Gottes Attribute

Inhaltsverzeichnis

Gott und seine Attribute

Sayyid Mudschtaba Musawi Lari

Lektionen in der Islamischen Doktrin - Buch I

Frei übersetzt unter Aufsicht Von Dr.Mohammad Razavi Rad - übersetzt von A. Malik

L18 – Eine generelle Betrachtung des Problems

Was Denker immer beschäftigt hat, die sich mit der Natur des menschlichen Lebens auseinander gesetzt haben, und was immer ein kontroverses Thema war, ist die Frage, ob der Mensch seine Ziele frei wählen kann und seine Wünsche in all seinen Taten und Aktivitäten implementieren kann – in allen Bereichen seines Lebens, seien sie nun materiell oder anders geartet: Sind seine Wünsche, Inklinationen und sein Wille der einzige Faktor, der seine Entscheidungen beschließt oder sind ihm seine Taten und sein Verhalten auferlegt?

Ist er gezwungen hilflos bestimmte Handlungen zu machen und bestimmte Entscheidungen zu treffen? Ist er ein unfreiwilliges Werkzeug in den Händen von Faktoren, die außerhalb seiner selbst liegen?

Um die Wichtigkeit dieser Frage zu verstehen, muss man im Hinterkopf behalten, dass von der Lösung unsere Fähigkeit zu profitieren abhängen - in Bereichen wie der Wirtschaft, den Gesetzen, der Religion, aber auch der Psychologie und alle anderen Gebiete des Wissens, die den Menschen zum Thema haben. Bis wir mit wissenschaftlicher Genauigkeit herausgefunden haben, ob der Mensch einen freien Willen hat oder nicht, welches Gesetz auch immer auf das Dasein des Menschen eine Anwendung findet, bleibt uns vieles unbekannt. Es ist evident, dass so kein wünschenswertes Ergebnis erzielt werden kann.

Die Frage des freien Willens versus Determinismus ist nicht nur allein ein akademisches oder philosophisches Problem. Es ist auch für all jene relevant, welche Pflichten für den Menschen postulieren, die er verantwortlich erfüllen soll und zu denen er ermutigt wird. Denn wenn sie nicht im Geringsten an den freien Willen glauben, gibt es keine Basis für das Belohnen von Leuten, die ihre Pflicht erfüllen und der Bestrafung jener, die es nicht tun.

Nach der Verbreitung des Islams haben sich auch Muslime sehr eingehend mit dieser Frage beschäftigt, weil die Weltanschauung des Islams bewirkt hat, dass man diese Frage umfassender und genauer untersucht als es bis dahin gemacht worden war, auf diese Weise alle dazugehörigen Unklarheiten klärend. Denn auf der einen Seite war die Frage mit der Einheit Gottes verbunden und auf der anderen mit Seinen Attributen der Gerechtigkeit und Macht.

Denker der Vergangenheit sowie der Gegenwart können in der Frage des freien Willens versus Determinismus in zwei Kategorien aufgeteilt werden. Die erste lehnt die Freiheit des Menschen in seinen Taten resolut ab und wenn seine Handlungen die Merkmale von freier Wahl haben, so meinen sie, ist diese nur auf die verfälschte und mangelhafte menschliche Wahrnehmung zurück zu führen.

Die zweite Kategorie glaubt an den freien Willen und sagt, dass der Mensch auf der Ebene des Willens völlige Handlungsfreiheit genießt. Seine Fähigkeit zu denken und zu entscheiden hat weitreichende Wirkungen und ist unabhängig von allen externen Faktoren um ihn herum.

Natürlich erfährt der Mensch die Wirkung des Zwangs zum Zeitpunkt seiner Geburt, als auch durch zahlreiche andere Faktoren, die ihn umgeben und bei Ereignissen, die er in seinem Leben erlebt. Das Ergebnis könnte sein, dass er am Ende anfängt zu glauben, es gäbe so etwas wie einen freien Willen nicht. Er betritt die Welt unfreiwillig und scheint danach völlig vom Schicksal kontrolliert zu werden, herumgewirbelt wie ein Stück Papier bis er letztlich diese Welt verlässt.

