Reise durch Persien

Reise durch Persien

1925 n.Chr.

Pierre Loti

Inhaltsverzeichnis

Fünfter Teil

Mittwoch, 6. Juni

Ein dreistündiger Weg heute morgen führt stets durch Grün zwischen Feigen- und Nußbäumen, Mimosen und Farnkräutern hindurch, bis man schließlich die kleine Stadt Recht erreicht, die nicht einmal mehr einen persischen Anstrich zeigt. Vorbei mit den Mauern aus Lehm, den Terrassen aus Lehm, vorbei mit den regenlosen Gegenden; die Häuser von Recht sind alle aus Stein und Fayence erbaut, ihre Dächer sind alle mit römischen Ziegeln bedeckt und springen zum Schutz gegen die Regengüsse weit hervor. Überall auf den Straßen sieht man Wasserpfützen, die Luft ist gewitterschwül!

Noch eine Stunde bis nach Piré-Bazar, wo die große Straße, die fast einzige Straße Persiens, endet. Dort fließt ein Kanal zwischen dem überhängenden, blühenden Schilf dahin, er ist wie eine chinesische Arroyo mit Barken überladen. Dies ist der Verkehrsweg zwischen Iran und Rußland, und es wimmelt auf diesem schmalen Wasserstreifen von einem ganzen seeliebenden Völkchen; ungezählte Bootsvermieter halten Ausschau nach der Ankunft von Reisenden und Karawanen.

Wir müssen eine der großen Barken mieten, und dann geht's vorwärts; unsichtbare Leute, hinter hohen Gräsern versteckt, wandern zu Land voraus und ziehen uns an einem Strick nach sich; und so gleiten wir ruhig unter einem Zelt dahin, streifen das Grün des Ufers, kreuzen viele andere Barken, die der unsrigen ähnlich sind, und die, wie wir, gezogen werden; sie tragen Leute und Gepäck, und in diesem kleinen Schilfgäßchen muß man sich vor ihnen in acht nehmen.

Endlich öffnet sich ein See vor uns, sehr groß, sehr blau, liegt er zwischen den Inseln der Gräser und der Seerosen inmitten einer ungezählten Schar von Reihern und Kormoranen da. Das andere Ufer dort unten zeichnet sich nur als ein schmaler, grüner Streifen ab, darüber sieht man den Horizont der stillen Wasser, den Horizont des Kaspischen Meeres. – Und man könnte glauben, dies sei eine japanische Landschaft.

Man betritt das neue Ufer, wo wieder hohes Schilf aufragt, wo die Kormorane und Reiher in dichten Scharen auffliegen. Zwischen dem See und dem Meer, zwischen dem fast zu kühlen Grün der Bäume, in dem Orangenhain, liegt eine kleine Stadt; sie hat einen leisen türkischen Anstrich, scheint, von weitem gesehen, lächelnd und hübsch und taucht an beiden Enden ins Wasser. Am Eingang ragt ein schönes Lusthaus aus rosenroten und blauen Fayencen auf, der letzte Gruß Persiens, es nennt sich »die strahlende Sonne« – und dient Seiner Majestät dem Schah als Absteigequartier, wenn er sich auf seine Reisen nach Europa begibt.

Die kleine Stadt heißt Enzeli; in der Nähe gesehen ist es ein schrecklicher Haufen moderner Läden, die dem Reisenden geöffnet sind, ein Zufluchtsort für Schurken und Lumpengesindel, weder Perser, noch Russen, noch Armenier, noch Juden, Leute von unbestimmbarer Nationalität, Leute, die die Grenze auszubeuten verstehen. Aber in den Gärten Enzelis blühen und duften Rosen, Lilien, Nelken, und die Orangenbäume wachsen voller Zuversicht am Ufer des Meeres, das keine Flut noch Ebbe kennt – wachsen inmitten des feinen Sandes, des ruhigen Gestades.

In diesem Enzeli müssen wir voller Ergebung auf ein russisches Schiff warten, morgen, die Stunde ist noch nicht festgesetzt, wird es uns nach Baku tragen. Von Baku braucht man nur über Tiflis durch Tscherkessien zu fahren, um in Batum anzugelangen, wo die Schiffe des Schwarzen Meeres die Reisenden nach Odessa oder nach Konstantinopel tragen, nach der Schwelle der großen europäischen Linien –, mit anderen Worten – hier ist der Endpunkt unserer Reise . . . Und abends, unter den Orangenbäumen des Ufers, beim leisen Wellenschlag des eingeschlossenen Meeres, werfe ich einen Blick zurück auf den Weg, den ich gegangen bin, und dort sehe ich noch einmal Persien liegen, das hohe, das wirkliche Persien, das Persien der Gebirgsregionen und der Wüsten. Über den Wäldern, über den schon sich verdunkelnden Wolken liegt es rosenrot da; noch für einen kleinen Augenblick leuchtet es in der Sonne auf, mich aber hüllt schon die Dämmerung ein. Von hier aus gesehen, bietet es uns denselben Anblick der endlosen Mauer, den es uns das erstemal bei unserem Aufstieg von dem Persischen Golf geboten; es ist weniger farbenprächtig, weil wir uns jetzt in den nördlichen Gegenden befinden, aber es hebt sich ebenso scharf in der selten klaren Luft von den anderen irdischen Gegenständen ab. Als wir von dem heißen Golf kamen, lag es vor uns, wir mußten es erklimmen, und es hielt alle seine ungeahnten Wunder für uns in Bereitschaft. Jetzt steigen wir hinab, nach einem Ritt von vierhundert Meilen durch die vielen Berge, über Spalten und Risse dahin. Es wird in der irdischen Entfernung und in der Vergangenheit der Erinnerung mehr und mehr verschwinden. Aber von all den Wundern, die unsere Augen erblickten, wird uns dieses am längsten vorschweben: Eine Stadt, in Trümmer zerfallen, dort oben in einer Oase von weißen Blumen, eine Stadt aus Lehm und aus blauer Glasur, unter den dreihundertjährigen Platanen, die in Staub zerfällt. Paläste aus Mosaik und aus wunderbaren Fayencen, die rettungslos zerbröckeln unter dem einschläfernden Plätschern der zahllosen kleinen, klaren Bäche, unter dem ewigen Gesang der Muezzine und der Vögel; – zwischen hohen, mit Glasur bekleideten Mauern, in alten Gärten voll blühender Rosen, mit Toren aus ziseliertem Silber, aus blassem Purpurrot; – das ist dies Ispahan des Lichts und des Todes, in die durchsichtige Luft der Bergesgipfel gehüllt.

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