Imam Khamene'i

Imam Khamene'i

Das Leben des Imam-ul-Umma Ayatollah-ul-Uzma Seyyed Ali Al-Husaini Al-Khamene'i

Yavuz Özoguz

mehr zum Thema siehe Imam Chamene'i

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Imam Khamene'i - Inhaltsverzeichnis

Der höchste Gelehrte

Wie teilweise geschildert, gab es zahlreiche Ereignisse und Zeichen sowie Aussagen von den Großen der Zeit, die uns die hohe Stellung von Imam Khamene'i schon vor seiner Verant­wortungsübernahme verdeutlicht haben. Einige frühere Aus­sagen von Imam Khomeini (r.) und von beispielsweise Ayatol­lah Taleghani (r.) wurden hier schon zitiert. Ein weiteres Er­eignis kann uns einen deutlichen Hinweis auf Imam Khamene'is Weisheit geben.

Der große Gelehrte und einer der großen Schüler von Imam Khomeini (r.), Schahid Ayatollah Motahhari (r.) und der be­rühmte Soziologe Dr. Schariati, beide ebenfalls aus Maschhad stammend, waren bereits früher Gesprächs- und Diskussions­partner von Imam Khamene'i, und immer wenn sich die Gele­genheit bot, diskutierten sie über die Angelegenheiten der Gesellschaft aus der Sicht des Islam. Dr. Schariati, der selbst ein islamisch gebildeter Soziologe war, erkannte schon früh seine Unterlegenheit gegenüber seinen beiden hoch­qualifizierten Gesprächspartnern und sprach diese entsprechend sehr respektvoll an. Dennoch aber machte er einen Unterschied bei der Anrede von beiden. So nannte er Imam Khamene'i vor über 20 Jahren immer respektvoll "Ustad", was soviel heißt wie Gelehrter (Professor) oder Meister. Immer wieder kann man aus solchen Ereignissen erkennen, dass die Weisheit von Imam Khamene'i zumindest für diejenigen, welche die intellektuellen Voraussetzungen dafür hatten, sehr frühzeitig und sehr deutlich sichtbar wurde.

Auch das legendäre frühere Oberhaupt der Hizbollah im Liba­non, Schahid Abbas Musawi (r.), gab in einer Rede kurz vor seinem eigenen Martyrium Imam Khamene'i den Titel Imam-al-Qa'id (der leitende Imam oder der rechtgeleitete Imam). Die Szene wurde vom libanesischen Fernsehen im Sender des islamischen Widerstandes ausgestrahlt.

Der Nachfolger Schahid Abbas Musawis (r.) Seyyid Hasan Nasrullah versucht Imam Khamene’is Hand zu küssen, jedoch verhindert Imam Khamene’i das, indem er ihn umarmt

Während dieses Buch geschrieben wurde, ereignete sich das traurige Ereignis, dass der Sohn von Imam Khomeini (r.), Hod­schat-ul-Islam Ahmad Khomeini (r.), zu seinem Schöpfer zu­rück­ge­kehrt ist (17.3.1995). Er war einer der Zeugen gewesen, welcher die bedeutsamen Aussagen seines Vaters über die Führungspersönlichkeit Imam Khamene'is weitergegeben hatte. Hodschat-ul-Islam Ahmad Khomeini (r.) hatte bereits mehrere Male in den letzten Jahren seines Lebens öffentlich gesagt, "der Gehorsam der Muslime gegenüber dem verehrten Oberhaupt der Revolution (Imam Khamene'i) ist die Grundlage zur Glück­seligkeit im Dies- und Jenseits" und "ich und alle Angehörigen des Hauses von seiner Eminenz Imam (Khomeini) danken herzlich den weisen Gelehrten des Expertenrates, weil wir überzeugt sind, dass die Seele unseres geliebten Imam (Kho­meini) durch die weise Ernennung (von Imam Khamene'i) glücklich wurde und Frieden fand ..., ich verstehe es als meine absolute Pflicht den Anweisungen des Wali-e-Faqih (Imam Khamene'i) Folge zu leisten". Mit der gleichen Deutlichkeit bezeugte er auch in seinem Testament seine Treue zu diesem großen Gelehrten. Er schrieb an seine drei Söhne folgende Anweisung: "Wisset, dass er (Imam Khamene'i) für den Erfolg des Islam und des Systems des Landes steht, und geratet nicht in eine zu ihm widersprüchliche Auslegungen des Islam, denn der Feind ist auf der Lauer"[17]. Hodschat-ul-Islam Ahmad Khomeini (r.) wurde entsprechend seinem Wunsch im Mauso­leum seines Vaters unmittelbar neben ihm begraben.