Gleichzeitig erkennt der Mensch auch ganz klar, dass er frei und in vielerlei Hinsicht unabhängig ist, ohne jegliche Form des Zwanges. Er hat die Fähigkeit und die Kapazität, effektiv gegen Hindernisse zu kämpfen und seine Kontrolle über die Natur zu erweitern, indem er sich auf vorausgegangene Erfahrungen und vorhandenes Wissen verlässt. Eine nicht zu verneinende praktische Realität ist, dass es einen tiefgründigen und prinzipiellen Unterschied zwischen den gewollten Bewegungen seiner Hände und Füße und dem Funktionieren seines Herzens, seiner Leber und seiner Lunge gibt.

Aufgrund seines Willens, seines Bewusstseins und seiner Fähigkeit zu wählen, die ein Kennzeichen seiner Menschlichkeit sind und die Quelle seiner Verantwortlichkeit, weiß der Mensch, was er tut. Er hat bei einer Serie von Dingen die Freiheit zu entscheiden, wo keine Barrieren ihn daran hindern, seinen Willen zu implementieren oder seine Ansichten zu formen. Aber in anderer Hinsicht sind seine Hände gebunden und er hat keine Macht zu wählen: Angelegenheiten, die von materiellen oder instinktiven Zwängen bestimmt werden, die einen beträchtlichen Teil in seinem Leben ausmachen und andere Faktoren, die ihm extern auferlegt werden.

Determinismus

Die Befürworter des Determinismus glauben nicht, dass der Mensch in den Handlungen, die er in dieser Welt tut, frei ist. Theologische Deterministen wie die muslimisch theologische Schule der Ash´ariten beziehen sich auf die äußere Bedeutung mancher Verse des Koran und halten nicht an, um tiefergehend darüber nachzudenken, was denn die wirkliche Bedeutung all der relevanten Verse sein könnte, noch reflektieren sie über die Natur der Vorherbestimmung durch die Macht Gottes. Sie schlussfolgern schlicht, dass der Mensch überhaupt keine Freiheit hat.

Sie lehnen es ab, dass Dinge Wirkungen verursachen und erkennen auch nicht an, dass Ursachen eine Rolle in der Schöpfung und in der Entstehung von natürlichen Phänomenen spielen. Sie halten alles für eine direkte und unmittelbare Wirkung des göttlichen Willens, und sie sagen, dass der Mensch trotz einer gewissen Willensfreiheit und geringer Macht doch keine Wirkung auf seine Taten habe. Die Handlungen des Menschen werden, ihrer Meinung nach, nicht durch ihren Willen und ihrer Handlungskraft bewirkt, sondern durch den Willen Gottes, der alle Wirkungen allein verursacht. Der Mensch kann also seinen Taten mit einem Ziel und einer Intention nur eine bestimmte Färbung geben, und die Färbung dieser Handlungen resultiert in der Qualifizierung von Gut und Böse. Abgesehen davon ist der Mensch nichts anderes als der Ort für die Implementierung von Gottes Willen und Macht.

Sie sagen außerdem, dass der Mensch, wenn er einen freien Willen besäße, damit die Macht und Befehlsgewalt Gottes verengen würde. Gottes absolute Kreativität verlangt, dass kein Mensch Ihm gegenüber als Schöpfer besteht. Ebenso verhält es sich mit der Doktrin des einzigen, alleinigen Gottes. Bedenkt man die absolute Souveränität, die wir Ihm zuschreiben, so bedeutet das zwangsläufig, dass alle geschaffenen Phänomene, die Handlungen des Menschen eingeschlossen, in der Sphäre des göttlichen Willens enthalten sind.

Wenn wir akzeptieren, dass der Mensch eigenmündig seine eigenen Handlungen ausführt, leugnen wir Gottes Souveränität über Seine gesamte Schöpfung, was sich nicht vereinbaren lässt mit dem Attribut des schaffenden Gottes, denn dann würden wir komplette Souveränität in unseren Handlungen genießen und für Gott wäre kein Aufgabenbereich mehr übrig. Somit führt der Glaube an den freien Willen, nach ihrer Ansicht, unweigerlich zu Polytheismus und Dualismus.

