Meine Wallfahrt

Meine Wallfahrt nach Mekka

Heinrich von Maltzan

Bearbeitet von Fritz Gansberg
1919
Braunschweig, Hamburg und Berlin
Georg Westermann

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4. Von Dschedda nach Mekka

Als ich am Abend des 25. Du el Kada 1276 (15. Juni 1860) vor die Tür meiner Wohnung, der Kaffeebude, trat, bot sich mir ein seltsames Bild dar. Da lagerten auf den Plätzen der Stadt, zwischen den Schilfhütten und Reiserbuden und Zelten wohl tausend Hadschadsch aus aller Herren Länder. Am sie herum standen, lagen oder knieten die Kamele, von malerisch zerlumpten, sonnverbrannten Beduinen begleitet, dazwischen flinke Eselchen, hier und da ein reichbeladenes Maultier und zuweilen auch ein edles arabisches Roß ans dem Nedsched, dem Vaterland der schönsten Pferde, mit dem seinen, zarten Kopfe, dem schlanken, gelenkigen Körper, mit hoher, wallender Mähne, mit den dünnen, sehnigen Beinen und dem langen, dichtbehaarten Schweife. Die Karawane, welche an diesem Abend Dschedda verlassen und auch uns mitnehmen sollte, bestand aus etwa fünfhundert Hadschadsch, von denen ungefähr hundert Kamele, hundertfünfzig kleine Eselchen ritten und die übrigen zu Fuß gingen. Aber unsere Karawane besaß keinen Häuptling und auch keinen Zusammenhang und war überhaupt nichts anderes, als ein unregelmäßiger Zug von Reisenden, die in der größten Anordnung ritten oder gingen. Gelegentlich sah man wohl auch eine von zwei reichverzierten Kamelen getragene Sänfte, durch deren offenes Fenster man die seltsamen, gespensterartig verhüllten Gestalten von Frauen erblicken konnte. Da wandelte zu Fuß ein Häuflein Derwische mit schmutzigen und durchlöcherten Ihrams und ungewaschenen Gliedern. Dazwischen sah man auch wohl irgendeinen stolzen arabischen Häuptling, der kühn zu Pferde auf einem edlen, sich hochbäumenden Araberhengst des Nedsched saß und der mit seinem langen wallenden weißen Mantel, roten Kopftuch und glänzenden Waffen im Gürtel sich vorteilhaft von den einförmig gekleideten Pilgern unterschied.

In unserer Gesellschaft befand sich übrigens jetzt auch wieder einer der beiden Mekkaner, welche von Kairo die Nilfahrt, dann die Wüstenreise und endlich die Seefahrt auf dem Roten Meere mit uns gemacht hatten. Zum Glück waren wir den Spitzbuben, der den guten, dicken Haggi Omar bestohlen und der die ganze Reise auf unsere Kosten mitgemacht hatte, losgeworden. Den andern suchte ich mir geneigt zu machen, indem ich ihm seine Kamelmiete von Dschedda nach Mekka bezahlte; dies tat ich in der Hoffnung, daß er mir in Mekka weitere Auskunft über die heilige Stadt gebe und mir bei der Erlangung eines Quartiers behilflich sei. Das geschah denn auch später ziemlich zu meiner Zufriedenheit. Hassan Ben Ssadak, so hieß der Mekkawi, war aber, wie ich trotz seiner Prahlereien sehr bald entdeckte, keineswegs der Sohn wohlhabender Eltern; sein Vater Ssadak, den ich später in Mekka kennen lernte, war vielmehr einer jener vielen gelehrten Bettler, die ihre Kenntnisse des Korans dazu benutzen, um von den Almosen der gläubigen Pilger zu leben.

Der Weg von Dschedda nach Mekka mag etwa neun deutsche Meilen betragen. Da nun eine gewöhnliche Karawane volle zwei Stunden gebraucht, um eine deutsche Meile zurückzulegen, so hätten wir achtzehn Stunden hoch zu Kamel oder zu Esel zubringen müssen. Wir zogen es aber vor, in einer Mittelstation, die den Namen Hadda führt, einen Tag Aufenthalt zu machen.

