Meine Wallfahrt

Meine Wallfahrt nach Mekka

Heinrich von Maltzan

Bearbeitet von Fritz Gansberg
1919
Braunschweig, Hamburg und Berlin
Georg Westermann

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6. Mekka

Dies Kaffeehaus war zugleich ein Barbierladen. Die Kaffeewirte und Barbiere zeigen den angeborenen Stolz der Mekkaner, von denen einer mehr ist als zehn Fremde, und wenn sie nicht gerade unhöflich sind, so benehmen sie sich doch ganz so, als ob alles, was sie für die Fremden tun, nur Gnade wäre, die sie ihnen für gutes Geld gewähren: Es ist eine Gnade, rasiert zu werden, eine Gnade, wenn man eine Tasse Kaffee bekommt, eine Gnade, wenn ein Mekkaner mit einem Fremden spricht. Da ich bei meinem Eintritt in den Barbierladen die Vorsicht gebrauchte, einige Silberstücke in der Hand blinken zu lassen, so war der Besitzer gnädig genug, mir bald ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Besonders gnädig schien er jedoch zu werden, als ihm mein Metuaf etwas über meine Person in die Ohren flüsterte. Es ist nämlich eine Sucht all dieser religiösen Lohndiener, die Personen, die sie begleiten, für sehr vornehme Herren auszugeben. Erst später sollte ich erfahren, für was mich meine beiden guten Leute ausgaben, nämlich für nichts Geringeres als den Pascha von Algier. Als »Prinz von Algier« brachten sie mich in der halben Stadt herum, und nur diesem Umstände ist es zuzuschreiben, daß mein Aufenthalt in Mekka plötzlich ein unerwartetes Ende nahm. – Da ich den Umgang um die Kaaba vollendet hatte, so konnte ich mich wieder rasieren, baden, kleiden, kurz den entsetzlichen Ihram ablegen und aufhören, wie ein wildes Tier, nackt und voll Schmutz und Ungeziefer herumzugehn; ich durfte wieder ein Mensch sein. Nachdem ich rasiert und gewaschen war, ließ ich von meinem Neger ein vollständiges Kostüm auspacken, ein bequemes algierisches Gewand, das mir, wie die beiden Schmeichler, Ssadak und Sohn, sagten, schön wie einem Pascha stand.

Nachdem ich mich durch eine zweistündige Rast im Kaffeehause von den Anstrengungen des Umganges um die Kaaba erholt hatte, ließ ich mich endlich von meinen Leuten zu meiner Herberge führen. Zuerst mußten wir wieder durch die breite Hauptstraße El Emsa. Aber das war nicht so leicht zu bewerkstelligen, denn eben hielten einige hundert Gläubige hier das fromme siebenmalige Rennen von einem Ende bis zum andern ab. Alle diese halbnackten, staub- und schmutzbedeckten, keuchenden, schwitzenden, stöhnenden Wesen, von der Sommerhitze, der ihr nackter Scheitel stundenlang ausgesetzt gewesen war, fieberhaft erhitzt, furchtbar ermüdet und aufgeregt zugleich, alle diese fast tobsüchtig gemachten Menschen rannten laut schreiend die Straße hinauf und dann wieder hinab. Wir mühten uns ernstlich, den wilden Rennern auszuweichen, aber plötzlich lag der arme Ali am Boden und die Hadschadsch schritten, liefen und rannten über ihn dahin, wobei er manchen Fußtritt abbekam. Nur mit Mühe gelang es uns, den armen Neger wieder aufzurichten. Aber dabei wäre es uns bald ebenso ergangen. Ein besonders wilder Pilger stieß uns so heftig an, daß wir alle drei zu Fall kamen; doch gelang es uns, rasch emporzukommen und Ali mit uns fortzuziehen. Der war nun freilich am ganzen Körper mit Beulen und blauen Mälern bedeckt, aber da die Fußtritte der diesen Lauf abhaltenden Pilger für heilig gelten, so war Ali bald getröstet.