Zusätzlich dazu machen manche Personen das Prinzip des Determinismus – ob bewusst oder unbewusst – zu einer Entschuldigung für Taten, die nicht mit ihrer Religion und ihrer Moral vereinbar sind, damit das Tor zu allen möglichen Abweichungen in den Sphären des Glaubens und der Handlungen öffnend. Bestimmte hedonistische Poeten gehören zu dieser Gruppe, Sie stellen sich vor, dass die Vorherbestimmung als Entschuldigung für ihre Sünden und Hoffnungen ausreicht. Auf diese Weise versuchen sie, der Last des Gewissens und des schlechten Rufes zu entkommen.

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Diese deterministische Betrachtungsweise verhält sich konträr zum Prinzip der Gerechtigkeit Gottes als auch zur menschlichen Gesellschaft. Wir sehen in der gesamten Schöpfung die göttliche Gerechtigkeit in allen Dimensionen ganz klar manifestiert und wir preisen Sein erhabenes Wesen für dieses Attribut. Der Koran sagt: „Gott bezeugt, in Wahrung der Gerechtigkeit, dass es keinen Gott gibt außer Ihm - ebenso die Engel und jene, die Wissen besitzen; es gibt keinen Gott außer Ihm, dem Allmächtigen, dem Allweisen.“ (Vgl. Koran: Sure 3, Vers 18)

Gott beschreibt außerdem die Etablierung von Gerechtigkeit in der menschlichen Gesellschaft als einen der Gründe, warum Er die Propheten gesandt hat und bekundet den Wunsch, dass Seine Diener sich gerecht verhalten sollen: „Wahrlich, Wir schickten Unsere Gesandten mit klaren Beweisen und sandten mit ihnen das Buch und das Maß herab, auf dass die Menschen Gerechtigkeit üben möchten. (…)“ (Vgl. Koran: Sure 57, Vers 25)

Am Tag der Auferstehung wird Gott Seine Diener mit Gerechtigkeit behandeln und niemand wird auch nur der geringsten Ungerechtigkeit unterworfen sein. Der Koran sagt: „Und Wir werden (genaue) Waagen der Gerechtigkeit aufstellen für den Tag der Auferstehung, so dass keine Seele in irgend etwas Unrecht erleiden wird. Und wäre es das Gewicht eines Senfkorns, Wir wollen es hervorbringen. Und Wir genügen als Rechner.“ (Vgl. Koran: Sure 21, Vers 47)

Wäre es denn gerecht, wenn man einen Menschen zwingt etwas Schlechtes zu tut und ihn dann dafür bestraft? Würde ein Gericht unter solchen Umständen eine Bestrafung vorsehen? Es wäre sicherlich ungerecht.

Wenn wir das Prinzip der Freiheit leugnen und der Rolle des Menschen nichts Positives abgewinnen können, wird kein Unterschied mehr zwischen dem Menschen und dem Rest der Schöpfung bestehen. Nach Meinung der Deterministen, hat das Verhalten des Menschen Ähnlichkeit mit dem Verhalten von anderen Kreaturen, denn ihr Verhalten ist durch verschiedene Faktoren, die nicht in ihrer Kontrolle sind, bestimmt. Unser Wille ist, ihrer Ansicht nach, nicht durch sich selbst in der Lage eine Wirkung zu erzielen.

Wenn aber Gott das willentliche Handeln des Menschen schafft, wenn Er der Schöpfer der Ungerechtigkeit und der Sünde ist, selbst das Beigesellen eines Partners neben Gott, wie können wir so ein Verhalten von einem derart perfekten und erhabenen Sein, wie Er es ist, rechtfertigen?

Der Glaube an den Determinismus annulliert das Prinzip des Prophetentums und der Offenbarung, das Konzept der göttlichen Botschaft, welches dem Menschen als Quelle der Bewusstseinserweiterung dient. Die Idee der Gebote und Verbote, die religiösen Kriterien und Verordnungen, die Gesetze und Glaubensbekenntnisse und die Doktrin für die Vergeltung von Handlungen, die man tätigte, all dies wird damit verworfen. Denn wenn wir erst einmal glauben, dass alle menschlichen Handlungen mechanisch vollbracht werden, ohne den Willen und der Wahl des Menschen, spielt die herab gesandte Botschaft eines Propheten keine Rolle mehr, den Menschen bei seinen Bestrebungen zu assistieren.