Bald nachdem wir das Gewirr von Kaffeezelten vor den Toren Dscheddas verlassen hatten, traten wir in eine wahre Einöde ein, in der, soweit ich in der Dunkelheit unterscheiden konnte, nichts, gar nichts zu wachsen schien. Hier ruhte die Natur in unermeßlichem Schweigen, kein Laut eines Nachtvogels ließ sich vernehmen, kein Abendschwärmer summte dahin, kein Leuchtkäfer funkelte durch die Nachtluft. Das einzige Leben brachten die Pilger in die Totenstille, aber auch diese waren schweigsam und würdevoll, wie es nun einmal die Morgenländer alle sind.

Nach dreistündigem Ritt, der uns zwar unmerklich, aber doch stetig aufwärts geführt hatte, wurde eine kurze Rast bei einem Brunnen gemacht, neben dem eine Kaffeebude erbaut worden war. Am 11 Uhr wurde schon wieder bei einer andern Kaffeebude gerastet; die gewaltige Hitze in dieser Nacht hatte aber auch alle sehr durstig gemacht. Meine Reisegefährten erquickten sich durch Wasser und genossen ihr hartes schwarzes Durrabrot, wozu ich ihnen einige eingesalzene Fische schenkte, was mir manchen zum Freunde machte.

Der Mekkawi erzählte mir, daß diese Straße früher von herumziehenden Räuberbanden sehr unsicher gemacht worden sei; jetzt übten hier nun türkische Soldaten die Aufsicht, die aber selbst wieder allerlei Räubereien begingen, sich von den Pilgern Lebensmittel und Kaffee mit Gewalt erpreßten, die Läden ausplünderten und die Wirte oft bis aufs Hemd ausraubten. Deshalb sind diese Kaffeebuden hier auch meistens in der Hand von Türken. Die beiden Söhne des Besitzers dieser Kaffeebude fielen über die Araber, namentlich über die sanfteren Ägypter, mit den gemeinsten Schimpfworten her; gegen die städtischen Araber benahmen sie sich nur ein wenig höflicher; gegen die Beduinen, die freien Söhne der Wüste, aber trauten sie sich kaum den Mund aufzutun. Wo die Türken sich in der Minderheit befinden, da werden sie von den Arabern sehr verachtet; wo sie sich aber stark genug fühlen, da lassen sie die armen Hadschadsch ihre ganze Roheit fühlen. – Da sich in unserer Gesellschaft auch zwei Türken befanden, die beiden nämlich, welche schon von Kairo mit uns gereist waren, so brachten die beiden schimpflustigen Jünglinge bald eine große Schüssel voll Pilaff, das bekannte türkische Nationalgericht aus Reis, Butter und Hammelfleisch, auf den Tisch, worauf sogleich ein ganz unmäßiges Fressen begann. Das Unanständigste aber war nicht die Gier, mit der sie den Reis verschlangen, sondern das Getöse, das aus ihrem Magen nach beendigter Mahlzeit heraufstieg und das bei ihnen mit zum guten Ton gehörte.

Nach einem Ritt von anderthalb Stunden gelangten wir an einen Brunnen mit Kaffeezelten, rasteten jedoch nicht, sondern setzten unsern Weg, der immer noch in die Höhe strebte, fort, bis wir gegen vier Uhr morgens einen kleinen Ort namens Bahra erreichten. Hier bemerkten wir mit freudigem Erstaunen wieder mannigfaltigen Pflanzenwuchs, Akazien, Zuckerrohr und vielerlei sonderbar geformte Blattpflanzen. Der Ort selbst bestand aus dreißig elenden Hütten, zwischen denen ein kleiner Markt abgehalten wurde. Die Eßwaren waren jedoch alle schlecht oder verdorben und zudem mit einem Geschmeiß von Ungeziefer bedeckt, welches, durch die Lichter angelockt, sich in Massen auf den Waren lagerte, von denen nichts kaufen zu müssen ich meinem Schöpfer dankte. Hier befand sich auch ein Posten türkischen Militärs zur Sicherung des Weges in Garnison. Wir bekamen aber keine Soldaten zu Gesicht; denn diese pflegen nachts zu schlafen und nur am Tage, wenn es gar keine Pilger gibt, die Straße zu bewachen.