Das Quartier, in dem meine Herberge lag, befand sich beinahe außerhalb der Stadt; so mußten wir die Straße El Emsa ganz zu Ende gehen, kamen dann durch eine sehr lange und wichtige Straße, die auf beiden Seiten von zwei Reihen Läden eingefaßt war, in welcher die Kleinhändler, Schneider und Seidenwirker saßen, und dann waren wir am nördlichen Ende von Mekka angelangt. Hier beginnt eine lange sandige Ebene, in welcher auf der einen Seite die Zisternen, auf der andern eine Menge hölzerne Buden liegen, in welchen sich liederliches Gesindel aufhält. Weiterhin liegen auf beiden Seiten des Pilgerweges, der hier durch nach dem Berge Arafa führt, noch einige Quartiere, und in einem derselben sollte ich auch meine Wohnung finden.

Als wir an die Tür dieses Hauses kamen, drang mir schon ein köstlicher Geruch von Speisen entgegen. Auch der Anblick des Wirtes war nicht weniger erfreulich, denn aus seinen fetten Wangen und seinem dicken Schmerbauch mußte ich auf eine nahrhafte Kost in seinem Hause schließen, und die war mir bei meinem ausgehungerten und heruntergekommenen Zustände sehr vonnöten. Hamdan, der Wirt, war zwar nach morgenländischen Begriffen ein wunderschöner, nämlich runder und fetter Mann, aber er sah auch wirklich nicht häßlich aus mit seinem regelmäßigen Gesicht, seinen großen braunen Augen und blendend weißen Zähnen. Nur eins verunstaltete sein Gesicht, das waren drei längliche Narben auf den Wangen; diese rühren von Einschnitten her, wie sie jeder Mekkaner bei seiner Geburt bekommt und auf die die Söhne der heiligen Stadt sehr stolz sind. Hamdan führte mich nach einer sehr höflichen Begrüßung in einen Saal zu ebener Erde, in welchem einige schöne Teppiche lagen, und diwanartige Erhöhungen sich längs den Wänden hinzogen. Obgleich ich sehr hungrig war, so mußte ich doch erst nach morgenländischer Sitte eine lange Unterhaltung über mich ergehen lassen.

Endlich wurde das Essen aufgetragen. Drei Neger brachten die Hauptschüsseln herein, deren eine mit Reis, eine mit Hammelfleisch, und eine andere mit einem unausstehlich süßen Gebäck gefüllt war, und setzten sie auf niedrige, hölzerne Gestelle gerade in die Mitte der Hungrigen. Erst ging es an den Pilaff, einen Turm von gesalzenem, stark gepfeffertem, in Butter gekochtem Reis, und zwar mit hölzernen Löffeln. Zwischendurch fuhr man mit der Hand in die Schüssel von Hammelfleisch und führte daraus ein Stück nach dem Munde. Zu gleicher Zeit brachte man uns kleine Nebenschüsseln, verzuckerten Rahm, eingemachte Aprikosen, Rosenkonfekt, welche von drei Knaben, den Söhnen unseres Wirts, dargeboten wurden, die den Männern nicht allein die Schüsseln dicht unter die Nase hielten, sondern ihnen mit den Händen den Mund füllten, wobei sie allerlei Mutwillen trieben und ihnen die Nase und die Backen mit Rahm und süßem Brei beschmierten. Soweit ging das Essen noch ziemlich würdig und anständig vor sich. Als aber das süße Gebäck an die Reihe kam, so fuhren die Männer mit wahrer Gier mit beiden Händen, ich möchte sagen bis an die Ellenbogen in die Schüssel, und da nun das Gebäck darin nach arabischer Sitte in einer Brühe von Honig und flüssiger Butter schwamm, so platschte und spritzte diese Flüssigkeit nach allen Seiten auseinander, den Essenden über Gesicht, Turban und Kleidung. Ehe ich mich von diesem übeln Anblick zurückziehen konnte, hatte ich auch von der fettigen Flüssigkeit eine Menge Flecken bekommen, so daß ich gleich ein anderes Gewand anziehen mußte. Die anderen Essenden störte der Schmutz aber gar nicht, sie behielten die fettigen Kleider noch wochenlang an und besudelten sie täglich aufs neue.

