Gottes Attribute

Inhaltsverzeichnis

Gott und seine Attribute

Sayyid Mudschtaba Musawi Lari

Lektionen in der Islamischen Doktrin - Buch I

Frei übersetzt unter Aufsicht Von Dr. Mohammad Razavi Rad - übersetzt von A. Malik

L9 - Wie stellt der Koran Gott da?

Wenn wir die wissenschaftliche Persönlichkeit und das Wissen eines Gelehrten beurteilen wollen, prüfen wir seine Arbeit und unterziehen sie einer genauen Studie. Ebenso verhält es sich bei einem Künstler, wenn wir seine Kreativität, sein Talent und seine künstlerische Fähigkeit bewerten wollen, studieren wir seine Kunst.

In gleicher Weise können wir die Attribute und Charakteristika vom reinen Wesen des Schöpfers anhand der Qualitäten und der Ordnung, die alle Phänomene durchdringen mit ihren Feinheiten und ihrer Präzision wahrnehmen. Innerhalb der Grenzen bleibend, die durch unser Auffassungsvermögen gesetzt sind, können wir dennoch vertraut werden mit dem Wissen, der Weisheit, dem Leben und der Macht Gottes.

Wäre es eine Frage des vollständigen und umfassenden Wissens, so müssten wir natürlich akzeptieren, dass die menschlichen Fähigkeiten nicht so weitreichend sind. Gottes Charakteristika sprengen den Rahmen der gegebenen Grenzen des menschlichen Auffassungsvermögens und welchen Vergleich oder welches Gleichnis wir auch anführen, es wird begrenzt und unzulänglich bleiben. Dies, weil alles, was unsere Wissenschaften und unser Denken erkennen können, das Werk Gottes und ein Produkt Seines Willens und Seiner Befehlsgewalt ist, wogegen Seine Essenz nicht Teil des Geschaffenen ist und nicht zu der Kategorie der erschaffenen Dinge zählt. Daher kann die Essenz des göttlichen Wesens nicht durch Analogieschlüsse und Vergleiche begriffen werden.

Er ist, kurz gesagt, ein Wesen über dessen Essenz wir nichts wissen, da es für dieses kein Kriterium gibt. Und über Seine Macht, Autorität und Sein Wissen können wir nichts Festgesetztes sagen, da es für Ihn keine Zahlen oder Statistiken gibt.

Ist der Mensch dann doch zu elend und machtlos, um etwas über die Essenz und die Attribute einer so erhabenen Realität zu erkennen? Die Schwäche unserer Macht zuzugeben und unsere Unfähigkeit, das komplette, tiefgründige und umfassende Wissen über Gott zu verstehen, bedeutet nicht, dass wir von jeglicher Form des Wissens über Gott benachteiligt wären, sei dieses Wissen auch noch so relativ. Das ordnende Muster des Universums verkündet uns laut Seine Attribute. Und wir können die Macht und die unbegrenzte Kreativität des Herrn aus der Schönheit und der Kostbarkeit der Natur schlussfolgern. Phänomene sind für uns eine Indikation für Sein einzigartiges Wesen.

Kontemplation des Willens, des Bewusstseins, des Wissens und der Harmonie, die in der Ordnung des Seins und all die verschiedenen Phänomene des Lebens inhärent sind, machen es uns möglich wahrzunehmen, dass all diese Qualitäten – zusammen mit all den anderen Elementen, die zielgerichtet und sinnvoll sind – notwendigerweise auf den Willen des Schöpfers beruhen, der all diese Attribute selbst besitzt. Gleich einem Spiegel werden diese Attribute von der Schöpfung reflektiert.

Gott zu kennen und Seine Existenz zu berühren vermag allein die bemerkenswerte Macht des Gedanken. Jener Blitz, der sich von der vor-ewigen Quelle ableitet, auf die Materie abgestrahlt ihr die Fähigkeit verleiht Wissen zu erlangen und der Wahrheit entgegen zu gehen. In diesem göttlichen Geschenk ist das Wissen um Gott manifestiert.

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Islam behandelt das Wissen von Gott in klarer und auf neuartiger Weise. Der Koran, die fundamentale Quelle für das Lernen der Weltanschauung des Islams, wendet die Methode der Negation und Affirmation zu dieser Frage an.

Erst wird im Koran mit Hilfe von überzeugenden Beweisen und Indikatoren die Existenz der falschen Götter negiert, da es notwendig ist, beim Herangehen an die transzendentalen Doktrin der Einheit erst alle Formen des Pseudo-Göttlichen und die Anbetung von allem, was nicht Gott ist, zu negieren. Das ist der erste, wichtige Schritt auf dem Weg zur Einheit.

