Mesnevi

Mesnevi

Dschalaleddin Rumi

Aus dem Persischen übertragen von Georg Rosen Rosen

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Vorwort zur Neuausgabe

nebst einigen Bemerkungen über die Weltanschauung Dschelal ed din Rumis, wie sie sich aus seinen Werken ergibt.

Die Mystik ist die Alchemie der Religion. Wie die Alchemie nach der Formel suchte, um Gold zu bereiten, so suchte zu gleicher Zeit die Menschheit des Mittelalters nach einer einfachen Formel, einer sicheren Methode zur Erlangung des Seelenheils. Bei beiden handelte es sich darum, hinter den Schleier des Geheimnisses zu kommen, der das ersehnte Ziel verbarg. Die Alchimisten haben kein Gold bereitet, aber ihr Suchen ist doch nicht vergeblich gewesen. Es hat zu den wichtigsten Entdeckungen und Erfindungen und schließlich zur Begründung derjenigen Wissenschaft geführt, welche vielleicht von allen noch am ehesten dazu berufen ist, einen tiefen Blick in das Wesen der Dinge außer uns, ja vielleicht in die Frage nach dem Ursprung und dem Wesen des Lebens selbst zu tun. Anders die Mystik: Ihre Ziele waren nicht greifbare. Ob sie erreicht waren oder nicht, das entschied nicht ein objektiver Befund, sondern lediglich der subjektive Seelenzustand des Suchenden. Wer in religiöse Verzückung gerät, der hat die Vereinigung mit Gott erlangt. Sein Glaube hat ihm geholfen. Der Weg war sein Ziel. Subjektiv Erlebtes ist für das Subjekt Wahrheit. Einen Beweis dafür ist man niemanden schuldig. Nur wenn man andere an dem selbst erlebten teilnehmen lassen will, dann muss man eine Methode, einen Weg haben, auf dem die anderen zu demselben Ziele gelangen können. Das Bedürfnis einzelner Erleuchteter, die selbstempfundenen Heilswohltaten den Mitmenschen zugänglich zu machen, hat im Christentum zur Entstehung der Sekten, im Muhammedanismus zur Begründung zahlloser „Richtungen“ und schließlich zur Stiftung der verschiedenen Derwischorden geführt. Und diese haben sich wieder, je nach der Auffassung der einzelnen Pire oder geistlichen Führer, die ihre Methode (tariqät) Geltung zu verschaffen mussten, weiter verzweigt und verästelt. In Persien haben aber all diese Richtungen, die unter dem Namen Sufismus zusammengefasst werden, dabei doch etwas Gemeinsames. Sie haben die Form der Dichtung angenommen und erfüllten vom zehnten Jahrhundert an immer mehr die ganze poetische Literatur, so sehr, dass man wohl ohne Übertreibung sagen kann, dass nunmehr jeder Dichter Mystiker war und fast jedes Dichterwerk mehr oder minder mystisch gefärbt erschient oder gedeutet werden kann. In dieser Literatur nun hat der Sufismus der Welt einen kostbaren und unerschöpflichen Schatz von Kunstwerken ersten Rangen beschert. Auf dem Boden keines anderen Landes hat die Mystik so schöne und reiche Blüten gezeigt, wie auf dem Persiens. Aus ihm hat seit Goethe die deutsche Literatur in reichem Maße geschöpft und sich um neue Gedanken und Kunstformen bereichert, so mangelhaft und oft irreleitend zuerst die Übersetzungen von von persischen Dichtwerken, so unvollkommen anfangs unsere Kenntnisse der orientalischen Philosophie auch waren. Selten hat, wie dies bei Rückert der Fall war, einem Dichter auch eine gründliche, wissenschaftlich-orientalische Sprach- und Sachkenntnis zur Verfügung gestanden. Vielfach hat dichterische Begabung sich über die Tiefe der Gedankenwelt hinweggesetzt und uns mit geschickter Benutzung orientalischer Formen und Ausdrucksweisen nur die Schale gegeben, nicht den Kern erschlossen. Und andererseits ist es auch unter den wirklichen Gelehrten nur wenigen gegeben – und wenige haben auch das Bedürfnis dazu empfunden - , das Schöne in den ihnen zugänglichen Literaturen in gemeinverständlicher und künstlerischer Form wiederzugeben.