Ein junger Negersklave führte mich nun in ein kleines Zimmer, das der Wirt mir wegen meines angeblichen hohen Ranges eingeräumt hatte. Es war sehr klein, aber sah doch ganz hübsch und sogar wohnlich aus. Es war auf drei Seiten anstatt der Tapeten mit ganz gewöhnlichem Kattun behängt, an der vierten lag eine große hölzerne Tür. Möbel waren nicht darin, aber ich hatte ja Sachen genug, um es ganz auszufüllen. Plötzlich bekam ich Besuch, der mir die wahre Bedeutung meiner Stube anzeigen sollte. Der Besuch bestand in einem schönen Kalkuttahahn, der plötzlich unter dem Kattun zum Vorschein kam und sein lautes Kikeriki dicht neben meinem Ohr ertönen ließ. Dem Hahn folgte ein ganzes Heer von Federvieh, das sich hier in seinem eigenen Zimmer sehr wohl fühlte und dem »Prinzen von Algier« durchaus nicht Platz machen wollte. Also in einen Hühnerstall hatte man mich einquartiert! Voller Zorn stürmte ich nach unten und stellte Hamdan zur Rede, und der Wirt führte mich, um mich zu beruhigen, nun auch schnell in ein anderes ziemlich hübsches und sogar etwas möbliertes Zimmer im ersten Stock, und hier richtete ich mich. nun häuslich ein. –

Die nächsten Tage benutzte ich zu Spaziergängen, um die Stadt recht kennen zu lernen. – Als ich einmal so recht gemütlich durch eine mit Kaufläden besetzte Straße schlich, hörte ich mich plötzlich beim Namen nennen. – »O Abd-er-Rahmann!«, so rief eine Stimme, die offenbar aus dem Boden hervorkam, »wie freut es mich, dich zu sehen.« – Ich sah mich um, konnte aber lange nicht entdecken, woher die Stimme kam. Endlich gewahrte ich im tiefsten Erdgeschoß eines Hauses, welches durch davorstehende Buden beinahe ganz verdeckt war, meinen Reisegefährten, den dicken Haggi Omar. Ich stieg zu ihm nieder, und bald befand ich mich in einem syrischen Zuckerbäckerladen, in dem ich außer Omar und vielen fremden Menschen auch Schich Mustapha und seine drei Neffen antraf. Die ganze Gesellschaft war eben eifrig beschäftigt, kleine Teller voll eines süßen Gerichts, Mochalebi genannt, leer zu essen. Der Mochalebi ist eine Art Brei, welcher aus Reismehl und Milch bereitet, stark verzuckert und mit Zimmt, Ingwer und anderen Gewürzen bestreut wird. Der arme Schich Mustapha war leider nicht mehr der alte; die Anstrengungen der Pilgerfahrt hatten ihn stark mitgenommen, ein unaufhörlicher Durchfall, an dem er infolge der Ihrambekleidung und einer dadurch verursachten Erkältung litt, hatte ihn so heruntergebracht, daß er sich dem Tode nahe fühlte. Der arme Mann erwiderte auf meine Frage, wie es ihm ginge: »O mein Bruder, ich sehe, daß es mit mir sich zum Ende neigt. Gott gebe nur noch, daß ich den Tag der Pilgerfahrt nach dem heiligen Berge Arafa erlebe; auf Arafa zu sterben, das ist jetzt noch der einzige Wunsch meines Herzens.« – Ich war innig gerührt über den elenden Instand des guten alten Mannes; auch die übrigen Anwesenden schienen gerührt zu sein, trösteten ihn aber in ihrer dummen mohammedanischen Weise, indem sie ihm die wichtige Mitteilung machten, daß er nur in dem Falle bald sterben werde, wenn sein Leben von Gott »kurzberechnet« wäre.