Der Koran sagt: „Haben sie sich Götter genommen außer Ihm? Sprich: Bringt euren Beweis herbei. Dieser (Koran) ist eine Ehre für jene, die mit mir sind, und eine Ehre für die, die vor mir waren. Doch die meisten von ihnen kennen die Wahrheit nicht, und so wenden sie sich ab.“ (Vgl. Koran: Sure 21, Vers 24)

„Sprich: Wollt ihr statt Gott das anbeten, was nicht die Macht hat, euch zu schaden oder zu nützen? Und Gott allein ist der Allhörende, der Allwissende.“ (Vgl. Koran: Sure 5, Vers 76)

Wer seine Verbindung zur göttlichen Einheit durchtrennt hat, vergisst auch seine eigene wahre Position in der Welt des Seins und entfremdet sich letztlich von sich selbst. Weil die ultimative Form der Selbstentfremdung die Trennung von allen Anbindungen mit seiner eigenen essenziellen Natur ist.

Wenn sich der Mensch, andererseits, erst einmal von seinem eigenen Wesen entfernt hat, beeinflusst von internen und externen Faktoren, so wird er sich auch von Gott entfernen und von allem was nicht göttlich ist, versklavt werden. Die Unterordnung unter all dem, was nicht von Gott ist, nimmt den Platz von jeglichem logischen Denken ein. Dies beinhaltet die Anbetung der Phänomene. Denn einen Götzen anbeten und der Materie den Vorzug zu geben, sind beides Formen der Regression, die dem Menschen seine innewohnende Kraft rauben zu wachsen.

Monotheismus ist die einzige Kraft, die es möglich macht, die Kreativität der menschlichen Werte wieder einzufangen. In dem der Mensch seine wahre Stellung erkennt, gelangt er in ein Stadium der Harmonie mit sich selbst und mit der ultimativen Natur allen Seins, sich auf diese Weise die Tore zur perfektesten Existenzform öffnend.

Durch die ganze Geschichte hindurch, haben alle göttlichen Stimmen und Bewegungen mit der Proklamation der göttlichen Einheit begonnen und der alleinigen Herrschaft Gottes. Kein Konzept ist beim Menschen je aufgetreten, dass mehr kreative Erkenntnisse gebracht hätte und für die Mehrdimensionalität seiner Existenz relevanter gewesen wäre, noch gab es je eine effektivere Bremse für die menschliche Perversität als das Konzept der göttlichen Einheit.

Klare Beweise benutzend, zeigt der Koran dem Menschen den Weg, Wissen über die göttliche Essenz zu erlangen: „Sind sie wohl aus nichts erschaffen worden, oder sind sie gar selbst die Schöpfer? Schufen sie die Himmel und die Erde? Nein! Aber sie haben keine Gewissheit.“ (Vgl. Koran: Sure 52, Vers 35-36)

Der Koran überlässt es der Vernunft und der Allgemeinbildung des Menschen die Falschheit dieser Hypothesen zu realisieren, dass der Mensch durch sich selbst ins Leben gekommen sei oder dass er sein eigener Schöpfer wäre. Dies tut der Koran, indem er die Argumente im Labor der Gedankenwelt testet und analysiert. Durch die Reflexion über die Zeichen und Indikatoren Gottes, soll der Mensch mit aller Klarheit und Gewissheit realisieren, wer die Wahre Quelle allen Seins ist und verstehen lernen, dass kein Modell des Universums Bestand haben kann, wenn nicht eine Organisierende und mit Intellekt besetzte Macht über alles Sein am Wirken ist.

In anderen Versen wird die Aufmerksamkeit des Menschen auf die Beschaffenheit seiner eigenen Schöpfung gelenkt und seiner schrittweisen Entstehung aus dem Nicht-Sein. Auf diese Weise kann er erkennen, dass seine außergewöhnliche Schöpfung, mit all den ihr innewohnenden Wundern, ein Zeichen und eine Indikation des endlosen, göttlichen Willens ist, jene eindringenden Strahlen, die alles Sein durchdringen.