In dem vorliegenden Werke hatte sich Georg Rosen diese Aufgabe gestellt. Er wollte das größte und bedeutendste Erzeugnis der persischen Mystik, ein Werk, das fast dem Koran gleich geachtet, noch heute, nach siebenhundert Jahren, die Gedankenwelt des Islam vom Adriatischen Meer bis zum Bengalischen Meerbusen, von Turkistan bis Jemen mehr oder minder beherrscht, bei möglichster Wiedergabe der dichterischen Form der gebildeten deutschen Leserwelt zugänglich und verständlich zu machen. Dass Georg Rosens Mesnevi-Übersetzung diese Aufgabe nur in beschränktem Maße gelöst, lag wohl weniger an dem Werke selbst, als in äußeren Umständen. Die vermutlich kleine Auflage des Jahres 1849 war bald vergriffen, und zu einer Neuauflage fehlte es wohl dem Verleger an Initiative und dem Autor an Ermutigung, zumal ihn neuere und größere Aufgaben ganz in Anspruch nahmen. So ist das Buch eine Seltenheit in den Gelehrten-Bibliotheken geworden und fast auf dem Spezialgebiete der Mystik ed dins scheinen es nicht zu kennen. 1

Es muss aber doch schmerzlich bedauert werden, dass ein Werk von so gediegender wissenschaftlicher Gründlichkeit und eine deutsche Übersetzung von so vollendeter dichterischer Form eines so bedeutenden Literaturdenkmals verloren gehen sollte.

Der Verlag von Georg Müller in München und Leipzig hat sich nun die schöne Aufgabe gestellt, den Geist des Orients in guten Übertragungen nicht allein dem Fachgelehrten, sondern dem ganzen gebildeten Deutschland zugänglich zu machen, und hat mich aufgefordert, zu einer Neuauflage der Mesnevi-Übersetzung meines Vaters die Hand zu leihen. Als ich diese Aufgabe übernahm, glaubte ch anfangs, das Werk einer Umarbeitung unterziehen zu müssen. Aber bei näherer Prüfung der seitdem erschienenen Literatur finde ich, dass wesentlich neue Gesichtspunkte zur Erklärung des Textes kaum zutage getreten sind. Die beiden Quellen, aus denen Georg Rosen geschöpft hatte, die orientalischen Kommentatoren und der noch im Orient lebendige Sufismus, sind mehr oder minder auch die Quellen seiner Nachfolger gewesen, nur dass ihm in dem Konstantinopel der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts die letztere Quelle noch unmittelbar geflossen ist. Auch über den Lebensgang des Dichters ist historisch Verbürgtes von Belang nicht hinzugetreten. So habe ich denn schließlich bis auf wenige Kleinigkeiten das Wer in seiner ursprünglichen Form gelassen und zweifle nicht daran, dass es als eine wissenschaftlich zuverlässige Erklärung und dabei in der Form künstlerischer Übertragung der Gedanken des „größten Mystikers des Morgenlandes und zugleich des größten pantheistischen Dichters aller Zeiten“2 eine freundliche Aufnahme finden wird. Wenn etwas wissenschaftlich Neues über die Mystik Dschelal ed dins gesagt werden sollte, so könnte dies wohl nur dem Gesichtspunkt der allgemeinen Kenntnis der Philosophie und der Religionsgedichte des Orients geschehen. Hier ist ein Feld, das seit dem ersten Erscheinen von Georg Rosens Mesnevi-Übersetzung fleißig bebaut worden ist und schöne Früchte getragen hat. Auf philosophischem Gebiet hat besonders Dieterici unsere Kenntnis der Gedankenwelt des Orients vertieft. Aber wie wenigen unter den Philosophen ist es vergönnt, die schwierigen orientalischen Texte zu lesen und zu verwerten! - Und ähnlich ist es auf dem verwandten Gebiete der Religionsgeschichte. Unter den Vertretern dieser neuen Wissenschaft herrscht naturgemäß das Theologische über das Orientalistische vor. Wenn auch sehr erfreulicherweise eine der größten neueren Autoritäten auf diesem Gebiete da selbst aus dem persischen Urtext Geschöpfe in künstlerischer Gestaltung wiederzugeben in der Lage ist,3 so bleiben doch noch große Schätze infolge der sprachlichen und sachlichen Schwierigkeiten ungehoben. Dabei hat sich indessen das allgemeine Interesse der Erforschung der Mystik in einem so hohen Maße zugewendet, dass es näheren Kenntnis der Poesien und der Philosophie Dschelal ed dins nicht mehr entraten kann. Wenn ich es nun unternehme, hier eine kurze Skizze der philosophieschen Ideen des Mewlana anzufügen, so muss ich gleich bemerken, dass diese nicht den Anspruch erhebt, ein erschöpfendes Bild seines Systems zu geben. Dazu fehlt es mir vor allem an der nötigen Muße. Sie ist vielmehr ein Niederschlag dessen, was ich in früheren Wanderjahren im Orient durch Vertiefung in die Werke Dschelal ed dins und anderer ähnlichen Dichter und nicht minder durch langjährigen Verkehr mit vielen dem großen Mystiker verwandten Seelen gewonnen hatte. Insbesondere verdanke ich dem Derwischorden, der Sefi Ali Schahi in Teheran, seinem Gründer Hadschi Mirza Hassan und besonders seinem jetzigen Oberhaupte Zehir ed Doule – mit der Derwischtitel Sefi Ali Schah – desgleichen de Prinzen 'Imad ed Doule und dem um ihn gescharten Kreis, ferner Gr. Er. Hadschi Mirza Mahmud Khan Kadschar (zurzeit persichem Botschafter in Konstantinopel) und endlich Gr. Er. Mirza Ali Muhammad Khan Muaddil es Saltane aus Schiras die mannigfachste Förderung und Belehrung. In den Kreisen der Gebildeten herrschte damals in Persien der Sufismus vor, und mit Stolz nahmen gerade die Höchstgestellten das Derwischtum für sich in Anspruch.