Von dieser Zuckerbäckerbude wandte ich mich, in Begleitung eines der Neffen, nach dem großen Markt, um den Beduinen zuzusehen, die dort mit den Erzeugnissen ihrer Heimat Handel trieben. Da wandelten sie, die freien Söhne der arabischen Ebenen, Wüsten und Berge, von keinem Herrscher unterjocht, wild und kühn, männlich und stolz, trotz ihrer Armut und ihres beschwerlichen Lebens. Jeden Schmuck verschmähen sie als weibisch, sie hüllen sich in weite leinene oder baumwollene, kaum genähte Gewänder von meist blauer Farbe. Ein einfaches baumwollenes Ärmelhemd, ein grober wollener Mantel darüber geworfen, das war alles, was sie bedeckte. An den Füßen verschmähten viele von ihnen irgend etwas, selbst die dünnsten Sandalen zu tragen. Auch ihr Haupt war völlig nackt, und das lange, niemals geschnittene Haar hing in zottigen Massen wild auf die mageren Schultern hernieder. Leider werden diese langen Haare sehr unreinlich gehalten, mit dem unreinlichsten Wasser gewaschen, manchmal mit Butter eingesalbt, und außerdem sind sie voll Staub und Schmutz und bilden wahre kleine Wälder, in denen es von lebendigen Wesen wimmelt. Man rühmt an den Beduinen noch heute die Tugend der Gastfreundschaft und die Heilighaltung des Salzrechtes, nach dem sie denjenigen, der mit ihnen das Salz gekostet hat, solange er in ihrem Gebiete weilt, nie verfolgen, möge er auch sonst ihr bitterster Feind sein. Auf dem Markte sah ich nur Kamele, Kühe, Maulesel, Esel und Schafe; Pferde wurden nicht zum Verkaufe geboten, denn der Hedschas ist kein Pferdeland, und in Mekka haben nur der Großscheriff und einige der angesehensten Leute Reitpferde. Arabische Pferde gibt es eigentlich nur im Nedsched, das zwar gute, ja die besten Pferde der Welt, aber doch nicht viele Pferde erzieht. Einer der Beduinen, mit denen Ssadak befreundet zu sein vorgab, lud mich ein, ihn in seiner Heimat zu besuchen. Aber das konnte ich leider nicht ausführen, denn einmal war der Weg sehr unsicher, und dann würde ich bei diesen guten Leuten beinahe Hungers gestorben sein, da sie im Sommer so gut wie nichts zu leben haben und es sie doch beleidigt hätte, wenn ich mich selbst mit Lebensmitteln versorgt hätte. Ein Beduine bedarf täglich kaum eines halben Pfundes an Lebensmitteln, um seinen kleinen, spindeldürren, dünnknochigen Körper leidlich kräftig zu erhalten. Auch schlafen diese Leute nur wenig und unregelmäßig; sie setzen sich im Winter in ihren dünnen leinenen Gewändern der Kälte, im Sommer mit ihrem unbedeckten Haupte den glühenden Sonnenstrahlen sorglos aus. Eine Zeitlang könnte ein Europäer dieses Leben wohl mitmachen; ich zweifle aber, ob es ihm auf die Dauer gelingen wird, sich bei den Beduinen ganz einzugewöhnen.

