Flächenland
Flächenland für Gläubige

von

Yavuz Özoguz

und

Huseyin Özoguz

Inhaltsverzeichnis

Über das Klima und die Häuser in Flächenland

Wie bei Ihnen gibt es auch bei uns vier Himmelsrichtungen: Norden, Süden, Osten und Westen. Nur „oben“ und „unten“, wie Sie es beschreiben, haben wir nicht. Bei uns ist „oben“ immer Norden und „unten“ ist immer Süden. Weil es bei uns weder eine Sonne noch andere Himmelskörper gibt, und wir auch keinen Kompass haben, ist es für uns unmöglich, Norden in der für Sie üblichen Weise zu bestimmen; aber wir haben unsere eigene Methode. Infolge eines Naturgesetzes herrscht bei uns eine beständige Anziehung nach Süden. Alle Figuren spüren eine gewisse leichte Anziehung nach Süden. Obwohl diese Anziehung in gemäßigten südlichen Zonen sehr schwach ist, so dass sogar ein schwaches Kind ohne viel Kraft ohne besondere Schwierigkeit mehrere Kilometer nordwärts wandern kann, ist dennoch die hemmende Wirkung der Grundanziehung völlig hinreichend, um uns in den meisten Teilen unserer Erde als Kompass zu dienen. Da überdies der Regen, der zu bestimmten Zeiten fällt, immer von Norden kommt, ist auch er uns ein Hilfsmittel – bitte vergessen Sie nicht, dass wir kein „oben“ haben, von wo der Regen kommen könnte. In den Städten lassen wir uns von den Häusern leiten, deren Seitenwände natürlich größtenteils von Norden nach Süden laufen, so dass das Dach, bzw. das, was wir Dach nennen, gegen den von Norden einfallenden Regen schützen kann. Die Form unserer Häuser ist wie in Abbildung 3 dargestellt.

 

Abbildung 3: Unsere Häuser in Flachenland (ohne eingezeichnete Zimmer)

Fenster gibt es in unsern Häusern nicht; denn das Licht umgibt uns ohnehin überall, in unseren Wohnungen und auch draußen, zumindest bei Tag, gleichmäßig an allen uns bekannten Orten. Und Nachts wird es etwas schwächer, aber es genügt zum Sehen. Woher das Licht kommt, das wissen wir leider nicht. In alten Zeiten war es für unsere Gelehrten eine interessante und oft bedachte Frage: “Wie entsteht das Licht?“, ohne dass sie je befriedigend gelöst werden konnte. Aus frühen Zeiten gab es bei uns einen Glauben, dass das Licht aus viel höheren Gefilden stammt, aber kein Flächenländer wusste wirklich, was damit gemeint war. Viele Besserwisser, die ohne tiefere Kenntnis über die Welten sich an diese Frage herangetraut haben, sind im Irrenhaus gelandet oder vom Glauben abgefallen. Bitte Geduld lieber Leser, über den Glauben bei uns erzähle ich später.

Ein großer Gelehrter – ein perfekter fehlerfreier Kreis –, den ich immer sehr gerne besuchte und seinen Lehren lauschte, erzählte mir von anderen Welten, von Himmeln und faszinierenden Eindrücken. Auch wenn ich im tiefsten Herzen spürte, dass dieser große Gelehrte, dieser alte Kreis, den ich liebevoll “mein geehrter Kreis“ nannte, die Sprache meiner Seele berührte, so konnte ich ihn dennoch kaum verstehen. Nur eines machte mich sehr nachdenklich: Er sagte mir immer wieder, dass ich zwar nicht jedes Geheimnis verstehen könne, aber dass ich mit ein wenig Glauben an den Schöpfer allen Seins die Begrenztheit unserer zwei Dimensionen überwinden könnte.

Heute weiß ich, wie Recht er doch hatte, und ich weiß jetzt nur zu gut die wirkliche Lösung dieses geheimnisvollen Problems vom Licht in unserer Welt, aber meine Kenntnis kann ich nur den wenigsten meiner Landsleute verständlich machen. Meine Sprache reicht nicht aus, um die Schönheit zu beschreiben, die ich gesehen habe. Und wenn ich es dennoch versuche, dann verspottet man mich, der ich doch jetzt die Kenntnis der Wahrheit über den Raum und über die Quelle des Lichts aus der Welt der drei Dimensionen habe. Manche behandeln mich dann sogar so, als ob ich der Wahnsinnigste der Wahnsinnigen wäre. Dabei habe ich doch nur etwas gesehen, was viele noch nicht gesehen haben, aber auch sehen könnten. Vielleicht hätte ich meine Geschichte auch nur denjenigen erzählen sollen, die mir zuhören wollten, wie mein alter weiser Lehrer es tat. Aber hören wir auf mit diesen Abschweifungen, lassen Sie mich zu unseren Behausungen zurückkehren.