Wenn die Pflichten, die dem Menschen auferlegt worden sind und die Instruktionen, die ihn ansprechen sollen nichts mit seinem freien Willen zu tun haben und mit seiner Fähigkeit zu gehorchen und zu erwidern, was für einen Nutzen haben sie dann noch?

Wenn der spirituelle Stand des Menschen und seiner Taten mechanisch determiniert ist, werden alle Bemühungen und moralischen Belehrungen, um die menschliche Gesellschaft gesund zu erhalten und sie in die Richtung der Kreativität und zu höheren Werten zu leiten, völlig ineffektiv.

Ihr Bemühen würde keinen Zweck erfüllen, es ist nutzlos von solch einer Existenz etwas zu erwarten, wo doch all ihr Handeln durch Veränderung determiniert ist. Doch der Mensch ist für seine Errettung oder Zerstörung, als auch für die anderer selbst verantwortlich. Seine Entscheidungen gestalten sein Schicksal. Und wenn er erst einmal weiß, dass jede Handlung, die er begeht, Konsequenzen hat, wird er seine Entscheidungen mit größerer Sorgfalt treffen. Sein Vertrauen auf Gottes Liebe und Seiner Gunst bewirken, dass sich ihm Fenster der Macht öffnen werden.

Man mag beanstanden, dass der Glaube an das allumfassende Wissen Gottes bedingt, dass Gott notwendigerweise auch von all den Verfehlungen, schrecklichen Taten und Sünden, die der Mensch begeht, im voraus Kenntnis besitzen muss. Da sie dennoch geschehen, ist der Mensch ganz eindeutig nicht in der Lage, sich von solchem Handeln fernzuhalten.

Wir können darauf antworten, indem wir sagen, dass es wahr ist, dass Gott alle Phänomene kennt, die kleineren als auch die großen, aber dieses Wissen bedeutet nicht, dass der Mensch in allem, was er tut, gezwungen ist. Gottes Wissen basiert auf dem Prinzip der Kausalität, es gilt nicht für Phänomene oder menschliche Handlungen, die außerhalb dieses Rahmens liegen, denn ein Wissen, dass durch Ursache und Wirkung operiert, involviert keinen Zwang.

Gott war sich der Ereignisse der Zukunft in der Welt bewusst, und Er wusste, dass der Mensch bestimmte Handlungen aufgrund seines freien Willens tun würde. Das Ausüben des freien Willens ist Teil der Kausalitätskette, die zu bestimmten Taten führt. Und es sind die Menschen selber, die entscheiden Gutes oder Schlechtes zu tun. Im letzteren Fall, verursachen sie durch den Missbrauch des freien Willens, Ruin und Korruption. Wenn also Übel und Unterdrückung in einer gegebenen Gesellschaft existieren, so ist dies das Ergebnis der Werke der Menschen. Diese Dinge sind nicht von Gott geschaffen. Gottes Wissen darüber hat keinen Einfluss auf die Wahl des Menschen für Gutes oder Böses.

Es ist wahr, dass innerhalb der Sphären der menschlichen Freiheit und Macht bestimmte Faktoren existieren, die bei der Entscheidungsfindung des Menschen eine Rolle spielen – wie umweltbedingte Faktoren, die innere Natur des Menschen und göttliche Führung. Doch diese Rolle ist auf das Anregen der Inklination beschränkt, sie dient dem Willen des Menschen als Ermutigung. Sie nötigt den Menschen nicht dazu, die Wahl in eine bestimmte Richtung zu machen. Die Existenz dieser Faktoren bedeutet nicht, dass der Mensch in ihnen gefangen ist, ganz im Gegenteil, er ist vollständig in der Lage, den durch äußere Faktoren geschaffenen Inklinationen zu gehorchen oder ihnen zu widerstehen, in dem er sie einschränkt oder ihren Kurs verändert. Ein Individuum kann von der Leitung, die ihm zur Verfügung steht durch Einsicht und aufgrund klarer Betrachtung profitieren und so seinen Inklinationen Gestalt geben, sie modifizieren und kontrollieren. Die reichen, instinktiven Antriebe, die der Mensch in sich trägt, können nie völlig eliminiert werden, aber es ist wichtig, sie zu zügeln und ihnen die Möglichkeit zu nehmen, wild umherzuirren.