Am Abend des vierten Tages, seit meiner Ankunft in der heiligen Stadt, führte mich mein Metuaf, Ssadak ben Hanifa, noch einmal zur Moschee, der man, wie es die Pflicht eines jeden guten Gläubigen verlangt, auch einen Abendbesuch machen muß. An Straßenbeleuchtung ist natürlich nicht zu denken, und so mußten mir Ssadak und sein Sohn auf dem nächtlichen Wege mit einer Laterne notdürftig voranleuchten. Alles war still zwischen den dunklen Massen der Häuser. Nur hier und da hörte man den Tritt eines Pilgers, der, wie ich, von einem Laternenträger begleitet, die Moschee aufsuchte. Wie Geister, in den weißen Ihram gehüllt, so tauchten diese Pilger, je mehr wir uns der Moschee näherten, immer häufiger aus dem Nachtdunkel auf, bald aus einem Tore, bald ans einer dunklen Nebenstraße hervortretend. Durch das geheiligte Tor der Propheten traten wir nun in den Moscheehof ein. Ein überraschender, ja wundervoller Anblick erwartete uns heute. Unzählige kleine Öllämpchen erhellten die Kaaba und die Heiligtümer, die sie umgaben, gerade genug, um sie gewahren, nicht aber genug, um sie völlig deutlich sehen zu können, und so konnte man sich in diesem Halbdunkel noch alles viel schöner ausmalen, als es in Wahrheit beschaffen war. Die dunkle Masse der Kaaba lag da wie ein von bösen Geistern bewohntes Riesenschloß. Rundherum schwärmte im Lichte der tausend und abertausend Lämpchen die unzählige Menge halbnackter Pilger, welche die Heiligtümer umwandelte und in frommer Begeisterung an Mund und Herz drückte. Rund um diese Oase von Licht und Leben, in deren Mitte sich das dunkle Heiligtum der Kaaba erhob, dehnte sich der weite Hof wie eine Wüste aus, anfangs noch ein wenig erhellt, weiterhin in völligem Dunkel liegend, bis er wieder begrenzt wurde durch das Viereck des Säulenumgangs, das ebenfalls mit einer Unzahl von Lämpchen matt erleuchtet wurde. Außer den Pilgern, welche in frommer Absicht hierhergekommen waren, umschwärmten den Tempel auch zahlreiche Metuafin (religiöse Lohnbedienstete), deren es tausend in Mekka geben soll und die dem Pilger bei Tag und Nacht keine Ruhe lassen, bis er einem von ihnen in die Hände gefallen ist. Da der Raum um die Kaaba voll von sich drängenden und stoßenden Pilgern war, so wandte ich mich bald wieder dem Säulenumgang zu. Auch hier waren überall Menschen, die in dem matten Licht der Öllämpchen Geistern glichen, die in einem verfallenen Klosterhof ihr nächtliches Wesen treiben. Hier lehnte ein weißgekleideter Pilger an einer Marmorsäule, so unbeweglich, als sei er selber ein weißer Stein; dort ruhte am Fuße eines Pfeilers ein schwacher, hinfälliger, sterbender Hadsch, der sich in die Moschee hatte tragen lassen, um an heiliger Stätte seinen Geist auszuhauchen. Aber auch allerlei männliches und weibliches Gesindel trieb sich zwischen den Pilgern herum, um sich im Schutze der Dunkelheit mit ihnen über Schlechtigkeiten zu bereden. Hier und da wurde auch eine Leiche im Moscheehofe dahergetragen, da mancher Sterbende nicht Zeit gehabt hatte, sich im letzten Augenblick in den Tempel bringen zu lassen und auf seinem Totenbette befahl, seinen leblosen Körper den Umgang um die Kaaba machen zu lassen, den er selbst nicht mehr zurücklegen konnte. – Bis nach Mitternacht verweilten wir in der Moschee, um wieder eine ganze Menge langweiliger Gebetsübungen zu verrichten; dann begaben wir uns in unsere Behausung zurück.