Der Koran sagt: „Wahrlich, Wir erschufen den Menschen aus reinstem Ton; dann setzten Wir ihn als Samentropfen an eine sichere Ruhestätte; dann bildeten Wir den Tropfen zu geronnenem Blut; dann bildeten Wir das geronnene Blut zu einem Fleischklumpen; dann bildeten Wir aus dem Fleischklumpen Knochen; dann bekleideten Wir die Knochen mit Fleisch; dann entwickelten Wir es zu einer anderen Schöpfung. So sei denn Gott gepriesen, der beste Schöpfer.“ (Vgl. Koran: Sure 23, Vers 12-14)

Wenn der Fötus bereit ist, seine Form anzunehmen, beginnen alle Zellen der Augen, der Ohren, des Gehirns und der anderen Organe zu funktionieren und nehmen ihre unaufhörliche Aktivität auf. Das ist eine Wahrheit auf die der Koran den Menschen hinweist. Dann stellt er dem Menschen die Frage, ob all diese wunderbaren Veränderungen ohne einen Gott rational denkbar seien.

Ist es nicht vielmehr so, dass Phänomene wie diese mit der größtmöglichen Betonung nahelegen und demonstrieren, dass ein Plan notwendig sein muss, eine Kreativität, eine lenkende Hand, inspiriert durch einen bewussten Willen? Ist es überhaupt möglich, dass die Zellen des Körpers sich ihre Funktionen aneignen, ihr Ziel in einer präzisen und geplanten Art verfolgen und in der Welt des Seins auf so wundersame Weise entstehen, ohne dass da eine bewusste und mächtige Existenz am Werke wäre, die sie instruiert?

Der Koran beantwortet die Frage so: „Er ist Gott, der Schöpfer, der Bildner, der Gestalter. Sein sind die schönsten Namen. Alles, was in den Himmeln und auf Erden ist, preist Ihn, und Er ist der Allmächtige, der Allweise.“ (Vgl. Koran: Sure 59, Vers 24)

Der Koran beschreibt jedes sinnlich wahrnehmbare Phänomen, was der Mensch um sich herum sehen kann als etwas, was den Menschen zur Reflektion und zu Schlussfolgerungen drängt: „Und euer Gott ist ein Einiger Gott; es ist kein Gott außer Ihm, dem Gnädigen, dem Barmherzigen. In der Schöpfung der Himmel und der Erde und im Wechsel von Nacht und Tag und in den Schiffen, die das Meer befahren mit dem, was den Menschen nützt, und in dem Wasser, das Gott niedersendet vom Himmel, womit Er die Erde belebt nach ihrem Tode und darauf verstreut allerlei Getier, und im Wechsel der Winde und der Wolken, die dienen müssen zwischen Himmel und Erde, sind fürwahr Zeichen für solche, die verstehen.“ (Vgl. Koran: Sure 2, Vers 163-164), „Sprich: Betrachtet doch, was in den Himmeln und auf der Erde (geschieht). (…)“ (Vgl. Koran: Sure 10, Vers 101)

Der Koran erwähnt außerdem das Studium der menschlichen Geschichte und ihrer dahingeschiedenen Leute mit all den Veränderungen, die sie erfahren haben. Er lädt den Menschen dazu ein, darauf einzugehen, um die Wahrheit zu entdecken. Siege und Niederlagen, Glorie und Entwürdigungen, Schicksale und Schicksalsschläge der vergangenen Völker lehren uns die Mechanismen der Gesetze der Geschichte. Der Mensch wird in die Lage versetzt, Lehren für sich und der Gesellschaft, in der er lebt, zu ziehen, indem er sein Zeitalter mit diesen Gesetzen in Beziehung bringt.

Der Koran erklärt hierzu: „Es sind vor euch schon viele Verordnungen ergangen; also durchwandert die Erde und schaut, wie das Ende derer war, die (sie) verwarfen!“ (Vgl. Koran: Sure 3, Vers 137), „Wie so manche Stadt, voll der Ungerechtigkeit, haben Wir schon niedergebrochen und nach ihr ein anderes Volk erweckt!“ (Vgl. Koran: Sure 21, Vers 11)

Der Koran erkennt auch die innere Welt des Menschen als Quelle der fruchtbaren Reflexion und Erkenntnisgewinnung an, die durch das Wort „anfus“ (Seelen) ausgedrückt wird. Er weist auf ihre Wichtigkeit hin, wie in den folgenden Versen deutlich wird: „Bald werden Wir sie Unsere Zeichen sehen lassen überall auf Erden und an ihren Seelen, bis ihnen deutlich wird, dass Er die Wahrheit ist. (…)“ (Vgl. Koran: Sure 41, Vers 53), „Und auf Erden sind Zeichen für jene, die fest im Glauben sind. Und in euch selber. Wollt ihr denn nicht sehen?“ (Vgl. Koran: Sure 51, Vers 20-21)