Die häufigste Form für den Bau eines Hauses ist das regelmäßige Fünfeck, wie es bereits in Abbildung 3 gezeigt wurde. Die zwei Nordseiten bilden das Dach, oder zumindest das, was wir Dach nennen. Und im Dach ist unsere Gebetsecke nach Norden ausgerichtet, aber dazu später mehr, denn auch wir beten. Im Osten ist eine Tür für die Frauen, im Westen eine Tür für die Männer, die Südseite oder der Fußboden ist gewöhnlich ohne Tür. Quadratische und dreieckige Häuser sind nicht gestattet, und zwar aus folgendem Grund: Die Winkel, also die Ecken eines Quadrats – und noch mehr die eines gleichseitigen Dreiecks – sind spitzer als die eines Fünfecks, und die Linien unbelebter und unbeweglicher Gegenstände (z.B. der Häuser) sind für uns undeutlicher erkennbar als die Linien von Männern und Frauen. Daher würde also die Gefahr bestehen, dass die Ecken eines quadratischen oder gar dreieckigen Wohnsitzes einem unachtsamen oder zerstreuten Reisenden, der dagegen läuft, ernsthaften Schaden zufügen könnten. Daher wurden dreieckige Häuser allgemein durch das Gesetz verboten. Die einzige Ausnahme bilden Befestigungen, Kasernen und andere der Verteidigung des Staates gewidmete Gebäude, denen sich das Publikum ohnehin nur mit äußerster Vorsicht nähern darf.

Eine weitere Ausnahme bilden drei übergroße Quadrate im Norden unseres Landes. Diese sind Gebäude von viel, viel größeren Ausmaßes als die gewöhnliche Größe von Menschen! Ein perfektes und gut erhaltenes Quadrat im äußersten Norden unseres Landes besuchen Einige, um es zu umkreisen. In einem weiteren übergroßen Quadrat, nicht weit davon entfernt, gibt es eine große Kreuzung von einer langen und einer etwas kürzeren Linie, wobei die kurze Linie in der Mitte und die lange etwas versetzt von der Mitte gekreuzt wird. Jenes übergroße Quadrat, in dem jene Kreuzung der Striche steht, wird wiederum von anderen gerne besucht. Und von einem dritten übergroßen Quadrat existiert heute nur noch eine Seite, also eine Linie. Die anderen Linien sind in der Geschichte von Flächenland zerstört worden. Doch auch diese verbliebene Linie gilt für einige unserer Bewohner als heilig, wie auch die vorher genannten übergroßen Quadrate. Die Besucher aller drei übergroßen Quadrate streiten sich durchgehend darüber, welches übergroße Quadrat denn das schönste und beste sei. Und es wird Sie – verehrte Leser – sicherlich nicht besonders überraschen, dass jeder sein eigenes verehrtes übergroßes Quadrat am schönsten findet, aber solch eitles Gezänk gibt es sicher nur in Flächenland.

Kurz nach den übergroßen Quadraten, also noch weiter im Norden, gibt es keine Zivilisation mehr. Man könnte noch tausende und abertausende Jahre weiterwandeln und würde auf keinen Flächenländer stoßen. Manche unserer Wissenschaftler behaupten, dass man Millionen von Jahren in die gleiche Richtung gehen könnte, aber solche Gebiete unserer Welt haben wir verständlicherweise noch nicht erforscht, da wir nur ähnlich lange Leben, wie die Bewohner in Ihrer Welt, verehrter Leser. Manche ganz tapfere mathematisch veranlagte Wissenschaftler bei uns behaupten sogar, dass wenn man lange genug nach Norden geht, man wieder im Süden ankommen würde, aber sie können es zumindest kaum anschaulich machen, wie das mit rechten Dingen zugehen soll.

Ich selbst lebe mit meiner Familie in einem schönen einfachen Fünfeck.

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