Nach weiterem zweistündigen Ritt erreichten wir Hadda, die Mittelstation, und zwar gerade – ein herrlicher Anblick – zur Zeit des Sonnenaufgangs. El Hadda mochte etwa zweihundert Bretterbuden, Reisighütten oder Zelte zählen. Zum Glück fanden wir, wenn auch mit vieler Mühe und nur für schweres Geld, Unterkommen in einer der vielen Kaffeebuden und brauchten nicht wie so viele arme Hadschadsch in den Straßen der armseligen Hüttenstadt auf der nackten Erde unser Tagesquartier aufzuschlagen; denn in El Hadda, das war ausgemacht, mußte der Tag zugebracht werden. Ich hatte zwar große Lust, gleich den Weg nach Mekka fortzusetzen; denn meine Ungeduld, die heilige Stadt zu erreichen, war groß; aber selbst wenn ich einen Beduinen gefunden hätte, der mich bei Tage hätte dahin führen wollen, so wäre ich dann doch von meiner Reisegesellschaft getrennt worden, was ich nicht für gut hielt.

Als ich nach sechs- bis siebenstündigem Schlafe wieder erwachte, war bereits die erste Stunde des Nachmittags angebrochen, in welcher jeder fromme Pilger seine vier Rikats beten muß, was ich denn auch tat. Danach ging ich mit dem Mekkawi in den Gassen von El Hadda ein wenig auf und ab. Dieser Ort bot doch einen höchst seltsamen Anblick. Die Reisighütten waren alle bienenkorbartig gerundet, so daß man sich in ein Negerdorf versetzt glauben konnte, und waren umschwärmt von einem dichten Heere halbnackter Hadschadsch, die, seit Rabörh nicht mehr gewaschen und rasiert, von Schmutz, Ungeziefer und Lumpen starrten. Mitten unter diesem Volk begegneten wir einem Mann, der noch ein wirkliches und ziemlich reinliches Gewand anhatte, zwar keine Schuhe besaß, aber auf seinem Haupte einen mächtigen Turban schaukelte. Dieser Mann war ein alter Bekannter meines Mekkawi, der ihm denn auch lebhaft um den Hals fiel; er war Besitzer von acht der bienenkorbartigen Hütten, aus deren Vermietung zur Pilgerzeit er einen ansehnlichen Gewinn zog. Sonst diente jede dieser Hütten einem eigenen Zweck, die eine als Küche, die andere als Vorratskammer, eine als Gastzimmer, eine als Schlafgemach, eine als Harem (Frauengemach), kurz alles war schön eingeteilt. Jetzt aber war alles an die Fremden vermietet, welche für diese elenden Räumlichkeiten Preise zahlen mußten, für die man in jeder arabischen Stadt ein schönes Haus mieten konnte. Seine sieben Frauen hatte dieser tüchtige Geschäftsmann samt einem Dutzend schmutziger und lärmender Kinder in eine einzige Hütte zusammengestopft, wo sie sich nicht zum Besten befunden haben mögen. Komisch war es nun, wenn eine der Gattinnen es wagen wollte, sich aus dem Schmutz und Ungeziefer in der Hütte einen Augenblick herauszureißen, um etwas frische Luft zu schöpfen. Dann hätte man sehen sollen, mit welcher Eile der Herr, mit einem großmächtigen Knüppel bewaffnet, herbeisprang und seiner geliebten Frau eine tüchtige Portion Prügel verabreichte, so daß sie schreiend und weinend in den Bienenkorb zurückkriechen mußte. So sorgte der Herr dafür, daß seine Frauen nicht mit den Pilgern zusammenkamen oder wohl gar eine Liebschaft mit ihnen anfingen.

Mit diesem Manne und meinem Mekkawi überlegte ich denn auch, wie ich in Mekka am besten zu einem Quartier kommen konnte. Diese Spitzbuben wußten natürlich guten Rat für mich, aber sie wollten jedenfalls auch ihren Vorteil dabei wahrnehmen. Sie nannten mir ein Haus, in dem man, wenn man ihren Worten trauen durfte, ganz vortrefflich leben könne; man nähre sich dort von den herrlichsten Gerichten des Orients, bekomme Polster zu Betten, man habe ein wunderschönes Rauchzimmer, einen Divan, Teppiche auf dem Boden, den ganzen Tag Kaffee, so viel man wolle, und wer weiß noch wie viele Wonnen. Leider seien die Gäste dort nicht immer sehr fromm; es kehrten da zuweilen Perser ein, die bekanntlich jedem strenggläubigen Muselmann ein Greuel sind, und Maghrebia (aus Algerien, Tunis und Marokko) gebe es dort leider gar nicht, weil dies Haus in einem recht abgelegenen, ein wenig verachteten Stadtteil liege. Man kann sich denken, daß mich die geringe Strenggläubigkeit in diesem Hause wenig kümmerte; daß aber dort meine Landsleute gar nicht zu finden seien, das gerade machte mich fest entschlossen, nirgend anders als in diesem Hause einzukehren.