Inzwischen war der zweite Pilgermonat, Du el Kada, zu seinem Ende gekommen; nun brach der dritte und letzte Pilgermonat, Du el Hödscha, das heißt der »Herr der Pilgerfahrt«, an. Da am 1. Du el Hödscha die Ankunft der großen Pilgerkarawane aus Bagdad und am zweiten die Karawane der syrischen Hadschadsch erwartet wurde, so mußte ich noch kurz vorher zwei der notwendigen Pflichten eines Pilgers erfüllen, nämlich den Lauf zwischen Ssafa und Merua und die Wallfahrt nach Omra (die sogenannte kleine Wallfahrt).

Am nächsten Morgen um 6 Uhr legte ich daher die Umschlagetücher wieder an und folgte meinem Metuaf in die große Hauptstraße von Mekka, die schon erwähnte El Emsa, in der das fromme Rennen stattfindet. Wir durchschritten diese Straße in ihrer vollen Länge bis zu ihrem östlichen Ende. Dort erhebt sich die Säule Eß Ssafa, die ungefähr die Form eines alten christlichen Altars hat, zu dem man auf drei Stufen hinaufschreitet. Als ich die höchste Stufe erreicht hatte, wandte ich, auf Ssadaks Aufforderung, das Gesicht nach Westen der Moschee zu (die jedoch vor den Häusern der Straße nicht zu sehen war), streckte meine Arme gen Himmel aus und sprach das vorgesprochene Gebet nach. Hierauf begann ich den Lauf, die Hauptstraße entlang bis zu der Säule El Merua am anderen Ende, streng nach der Vorschrift teils laufend, teils rennend. Diese sogenannte Säule hat auch das Aussehen eines rohen steinernen Altars. Vier große Stufen führen hinauf, oben spricht man sein Gebet, und dann beginnt der Rücklauf. Ist man an der ersten Säule wieder angekommen, so hat man den ersten Lauf beendigt, und erst nach sieben Läufen ist die ganze heilige Handlung beendigt. Während des Laufens müssen beständig Lobsprüche und Glaubensformeln hergesagt werden, wie »Allahu akbar« (Gott ist groß) und ähnliche.

Dieser Lauf findet zum Andenken an Hagar, Abrahams Magd, statt, welche, wie schon erzählt, siebenmal hier herumirrte, ehe sie den Brunnen Semsem fand. Er bietet einen ganz eigentümlichen Anblick dar. Man sieht nichts als halbnackte Gestalten, welche in wahnsinniger Begeisterung die Straße auf und ab rennen, dicht gefolgt von ihrem Schatten und unzertrennlichen Begleiter, dem Metuaf. Während die Pilger vor Eifer und Leidenschaft verzerrte Mienen zeigen, spricht aus dem Gesicht der Führer nur reine Geldgier. Ist die Pilgerzeit vorbei, dann beginnt die Zeit der Lustbarkeiten für die religiösen Lohndiener, und dabei wissen sie nichts Lustigeres zu erzählen als die Listen, mit denen sie die dummen Pilger übertölpelt und ihnen ihr Geld abgeschwindelt haben.

Von der Säule Eß Ssafa begab ich mich ungesäumt auf die Wallfahrt nach Omra. Der Weg dorthin mag etwa drei Viertel einer deutschen Meile betragen; wir legten ihn aber auf zwei flinken kleinen Eselchen bald zurück. Der Weg führte durch eine sandige, fast völlig kahle Ebene; bei einem großen Haufen unordentlich aufgetürmter Steine machten wir Halt, um dem gottlosen Oheim des Propheten, Abu Lahab, und der ebenso gottlosen Tante, die hier begraben liegen, unter schrecklichen Verwünschungen ein paar Steine aufs Grab zu werfen, und erreichten bald die kleine Kapelle El Omra, wo wir unsere Gebete zu verrichten hatten. Die Kapelle war aber mit Hadschadsch förmlich gestopft und der Boden mit frommen Betern wie gepflastert, so daß wir, wollten wir nicht erdrückt werden, unsere Gebete rasch beendigen mußten. Unter Lobgesängen und beständigem »Labikrufen« kehrten wir dann auf unseren kleinen Eseln reitend nach Mekka zurück.

