Grundkonzept

Grundkonzept des Islam

Prof. Abdoldjavad Falaturi

Inhaltsverzeichnis

Die Verfahrensweise authentischer Persönlichkeiten der islamischen Tradition bei ihrer Begegnung mit neuen Problemen

Der strenggläubige hanbalitische Rechtsgelehrte und Schüler von Ibn Taimiya, der berühmte Ibn Qayim al-Ğauziya (691/1291—751/ 1350) steht, in seinem 1953 in Kairo erschienenen Werk at-turuq al-hukmīya fi’s-siyāsa aš-šar’īya (sinngemäß: die Gerichtswege zur Anwendung der Maßnahmen des kanonischen islamischen Rechts) vor einer ähnlichen Frage, mit der wir heute ständig konfrontiert sind, nämlich der Frage: Wie sind die heute für uns neu entstandenen Probleme zu lösen? Sich auf al-hulafā ar-rāšidūn berufend (die rechtgeleiteten vier ersten Khalifen), die zur Lösung neuer Probleme, unter Berücksichtigung des Interesses der islamischen Gemeinschaft (maslahat al-umma) und nicht aus reiner Willkür, neue Entscheidungen getroffen haben, welche weder im Koran noch in der Sunna explizit erwähnt werden, bekräftigt Ibn Qayim, daß es sich in solchen Fällen um äußerst brisante Situationen handelt, wobei die islamischen Gelehrten nicht selten dem Irrtum anheim gefallen sind. Von diesen sind zwei Hauptgruppen auseinanderzuhalten, die jeweils einen extremen Weg a) sture Defensive und b) unbekümmerte Gleichgültigkeit eingeschlagen haben:

„Die eine Gruppe hat sich insofern in eine extreme Zurückhaltung gestürzt, als sie (aus ihrer engstirnigen Haltung heraus und aus Angst, eine neue Entscheidung zu treffen) die islamischen Rechts- und Strafmaßnahmen unterlassen und die Rechte verwirkt hat. Sie haben damit (d. h. mit ihrer defensiven Haltung) den Unsittlichen zur Schlechtigkeit ermutigt, und die šarī‛a zu einem ungenügenden Gesetz gemacht, welches nicht imstande ist, den Interessen der Menschen gerecht zu werden, so daß es (šarī‛a) des fremden Gesetzes als Ergänzung bedarf.“

„Die andere Gruppe überschritt aber die Grenze in die entgegengesetzte Richtung: Sie hat (in ihrer Gleichgültigkeit sogar) solche Entscheidungen zugelassen, die der Anordnung Gottes und dessen Gesandten (völlig) widersprachen. Beide Gruppen trifft der Vorwurf, daß sie von dem, was der Prophet von Gott brachte und was Gott in seinem Buch an ihn herabsandte, wenig Ahnung haben. Denn Gott hat seine Gesandten geschickt und seine - Bücher herabgesandt, damit die Menschen die Gerechtigkeit üben ... sein Ziel ist, daß unter den Menschen Gerechtigkeit herrscht: Welchen Weg man auch dazu findet, so gehört er doch zur Religion und steht nicht zu ihr im Widerspruch.“

Von fundamentaler Wichtigkeit ist diese seine letzte Bemerkung:

Unabänderlich, d. h. als von Zeit und Raum unabhängig bleibender Wert ist das, was der Koran und die Sunna unzweideutig als Ziel der jeweiligen Bestimmung, hier die Gerechtigkeit unter den Menschen, zugrunde legen, wobei die Wege zu dessen Verwirklichung unterschiedlich und dennoch dem Koran und der Sunna adäquat sind. Um diese unterschiedlichen Wege, die zeit- und raumbedingt sind, bzw. sein können, geht es Ibn Qayim, was auch für uns hier und heute gilt.

Das, was Ibn Qayim hier anführt, ist keine These und keine Theorie die man widerlegen oder durch eine andere ersetzen kann. Es ist vielmehr eine Feststellung, die auf unbestreitbaren und konkreten Fakten beruht. Die Unkenntnis bezüglich solcher Fakten hat nach Ibn Qayim jene zwei extremen Gruppen hervorgebracht, welche in gleicher Weise dem Koran und der Sunna und somit dem Islam schaden. Es gilt nun, einige konkrete Fakten als Belege für diese seine Feststellung anzuführen.

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