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Nehmen wir an, ein Experte der Mechanik inspiziert unser Auto bevor es eine große Fahrt beginnt, und sieht voraus, dass dieses Auto nicht mehr als einige Kilometer zurück legen wird, um dann aufgrund eines technischen Defektes stehenzubleiben. Wenn nun das Auto nach einigen Kilometern kaputt geht, wie es der Mechaniker bereits voraus gesagt hat, kann man ihn als Verursacher des kaputt gegangenen Autos darstellen, nur weil er es voraus gesehen hatte?

Natürlich nicht, denn der schlechte Zustand des Autos war der Grund für das Stehenbleiben und nicht das Wissen des Experten, noch seine Vorhersage. Keine rationale Person kann das Wissen des Mechanikers als Ursache für das Kaputtgehen annehmen.

Ein weiteres Beispiel: Ein Lehrer kennt den Fortschritt, den seine Schüler machen und weiß, dass einer seiner Schüler in der Abschlussprüfung aufgrund seiner Faulheit und der Weigerung zu arbeiten durchfallen wird. Wenn die Noten des Tests verlesen werden, wird klar, dass der nachlässige Schüler tatsächlich durchgefallen ist. Ist jetzt die Ursache für solch ein Ergebnis das Wissen des Lehrers oder die Faulheit des Schülers? Natürlich ist es das Letztere.

Diese Beispiele helfen uns bis zu einem gewissen Grad zu verstehen, warum Gottes Wissen nicht die Ursache für die Taten Seiner Diener sein kann.

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Eine der schädlichen Wirkungen des Determinismus auf die Gesellschaft ist, dass er es arroganten Unterdrückern leichter macht, die Unterdrückten zu ersticken und zu unterwerfen. Den Unterdrückten wiederum macht er es schwerer, sich zu verteidigen.

Determinismus als Entschuldigung nehmend, leugnet der Unterdrückende jegliche Verantwortung für sein gewaltsames und erbarmungsloses Handeln. Er sagt sein Handeln sei das Handeln Gottes und führt seine Verstoße auf Gott zurück – jener Gott, der über allen Vorwurf und jeglichen Einwand erhaben ist. Die Unterdrückten sind dann verpflichtet all das, was der Unterdrücker mit ihnen macht, zu ertragen, denn gegen seine Ungerechtigkeit zu kämpfen wäre umsonst und Bemühungen, eine Veränderung herbei zu führen, würden scheitern.

Die Imperialisten und andere wichtige Kriminelle der Geschichte haben manchmal den Determinismus benutzt, um ihre Brutalität und Unterdrückung aufrecht zu erhalten.

Als die Familie des Märtyrers Husayn, Sohn Alis (Friede sei mit ihnen) in die Gegenwart Ibn Ziyads kam, sagte dieser furchtbare Kriminelle zu Zaynab-i-Kubra, der Schwester Husayns (Friede sei mit ihnen), „hast du gesehen, was Gott deinem Bruder und eurer Familie angetan hat?“

Sie antwortete: „Von Gott habe ich nichts als Güte und Gutes gesehen. Sie (Zaynabs Familie) haben getan, was Gott von ihnen wollte, um ihren Stand zu erhöhen. Und sie haben ihre Pflicht erfüllt, die ihnen anvertraut wurde. Bald werdet ihr allein vor der Gegenwart eures Herrn versammelt werden und ihr werdet verantwortlich gemacht werden. Dann erst wirst du verstehen, wer triumphierte und wer errettet wurde.“[39]

Bezüglich der Frage des freien Willens und des Determinismus, sind die Materialisten im Widerspruch gefangen. Sie sehen im Menschen eine materielle Existenz. Wie der Rest der Welt ist sie der dialektischen Veränderung unterworfen und unfähig selbst eine Wirkung hervorzurufen. Konfrontiert mit umweltbedingten Faktoren, historischer Unvermeidlichkeit und vorherbestimmten Umständen, fehlt es ihr an freien Willen. Indem der Mensch seinen Weg der Entwicklung wählt, sind seine Ideen und seine Handlungen ganz der Gnade der Natur unterworfen. Jede Revolution oder soziale Entwicklung ist allein das materielle Ergebnis von bestimmten Umständen und der Mensch hat dabei keine Rolle zu spielen.