El Hadda ist übrigens der erste Ort, wo das heilige Gebiet von Mekka seinen Anfang nimmt. Noch ist es Zeit für einen Ungläubigen, umzukehren, wagt er sich weiter, so trifft ihn unfehlbar die Todesstrafe.

Um 7 Uhr abends war wieder alles zum Aufbruch bereit. Schich Mustapha glaubte mir etwas recht Tröstliches zu sagen, indem er mir erzählte, daß es unmöglich sei, daß ein Christ das heilige Gebiet betrete, ohne gleich tot niederzufallen. Ich hätte ihn leicht von der Unrichtigkeit dieser Erzählung überzeugen können, denn ich befand mich, zwar schwach und fast krank vor Erschöpfung von den Strapazen der Pilgerfahrt, doch um kein Haar schlechter als vorher und dachte gar nicht daran, auf der Stelle umzufallen; aber ich hütete mich doch, mich als Kafir (Ungläubigen) zu verraten. Da wir von der Küste an immer aufwärtsgestiegen waren, so machte sich die Nachtkühle doch sehr empfindlich bemerkbar und viele der frommen Hadschadsch zitterten in ihren leichten Umschlagetüchern wie Espenlaub, litten sie doch fast zur Hälfte an Erkältungen des Halses, der Brust und namentlich des Unterleibes. Auch ich litt viel seit einigen Tagen an einer Unterleibserkältung, aber ein Gedanke hielt mich aufrecht, der Gedanke, morgen mit dem frühesten Hahnenschrei die Stadt zu betreten, welche erst, solange sie besteht, zwölf Europäer gesehen hatten.

Um 11 Uhr erreichten wir die Kubba eines großen Marabuts (Heiligen), von dem erzählt wurde, daß er aus einem fernen, fernen Lande zum heiligen Grabe gepilgert, aber durch übermäßiges Fasten so hinfällig geworden sei, daß er nur jeden Tag ein oder zwei Stunden von seiner langen Fußreise hätte zurücklegen können. So war unser frommer Pilger im Laufe vieler, vieler Jahre immer näher dem Grabe gekommen, schon hatte er das heilige Gebiet betreten, da gefiel es dem garstigen Schicksal, hier an dieser Stelle seinen Lebensfaden abzuschneiden. Wenn nun auch Allah in seiner großen Güte ihn nach dem Tode noch nach Mekka geführt hat, damit er die sieben Umgänge um die Kaaba vollenden konnte, so liegt er doch wiederum hier begraben, hier an der Grenze der heiligen Stätte.

An diesem Orte verrichteten wir natürlich Andachtsübungen und rasteten dann wieder ein paar Stunden. Die meisten Pilger gaben vor, daß sie bereits Mekka sehen könnten, was ganz unmöglich war, da man es selbst am hellen Tag von hier aus nicht sehen kann; aber so sehr wirkte die fromme Einbildung auf diese von Glaubenseifer erhitzten Gemüter, daß sie alle in der Dunkelheit Mauern, Türme und Moscheen in der Ferne zu unterscheiden vermeinten und demzufolge niederknieten und die Andachtsübungen verrichteten, die für den Augenblick, da man zum erstenmal die heilige Stadt erblickt, vorgeschrieben sind. Um nicht als lau oder ungläubig zu gelten, mußte ich sie natürlich mitmachen, und da ich diese neuen umständlichen Gebetsübungen nicht kannte, so mietete ich für ein gutes Trinkgeld meinen Mekkawi, der mir die Gebete einzeln vorsprechen mußte.

