchte mich, ihn in den Zimmern allein zu lassen, da seine Enthüllungen, von denen er sich Erfolg versprach, die eingehendste Lokalkenntnis erforderten. Nachdem er alles genau besehen hatte, bat er mich, die intimsten Hausfreunde meines Vaters einzuladen, da er sein Werk erst beginnen wollte, wenn diese versammelt wären. Ohne des Wahrsagers mit einem Worte zu erwähnen, ersuchte ich meine Mutter, ihre besten Freunde zu einem Imbisse zu laden, zu dem ich selbst die Bekannten des Akhund bat, den Kaputschi sowie alle, die gewohnt waren, im Hause ein und aus zu gehen. Sie erschienen pünktlich, und nachdem ein, meinen Mitteln entsprechendes Mahl verzehrt war, ersuchte ich alle, mir als Zeugen bei den Versuchen des Wahrsagers beizustehen, der ergründen wollte, wo mein Vater sein Bargeld, an dessen Vorhandensein niemand zweifeln konnte, hingetan habe. Während dieser Rede fixierte ich sämtliche Physiognomien und hoffte, irgendein verräterischer Ausdruck könnte meinen Verdacht auf eine bestimmte Spur lenken; allein alle schienen willens, mir bei meinen Nachforschungen behülflich zu sein, und bewahrten die einwandfreieste, natürlichste Haltung.

Endlich erschien der Derwisch ›Tis Nigāh‹, von einem Diener begleitet, der unter seinem Arme einen in ein Taschentuch eingewickelten Gegenstand trug.

Zuerst musterte der Derwisch alle Anwesenden mit einem tiefernsten Blicke; doch vornehmlich hefteten sich seine Basiliskenaugen auf den Akhund, der dieser genauen Prüfung nicht standhielt und ausrief: ›La Allah ill Allah!‹, plötzlich seinen Kopf abwärts richtete und, als wollte er böse Geister abwenden, zuerst über seine rechte, dann über seine linke Schulter blies. Jedoch auf die Heiterkeit, die sich auf seine Kosten erhob, ging der zu keinerlei Scherzen aufgelegte Akhund durchaus nicht ein.

Der Derwisch rief alsdann seinen Diener, der aus dem Taschentuche eine blanke Messingschale wickelte, deren äußeren Rand Koransprüche schmückten, die alle Bezug auf das Laster des Diebstahls und die Veruntreuung von Geldern hatten, die den Waisen gesetzlich zukommen. »Im Namen Allahs, des Allweisen und Allwissenden,« sagte er kurz und stellte die Schale, die er mit sichtlicher Ehrerbietung berührte und handhabte, auf den Boden.

»Inschallah,« sagte er zu den Anwesenden, »sie wird uns gleich zur Stelle hinführen, wo das Geld des verblichenen Kerbelaï (dem Gott gnädig sein möge) verborgen ist oder verborgen war.«

Als wir uns daraufhin, teils gläubig, teils zweifelnd gegenseitig anschauten, beugte er sich zur Schale nieder, die er mittelst leichter Stöße und Schläge unter beständig wiederholten Ausrufen: »Seht, seht, sie findet ihren Weg, sie läuft mir gegen meinen Willen davon, Maschallah, Maschallah!« vorwärts bewegte.

Wir folgten ihm bis vor die Tür des Harems, die nach kurzen Verhandlungen geöffnet wurde. Hier hatte sich eine zahlreiche Menge von Frauen eingefunden, die ebenfalls mit der größten Ungeduld harrten, um sich von den Zauberkünsten der wunderbaren Schale zu überzeugen. »Macht Platz!« rief der Bucklige den Frauen zu, die ihm im Wege standen, als er die Richtung gegen einen Winkel im Hofe einschlug, wohin die Fenster des Zimmers gingen; »macht Platz, mein Wegweiser darf durch nichts aufgehalten werden!«

Ein weibliches Wesen, in dem ich meine Mutter erkannte, verhinderte mehrere Male die Fortbewegung der Schale, so daß der Wahrsager genötigt war, sie mit einiger Heftigkeit zurechtzuweisen, sie möge ihm doch den Weg freigeben.

»Seht Ihr nicht!« sagte er; »wir sind im Dienste des Herrn. Das Recht wird trotz der Schlechtigkeit der Menschen siegen!«

Endlich hatte er den fernen Winkel erreicht, wo das Erdreich offenbar erst kürzlich aufgewühlt worden war, und machte hier Halt.

Er stocherte jetzt mit seinem Dolche im Boden herum, entfernte mit den Händen das gelockerte Erdreich, deckte alsbald die Scherben eines irdenen Gefäßes auf und fand in der Nähe die Spuren eines zweiten.

»Hier!« rief er, »hier war das Geld, das nun fort ist!«

Jedermann war aufs höchste betroffen – alle riefen laut: ›Adschaib‹ (wunderbar) und staunten den zwergenhaften Krüppel wie ein übernatürliches Wesen an.

Der Kaputschi, für den derartige Entdeckungen nichts Neues bedeuteten, war der einzige, der Unbefangenheit genug besaß, um zu fragen: »Wo aber ist der Dieb? Du hast uns nun gezeigt, wo das Wild lag, und mußt es nun auch einfangen; wir verlangen entweder den Dieb und das Geld, oder das Geld ohne den Dieb.«

»Sachte mein Freund!« sagte der Derwisch zum Kaputschi; »schließt nicht zu schnell vom Verbrechen auf den Verbrecher! Für jede Krankheit haben wir eine Arznei, wennschon sie einige Zeit braucht, um zu wirken.«

Hierauf hielt er seine sprühenden Augen fortwährend auf die ganze Versammlung gerichtet und sagte: »Ich bin sicher, alle hier werden nur zu glücklich sein, sich von jedem Verdacht reinigen zu können, und sich gern dem unterwerfen, was ich vorschlage; die Sache ist höchst einfach und rasch erledigt.«

Er rief abermals seinen Diener, der ihm einen kleinen Beutel einhändigte und die Schale wieder an sich nahm.