Nach der entscheidenden Beziehung zwischen Ursache und Wirkung, geschieht nichts ohne eine vorausgegangene Ursache und der Wille des Menschen ist auch – wenn er mit materiellen und wirtschaftlichen Umständen seiner Umwelt und mentalen Faktoren konfrontiert wird – unflexiblen Gesetzen unterworfen, dabei ist er faktisch selbst etwas mehr als die

„Wirkung“, die er produziert. Der Mensch ist durch die Anforderungen seiner Umgebung und ihrer intellektuellen Inhalte genötigt, den Weg zu wählen, der ihm auferlegt wurde. Es gibt hier keinen Platz für den unabhängigen Willen und der Entscheidungsfreiheit des Menschen, um sich auszudrücken und keine Rolle für einen Sinn, für moralische Verantwortung und Diskriminierung.

Aber zur gleichen Zeit erachten die Materialisten den Menschen für fähig die Gesellschaft und die Welt zu beeinflussen und sie legen mehr als andere Denkschulen Wert auf die Propagierung und die ideologische Disziplin innerhalb einer organisierten Partei. Sie rufen die Massen auf, die vom Imperialismus schikaniert wurden, sich zur gewaltsamen Revolution zu erheben und zu versuchen, dass der Mensch seine Ansichten ändert und andere Rollen in der Gesellschaft übernimmt, als er es bisher getan hat – all dies hängt von der Macht der freien Wahl ab. Diese Beschreibung der Rolle des Menschen widerspricht dem ganzen Programm von dialektischem Materialismus, da es erklärt, dass der freie Wille doch existiert.

Wenn die Materialisten die Aufrüttelung der unterdrückten Massen und die Stärkung der revolutionären Bewegung für sich beanspruchen, so beschleunigt dies die Geburt einer neuen Ordnung aus dem Schoß der alten. Das wäre unlogisch, denn keine Revolution oder qualitative Veränderung kann stattfinden, wenn die Zeit nicht reif dafür ist. Nach der dialektischen Methode vollbringt die Natur ihre eigene Aufgabe besser als alle anderen. Sich für Propaganda einzusetzen und die Meinung der Massen versuchen zu mobilisieren, ist eine ungerechtfertigte Einmischung in das Werk der Natur.

Es muss von den Materialisten ebenfalls erkannt werden, dass die Freiheit aus der Kenntnis der Gesetze der Natur besteht, um in der Lage zu sein, sie zu benutzen, damit bestimmte Ziele verfolgt werden können. Sie besteht nicht aus etwas Unabhängigen gegenüber den Gesetzen der Natur. Aber auch hier scheitert die Problemlösung: Selbst wenn man sich nach dem Erlernen der Gesetze prinzipiell dazu entschließt, sie für bestimmte Zwecke zu gebrauchen, bleibt die Frage bestehen, ob es die Natur und die Materie ist, welche diese Dinge determiniert und sie dem Menschen auferlegt oder ob der Mensch sie selbst frei wählt.

Wenn der Mensch in der Lage ist zu wählen, sind seine Reflektionen die Wünsche und Konditionen der Natur oder können seine Überlegungen gegen die Natur verlaufen?

Die Materialisten halten den Menschen für ein monodimensionales Geschöpf, so dass sogar seine Überzeugungen und Ideen als Ergebnis von ökonomischen und materiellen Entwicklungen gesehen werden und dem Klassendenken und Produktionsbeziehungen innerhalb einer Gesellschaft unterworfen sind – kurz, sie spiegeln die besonderen Umstände wider, die sich aus den materiellen Bedürfnissen der Menschen ergeben.

Es ist natürlich wahr, dass der Mensch eine materielle Existenz besitzt und dass die materiellen Beziehungen der Gesellschaft und der physikalischen und geografischen Konditionen alle eine Wirkung auf ihn haben. Aber andere Faktoren, die aus seiner essenziellen Natur und seinem inneren Selbst entstehen, haben ebenfalls das Schicksal in der Geschichte des Menschen beeinflusst. Und es ist nicht möglich, das intellektuelle Leben des Menschen allein auf die Inspirationen durch die Materie und den Beziehungen der Herstellung zurückzuführen. Man kann nie die wichtige Rolle übersehen, die religiöse Faktoren und Ideale gespielt haben, noch die spirituellen Impulse vergessen, die dem Menschen, bei der Wahl bestimmte Pfade zu beschreiten, halfen. Der Wille des Menschen ist sicherlich ein Verbindungsstück in der kausalen Kette, die dazu führt, dass er gewisse Handlungen durchführt und andere nicht.