Bei diesem Hassan stieg übrigens, je näher wir seiner Stadt kamen, der Hochmut, und darin erging es ihm wie allen andern Mekkawia. Jeder Mekkaner ist nämlich von seiner eigenen Vortrefflichkeit so überzeugt, daß es für ihn eine ausgemachte Sache ist, daß der elendeste Bettler in Mekka noch besser ist, als der vornehmste Mann in einem andern Lande. Wenn man sich eine Stufenleiter der Menschen ausdenken wollte, wie sie sich der Mekkaner vorstellt, so müßte auf der höchsten Stufe natürlich der Mekkaner selbst zu stehen kommen. Dann würde lange Zeit gar nichts kommen, denn nach ihm dürfte noch lange niemand würdig gefunden werden, auf den Stufen der Leiter zu stehen. Hundert Stufen unter ihm könnte der Bewohner von Medina, der andern heiligen Stadt, seinen Platz finden, fünfzig Stufen unter diesem die Beduinen und die andern strenggläubigen Bewohner Arabiens, erst tief unter diesen die Ägypter und Syrer, am tiefsten aber die Maghrebia, meine vermeintlichen Landsleute, nur um ein wenig höher als die Neger, die, auch wenn sie Moslems sind, doch zu den niedrigsten Menschenkindern zählen. Ganz außerhalb dieser Leiter aber würden die Türken zu stellen sein, die als Barbaren verachtet werden, da sie kein Arabisch sprechen. Bis jetzt ist aber nur von den Rechtgläubigen die Rede gewesen, von denen es bekanntlich vier Sorten gibt. Was jedoch die Perser und andere falschgläubige Moslems betrifft, so gelten sie als so verwünschtes Höllenfutter, daß er ihnen den Namen eines Menschen nicht mehr zulegen kann, sondern von ihnen als von Hunden, Schweinen und noch Schlimmerem zu sprechen genötigt ist, mit welchen schönen Namen er auch alle Christen und Juden reichlich beschenkt, die ein Mekkaner begreiflicherweise gar nicht für Geschöpfe Gottes ansieht. Mein gutmütiger alter Freund Schich Mustapha hatte mit großem Wohlgefallen meine Frömmigkeit gesehen und schickte sich nun an, mir noch eine seiner beliebten langweiligen Predigten zu halten. Aber jetzt sollte er eine große Demütigung erfahren. Der Mekkaner, der den Ägypter als einen Barbaren tief verachtete, hatte ihn bisher in seinen Predigten gewähren lassen; jetzt aber, an der Schwelle des Heiligtums, im Gebiete seiner Vaterstadt, sollte diese Komödie ein Ende nehmen.

»O du Esel,« schrie er ihn an, »du eingebildeter Narr! Was wagst du hier zu sagen, wo doch ein Sohn der heiligen Stadt zugegen ist? Was verstehst du überhaupt von Religion? Halte dein unverschämtes Maul oder benutze es vielmehr, um damit die Brosamen aufzulesen, die der Mekkaner vom Tische der Erkenntnis fallen läßt!«

So ging es noch eine Zeitlang fort, und Schich Mustapha ließ all diese Schimpfworte, welche über sein ehrwürdiges Haupt ausgegossen wurden, ruhig über sich ergehen. »Möge Allah dir deine Roheit verzeihen«, das waren seine einzigen still vor sich hingesprochenen Worte; aber auch diese Worte sagte er erst dann, als sich der Mekkaner einen Augenblick umgewandt hatte und sie nicht hören konnte, sonst würde dieser mit einem neuen Mistkarren von Schimpfwörtern geantwortet haben.

Nachdem wir genügend unsere Verehrung des alten Heiligen zur Schau getragen hatten, begaben wir uns zu unseren Gefährten zurück, um nun das letzte Stück der Pilgerfahrt zurückzulegen. Mit Absicht hatten wir an diesem Ort so lange, nämlich drei Stunden, gerastet, damit wir gerade bei Tagesanbruch Mekka erreichen mußten. Unser Aufbruch, um 2 Uhr morgens, erfolgte unter lautem und anhaltendem Ausstoßen des Pilgerrufes »Labik«. »Labik« so rief die ganze Karawane, »Labik« so tönte es von allen Felsen, Bergen und Hügeln zurück. Als der Mond aufging, konnte ich dies Land, das halb Wüste halb Steppe war, genauer erkennen. Hier und da kamen wir durch eine kleine Wildnis von niedrigem Gesträuch, hier und da erblickten wir einen einsamen Baum; zuweilen führte uns der Weg durch eine steinige Schlucht, deren Wände senkrecht in die Höhe ragten; dann kam wohl das Bett eines ausgetrockneten nur im Winter Wasser führenden Gießbaches, manchmal ritten wir auch wieder durch vollkommen wüstes Land, in der Ferne ließ uns der matte Mondesschimmer Gebirge erblicken; und fast immer strebte unser Weg noch in die Höhe, und die Morgenluft wehte uns frischer und immer frischer an.

