Gottes Attribute

Inhaltsverzeichnis

Gott und seine Attribute

Sayyid Mudschtaba Musawi Lari

Lektionen in der Islamischen Doktrin - Buch I

Frei übersetzt unter Aufsicht Von Dr. Mohammad Razavi Rad - übersetzt von A. Malik

L21 – Eine unsachgemäße Interpretation der Bestimmung

Manche Pseudointelektuelle haben falsche Ideen von der Bestimmung und stellen sich vor, dass diese Doktrin Stagnation und Inaktivität verursacht, den Menschen von allen Formen der Bemühung zurückhaltend, die sein Leben verbessern könnten.

Die Quelle für diese Ansicht liegt im Westen im Fehlen eines angemessenen Verständnisses des Begriffes, insbesondere wie er in der islamischen Lehre dargelegt wird. Im Osten hat diese Sichtweise aufgrund von Zerfall und Rückständigkeit an Einfluss zugenommen. Es ist ziemlich bekannt, dass Individuen oder historische Gemeinschaften, die ihre Ziele und Ideale nicht erreichen, was auch immer für Gründe dafür vorliegen mögen, sich mit Worten wie „Glück“, „Zufall“ und „Schicksal“ trösten.

Der hochnoble Gesandte (Friede sei mit ihm und seiner Familie) hat sich in diesem Zusammenhang eloquent geäußert: „Es wird für die Menschen meiner Gemeinschaft eine Zeit kommen, wo sie Sünden und Ungerechtigkeiten begehen werden und um ihre Korruption und Verschmutzung zu rechtfertigen werden sie sagen: Gott hat über uns dieses Schicksal verfügt, sodass wir derartig handeln. Wenn ihr solche Menschen trefft, sagt ihnen, dass ich sie verleugne.“

Dar Glaube an das Schicksal behindert den Menschen nicht, seine Ziele im Leben zu erreichen. Jene, die das notwendige Wissen in Religionsfragen haben, realisieren, dass der Islam die Menschen dazu aufruft, ihr Bestes zu geben, um ihr Leben zu verbessern, im moralischen als auch im materiellen Sinne. Das ist an sich schon ein mächtiger Faktor bei der Intensivierung der Bemühungen, die der Mensch unternimmt.

Einer der westlichen Denker, der ein unzulängliches Verständnis von Bestimmung hat, ist Jean Paul Sartre. Er meint, dass es unmöglich ist, an ein von Gott bestimmtes Schicksal zu glauben und gleichzeitig die Freiheit des Menschen zu vertreten. Daher ist es, seiner Meinung nach, notwendig, dass der Mensch sich entweder für den Glauben an Gott oder die Freiheit des Menschen entscheidet: „Da ich an die Freiheit des Menschen glaube, kann ich nicht an Gott glauben, denn würde ich an Gott glauben, müsste ich das Konzept des Schicksals akzeptieren und wenn ich das Konzept des Schicksals akzeptiere, muss ich auf meine Freiheit verzichten. Da ich an der Freiheit festhalte, glaube ich nicht an Gott.“

Dabei gibt es gar keinen Widerspruch zwischen den Glauben an eine Bestimmung und dem Schicksal einerseits und der Freiheit des Menschen andererseits. Solange man den Willen Gottes mit universeller Reichweite erkennt, spricht auch der noble Koran dem Menschen eine freie und aktive Rolle zu. Er wird beschrieben als jemand, der bewusst in der Lage ist, sein eigenes Schicksal mit einem Verständnis für das Gute und Schlechte, für das Hässliche und Schöne zu gestalten und zu differenzieren. „Wir haben ihm den Weg gezeigt, ob er nun dankbar oder undankbar sei.“ (Vgl. Koran: Sure 76, Vers 3), „Wer aber das Jenseits begehrt und es beharrlich erstrebt und gläubig ist - dessen Streben wird belohnt werden.“ (Vgl. Koran: Sure 17, Vers 19)

Jene, die am Tag des Gerichts ihre Zuflucht im Determinismus suchend sagen werden, „(…) Hätte Gott es so gewollt, wir würden nichts außer Ihm angebetet haben. (…)“ (Vgl. Koran: Sure 16, Vers 35), werden für das Zurückführen ihrer eigenen Sündhaftigkeit und ihrer eigenen Fehlern auf den göttlichen Willen zurechtgewiesen. Gleichzeitig stellt die Bestimmung keine Hürde für eine korrupte und verschmutzte Gesellschaft dar, die sich reformieren will. Es findet sich kein einziger Vers, wo Gottes Willen den menschlichen Willen ablöst oder wo gesagt wird, der Mensch würde aufgrund seiner Bestimmung leiden müssen.