Niemand bezweifelt, dass der Mensch dem Einfluss von natürlichen Aktionen und Reaktionen unterworfen ist und dass die Kraft der Geschichte und die ökonomische Faktoren die Wegbereiter für das Auftauchen bestimmter Ereignisse sind. Aber sie sind nicht die einzigen ausschlaggebenden Faktoren und sie spielen nicht die fundamentale Rolle, die das Schicksal des Menschen entscheidet. Sie können dem Menschen seine Freiheit und Macht zu entscheiden nicht nehmen, weil er zu einem Punkt vorangeschritten ist, dass er einen wert hat, der über die Natur hinausgeht und ihn in die Lage versetzt, Bewusstsein zu erlangen und einen Sinn für Verantwortung aufrechtzuerhalten.

Der Mensch ist nicht nur kein Gefangener der Materie und den Beziehungen der Erzeugung, er hat Macht und verfügt über Souveränität über die Natur und er hat die Fähigkeit, die Beziehungen der Materie zu verändern.

So wie Veränderungen der materiellen Phänomene externen Ursachen und Faktoren unterworfen sind, existieren in der menschlichen Gesellschaft bestimmte Gesetze und Normen, die den Grad des Wohlstands und der Stärke einer Nation oder aber ihren Fall und ihren Rückstand bestimmen. Historische Ereignisse sind weder blindem Determinismus unterworfen noch zufällig. Sie korrespondieren mit den Normen und Entwürfen der Schöpfung, in welcher der Wille des Menschen einen wichtigen Platz einnimmt.

In zahlreichen Versen des glorreichen Korans sind es Unterdrückung, Ungerechtigkeit, Sünde und Korruption, die den Lauf der Geschichte eines Volkes verändern. Dies ist eine observierbare Norm in allen menschlichen Gesellschaften. „Wenn Wir eine Stadt zu zerstören beabsichtigen, lassen Wir Unser Gebot an ihre Reichen ergehen; sie freveln darin, so wird der Richtspruch fällig gegen sie, und Wir zerstören sie bis auf den Grund.“ (Vgl. Koran: Sure 17, Vers 16)

„Hast du nicht gesehen, wie dein Herr mit den Ad verfuhr, Dem Volk von Iram, Besitzer von hohen Burgen, Dergleichen nicht erschaffen ward in (anderen) Städten, Und den Thamud, die die Felsen aushieben im Tal, Und Pharao, dem Herrn von gewaltigen Zelten? Die frevelten in den Städten, Und viel Verderbnis darin stifteten. Drum ließ dein Herr die Peitsche der Strafe auf sie fallen. Wahrlich, dein Herr ist auf der Wacht.“ (Vgl. Koran: Sure 89, Vers 6-14)

Der Koran erinnert uns auch daran, dass die Menschen, die ihre Wünsche anbeten und ihren abschweifenden Inklinationen gehorchen, viel Leid in der Geschichte verursachen: „Siehe, Pharao betrug sich hoffärtig im Land und teilte das Volk darin in Gruppen: Einen Teil von ihnen versuchte er zu schwächen, indem er ihre Söhne erschlug und ihre Frauen leben ließ. Fürwahr, er war einer der Unheilstifter!“ (Vgl. Koran: Sure 28, Vers 4), „So verleitete er (Pharao) sein Volk zur Narrheit, und sie gehorchten ihm. Sie waren ein sündiges Volk.“ (Vgl. Koran: Sure 43, Vers 54)

Wie viel Blutvergießen, Krieg, Ruin und Unordnung wurde durch die Anbetung der leidenschaftlichen Wünsche verursacht und durch den Hunger nach Macht! Menschen, welche das Bauelement der Gesellschaft sind, besitzen Intelligenz und den inneren Willen in ihrem Selbst, noch bevor sie ein Teil der Gesellschaft werden. Der individuelle Geist ist nicht machtlos gegenüber dem Geist der Gesamtheit.