Mit anderen Worten, es gibt eine überfließende Quelle des Wissens in der Schönheit und Symmetrie des menschlichen Körpers, der mit all seinen Organen und Eigenschaften, seinen Aktionen und Reaktionen, seinen präzisen und subtilen Mechanismen, seinen verschiedenen Energieformen und Instinkten, seinen Wahrnehmungen, Gefühlen und Empfindungen, seinen höchst erstaunlichen Gedanken und seinem Bewusstsein ausgestattet wurde. Wobei das Denken eine Kapazität darstellt, welche zum größten Teil noch unerforscht ist, denn der Mensch hat nur einige Schritte beim Studium dieser unsichtbaren Macht und seiner Beziehung zum Körper getan.

Der Koran erklärt, dass es ausreicht, über sich selbst nachzudenken, um zur ewigen, endlosen Quelle, die frei von jeglicher Bedürftigkeit ist, zu gelangen. Diese Quelle verfügt über unendliches Wissen, grenzenlose Fähigkeiten, endlose Macht und ein schwacher Widerschein dieser Quelle ist auch in uns manifestiert. Man kann auf diese Weise erfahren, dass es eine großartige Realität war, die an einem Ort die einzelnen Teile der Elemente fruchtbar ineinanderfügte und dadurch eine neue Ebene der Existenz hervorbrachte.

Durch die Existenz solch eindeutiger Indikatoren und derart entscheidender Beweise, die uns durch uns selbst aufgezeigt werden, kann keine Entschuldigung mehr für Irreführung und Leugnung akzeptiert werden.

Der Koran benutzt auch die Methode der Negation und Affirmation, wenn es um die Frage der Attribute Gottes geht. So beschreibt er die Attribute, welche die Essenz des Schöpfers besitzen, als „affirmative Attribute“. Unter ihnen sind Wissen, Macht, Wille, der Fakt, dass Seiner Existenz keine Nicht-Existenz vorausging und dass Seine Existenz keinen Anfang hat ebenso wie der Fakt, dass alle Bewegungen der Welt von Seinem Willen und Seiner Allmacht ausgehen.

Der Koran sagt: „Er ist Gott, außer Ihm gibt es keinen Gott, der Wisser des Ungesehenen und des Sichtbaren. Er ist der Gnädige, der Barmherzige. Er ist Gott, außer Ihm gibt es keinen Gott, der König, der Heilige, der Eigner des Friedens, der Gewährer von Sicherheit, der Beschützer, der Allmächtige, der Verbessernde, der Majestätische. Hoch erhaben ist Gott über all das, was sie anbeten!“ (Vgl. Koran: Sure 59, Vers 22-23)

Gott ist frei von den „negativen Attributen“, welche einschließen, dass Gott keinen Körper und keinen Ort hat. Seine heilige Existenz hat keinen Partner oder etwas, das Ihm gleicht. Er ist kein Gefangener innerhalb des Grenzbereiches, der durch die Sinne gesetzt wird. Er zeugt nicht noch wurde Er gezeugt, es gibt in Seinem Wesen weder Veränderung noch Bewegung, denn er ist absolute Perfektion und diesen Akt der Schöpfung delegiert Er an niemanden weiter.

Der Koran sagt: „Sprich: Er ist Gott, der Einzige; Gott, der Unabhängige und von allen Angeflehte. Er zeugt nicht und ward nicht gezeugt; Und keiner ist Ihm gleich.“ (Vgl. Koran: Sure 112, Vers 1-4), „Gepriesen sei dein Herr, der Herr der Ehre und Macht, hoch erhaben über das, was sie behaupten!“ (Vgl. Koran: Sure 37, Vers 180)

Menschliche Logik, die auf unvermeidliche Weise in limitierten Kategorien denken muss, ist es nicht möglich ein Urteil über das Göttliche zu fällen, denn wir müssen zugeben, dass es unmöglich ist, bis zum Innersten dieser einen gewaltigen Existenz vorzudringen, für die es keine wirklich beobachtbare Analogie gibt und für die es keine Parallelen in der Welt des Seins gibt. Die umfassendsten Schulen des Denkens und die größten Methoden der Reflektion fallen in diesem Fall der Fassungslosigkeit anheim.

So wie alle existierenden Existenzformen auf ihre Essenz zurückzuführen sind, so ist das unabhängige Sein, von dem alles Andere abhängig ist, die Quelle des Lebens von dem alle Attribute und Qualitäten im Überfluss ihr Sein erhalten.

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