Der Koran erwähnt mehrmals den Zorn Gottes, der die Korrupten und Tyrannen mit schmerzvoller Strafe überraschen wird.

Da Gott zu seinen Dienern extrem liebevoll und vergebend ist, ihnen unzählige Gnaden erweist und da Er gleichzeitig nachsichtig ist und bereit ist Reue anzunehmen, hält Er den Sündigen immer den Weg der Rückkehr zu Reinheit und Rechtschaffenheit offen. Gottes Akzeptanz der Reue ist an sich schon eine große Instanz Seiner Vergebung.

Obwohl die Reichweite des menschlichen Willens größer und weitreichender ist und er eine weitaus kreativere Rolle als all die anderen uns bekannten Geschöpfe spielt, so kann sein Wille doch nur in einem abgegrenzten Tätigkeitsbereich Gottes wirken. Er kann daher in seinem Leben nicht alles erreichen, was er möchte.

Es passiert oft, dass der Mensch versucht etwas zu tun, doch so sehr er sich bemüht, er schafft es nicht, dies zu vollbringen. Der Grund dafür ist nicht, dass Gottes Wille sich gegen den Willen des Menschen richtet und ihn davon abhält zu tun, was er sich wünscht. Es ist in solchen Fällen vielmehr so, dass ein nicht bekannter Faktor, der über die Wissensgrenzen und die Kontrollbereiche des Menschen hinausgeht, ihm Schwierigkeiten in den Weg legt und ihn davon abhält, seine Ziele zu erreichen.

Die Individuen und die Gesellschaft, beide begegnen ständig diesen Hürden. Angesichts der Tatsache, dass es im natürlichen Bereich keine Ursache ohne Wirkung gibt und keine Wirkung ohne eine vorangegangene Ursache und dass unsere Mittel der Wahrnehmung auf diese Welt und auf den menschlichen Bereich begrenzt sind, sollte für uns nicht schwer zu akzeptieren sein, dass unsere Aspirationen nicht auf die Weise in Erfüllung gehen, wie wir es wünschen.

Gott hat Billionen von Faktoren, die an der Ordnung des Seins arbeiten. Zuweilen sind diese Faktoren dem Menschen sichtbar und manchmal bleiben sie ihm unbekannt, sodass er sie in seine Kalkulationen nicht mit einbeziehen kann. Dies bezieht sich auch auf die Bestimmung, aber nicht nur resultiert dies in einer Benachteiligung des menschlichen Willens oder in der Verhinderung seiner Bemühungen Zufriedenheit im Leben zu erlangen, es führt den Menschen in seinen Gedanken und in seinem Handeln und durchdringt die innersten Tiefen seines Seins mit stärkerer Lebenskraft. Er sucht nach der Erweiterung seines Wissens und möchte so präzise wie nur möglich die Faktoren identifizieren, die seinen Weg für einen größeren Erfolg im Leben ebnen. Der Glaube an das Schicksal und die Bestimmung ist daher ein starker Faktor für das Vorwärtskommen des Menschen hin zu seinen Zielen und Idealen.

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Die Frage der Errettung oder Verdammung des Menschen ist implizit in der folgenden Diskussion gelöst, da Errettung und Verdammung aus den Werken des Menschen resultiert und nicht aus Angelegenheiten, die über seinen Willen hinausgehen oder von natürlichen Phänomenen ausgeht, die in die menschliche Existenz durch den Schöpfer implantiert wurden.

Weder umweltbedingte und erbliche Faktoren noch die natürlichen Kapazitäten, die im Menschen zugegen sind haben eine Wirkung auf seine Errettung oder Verdammung, sie können sein Schicksal nicht gestalten. Was seine Zukunft festlegt, ist die Achse an der sich seine Errettung oder Verdammung wendet, und die Ursache für seinen Auf- oder Abstieg ist das Ausmaß der Entscheidungen, die der Mensch als Existenzform mit der Möglichkeit zu wählen, macht, und wie er seinen Intellekt, sein Wissen und andere Kräfte einsetzt.

Glück und Errettung hängen nicht von der Fülle der natürlichen Fähigkeiten ab. Es ist jedoch wahr, dass diejenigen, die größere Talente besitzen auch die größere Verantwortung tragen. Ein leichter Fehler eines solchen Individuums ist wesentlich bedeutsamer, als wenn ein ähnlicher von einer schwächeren und hilfloseren Person gemacht wird. Jeder wird gemäß seiner Talente und Kapazitäten, die er besitzt, zur Rechenschaft gezogen werden.

