Mesnevi

Mesnevi

Dschalaleddin Rumi

Aus dem Persischen übertragen von Georg Rosen

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Mesnevi

Hör' auf der Flöte Rohr

Hör' auf der Flöte Rohr,1 was es verkündet,
Hör' wie es klagt, von Sehnsuchtsschmerz entzündet:
„Als man mich abschnitt am beschilften See,
Da weinte alle Welt bei meinem Weh.
Ich such' ein sehnend Herz, in dessen Wunde
Ich hieße meines Trennungsleides Kunde:
Sehnt doch nach des Zusammenweilens Glück
Der Heimatferne allzeit sich zurück.
Klagend durchzog ich drum die weite Welt,
Und Schlechten bald, bald Guten beigesellt,
Galt jedem ich als Freund und als Gefährte,
- Und keiner fragte, was mein Herz beschwerte.
Und doch – so fern ist's meiner Klage nicht,
Den Sinnen nur fehlt der Erkenntnis Licht.
So sind auch Seel' und Leib einander klar,
Doch welchem Aug' stellt je ein Geist sich dar?“

 

Kein Hauch, nein Feuer sich dem Rohr entwindet.
Verderben dem, den diese Glut nicht zündet!
Der Liebe Glut ist's, die im Rohre2 saust,
Der Liebe Seufzen, das im Wein aufbraust.
Getrennter Liebenden Gefährtin sie,
Zerreißt das Innerste die Melodie.
Als Gift, als Gegengift stets unvergleichlich,
An Mitgefühl und Sehnsucht unerreichlich,
Gibt sie vom Pfad im Blute3 uns Bericht,
Von Medschnuns4 Liebe singt sie manch Gedicht
Vertraut mit diesem Sinn ist nur der Tor,5
Gleich-wie der Zunge Kundsmann nur das Ohr.
Im Leid sind unsre Tage hingeflogen,
Und mit den Tagen Plagen mitgezogen!
Und ziehn die Tage, lass sie ziehn in Ruh',
O du der Reinen Reinster, dauer du!6
Den Fisch nur sättigt nie die Flut, doch lang
Sind des Darbenden Tage, lang und bang.7
Aber mein Wort sei kurz; versteht doch nicht
Der Rohe, was der Vielgeprüfte spricht.

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Sei frei, mein Knabe,8 und durchbrich die Schranke,
Zu lang war Gold und Silber dein Gedanke!
Denn gössest du das Meer in einen Krug, -
Was fasst er? Kaum für einen Tag genug.
Voll wird des Geiz'gen Aug' nie; doch verleiht
Der Muschel Perlen die Genügsamkeit.9
Wenn immer Liebe10 riss das Kleid entzwei,
Der ist von Geiz und aller Schande frei.
O Liebe, du mein süßes Weh, Heil dir,
Meiner Gebresten Balsam, für und für!
Du heilst von Scham und Hochmut11 mein Gemüte,
O du der alten Weisen schönste Blüte!12

Den Leib von Staub13 ließ Lieb' gen Himmel schweben,
Der Berg14 zerbarg, den Liebe macht' erbeben;
O Freund, Horeb ist worden liebestrunken,
Und Moses ist ohnmächtig hingesunken! -
Wär' mir der, den ich liebe, Mund an Mund
Vereint, - o manches wollt' ich tun auch kund.
Doch stumm ist selbst, wer hundert Weisen kennt,
Ist er von dem, der ihn versteht, getrennt.
Wenn Lenz entflohn, wenn hin die Zeit der Rosen,
Hörst du nicht mehr die Nachtigallen kosen.15
Zwei Wesen Lieb' zu einem Ding verwebt,
Tot ist, was liebt, nur das Geliebte lebt.16
Dem Vogel, der die Fittiche verloren,
Gleicht der, dem Liebe fremd ist, weh' dem Toren!
Wie könnt' ich vor- und rückwärts für mich sorgen,
Wär' mir des Freundes17 allstrahlend Licht verborgen? -
Dies Wort, die Lieb' spricht's, die dem Spiegel gleicht;
Nützt wohl ein Spiegel, der von Fehlern schweigt?
Mit Rost bedeckt ein Spiegel ist die Seele,
Der nicht die Liebe kündet ihre Fehle!

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