Grundkonzept

Grundkonzept des Islam

Prof. Abdoldjavad Falaturi

Inhaltsverzeichnis

Exemplarische Beispiele als Belege

Nicht nur Ibn Qayim, als eine Autorität des 8./14. Jahrhunderts, sieht sich durch eine Reihe von allgemein anerkannten historischen Fakten bestätigt. Das gleiche gilt für eine Anzahl von verantwortungsbewußten Autoritäten der islamischen Rechtsschule unserer Zeit (19. und 20. Jh.). Diese unterscheiden sich jedoch von Ibn Qayim hinsichtlich ihrer Ausgangsposition. Ibn Qayims Ziel war, die šarī‛a in ihrem tiefgreifenden Sinngehalt und in ihrer weitreichenden Zielsetzung gegenüber der starren Haltung der Engstirnigen einerseits und gegenüber den in der Sache der šarī‛a Gleichgültigen andererseits zu verteidigen und sie (šarī‛a) in beiden Fällen vor dem Untergang zu bewahren.

Die Autoritäten unserer Zeit, wie Muhammad ‘Abduh[1], Mahmud Šaltūt [2] und auch Abdul-Wahhab Hallaf[3] und Muhammad Mustafa Šalabī [4], gehen hingegen von der nur für unsere Zeit typischen Lage des Islam aus, nämlich von dessen Standort zwischen der Kultur-, Politik- und Wirtschaftshegemonie des Westens und der Unbekümmertheit und Perspektivlosigkeit derjenigen Verantwortungsträger der islamischen Gelehrsamkeit, denen es am Einfühlungsvermögen in aktuelle Probleme und Kenntnisse bezüglich der Verhaltensweisen der Autoritäten der islamischen Tradition fehlt, was sie zu einer letztendlich nachteiligen starren Haltung veranlaßt hat. Bei den genannten Persönlichkeiten kommt es nicht auf die Benennung der Vertreter der jeweiligen Position an, d.h. es kommt nicht darauf an, die Vertreter der ersten Position, nämlich die Befürworter der Übermacht des Westens, als antiislamisch, säkularistisch, modernistisch usw. zu benennen und die Verfechter der zweiten Position mit Verlegenheitsausdrücken wie konservativ, fundamentalistisch und dergleichen mehr zu brandmarken.

Es kommt vielmehr darauf an, zu zeigen und zu belegen, dass die beiden Positionen dem Islam einen nicht wieder gut zu machenden Schaden zufügen.

So betont al-Mārağī[5] in seinem Werk „Die selbständige Rechtsfindung im Islam“ („al-iğtihād fi’l-Islam“, S. 42): Schon der Prophet Muhammad selbst hat die Anwendung der Diebstahlstrafe zeitweilig, d. h. während des Krieges verhindert, obwohl der diesbezügliche Koranvers expressis verbis vorlag. Warum? Um zu vermeiden, so lautet die Begründung, dass der Dieb, um seiner Strafe zu entkommen, sich der feindlichen Front anschließt. Um einen Muslim, auch wenn er schwer gesündigt hat, nicht zu verlieren und um durch sein eventuelles Überlaufen zum Feind die islamische Gemeinschaft nicht zu gefährden, also um einem größeren Schaden vorzubeugen, durfte, ja sogar mußte ein allgemeines Gesetz, das sonst ohne jede Einschränkung auch für den Kriegszustand galt, außer Kraft gesetzt werden.  Ebenfalls, so hebt Šalabī in seinem Werk „Die Begründung der Vorschriften„ („ta‘līl al-ahkām; Kairo 1949, S. 62), hervor, hat der zweite Khalif Umar Ibn al Hattab zeitweilig die Anwendung der Diebstahlstrafe ausgesetzt, nicht aber im Falle eines Kriegszustandes, sondern bei einer Hungersnot (mağā‘a). Seinem Rechtsempfinden nach war der Erhalt des Lebens, wozu der Diebstahl begangen worden war, wichtiger als der Schutz des Eigentums, von dem in jenem Falle kein Leben abhing; dies lag sowohl im Interesse der islamischen Gemeinschaft wie auch im Interesse deren Mitglieder, die in den Notfällen gemeinsam die Last zu tragen hatten.

In gleicher Weise haben (so Šalabī im ta‘līl al-ahkām, S. 36) die Gefährten des Propheten bezüglich der Anwendung von Strafen Zurückhaltung geübt, als ein muslimischer Heerführer das Verbot des Alkoholgenusses verletzt hatte: Das mögliche Überlaufen zum Feind und der dadurch mögliche Verrat der Umma wäre ihrem Rechtsempfinden nach für den Islam und die Muslime viel schädlicher gewesen als das Unterlassen einer sonst ausnahmslos anzuwendenden Strafe. Das Bewahren der Interessen der Umma und ihrer Mitglieder geht, so zeigen damit die Gefährten des Propheten, uneingeschränkt anderen Geboten und Verboten vor, welche im Falle eines Konfliktes mit jenem (Interesse der Umma) außer Kraft gesetzt und sogar unter Berücksichtigung strenger Kriterien geändert werden können.