Jene, die beanspruchen, dass das Individuum in seinen Handlungen durch seine soziale Umgebung völlig determiniert sei, stellen sich vor, dass alle wirklichen Zusammenschlüsse notwendigerweise die Auflösung der Teile des Ganzen involvieren, damit eine neue Realität hervorkommen kann. Die einzige Alternative dazu wäre, so glauben sie, entweder das Leugnen der objektiven Realität der Gesellschaft, die aus Zusammenschlüssen von Individuen besteht, und das Anerkennen der Unabhängigkeit und der Freiheit eines Individuums oder die Realität der Gesellschaft als Zusammengesetztes zu akzeptieren und die Unabhängigkeit und die Freiheit aufzugeben. Es ist nicht möglich, dass beide Möglichkeiten kombiniert aufrecht erhalten bleiben können.

Obwohl die Gesellschaft heute mehr Macht als das Individuum besitzt, bedeutet das nicht, dass das Individuum zu allen sozialen Aktivitäten und Unternehmungen gezwungen ist. Der Vorrang der essenziellen Natur im Menschen – das Ergebnis seiner Entwicklung auf der natürlichen Ebene – gibt ihm die Möglichkeit, frei zu handeln und gegen die Zumutungen der Gesellschaft zu rebellieren.

Obwohl der Islam Persönlichkeit und Macht für die Gesellschaft postuliert, und das Geben und nehmen von Leben als Gottessache betrachtet, hält er doch den Menschen für fähig, sich bei existierender Korruption zu wehren und gegen sie anzukämpfen. Der Koran sieht nicht in den hierarchischen Bedingungen determinierende Faktoren, die zum Auftauchen von gleichförmigen Ansichten führen, denen dann die Menschen unterworfen sind.

Die Pflicht das Gute zu gebieten und das Üble zu verwehren, ist an sich schon ein Befehl, welcher gegen die Ordnung einer sozialen Umgebung rebelliert, wenn diese Sünde und Korruption involviert. Der Koran sagt: „So ist es wahrscheinlicher, dass sie wahres Zeugnis ablegen oder dass sie fürchten, es möchten andere Eide gefordert werden nach ihren Eiden. Und fürchtet Gott und höret! Denn Gott weist nicht dem ungehorsamen Volk den Weg.“ (Vgl. Koran: Sure 5, Vers 108), „Zu jenen, die - Unrecht gegen sich selbst tuend - von Engeln dahingerafft werden, werden diese sprechen: Wonach strebtet ihr? Sie werden antworten: Wir wurden als Schwache im Lande behandelt. Da sprechen jene: War Gottes Erde nicht weit genug für euch, dass ihr darin hättet auswandern können? (…)“ (Vgl. Koran: Sure 4, Vers 97)

In diesem Vers werden jene, die sich genötigt sehen konform mit der Gesellschaft zu sein, dafür streng verurteilt und ihre Entschuldigungen für ihr Scheitern Verantwortung zu übernehmen, wird abgelehnt.

Um moralisch und spirituell voran zu kommen, ist die Existenz eines freien Willens unentbehrlich. Der Mensch ist wertvoll und Werte werden von ihm erwartet, allerdings nur, wenn er frei ist. Wir erwerben Unabhängigkeit und Wert allein, indem wir einen Weg wählen, der mit der Wahrheit konform ist und der die schlechten Tendenzen in uns und in unserer Umwelt durch Bemühung widersteht. Wenn wir nur unserer natürlichen Entwicklung nach Handeln oder unserer dialektischen Determinierung folgten, würden wir all unsere Persönlichkeit und unseren Wert verlieren.

Kein Faktor zwingt daher den Menschen einen bestimmten Weg zu gehen, noch ist er eine Kraft, die ihn bindend dazu bringen könnte, etwas zu unterlassen. Der Mensch mag in Anspruch nehmen sich selbst zu schaffen, jedoch nur wenn er selbst wählt, sich entscheidet und in seine eigenen Bemühungen investiert, nicht aber, wenn er sich nach zufälligen Gesetzen und Zielen, die in einer Gesellschaft vorherrschen, formt.

[39] „Muntaha Al-Amal”

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