„Das Sufitum liegt nicht im wollnen Rocke; kleide
Dich wie du willst, es gibt auch Derwische in Seide.“ 4

Dank den vielfachen Anregungen und Aufschlüssen, die ich bei meinem langjährigen Aufenthalte in Persien im Kreise dieser Männer gewonnen hatte, konnten mir die an sich oft abstrusen Ideen der Philosophie des Orients zur lebendigen Wirklichkeit werden, und so darf ich hoffen, dass der Leser aus dieser Skizze doch einen gewissen Einblick in die eigenartige Ideenwelt unseres Mystikers gewinnen wird, wie er ihn vielleicht aus der bloßen Bücherweisheit allein nicht hätte schöpfen können. Unser Titelbild stellt eine Szene dar, wie der Murschid (geistliche Führer) unsres Mewlana, dessen kostbare Manuskripte ins Wasser wirft. Er wollte ihm damit zeigen, dass nicht Bücher, sondern die Nachfolge auf dem richtigen Wege das ist, was den Jünger leiten sollte.

„Der Schreibrohrs schwarzer Spur folgt der Gelehrte,
Der Sufi folgt allein des Meisters Fährte.“

Ich will versuchen, den Leser „auf des Meisters Fährte“ zu seinem Verständnis zu führen, und will, soweit wie möglich, in seinen eigenen Worten ein Bild von der Weltanschauung geben, die seiner Philosophie als Grundlage dient. Ich will in dieser kurzen Skizze auf literarische Hinweise verzichten. Für diejenigen aber, welche sich eingehender mit dem Gegenstande beschäftigen wollen, gebe ich am Schluss ein Verzeichnis der neueren, d.h. nach 1850 erschienenen, bemerkenswerten Werke, die für Dschelal ed din und seine Philosophie besonders in Betracht kommen.

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