Am ersten Tage des Monats Du el Hödscha langte die Pilgerkarawane aus Bagdad an und am folgenden die aus Damaskus, und während die erstere nur fünfzehnhundert Pilger zählen mochte, zählte die letztere nicht ganz viertausend. Diese, welche die größte aller noch bestehenden Pilgerkarawanen ist und von einem türkischen Pascha kommandiert wird, wurde von dem Großscheriff von Mekka mit seinen Söhnen und zahlreichen Begleitern aufs Feierlichste eingeholt. Ich ging am Nachmittag mit Ssadak und Sohn vor die Stadt, um der Ankunft dieser Karawane beizuwohnen. Unser Weg führte uns an dem großen Friedhof von Mekka vorbei auf den Lagerplatz, auf dem die syrischen Pilger ihre Zelte aufzuschlagen pflegen. Viele Bürger von Mekka waren am Morgen hinausgezogen, um die Karawane im Triumph einzuholen. Voran ritt der Großscheriff von Mekka, ein stattlicher, alter Mann, mit seinen vier Söhnen, edle, würdige Gestalten, auf den schönsten arabischen Pferden sitzend, in reiche, seidene Gewänder gekleidet, mit Kaschmirschärpen und Kaschmirturbanen umschlungen. Dem Großscheriff zur Seite ritt der Pascha von Damaskus, ebenfalls auf einem Araberpferde; aber der Türke mit seinem langweiligen Gesicht und seinem runden Schmerbauch sah doch neben den mageren aber sehnigen Arabern nicht sehr würdig aus. Es war mir sehr auffallend, daß der Pascha bei dieser Gelegenheit eine Uniform trug, eine reiche, goldgestickte Uniform mit einem Diamantorden auf der Brust, während es doch sonst Sitte ist, daß jeder Moslem, einerlei ob hoch oder niedrig, vor seiner Ankunft in Mekka den Ihram trägt. Auch sah ich deutlich, welches Mißfallen diese Ungehörigkeit bei den ersten Arabern erregte und wie sie mit dem Ausdruck der Verachtung auf die Uniform blickten. Zu sagen wagten sie natürlich nichts, denn der Türke war ja ihr Beherrscher. Hinter dem Pascha folgte eine Menge vornehmer Türken, und dann kam das Kunterbunt der syrischen Pilgerscharen. Hier wurde eine Sänfte zwischen zwei Kamelen getragen, in der ein feister, rauchender Türke saß; dort eine andere, in der, kaum erkennbar, in den langen, undurchdringlichen Ihram der Frauen gehüllte Türkinnen saßen. Daneben gingen zu Fuße arme, hinfällige Leute aus Syrien, denen man die Mühen der Pilgerfahrt nur zu deutlich ansehen konnte. Ihnen folgten hoch zu Kamel syrische Beduinen, stolze, kräftige Gestalten mit schwarzen, blitzenden Augen und dichten, vollen Bärten. Dann kamen auf bescheidenen Eseln reitend friedliche Kaufleute, von ihren Warenballen begleitet, die sie auf der großen Reise zu Geld zu machen hofften. Am diese Pilgerscharen herum ritten in kühnen Schwenkungen ihrer edlen Nedschedpferde wilde Beduinen aus Arabien, welche die kriegerische Bewachung der Karawane bildeten.

Alle Pilger waren im Ihram mit der einzigen Ausnahme des Pascha, der vielleicht zu faul dazu war und lieber durch das Opfern eines Hammels büßen mochte. Bei der Wallfahrt nach Arafa sah ich sogar, daß viele türkische Soldaten am Fuße des heiligen Berges in voller Uniform herumliefen, an einem Tage und an einem Orte, da doch selbst der unheiligste Araber das Pilgergewand anlegt. Deshalb sehen die Araber die Türken überhaupt und die türkischen Soldaten im besonderen mit unendlicher Verachtung an.

