Flächenland
Flächenland für Gläubige

von

Yavuz Özoguz

und

Huseyin Özoguz

Inhaltsverzeichnis

Wie ich nach Raumland kam, und was ich dort sah

Eine unsagbare Faszination ergriff mich. Um mich herum war Dunkelheit oder doch Helligkeit, ich begriff es nicht; dann ein unklares Gefühl im Herzen, und ich sah etwas, aber nicht so, wie ich es kannte, nicht wie Sehen in Flächenland; ich sah eine Linie, und es war keine Linie; Raum, und es war kein Raum; ich war ich selbst und auch wieder nicht ich selbst. Aber gleichzeitig stieg in mir eine innere Ruhe herauf, die ich ebenfalls nicht kannte. Was war nur geschehen? Als ich Worte finden konnte, sprach ich in sanften Worten in der Hoffnung, dass mich jenes eigenartige Wesen hören würde: „Entweder ist dies ein Traum, oder es ist das Jenseits!“„Es ist keins von beiden“, antwortete ruhig die Stimme der Kugel, „Es ist: Wissen; es ist: Drei Dimensionen! Öffne deine Augen, öffne Dein Herz und versuche zu erkennen.“

Ich blickte mich um und erblickte eine neue Welt! Da stand vor mir, sichtbar und körperhaft, alles was ich bis dahin erschlossen, geplant und geträumt hatte von vollkommener Kreisesschönheit. Was der Mittelpunkt der fremden Gestalt zu sein schien, lag offen vor meinen Augen; und doch konnte ich kein Herz, keine Lungen, keine Adern sehen, nur ein schönes harmonisches Etwas, für das ich keine Worte hatte; aber Sie, meine Leser aus Raumland, würden es die Oberfläche einer Kugel nennen, eine Sphäre, welche wunderbare Erfüllung.

Ich beugte mich innerlich vor meinem weisen Lehrer aus der anderen Welt und rief: „Wie kommt es, du vollkommenes Ideal aller Schönheit und Weisheit, dass ich dein Inneres sehe, und doch kann ich dein Herz, deine Lungen, deine Adern, deine Leber nicht unterscheiden?“„Was du zu sehen meinst, das siehst du nicht“, erwiderte er, „es ist weder dir noch irgendeinem andern Wesen deiner Welt gegeben, mein Inneres zu erblicken. Ich bin eine andere Art Wesen als die in Flächenland. Wäre ich ein Kreis, dann könntest du jetzt meine inneren Organe sehen; aber ich bin ein Wesen, das aus vielen Kreisen zusammengesetzt ist, wie ich dir schon sagte, die Vielheit im Einen; in diesem Lande nennt man mich Kugel. Und gerade wie die Außenseite eines Würfels ein Quadrat ist, so bietet die Außenseite einer Kugel die Erscheinung eines Kreises.“

Ich war zwar durch diese rätselhafte Äußerung meines Lehrers verwirrt, aber ich sträubte mich nicht länger dagegen, sondern war ihm in stummer Verehrung dankbar. Mit mehr Milde in seiner Stimme fuhr er fort: „Sorge dich nicht, wenn du vorläufig die tieferen Geheimnisse von Raumland nicht verstehen kannst. Allmählich wird dir alles klar werden. Zuerst wollen wir einen Blick dahin zurückwerfen, woher du gekommen bist. Ich will dir zeigen, worüber du schon so viel nachgedacht hast, aber was du noch nie mit Augen erschaut hast: Einen sichtbaren Winkel.“ „Unmöglich!“, rief ich; aber die Kugel führte mich, ich folgte wie im Traum, bis ihre Stimme mich anhielt: „Siehe dorthin und erblicke dein eigenes fünfeckiges Haus mit allen seinen Bewohnern!“ Ich blickte hinunter und sah mit meinem leiblichen Auge alle die häuslichen Einzelheiten, die ich bisher nur mit der Vernunft erschlossen hatte. Und wie armselig und schattenhaft war das Vermutete im Vergleich mit der Wirklichkeit, die ich nun erblickte! Meine vier Söhne ruhig schlafend in den nordwestlichen Zimmern; meine beiden verwaisten Enkel in den südlichen Räumen; die Hausangestellten, meine Tochter, alle, in ihren verschiedenen Gemächern. Nur meine Frau, durch meine Abwesenheit beunruhigt, hatte ihr Zimmer verlassen und ging in der Halle auf und nieder, ängstlich auf meine Rückkehr wartend. Als wir näher und näher kamen, konnte ich sogar den Inhalt meines Schrankes unterscheiden, die beiden Schachteln und die Notizbücher, welche die Kugel erwähnt hatte.