Imam Khomeini (r.) – möge Gott ihn ewig belohnen – hat durch sein Wirken die Basis für den Bestand der Revolution unter der Führung von Imam Khamene'i geschaffen. Er hat nicht nur das islamische System in Staatsform belebt, sondern er hat auch zahllose überholte Traditionen der Schiiten revolu­tio­niert. Hierzu gehörte u.a. die Definition der Eigenschaften und Voraussetzungen der islamischen Führungspersönlichkeit:

Jahr­hun­derte lang reichte es aus, ein männlicher, erwachsener, gerechter und weiser Mudschtahid der Zwölfer-Schia zu sein, der von rechtmäßigen Eltern (eheliches Kind) geboren wurde und selbst am Leben war, um die Voraussetzungen für die Vorbildfunktion (Mardscha-e-Taqlid) zu erfüllen. Imam Kho­meini (r.) aber ergänzte diese Voraussetzungen um einige sehr wichtige Faktoren, nachzulesen in seinem Brief an die Ge­lehrten der Houzeh-Ilmi-Qum (Gelehrtenschule in Qum) [18]. Darin werden u.a. als weitere Voraussetzungen genannt:

-          Er muss vertraut mit den Problemen seiner Zeit sein,

-          er muss die allgemeine Politik kennen und in der Lage sein, Stellung zu politischen Ereignissen zu beziehen,

-          er muss mit den Möglichkeiten vertraut sein, den feind­lichen Strategien entgegentreten zu können,

-          er muss gute Kenntnisse der Wirtschaft, einschließlich der bestehenden Wirtschaftssysteme der Welt haben,

-          er muss vertraut sein mit der aktuellen Politik sowie mit den Politikern und ihren Ansichten,

-          er muss die Charakteristik des Weltherrschaftssystems durchschauen,

-          er muss in der Lage sein, eine große islamische und selbst nicht-islamische Gesellschaft zu regieren,

-          er muss ein qualifizierter Organisator (Manager) sein.

Nimmt man nur diese wenigen zusätzlichen Faktoren aus dem Brief von Imam Khomeini (r.), die er als Voraussetzung für zukünftige Mardschas und somit als Voraussetzung für seine Nachfolgerschaft definiert hat, so kam nach seinem irdischen Abschied nur eine Person in Frage, die Leitung der Umma und die Vorbildfunktion (Mardschaiya) für die Muslime zu übernehmen: Imam Seyyid Ali Khamene'i. Möge Gott alle diejenigen belohnen, welche diese weise Entscheidung von Anfang an unterstützt haben, und alle diejenigen, die nach und nach dazugekommen sind.

Imam Khamene'i selbst hat die Verantwortung der Mardschaiya immer wieder mit dem Hinweis von sich gewie­sen, dass es genügend kompetente Gelehrte gäbe, welche diese Verantwortung tragen könnten. Nach und nach verstarben allerdings alle bekannten Mardschas aus der Zeit von Imam Khomeini (r.) wie Ayatollah-ul-Uzma Marashi-Nadschafi (r.), Ayatollah-ul-Uzma Khu'i (r.), Ayatollah-ul-Uzma Golpayegani (r.) und Ayatollah-ul-Uzma Araki. Nach jedem Verlust eines weiteren großen Gelehrten wurde der Ruf nach Imam Khame­ne'is Mardschaiya lauter.