Viele Pilger schlugen ihre Zelte auf dem für sie bestimmten Lagerplatze auf, andere aber suchten in der Stadt Quartier, so daß die Mieten rasch um das Doppelte und Dreifache in die Höhe stiegen, und mancher fromme Hadsch, der nicht so viel zahlen konnte, auf die Straße geworfen wurde.

So wäre es auch mir bald ergangen. – Als ich von meinem Ausfluge wieder zurückkehrte, fand ich zu meinem großen Erstaunen mein Zimmer geputzt und gekehrt, was sonst nie vorkam, all mein Gepäck in eine Ecke geschoben, ja meinen guten Ali fand ich bereits an die frische Luft gesetzt, und mich selbst wollten Hamdans Sklaven nicht mehr in mein Zimmer hineinlassen. Der Lärm, der sich darüber erhob, lockte endlich den dicken Hamdan selbst herbei, welcher, von einer Schar syrischer Pilger begleitet, langsam und schwerfällig die Treppe heraufstieg. Und was für einer Schar! Sie bestand aus acht erwachsenen Syrern, schmutzigen, halbnackten Kerlen in verwahrlosten Pilgertüchern, aus einem halben Dutzend Knaben und aus vier Negersklaven. Dieser ganze Schwarm ergoß sich nun in mein kleines Zimmer, in dem eigentlich nur für mich und Ali bequem Platz war, und in welchem diese zwanzig Leute aufrecht stehen mußten, wenn sie sich überhaupt darin aufhalten wollten. Dennoch besaßen diese Syrer die unglaubliche Frechheit, zu zwanzig dieses kleine Zimmer bewohnen zu wollen, aus dem ich natürlich hinausgeworfen werden sollte. Hamdan zeigte mir denn auch ein gänzlich verändertes Wesen und, während er mich sonst mit tiefen Salamaleks grüßte, tat er jetzt, als merke er meine Anwesenheit kaum. Ich war aber fest entschlossen, mein Zimmer zu behaupten, rief Hamdan beiseite und eröffnete ihm mit vorwurfsvollen Worten, daß ich bereit sei, ihm täglich einen halben Rial mehr zu zahlen, als diese zwanzig Syrer zusammen geboten hätten. Da veränderte sich auf einmal sein Wesen, und mit der alten Achtung und Zärtlichkeit sprach er zu mir: »O mein Bruder! fürwahr, du mußt der Sohn eines Königs sein, um so glänzende Ausgaben machen zu können!« Jetzt mußte ich, noch dazu für drei Tage im voraus, statt, wie bisher einen halben Rial zwei und einen halben Rial für das Zimmer bezahlen, nach muselmännischen Begriffen wirklich einen ganz ungeheuren Preis, für den man in Kairo oder Damaskus ein ganzes Haus für einen Monat mieten konnte. Die Syrer wurden nun in dem mir wohl bekannten Hühnerstall einquartiert, während ich mein Zimmer mit einer doppelten Lage von Insektenpulver bestreute, denn die frommen Hadschadsch hatten eine sehr zahlreiche Bevölkerung mit sich gebracht.

Am 4. Du el Hödscha gab ich im Hause meines Wirtes ein großes Gastmahl, wobei die beiden Schafe verzehrt wurden, welche ich als Opfer dafür bringen mußte, daß ich den heiligen Lauf nicht gleich nach der Beendigung des Umgangs um die Kaaba am Tage meiner Ankunft in Mekka zurückgelegt hatte. Außer den Insassen des Hauses Hamdans hatte ich auch noch meine ägyptischen Freunde eingeladen, mit welchen ich verabredete, die Pilgerfahrt nach Arafa gemeinschaftlich anzutreten.

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