Wieder fühlte ich mich durch den Raum gehoben. Je mehr wir uns entfernten, desto größer wurde unser Gesichtskreis. Meine Vaterstadt, das Innere jedes Hauses und jedes Geschöpfes, alles lag in Miniatur offen vor meinem Blick. Wir stiegen höher, und siehe; die Geheimnisse Flächenlandes, die Tiefen der Bergwerke und die innersten Höhlen der Hügel entschleierten sich mir.

Wir entfernten uns immer weiter von Flächenland und ich sah unsere gesamte Zivilisation schrumpfen zu einem Fleck auf der Fläche. Unsere Forscher wussten bereits, dass nur eine winzige Fläche besiedelt war, doch dass diese derart verschwindend klein war, hätte sich wohl niemand ausmalen können. Und die Faszination des Anblickes ließ mein Herz fast zerspringen.

Wir hatten uns nun wahrlich sehr weit entfernt, und je weiter wir uns noch entfernten, desto mehr begann ich etwas zu sehen, was ich nicht verstand, was doch gar unmöglich sein sollte: Flächenland selbst schien nicht eben zu sein, Flächenland war ausgebeult. Mein Lehrer, die Kugel, bemerkte meine schier grenzenlose Verwunderung:

„Du siehst, Flächenland selbst besitzt eine gewisse Ausdehnung in die dritte Dimension. Ganz wie Strecken, oder wie du sagtest, „Linien“, in Flächenland gekrümmt und gebogen sein können, so können auch Flächen in Raumland gekrümmt sein. Tatsächlich besitzt Flächenland eine perfekte und vollkommene Krümmung. Siehe her! Die Krümmung von Flächenland entspricht der Oberfläche meines Körpers, einer Sphäre, nur unbeschreiblich viel größer. Selbst wenn dich diese Erscheinungen, wo du sie doch direkt und unmittelbar wahrnehmen kannst, in tiefste Verwunderung stürzen, so gab und gibt es doch bei euch große Gelehrte, die Wissen über diese Dinge besitzen, und die euch dieses nahe zu bringen versuchten, doch ihr verstandet sie nicht.“

Nachdem ich mich wieder ein wenig beruhigt hatte ob dieser faszinierenden Flächenkrümmung im Raum, näherten wir uns wieder rasch Flächenland. Der winzige dunkle Punkt unserer Zivilisation wurde größer und größer, die Städte wieder unterscheidbar und schließlich konnte ich wieder einzelne Figuren ausmachen.

„Siehe dort hin“, sagte die Kugel, „kennst du jene Gebäude?“ Ich sah die drei überdimensionalen quadratartigen Gebäude im obersten Norden unseres besiedelten Landes, und wie die Pilger dorthin wanderten. Wie harmonisch wirkte doch das Treiben von „oben“ und wie faszinierend war es, dass Menschen versuchten, einen perfekten Kreis um ein perfektes überdimensionales Quadrat zu kreisen. Von hier oben war alles gar nicht so groß. Was wollten die Kreisenden erreichen? Wollten sie mit der Quadratur des Kreises oder der Sphärisation des Quadrats eine höhere Dimension des Seins erreichen? Wie harmonisch wirkte doch ihr Wandeln! Und so nah und doch so fern, jene Pilger, die um die zwei sich kreuzenden Strecken wandelten. Von hier sah es aus wie ein Kreuz. Es hatte vier Ecken und zeigte in vier Richtungen. Wollten die Pilger damit Dimensionen anstreben, von deren Existenz wir gar nichts wussten? Und auch die Pilger, die so traurig vor der verbliebenen Seite des zerstörten Quadrates standen, vollführten Bewegungen, als wenn sie die Begrenztheit von unserem Flächenland überwinden wollten. Ich hörte ihre Gebete. Sie klangen doch so ähnlich von hier oben. Und alle schienen auf ein Wesen zu warten, dass von einer anderen Dimension zu ihnen kommen sollte! Sollte ich jetzt in jener Welt sein, von der jenes Geschöpf erwartet wurde? Wenn das so war, dann musste es ein wunderbares Geschöpf sein, denn es war überwältigend schön, so weit sehen zu können!