Für die Muqallidien (Befolger) von Imam Khamene'i war eine Diskussion über dieses Thema aber zumeist unverständlich. Denn schließlich hatten bereits zahlreiche geachtete und be­kannte Persönlich­keiten, wie der Parlamentspräsident des isla­mischen Parlaments im Iran Hodschat-ul-Islam Nateq-Nouri erklärt, dass er mit seiner Familie seit Jahren Muqallid (Befol­ger) von Imam Khamene'i ist. Und schließlich kann man nur Muqallid von einem Mardscha-e-Taqlid (Vorbild der Nach­ahmung) sein. Selbst so unbedeutende Personen, wie wir Mus­lime im deutschsprachigen Raum, erhielten auf unsere Fra­gebriefe an Imam Khamene'i von ihm handgeschriebene und mit seinem Siegel signierte Fatwas. Zwar lehnte Imam Khame­ne'i es auch weiterhin öffentlich ab, ein Vorbild der Nach­ahmung (Mardscha-e-Taqlid) zu sein, aber er ließ seine Befol­ger niemals im Unklaren und versorgte diese mit den notwendi­gen religiösen Dekreten (Fatwas).

Am 17. Dezember 1993, sechs Tage nach dem irdischen Ab­schied von Ayatollah Golpayegani (r.), geschah dann etwas für viele schon lange Erwartete: Der Leiter des Freitagsgebetes in Teheran und oberste Richter des Landes Ayatollah Yazdi ver­kündete beim Freitagsgebet, dass Imam Khamene'i auch Mard­scha-e-Taqlid, also Vorbild der Nachahmung sei. Diese Rede löste eine große Diskussion um das Prinzip der Mardschaiya im Allgemeinen und um Imam Khamene'is Stellung im Be­sonderen aus. Während einige traditionell gesonnenen Personen sich mit der Aussage von Ayatollah Yazdi nicht anfreunden konnten, setzte zwei Tage danach der Parlamentspräsident Hodschat-ul-Islam Nateq-Nouri bei einer Rede vor Stu­denten anlässlich des Martyriums von Prof. Dr. Mofatteh[1] noch eine Aussage darauf: Er veröffent­lichte, wie bereits erwähnt, dass er und seine Familie Muqallid (Nachahmer) von Imam Khamene'i ist. Damit war die Nachfrage nach Imam Khamene'is Risala (religiöses Regelwerk) nun öffentlich geworden, die bis zur öffentlichen Annahme der Mardschaiya durch Imam Khamene'i und die Veröffentlichung seiner Risala nicht verstummen sollte.

Die Auswirkungen dieser Situation konnte ich am eigenen Leib direkt miterleben. Im Februar 1994 fand in Isfahan der "Second Conference and the Issues and Challanges facing Water & Wastewater Industries" (Zweite Konferenz der Wasser und Abwasserbehandlung) statt, zu der auch mein Bruder und ich jeweils einen Vortrag aus Deutschland einge­reicht hatten, die – Gott sei Dank – angenommen wurden. Am Abend vor der Konferenz am 1. Februar 1994 waren wir Gäste der "Esfahan Water & Sewage Company" (Isfahan Wasser und Abwasser Gesellschaft). Zur Unterhaltung der Gäste gab es ein Theaterstück, dessen Inhalt ich aufgrund meiner Persischun­kenntnisse nicht verstand. Allerdings gab es zwei Szenen auf der Bühne, die mir sehr missfielen, u.a. eine Szene, in der eine Zigarette geraucht wurde. Nach dem Stück bat ich einen Dol­metscher mich zum Verantwortlichen des Theaterstücks zu führen, weil ich mich beschweren wollte. Der verunsicherte Dolmetscher brachte mich zum Leiter der Gesellschaft. Diesem Mann, mit dem Namen Abka, erläuterte ich mein Anliegen, und dass es nicht sein könne, dass im Islamischen Staat auf der Bühne, vor allen Leuten geraucht wird. Herr Abka reagierte, entgegen meinen Erwartungen, sehr besonnen. Er bedankte sich herzlich für meinen Einwand mit dem Hinweis, diesen in Zu­kunft zu berücksichtigen.

