Reise durch Persien

Reise durch Persien

1925 n.Chr.

Pierre Loti

Inhaltsverzeichnis

Fünfter Teil

Dienstag, 5. Juni

Bei aufgehender Sonne beginne ich mein Tagewerk, indem ich dem Kutscher die Stockschläge zuerteile, auf die er wirklich Anspruch zu machen hat. Dann kommt die Reihe an die Maultiervermieter, sie fordern heute noch einmal soviel, als wir am Abend vorher abgemacht hatten, ich schmeiße sie hinaus.

Eine Schar Dorfbewohner bietet mir dann an, im Laufe des Vormittags aus Felsen, Baumstämmen, Stricken und so weiter eine provisorische Brücke zu erbauen; meine leeren Wagen wollen sie hinüberrollen, und dann sollen unsere Pferde, unser Gepäck und wir selbst durch den Fluß waten. Trotz des hohen Preises gehe ich auf den Vorschlag ein. Und mit Balken, Schaufeln, Haken, wie zur Belagerung einer Stadt ausgerüstet, ziehen sie von dannen.

Um die Mittagsstunde ist alles fertig. Meine beiden abgeladenen Wagen gelangen scheinbar durch ein Wunder über das Gerüst hinüber, und so auch wir; auch die Gepäckträger und unsere Pferde erreichen schließlich das andere Ufer, nachdem sie sich ganz, wie die Karawane gestern abend, von oben bis unten mit Schlamm bespritzt hatten. Man lädt auf, man spannt an; die jetzt nüchternen Kutscher nehmen ihre Plätze ein.

Und bis zum Abend reisen wir durch das Reich der Bäume, durch die eintönige, grüne Nacht, in einem wirklichen Wald, bei feinem, anhaltendem Regen. Die Tropen kennen kaum ein schöneres Grün, als wie es hier in dieser feuchten, stets bewässerten Gegend wächst. Ulmen, Buchen, alle voll entwickelt, alle mit Efeu umrankt, sie stehen dicht gedrängt, vereinen ihre prächtigen, frischen, blattreichen Zweige zu einem Dach, legen sich wie ein einziger großer Mantel über die Berge; man sieht in der Ferne, wie die kleinen, gleichmäßigen Gipfel mit den abgerundeten Umrissen sich aneinanderreihen, wie sie alle mit dem dichten Grün bekleidet sind, gleichsam, als trügen sie einen grünen Schafpelz.

Plötzlich hat sich die Landschaft verändert, überraschend ist es, im äußersten Norden dieses hochgelegenen, kalten, ausgedörrten Persiens eine niedrige, feuchte, laue Zone zu finden, wo die Natur so ganz unvermittelt an die erschlaffende Atmosphäre eines Treibhauses erinnert!

Der sich durch die Wälder dahinschlängelnde, stets sich abwärts neigende Weg wird wie bei uns instand gehalten, wie man es in den sehr beschatteten Gegenden unserer Pyrenäen findet; aber die Reisenden und ihre Tiere bleiben asiatisch: Karawanen, Kamele, Maultiere mit perlenbesticktem Sattelzeug, verschleierte Frauen auf kleinen, weißen Eselinnen.

Und jetzt trifft man gelegentlich am Rande des grünen Weges mehrere Häuser, die gar nicht in diesen Ort hineinzupassen scheinen. Häuser, ganz aus runden Balken erbaut, wie man sie am Rande des Ural und in den Steppen Sibiriens trifft. Und auf der Schwelle der Türen zeigen sich Männer mit flachen Mützen, blond und rosig, und ihr blaues Auge scheint nach all den schwarzen Augen der Iraner gleichsam von einem nördlichen Nebel verschleiert zu sein; das benachbarte Rußland, das diese Wege erbaut hat, stellte hier überall Beamte an, um die Straßen beaufsichtigen und instand halten zu lassen.

Gegen Ende der Etappe befinden wir uns in gleicher Höhe mit dem Kaspischen Meer (das, wie man weiß, noch dreißig Fuß über dem Wasserspiegel der anderen Meere liegt), und in der Dämmerung machen wir vor einer alten, aus Buchenstämmen erbauten Karawanserei halt, inmitten einer sumpfigen, mit Seerosen bewachsenen Ebene, wo Frösche und Wasserschildkröten hausen.

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