Es ist absolut möglich, dass eine Person, deren innere Fähigkeiten und Ressourcen geringfügiger Natur sind, sein Leben nach den Pflichten und der Verantwortung ordnet, die ihm auferlegt wurden und dadurch das wirkliche Glück erreicht. Das wird ihn in die Lage versetzten, zu verstehen, dass das Ergebnis die Intensität seiner Bemühungen war, die er aufgewandt hat, um die limitierten Talente, die ihm gegeben waren, zu nutzen.

Andersherum, jemand, dem eine Fülle an inneren Ressourcen und Gaben gegeben wurde, die er nicht nur nicht nutzt, um selbst davon zu profitieren, er wird sie vielleicht sogar noch missbrauchen, um auf seine eigene menschliche Würde herumzutreten und sich selbst in Sünde und Korruption werfen, so eine Person ist ohne Zweifel ein Sünder, für den die Verdammnis bestimmt ist, und er wird nie einen Blick auf die Errettung erhaschen.

Der Koran sagt: „Jede Seele ist ein Pfand für das, was sie verdient hat.“ (Vgl. Koran: Sure 74, Vers 38) Daher sind die Errettung und die Verdammnis einer Person von seinen gewollten Taten abhängig, nicht von seiner natürlichen oder psychologischen Verfassung. Das ist die klarste Manifestation von der Gerechtigkeit Gottes.

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Eine der charakteristischen Doktrinen der schiitischen Schule ist „bida“, ein Term, der besagt, dass sich die Bestimmung eines Menschen ändert, wenn sich die Faktoren und Ursachen, die sie regulieren, ändern: Was den Anschein erweckt, ewig und unveränderlich zu sein, verändert sich in Übereinstimmung mit dem Wandel in den menschlichen Taten und Verhaltensweisen. So wie materielle Faktoren das Schicksal des Menschen neu formen können, so entlocken nichtmaterielle Faktoren neue Phänomene.

Es ist möglich, dass solche nicht-materiellen Faktoren verborgenes und gegensätzliches zu dem, was aktuell ist, zum Vorschein bringen. Tatsächlich werden durch das Verändern der Ursachen und der Verhältnisse durch Gott neue Phänomene erlassen, die vorteilhafter als das Phänomen sind, welches ausgetauscht wurde. Dies ist vergleichbar mit dem Prinzip der Aufhebung in einem gezeigten Gesetz. Wenn ein früheres Gesetz zu Gunsten eines Anderem aufgehoben wird, so deutet dies nicht auf die Ignoranz oder das Bedauern des göttlichen Gesetzesgebers hin, sondern sagt lediglich aus, dass ein aufgehobenes Gesetz keine Gültigkeit mehr besitzt.

Wir können nicht das Konzept der „bida“ in dem Sinne interpretieren, dass Gott seine Meinung ändert, weil ihm nun eine Realität bekannt geworden ist, die Ihm vorher unbekannt war. Das würde dem Prinzip der Universalität des göttlichen Allwissens widersprechen und so kann es von keinem Muslim akzeptiert werden.

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Das auferlegte Gebet ist ein weiterer Faktor, dessen Wirkungsweise nicht unterschätzt werden darf. Es ist klar, dass Gott von den inneren Geheimnissen jedes einzelnen weiß, aber in der Beziehung des Menschen zu Gott spielen die Gebete die gleiche Rolle, welche die Bemühungen und Handlungen des Menschen in seiner Beziehung zur Natur eine Rolle spielen. Abgesehen von der psychologischen Wirkung, übt das Gebet eine unabhängige Wirkung aus.

Jeden Augenblick erscheinen neue Phänomene in der Natur, bei deren Auftauchen vorangegangene Ursachen von Bedeutung sind. Ebenso ist in einer großen Sphäre der Existenz das Gebet auf dem Weg hin zu einem Ziel zutiefst effektiv. So wie Gott jedem der natürlichen Elemente in dem System der Kausaltät eine Aufgabe zugeteilt hat, so hat Er auch dem Gebet eine wichtige Aufgabe zugewiesen.