Am nächsten Morgen war ich einer der ersten Vortragenden, und ich hielt es für meine Pflicht, im Namen unserer Geschwis­ter im deutschsprachigen Raum beim Vortrag einen Gruß an Imam Khamene'i auszusprechen. Als der Übersetzer des Vortrages (ich sprach Englisch), wohl mehr aus Gewohn­heit, "Ayatollah" Khamene'i übersetzte, korrigierte ich ihn und sagte, dass wir es wünschen "Imam" Khamene'i zu sagen. Dies führte nicht nur zu einem lauten "Salawat" (Gruß an den Pro­pheten und die Reinen seiner Nachkommenschaft) im Publi­kum, sondern auch zu weiteren unglaublichen Ereignissen, die uns die Liebe des Volkes und auch der Verantwortlichen zum Imam-ul-Umma sehr deutlich vor Augen führten. In der an­schließenden Tee-Pause kamen zwei Brüder zu uns und luden uns äußerst höflich zu einer Sondersitzung ein, die gerade parallel zu unserer Veranstaltung lief. Sehr überrascht stiegen mein Bruder, ich und ein Dolmetscher, der selbst Hoch­schul­absolvent war, in einen vorgefahrenen Dienstwagen ein, in dem der besagte Herr Abka saß. Zu unserer Überraschung kam jetzt auch noch meine Verlegenheit hinzu. Er lächelte uns nur sehr freundlich an und sagte, dass er uns bräuchte. Wir fuhren ans andere Ende der Stadt. Herr Abka, den jeder in der Stadt zu kennen schien, brachte uns in einen großen Vorle­sungsraum. Im Auditorium saßen einige hundert Geistliche, und auf dem Podium sprach, wie uns später erzählt wurde, ein großer Ayatollah. Als der Redner seine Rede beendet hatte, kündigte der Moderator einen kurzfristig eingeplanten Zusatz zum Programm an. Zwei Gäste von einer deutschen Hoch­schule hätten noch einen kurzen Beitrag. Diesen letzten Satz hatte ich verstanden, und mein Herz schlug plötzlich doppelt, wenn nicht sogar dreimal so schnell. Was sollten wir denn sagen? Ohne zu wissen, wie uns geschah, standen mein Bru­der, der Dolmetscher und ich auf dem Podium vor dem Mikro­phon. Wir entschuldigten uns bei den Zuhörern dafür, dass Leute wie wir vor diesen ehrenwerten Menschen sprechen durften und übermittelten im Namen unserer Geschwister den Gruß an: "Imam-ul-Umma Ayatollah-ul-Uzma Imam Seyyid Ali Khamene'i". Gleichzeitig beglück­wünschten wir sie alle für ihre Unterstützung des heutigen Imam-ul-Umma. Abschlie­ßend grüßten wir den anwesenden Ayatollah Taheri, den Frei­tags-Imam von Isfahan, und dankten ihm für seinen Besuch in Hamburg mehrere Jahre zuvor, weil er uns mit seinem Besuch sehr stark motiviert hatte. Spätestens jetzt wussten wir, dass sowohl das Volk als auch manche Ver­ant­wortliche in den Behörden und wichtigen Schaltstellen Imam Khamene'i genau als das liebten, was er war; nämlich als Oberhaupt der Islamischen Revolution, als Imam-ul-Umma, und als Mardscha-e-Taqlid.

Imam Khamene'i ging wohl aus verschiedenen Gründen lange nicht auf die zahllosen Bitten von Gelehrten aus der ganzen Welt ein, sich zur Verantwortung der Mardschaiya öffentlich zu bekennen, auch wenn er diese Last schon längst trug.