Unter den rechtgeleiteten Kaufen hat der zweite Khalif in seiner Amtszeit die meisten neuen Entscheidungen getroffen, die sogar zum Teil als Änderung des koranischen Wortlautes galten. Man will seine Entscheidungen, an die Hunderte und sogar Tausende, gezählt und belegt wissen. Aber allein die mit einwandfreier Übereinstimmung überlieferten Fälle reichen vollkommen für die gegenwärtigen Rechtsgelehrten aus, sein mustergültiges Verfahren als Kriterium für den Umgang mit den islamischen Gesetzen und für die Lösung der hier und heute anstehenden Probleme anzuwenden.

Hier sei einer dieser Fälle demonstriert: Im Koran 9/60 heißt es:

„Die Almosen (gemeint ist der Zakāt, die Pflichtabgabe) sind nur für die Armen und Bedürftigen, (für) diejenigen, die damit zu tun haben (für) diejenigen, die gewonnen werden sollen, für (den Loskauf) von Sklaven, (für) die, die verschuldet sind, (für) den Weg Gottes und (für) den, der unterwegs (ibn as-sabīl) ist. (Dies alles gilt) als Verpflichtung von seiten Gottes. Gott weiß Bescheid und ist weise.“

Es geht bei unserem Beispiel um „diejenigen, die (für die Sache des Islam) gewonnen werden sollen“ (al-mu’allafātu qulūbuhum): Unzweideutig bedeutet die Verpflichtung unter anderem die Abgabe eines Teils der Almosen an diejenigen, hauptsächlich nichtmuslimischen Persönlichkeiten und Gruppen mit hohem Ansehen unter den arabischen Stämmen. Dadurch sollte ihre Sympathie für den Islam gewonnen bzw. Antipathie dagegen unterbunden und in dem Sinne ihre eventuelle Hilfe und Unterstützung für den Islam gesichert werden. Der Prophet Muhammad richtete sich selbstverständlich danach. Auch der erste Khalif Abū Bakr setzte die Sunna des Propheten fort und lieferte ihnen ihren Anteil. Der zweite Khalif hat aber diese Sunna nicht mehr fortgesetzt (Šalabī, S. 37 f.). Dies tat er aber nicht aus Willkür oder aus Antipathie gegen diese Personen und Gruppen. Er hat auch nicht die koranische Bestimmung für falsch und die Sunna des Propheten und das Verfahren von Abū Bakr für verfehlt halten wollen.

Festhaltend an der Richtigkeit der allgemeinen Bestimmung des Korans und der entsprechenden Verhaltensweise des Propheten und der von Abū Bakr, stellte er eine Änderung in konkreten Fällen, mit denen er konfrontiert war, fest: Er sah die genannte Verpflichtung, also die Abgaben an die mu’allafāt qulūbuhum darin begründet, daß dem Islam dadurch Schutz vor seinen Feinden garantiert wird; der Sinn und der Grund dieser Bestimmung lag für ihn im allerhöchsten Interesse des Islam und der Muslime. Zugleich ist er aber auch infolge der Veränderung der Verhältnisse im Laufe der Zeit zu der Überzeugung gekommen, daß „inna Al-lāha qad aazza l-islām wa aġnā ‘anhum“/Gott hat (bereits) den Islam verstärkt und die Muslime von ihnen unabhängig bzw. deren Schutz für den Islam überflüssig gemacht“. Diese Entscheidung des Khalif Umar (und auch ähnliche Entscheidungen von ihm), die eine Änderung bzw. eine Aufhebung einer klaren koranischen Vorschrift bedeutet, hat viele Diskussionen unter den Befürwortern und Gegnern seiner derartigen Entscheidungen hervorgerufen, weil im allgemeinen die Unveränderbarkeit der Koranischen Vorschriften zu den islamischen Glaubensgrundsätzen gehört.

Die Angelegenheit ist auch an sich so ernst, daß man sich keineswegs mit den emotionsbeladenen Pro- und Contrahaltungen zufrieden geben kann. Es ist auch kein Sonderfall, der als Ausnahme gelten könnte. Es scheinen vielmehr, in Anbetracht der Autorität von Umar und anderen Gefährten des Propheten Muhammad, denen der Schutz des Islam als höchste Pflicht am Herzen lag, in diesen und ähnlichen Fällen tiefere Gründe vorzuliegen, deren Ergründung an Prinzipien erinnert, durch die eine Reihe von den heute anstehenden Problemen zu lösen ist.

[1] (1845 - 1905). Einer der bedeutendsten islamischen Reformatoren des 19. Jahrhunderts.

[2] (1892 - 1963). Sheikh von Al-Azhar. Verfechter der Reformbewegung und des Versuchs, die Spannungen zwischen den verschiedenen islamischen Schulen zu beheben.

[3] Azharitischer Rechtsgelehrter.

[4] Azharitischer Rechtsgelehrter.

[5] (1881 – 1945) Schüler von Muhammad Abduh und zweimal von Sheikh von Al-Azhar.

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