Wenn eine Person von Schwierigkeiten belagert wird, soll sie nicht in Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung verfallen. Die Türen zu Gottes Barmherzigkeit sind gegenüber niemandem verschlossen. Es mag sein, dass sich morgen schon eine neue Situation abzeichnet, die in keiner Weise mit dem korrespondiert, was der Mensch erwartet hatte. Denn der Koran sagt: „Ihn bitten alle, die in den Himmeln und auf Erden sind. Jeden Tag offenbart Er Sich in neuem Glanz.“ (Vgl. Koran: Sure 55, Vers 29)

Man sollte daher nie aufgeben, sich zu bemühen. Ein Gebet, welches nicht mit dem entsprechenden Einsatz verknüpft ist, gleicht, wie es der Führer der Gläubigen, Ali (Friede sei mit ihm) formulierte: „(…) einer Person, die einen Pfeil von einem Bogen lösen will, der keine Saite hat.“

Während man sich ständig anstrengt, sollte man seine Wünsche Gott gegenüber mit Hoffnung und Aufrichtigkeit äußern und mit seinem ganzen Sein nach Seiner Hilfe suchen, die von dieser Quelle der unendlichen Macht ausgeht. Der Koran sagt: „Und wenn Meine Diener dich nach Mir fragen (sprich): Ich bin nahe. Ich antworte dem Gebet des Bittenden, wenn er zu Mir betet. So sollten sie auf Mich hören und an Mich glauben, auf dass sie den rechten Weg wandeln mögen.“ (Vgl. Koran: Sure 2, Vers 186)

Der Geist des Menschen wird zu Gott aufsteigen und ihn in wahres Glück eintauchen lassen, wenn er die Fallen der Bedürftigkeit meidet, sich von allen Ursachen loslösend und sich direkt an Gott wendet. Er wird sich dann mit der Essenz Gottes verbunden sehen und Sein offenkundiges unendliches Wohlwollen und seine Huld spüren.

Imam Sajjad (Friede sei mit ihm) richtet sich an Gott in seinem Gebet, das als das Gebet des Abu Hamsa bekannt ist: „Oh Schöpfer! Ich sehe die Pfade der Bitten und der Petition, welche zu Dir führen, offen und klar und die Quellen der Hoffnung in Dir sind reich. Ich sehe es als erlaubt an, von Dir Hilfe für Wohlwollen und Vergebung zu ersuchen und ich sehe die Tore des Gebets für alle offen, die Dich anrufen und Dich um Hilfe flehen. Ich bin mir sicher, dass Du bereit bist, die Gebete jener zu beantworten, die Dich anrufen und jenen Zuflucht zu gewähren, die sie bei Dir suchen.“[43]

Es gibt ebenfalls eine Überlieferung über die Wirkung von Sünden und guten Werken: „Jene, die aufgrund ihrer Sünde sterben, sind zahlreicher, als jene, die aufgrund eines natürlichen Todes sterben. Und jene, die aufgrund der Ausführung ihrer guten Taten leben, sind zahlreicher, als jene, die aufgrund ihrer natürlichen Zeitspanne leben.“[44]

Es war die Wirkung des Gebets, die Zakariya, einem wahren Propheten, der daran verzweifelt ist, kein Kind zu haben, in die Lage versetzte, seinen Wunsch zu erreichen. Es war die Wirkung der Reue, die den Propheten Junus und seine Leute vor Katastrophe und Vernichtung bewahrte.

Die Gesetze, die der große Schöpfer im System des Universums implantiert hat, limitieren Seine unendliche Macht in keinster Weise noch verringern sie Seinen Spielraum. Er hat die gleiche absolute Diskretion bei der Veränderung der Gesetze, im Bestätigen und Aufheben ihrer Wirkungen, die Er hatte, als Er sie etalierte. Diese einzigartige Essenz, die sorgsam und umfassend das ganze System des Seins überwacht, kann kaum selbst hilflos diesen Gesetzen und Phänomenen unterworfen sein, die sie selbst erschuf noch kann sie die Fähigkeit und Macht verlieren zu machen, was sie möchte.

Wenn wir sagen, dass Gott in der Lage ist, zu jedem Zeitpunkt, die Phänomene, die Er in dieser Welt schuf, zu verändern, so meinen wir damit nicht, dass Er die Ordnung der Welt zerstört oder ihre festgelegten Regulierungen oder die Gesetze und Prinzipien der Natur umkippt. Der ganze Prozess der Veränderung findet innerhalb bestimmter unbekannter Prinzipien und Kriterien statt, die unserer limitierten Wahrnehmung und Kognition entgehen. Wenn der Mensch die Materie sorgfältig und kritisch betrachtet und die weite Spannbreite der Möglichkeiten in Betracht zieht, mit denen er konfrontiert ist, wird es ihn davon abhalten, auf der Basis dieser weniger Prinzipien ehrgeizig alles Vorherzusagen, was er in der Lage war, in der Natur zu beobachten.

[43] „Mafatih Al-Janan”

[44] „Safinat Al-Bihar”, Band I

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