Erst nach dem irdischen Abschied von Ayatollah-ul-Uzma Araki (r.), dem letzten öffentlich bekannten Groß-Ayatollah, änderte sich die Situation. Die Gelehrtenschule in Qum (Houze Ilmi Qum) veröffentlichte, wie mehrere Male zuvor nach dem irdischen Abschied eines Mardschas, eine neue Liste mit einer Reihe von Personen, die als Mardscha vorgestellt wurden. In dieser Liste wurde zum ersten Mal gegen den zuvor wiederholt geäußerten Willen von Imam Khamene'i, auch sein Name erwähnt. Denn diesmal hatten die Gelehrten aus Qum es nicht für erforderlich angesehen, Imam Khamene'i um Erlaubnis zu bitten, bevor sie ihn als Mardscha vorstellten. Für viele seiner ungeduldigen Anhänger, wie auch uns, war es unverständlich gewesen, warum es so lange gedauert hat, bis endlich der Imam-ul-Umma als das vorgestellt wurde, was er in unseren Augen schon lange war.

Aber auch dieses Mal wehrte sich Imam Khamene'i gegen die Nennung seines Namens als Mardscha und sagte später über diese Veröffentlichung: "Die Ulema (Geistlichen) haben eine Liste erstellt, und der Name meiner Wenigkeit ist in dieser Liste enthalten. Hätten sie mich allerdings vorher gefragt, dann hätte ich sie gebeten, es nicht zu tun. Erst nach ihrer öffentlichen Erklärung wurde ich informiert, anderenfalls hätte ich es nicht zugelas­sen". Imam Khamene'i ließ erst sogar das Fernsehen kontaktie­ren und es auffordern, seinen Namen wegzulassen, wenn die Erklärung der Houze Ilmi Qum verlesen wird. Nur auf das Argument hin, dass das Weglassen seines Namens bei der Ver­lesung der Liste eine Verzerrung des Gelehrtendokuments bedeutet hätte, erlaubte er den Sendern die Veröffentlichung der vollständigen Liste.

Auf diesen nicht mehr zu überhörenden Ruf hin erklärte Imam Khamene'i sich am 14. Dezember 1994 zumindest teilweise bereit, die Last der Mardschaiya, die er praktisch schon seit Jahren trug, auch öffentlich auf sich zu nehmen. Hierzu sagte er u.a.: "Liebe (muslimische) Nation, meine lieben Freunde, ehrwürdige Ulema (Gelehrten) und alle, die mir von überall schreiben und mich auffordern, eine Risala herauszugeben und ähnliches, lasst mich jetzt eines sagen: Meine derzeitige Auf­gabe (Imam-ul-Umma) ist sehr schwer. Die Last der Führer­schaft mit ihrer gewaltigen Verantwortung ist gleichwertig mit der Last mehrerer Mardschaiyas aufeinander gestapelt. ... Der­zeit besteht (im Iran) keine Notwendigkeit. Aber falls – Gott verhüte – die Situation sich ändern und ich zu der Überzeu­gung gelangen würde, dass es keine Alternative gibt, dann würde ich sagen: In Ordnung, trotz all meiner Schwächen und Unzulänglichkeiten können meine Schultern – mit Gottes Hilfe – auch dieses Gewicht tragen, wenn sie müssen, wenn es unbe­dingt notwendig ist. Das ist aber zurzeit nicht der Fall. Es ist kein Grund dafür vorhanden, denn es gibt so viele Mudschta­hids, Lob sei Gott. ... Es gibt also keinen Grund, warum auch noch diese Bürde auf meine schwachen Schultern gelegt wer­den sollte, zusätzlich zu der schweren Last, die der Erhabene Gott mir bereits auferlegt hat. Es gibt keinen Grund dafür. Wenn man also weiter darauf bestehen sollte, dass ich eine Risala veröffentlichen soll, dann denkt bitte daran, dass der Grund, warum ich die Last der Verantwortung der Mardschaiya ablehne, der ist, dass es – Gott sei Dank – andere Ulema (Gelehrte) gibt. Außerhalb des Irans ist die Lage al­lerdings anders. Ich nehme die Verantwortung für sie auf mich. Denn würde ich diese Bürde nicht übernehmen, würde es großen Schaden anrichten...". Die zuhörende Menge brach in laute Parolen aus und rief voller Begeisterung: "Khamene'i, ist das islamische Oberhaupt. Er ist der Stellvertreter des Prophe­ten". Auf den Straßen und bei islamischen Veranstaltungen riefen (und rufen) die Muslime "Khamane'i imam ast, mard­schai schiayan ast" (Khamane'i ist das Oberhaupt, er ist der Mard­scha der Schiiten).