Doch mein so erfreuter Blick wurde getrübt durch ein Ereignis, dass ich von hier oben sehr gut beobachten konnte. Ich hatte schon manchmal davon gehört, dass die Pilger der drei heiligen überdimensionalen Quadrate sich manchmal gegenseitig unflätige Worte zuriefen, aber von hier konnte ich beobachten, wie kleinere Gruppen von allen drei Quadraten sich trafen und gegenseitig viel Schmerz zufügten. Auch riefen sie sich gegenseitig sehr unhöfliche Worte zu, die ich aber von der Ferne nicht alle verstehen konnte, aber die so ganz und gar nicht zu ihren Gebeten passten. Hatten unser Gelehrten uns nicht die Weisheit gegeben, uns nicht besser als andere zu fühlen? Was war in jene Flächenländer gefahren? Warum vergaßen sie ausgerechnet an den heiligsten Orten alle Heiligkeit?

„Hier steigen wir nieder in Dein Heimatland“, sagte mein weiser Lehrer. Und ich landete mitten im Gewirr dieser Flächenländer, die sich gegenseitig nicht entsprechend unserer erhabenen Flächenländererziehung behandelten. Sie waren so sehr miteinander beschäftigt, dass sie meine plötzliche Anwesenheit aus dem scheinbaren Nichts gar nicht bemerkten. Die einen riefen, sie seien viel bessere Flächenländer, weil sie die einzigen und wahren Bewahrer des zerstörten Quadrates seien, und die anderen riefen, dass sie viel besser seien, weil sie die perfekte Kreuzung schützten, die alle Fehler derjenigen korrigierte, die mit ihnen sind. Und die dritte Gruppe wollte besser sein, weil sie als einzige das scheinbar Unmögliche, nämlich die Quadratur des Kreises, anstrebte.

Ach, was waren das doch alles nur für Narren. Wie konnten sie nur glauben, besser zu sein? Wie konnten sie diese Sünde begehen? Wären sie nur ein Mal mit mir in die dritte Dimension aufgestiegen, dann wüssten sie, wie wunderbar und faszinierend allein die Größe unserer Welt ist und wie groß die Welt außerhalb unserer so beschränkten Welt ist. Sie wüssten, dass diese Ordnung weit erhaben war über unsere begrenzte Sichtweise. Sie wüssten, wie klein und erbärmlich wir selbst doch in Wirklichkeit waren und doch so viel Größe spüren konnten. Und wenn sie das gespürt hätten, was ich gespürt habe, dann hätten wir wahrlich in Frieden leben können. War denn nicht von allem genügend für alle da? Warum sollte der eine besser sein als der andere? Warum konnten wir denn nicht gemäß der erhabenen Würde und Ehre eines Flächenländers teilen? Aber ich wusste, dass jene Schönheit, die ich gesehen hatte, nicht mit Worten vermittelt werden könnte. Also schwieg ich, und meine gütige Kugel zog mich auch schon wieder heraus aus dem unflätigen Geschrei der Unwissenden.

„Nun hast du genug gesehen. Ich werde dich wieder zurück bringen zu deinem Haus. Vorher aber sollst du noch die Schönheit der Welt etwas genießen dürfen“, sagte die Kugel zu mir, „Nutze die Gelegenheit und frage derweil, was du möchtest.“

© seit 2006 - m-haditec GmbH & Co KG - info@eslam.de