Plötzlich wurde ein zarter, rosiger Schein am östlichen Himmel sichtbar. Es war die erste Tagesdämmerung, jene Zeit, welche nicht mehr Nacht und noch nicht Tag ist, jene Zeit, in der man nicht einen weißen Faden von einem schwarzen soll unterscheiden können. Dieses matte rosige Licht dauerte vielleicht nur eine Minute. Aber diese Minute genügte uns, um auf dem zarten, mattgefärbten Himmelsrande eine graue Masse mit undeutlichen Umrissen sich abzeichnen zu sehen. Beim Anblick dieser grauen Masse brach auf einmal ein fürchterlicher, unaussprechlicher Jubel aus allen Kehlen los. Ein tausendfaches »Labik« begrüßte die Erscheinung. Mekka, die neunmal heilige Stadt, Mekka, in dem jeder Stein heilig ist, Mekka, in dem die Kaaba liegt, die Kaaba, das Heiligste auf Erden, die Wiege des Islam, die feste Burg Gottes auf Erden, Mekka war es, das aus allen Kehlen mit donnernden Rufen begrüßt wurde. Eine Begeisterung, wie ich sie noch nie in meinem Leben gesehen hatte, gab sich kund. Viele Pilger warfen sich auf die Erde nieder, streckten die Arme sehnsüchtig nach der schwarzen Häusermasse aus oder bedeckten den Wüstensand mit brünstigen Küssen. Die meisten weinten, schluchzten oder seufzten in lauten, gellenden Tönen.

Nun begann die eigentliche Morgendämmerung, die Gegend erhellte sich mehr und mehr, und endlich sahen wir Mekka deutlich vor uns liegen. Leider enttäuschte mich der Anblick der Stadt, an der nichts Schönes zu sehen war als die große Moschee mit ihren sieben Minaretts und den zahllosen Kuppeln der Säulengänge rund um die hochherausragende vierkantige Kaaba, keine Ringmauern, keine Zinnen und Wachttürme, die andern orientalischen Städten oft ein so prächtiges Aussehen geben, nur ein paar Wachttürme an den vier Haupteingängen der Stadt, sowie auf einem Berge die mittelalterliche, aber schon arg verfallene Festung der Stadt. Auch die Umgebung ist nicht großartig. Die Stadt liegt in einem länglichen Tal, das von niederen Höhen begrenzt ist; kein Baum, kaum ein Strauch, und nur hier und da spärliche Gemüsepflanzungen verbreiten ihr Grün über den Wüstenboden. In dieser traurigen Gegend wäre gewiß nie eine Stadt entstanden, wenn nicht in alter Zeit ein Heiliger, dem das Wasser der bitteren Quelle Semsem, die hier fließt, genügte, die Menschen hierhergelockt und in ihnen den Glauben an die gewaltige Wunderkraft dieser Gnadenquelle erweckt hätte. So muß Mekka entstanden sein; zu welcher Zeit es aber entstanden ist, das vermag kein Mensch zu sagen, und ebenso nicht, wer es gründete.

In solche Betrachtungen vertieft war ich endlich bei dem Haupteingang von Mekka, im Westen, angekommen. Hier breitet sich ein Beduinenlager aus, das als eine Vorstadt von Mekka gelten kann. Dann betraten wir die erste Hauptstraße, die uns zwischen ansehnlichen, zwei- und dreistöckigen, mit Terrassen gedeckten Häusern hinführte, gelangten dann durch eine lange, winklige, vielgewundene Straße, die Bäderstraße genannt; dann nahm uns eine schöne, weite Straße, El Emsa, auf, noch einige siebzig Schritte, und wir standen an einem der Haupttore der großen Moschee, am Bab El Ssalam (am Tor des Friedens oder des Grußes). Ehe wir unser Quartier aufsuchen durften, ehe wir das Gepäck in Sicherheit bringen, ehe wir das geringste genießen oder die müden Glieder ausruhen durften, mußten wir der Pflicht eines jeden frommen Hadsch genügen und gleich bei unserer Ankunft in der heiligen Stadt den siebenmaligen Umgang um die Kaaba ausführen.

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