Sicherlich ist diese Rede[2] wiederum als historisch zu bezeich­nen. So etwas hatte es noch nie vorher gegeben, zumindest ist uns kein derartiger Fall bekannt: Ein Mardscha, der für seine treuen Anhänger schon seit Jahren das größte Vorbild der Nachahmung ist, erklärt, dass es im Inland auch andere ge­eignete Personen gibt, die diese Aufgaben erfüllen können, aber für das Ausland sei er bereit, die Last der Verantwortung zu tragen.

Ayatollah Ahmad Azeri Qumi, Mitglied des Houze-Ilmi-Qum, verglich die Bekanntgabe von Imam Khamene'i in der Liste der Maradscha (Mehrzahl v. Mardscha) mit der Bekanntgabe der Liste 1963, in der Imam Khomeini (r.) zum ersten Mal erwähnt wurde und sagte dazu: "Für viele war Imam Khomeini (r.) schon vorher Mardscha".

Unser islamischer Lehrer hatte in der Zwischenzeit sein Studi­um in Deutschland beendet und war seit ungefähr einem Jahr wieder im Iran, im islamischen Staat, bei unserem geliebten Imam Khamene'i. Während er sich bereits in Deutschland mit Leib und Seele für den Imam-ul-Umma eingesetzt hatte, bemühte er sich im Iran nach Kräften noch mehr, Imam Kha­mene'is würdiger Anhänger zu sein. Unmittelbar nachdem wir den Text der Rede Imam Khamene'is erhalten hatten, rief ich meinen Lehrer an. Nach einem Gruß sagte ich zu ihm: "So, wir Ausländer haben nun auch offiziell unseren Mardscha". Natürlich wusste er sofort, was ich meinte und lachte. Aber die von Imam Khamene'i ausführlich dargelegte Beschrän­kung auf das Ausland sollte wohl vor allem die anderen Gelehrten moti­vieren, ihrer islamischen Aufgabe gerecht zu werden und hatte Signalwirkung. Hätte Imam Khamene'i die Verantwortung ohne Einschränkung angenommen, so wären die Anhänger der ande­ren Gelehrten wohl in Scharen zu ihm gewechselt, und genau das wollte Imam Khamene'i sicherlich vermeiden. Auch steck­ten in seiner Rede Aussagen und Hinweise, die nur die Ge­lehrten verstehen können und verstehen sollen. Kurze Zeit nach seiner Rede erschien im Libanon der erste Band der arabisch­sprachigen Risala von Imam Khamene'i [6].

Bei meinem anschließenden Iran-Besuch fragten mich zahlrei­che Muslime, ob ich meinen Mardscha jetzt gewechselt habe. Das aber war, Gott sei Dank, und möge Gott der Erhabene unseren Lehrer belohnen, nicht mehr nötig, da wir nach Imam Khomeini (r.) keinen anderen Mardscha als Imam Khamene'i gewählt hatten.

[1] Das ist der Tag der Einheit zwischen den religiösen Schulen und den  Hochschulen.

[2] Siehe auch Literaturhinweise im Anhang.

 

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