»Dieser Beutel«, sagte der Bucklige, »enthält alten Reis. Davon werde ich jedermann eine kleine Handvoll in den Mund schieben; doch muß der Reis sofort kleingekaut werden. Die, die es nicht vermögen, sollen auf ihrer Hut sein!«

Er stellte uns hierauf in einer Reihe auf, füllte sämtliche Mäuler mit Reis, die alle mit der Arbeit des Kauens alsbald begannen. Ich als Ankläger blieb selbstverständlich von diesem Gottesurteil verschont. Meine Mutter, die gemeinsame Sache mit mir zu machen gedachte, stand ebenfalls nicht in der Reihe; das aber wollte der scharfblickende Derwisch nicht zugeben, und sie mußte sich gleich allen übrigen, wenn auch höchst widerwillig, der Prozedur unterwerfen. Der Derwisch jedoch sagte ihr: »Das Geld, das wir suchen, gehört nicht Euch, sondern Eurem Sohne; wäre er Euer Ehemann, stünden die Dinge anders.«

Nun begannen alle Kinnbacken, heftig zu arbeiten. Einige betrachteten die Sache als einen gelungenen Scherz, andre als eine starke Zumutung für ihre Nerven. Sobald einer der Anwesenden seine Portion Reis glücklich kleingekaut hatte, rief er den Derwisch herzu, sperrte den Mund auf und zeigte den Inhalt vor. Mit Ausnahme meiner Mutter und des Akhunds hatten alle ihre Unschuld bewiesen.

Letzterer, das Bild gezwungener Heiterkeit und nervösen Unbehagens, knabberte schrecklich an seinem Reis herum, warf ihn von einer Backe in die andre, bis er äußerst ärgerlich ausrief: »Warum soll ich dieses Zeug kauen? – ich bin alt, habe keine Zähne mehr, kann darum den Reis unmöglich klein kriegen!« und spuckte ihn dann aus. Meine Mutter beklagte sich ebenfalls, nicht die Kraft zu haben, den harten Reis zu zerkauen, und tat wie der Akhund. Als es daraufhin ganz stille ward, schaute alles die beiden aufmerksamer an als vorher, bis ein meiner Mutter gut bekanntes augendienerisches Weib ausrief: »Welch eine kindische Spielerei! Ist es nicht unerhört, daß ein Sohn seine Mutter und seinen alten Schulmeister so respektswidrig behandelt? Kommt, laßt uns gehen, wahrscheinlich ist er selber der Dieb!«

Da erwiderte empört der Derwisch: »Sollen wir uns wie Narren und Esel behandeln lassen? – Entweder war Geld in dem Winkel, oder es war keines dort; entweder gibt es Diebe in der Welt, oder es gibt keine!«

Und indem er auf meine Mutter und den Akhund zeigte, rief er aus: »Dieser Mann und diese Frau haben nicht getan, was alle übrigen taten. Vielleicht war ihnen in der Tat der Reis zu hart und sie zu alt, ihn zu kauen. Es sagt auch niemand, daß sie das Geld gestohlen hätten, das wissen sie selbst am besten«; und er blickte sie bei diesen Worten besonders durchdringend an. »Aber der berühmte Hellseher Häsarfann, der mit Recht der Busenfreund des großen Bären und der Vertraute des Planeten Saturn genannt wird, er, der alles wußte, was ein Mensch je gedacht, denkt oder denken wird, er hat es gesagt, daß unter Memmen die Reis-Probe das beste Mittel sei, um die Ehrlichkeit eines Menschen festzustellen. Ihr, meine Freunde, seid nach allem, was ich bis jetzt beobachten konnte, weder Löwentöter, noch ist der Mut eure stärkste Seite. Solltet ihr aber in diesem Falle noch an meiner Geschicklichkeit zweifeln, so möchte ich ein noch viel einfacheres Experiment in Vorschlag bringen, das niemand bloßstellt, auf den Dieb aber wie ein Zaubermittel wirkt, so daß er, um sein Gewissen zu erleichtern, aus freien Stücken hingeht und das unrecht erworbene Gut wiederherausgibt.

»Ich schlage darum das ›Chak-risi‹ oder Aufhäufen des Erdreichs vor. Ich werde in diesem Winkel hier einen Erdhaufen machen und will diese Nacht recht inbrünstig beten, daß durch den Segen Allahs der Hadschi (hier deutete er auf mich) morgen sein Geld wiederfinden soll. Wer dies zu sehen wünscht, mag sich morgen einfinden; und wenn nichts vorgefunden wird, so will ich ihm ein Miskal meiner Barthaare geben.« Während der Derwisch sich an die Arbeit machte, Erdreich im Winkel aufzuhäufen, schlenderte unterdessen ein Teil der Zuschauer herum, um das Vorgefallene zu besprechen. Einige betrachteten mich und den Buckligen als Kinder des bösen Geistes, andre wiederum dachten das von meiner Mutter und dem alten Schulmeister. Die Mehrzahl der Gesellschaft, die sich jetzt zu zerstreuen begann, versprach, am nächsten Morgen wiederzukommen, um sich zu überzeugen, ob im Erdhaufen etwas gefunden würde.

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