Flächenland
Flächenland für Gläubige

von

Yavuz Özoguz

und

Huseyin Özoguz

Inhaltsverzeichnis

Wie ich versuchte, mit drei Dimensionen Frieden zu stiften

Noch immer lastete das Gezänk der Pilger im Norden des Landes bei den drei überdimensionalen Quadraten auf meinem Gewissen. Ich ging zu meinem Lehrer im Flächenland, meinem geehrten Kreis und erzählte ihm, was ich erlebt hatte. An seiner Reaktion konnte ich erkennen, dass meine Erlebnisse für ihn nicht neu waren, was mich umso mehr in Erstaunen versetzte. „Warum haben Sie mir nie davon erzählt?“, gab ich meiner Entrüstung Ausdruck. Aber er blieb ganz ruhig und erwiderte nur: „Hättest du es denn geglaubt?“

Viel mehr als meine Reise durch die Dimensionen schien ihm meine Schilderung über den Streit der Pilger im Norden zu beunruhigen. Er forderte mich auf, den Leuten eine Ansprache zu halten. Er wollte die Menschen mit seiner geehrten und weisen Autorität versammeln lassen, damit ich zu ihnen spreche und sie zu Frieden und Liebe aufrufe.

„Höret ihr Leute, der erhabene und große Kreis ruft euch alle zusammen. Kommet herbei und höret, was er euch zu sagen hat“, riefen die Ausrufer überall in der Stadt.

Die Menge war versammelt und mein geehrter großer und erhabener Kreis kündigte an, dass ich eine Friedensbotschaft ausrufen wolle, welche den Menschen Wohl und Heil bringen könnte.

Da stand ich nun mit meinen Erinnerungen. Vor mir so viele Leute aus Flächenland, Leute, die zur restlichen Seite des einen überdimensionalen Quadrates reisen würden, Leute, die zu der Kreuzung im zweiten überdimensionalen Quadrat reisen würden und Leute, die um das dritte überdimensionale Quadrat kreisen wollten. Ich erinnerte mich, wie ich sie alle gemeinsam von “oben“ beobachtet hatte. Aber das konnte ich hier nicht erzählen. Das würde mir kaum jemand glauben und noch wenigere würden es verstehen. Doch jetzt fielen mir auch die Gebete ein, die sie gesprochen hatten. Alle sprachen gleichzeitig und das wortgewaltige Durcheinander klang doch wie ein einheitliches Gebet. Ich versuchte, mich in Gedanken zurück zu versetzen in die Lage, als ich sie beten sah, noch bevor sie sich stritten. Beteten sie nicht alle das Gleiche, wollen sie nicht alle die dritte Dimension erreichen, jene Dimension, die mir zu erreichen vergönnt war, und offensichtlich auch meinem Lehrer? Nein, diejenigen, die jene Dimension gesehen hatten, würden sich nicht mehr mit anderen Flächenländern streiten, denn die Faszination für die Schönheit der Wahrheit würde ihre Streitsucht bändigen. Streiten taten sich diejenigen, die in ihrer Begrenztheit nicht einmal die eigenen zwei Dimensionen verstanden hatten. Was sollte ich ihnen sagen?

Mir fielen die Worte ein, die ich an den drei überdimensionalen Quadraten gehört hatte. Hatten diejenigen, die an der übrig gebliebenen Seite des zerstörten überdimensionalen Quadrates standen, nicht gebetet: „Lasst uns unseren Schöpfer lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und allen unseren Kräften - und unseren Nächsten wie uns selbst.“ Und hatten diejenigen, die im Quadrat mit der Kreuzung beteten nicht hinzugefügt, „dass das Reich des Schöpfers kommen möge“? Und begannen jene um das überdimensionale Quadrat Kreisende nicht jedes Gebet im Namen eines barmherzigen und gnadenreichen Schöpfers und beteten die Liebe Gottes zu empfangen auf dem Weg der Wahrhaftigkeit? Sie alle, alle Pilger von allen drei überdimensionalen Quadraten beteten letztendlich um Liebe. Aber wo war die Liebe?

„Weder das Reich, noch die Liebe können noch kommen, denn sie sind schon längst da! Sie sind genau so klar und deutlich da, wie die dritte Dimension, die mir zu sehen gewahr wurde! Sie sind genau so klar und erhaben anwesend wie mein junger Enkel, der mir mit seinen Fragen erst die weitere Öffnung meines Herzens ermöglicht hat. Gnade, Barmherzigkeit und vor allem die Liebe sind keine begrenzten Ziele, sondern unendliche Wege voller Schönheit, und der Weg selbst ist das Ziel, ein Weg, der kein Ende hat und uns in immer weitere, größere und vor allem schönere Dimensionen führen kann. Wer als geehrter Flächenländer die Begrenztheit seiner eigenen Schöpfung überwinden will, der muss lernen, die Kugel zu erkennen, obwohl es sie in seiner begrenzten Welt nicht gibt und gar nicht geben kann; der muss lernen, die Barrieren in seinem Herz zu überwinden, damit er aufsteigen kann in höhere Gefilde, damit er verstehen kann, wie von „oben“ alles in Einheit nach Schönheit strebt, eine Schönheit, für die wir geschaffen wurden von einem Schöpfer, dem keine Dimension genügt und er doch alle Dimensionen umfasst!“

Als ich meine Worte beendet hatte, merkte ich, wie mein lieber Lehrer, mein geehrter Kreis, Tränen in den Augen hatte. Die Menge, die zugehört hatte, ging schweigsam nach Hause. Tags darauf hörte ich, dass es beim Gezänk im hohen Norden die ersten Toten gegeben hatte, und jeder wusste angeblich, dass nur der andere Schuld war.

Ich ging betrübt zu meinem Lehrer und fragte ihn, wie wir dieses Unheil überwinden könnten. Er antwortete mir: „Wir können es von uns aus nicht überwinden, denn wir sehen die Linie vor unseren Augen nicht, während wir den Punkt vor den Augen der Andern sehen. Wir können es von uns aus nicht überwinden, denn dazu bedarf es einer reinsten Seele, und alle Pilger aller überdimensionalen Quadrate glauben fest daran, dass er bald kommen wird. Drum bereite dich auf den von allen erwarteten Erlöser vor, denn er wird Liebe verbreiten.“ – „Aber wie kann ich mich in einer unfriedlichen Welt auf den Bringer von Liebe vorbereiten?“, fragte ich voller Hoffnung, eine klare Anweisung zu erhalten.

– „Fülle zunächst dein eigenes Herz mit Liebe und dann das deiner Ehegattin, deiner Kinder, deiner Nachbarn und deiner Straße. Und wenn du mit deiner Gattin eure eigenen Herzen damit erfüllt hast, ist das schon ein Sieg der Liebe und niemand wird euch diesen Sieg nehmen können! Und seid standhaft in der Liebe und lasst nicht zu, dass jemand diese Liebe verdunkelt. Und Liebet denjenigen, auf den ihr wartet, den Statthalter der Liebe, und vor allem denjenigen, der ihn euch sendet.“ – „Und wo finde ich diese Liebe?“

– „Schau in dein Inneres, denn dort ist der Thron der Liebe.“

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