Rosenöl
Rosenöl (Hammer-Purgstall)

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1813 n.Chr.

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Rosenöl - Joseph von Hammer-Purgstall

25. David

David, der Saul's Tochter zur Frau hatte, erregte schon in seiner Jugend durch Tatenruhm und Volksliebe den Neid und Hass seines Schwiegervaters. Dieser wollte ihn in der Höhle, wo er gewöhnlich ausruhte, ergreifen, und vertraute den schwarzen Anschlag seiner Tochter an. Von seinem Weibe gewarnt, legte David einen Schlauch, mit Weine gefüllt, auf seine Lagerstätte, und als Saul mit seinem Schwerte in die Creutz und Quer nach David hieb, zerhieb er bloß den Schlauch, und der Wein strömte in der Höhle flutend aus.

David war vom Himmel mit großen Gaben ausgezeichnet. Vater eines Königs und Propheten, Prophet und König er selbst. Ihn hatte Gott, den ersten der Könige, mit dem Zunamen seines Chalifen oder Stellvertreters auf Erden beehret:

O David, wir haben dich bestellt zum Chalifen auf Erden, dass du die Menschen richtest mit Gerechtigkeit; so der Koran,

und an einem andern Orte:

Wir verliehen ihm Weisheit, und die Gabe der Rede.

Der schönste Ausdruck beider dieser Gaben sind die Psalmen, welche das Gesetz des Herrn enthalten, und die David mit schöner Stimme und kunstreicher Melodie absang, sich selbst auf der Harfe begleitend. Der Himmel hatte ihm einen so zauberischen Wohllaut der Stimme verliehen, dass, wenn er sang, die Vögel sich über seinem Haupte versammelten, und den Harmonien des Gesanges horchend in der Luft schwebten.

Alles folgte seinem Wort; wir unterwarfen ihm, sagt der Koran, die Berge vom Aufgang zum Untergang, und die Scharen der Vögel. Und wer sollte der Weisheit nicht gehorchen, wenn sie von der Macht des Wohllauts begleitet, sich durch die Ohren tief in die Herzen senkt. Nicht nur Menschen, sondern auch Vögel, Berge und Ströme folgen dem Gesetzgeber, der sie durch die Kraft der Rede und des Gesangs unwiderstehlich an sich zieht.

Wie viele Gesetze hätten ihre Kraft nicht verloren, wären sie als Lieder in die Herzen des Volkes gedrungen! – Die ältesten Aussprüche des Gesetzes waren Lieder der Weisheit, der erste Gesetzgeber ein Sänger; und wenn der König die Gabe des Gesangs nicht besaß, so sprach er durch das Organ seines Wesirs. So war, wie wir später sehen werden, Aßaf nicht nur der Großwesir, sondern auch der Hofkapellmeister Salomons. Ein Schatten der Gesetzeverkündigung unter Begleitung von Musik hat sich in dem Ausruf derselben unter Trompetenschall und Trommelschlag erhalten.

David hatte neun und neunzig Weiber in seinem Harem, denen er die Nacht widmete, wie seinen Geschäften den Tag. Die zwölf Stunden desselben hatte er in drei Teile eingeteilt, wovon er den ersten der Erhebung des Geistes zu Gott, den zweiten den Regierungsgeschäften, den dritten dem Erwerbe eines rechtmäßigen Nahrungszweigs bestimmte. In den ersten vier Stunden des Tags war er Prophet; Er schwang sich mit Begeisterung auf den Flügeln des Morgenrotes empor zum höchsten Ideale des Wahren und Guten und Schönen, und rauschte die Eingebungen der Gottheit in die Saiten der Harfe. In den folgenden vier Stunden war er König und Richter seines Volkes; in den letzten vieren Mensch und Freund. Da machte er Panzerhemde, deren Verkauf ihm die Summe seines Tafelgeldes eintragen musste; oder er unterhielt sich mit seinen Freunden durch belehrendes Gespräch. Wie er die andern zwölf Stunden des Sonnenumlaufs im Harem angewendet, und die der Nacht unter seine neun und neunzig Frauen gehörig ohne Bruch verteilet habe, ist uns unbekannt. Dass ihm aber ungeachtet der ansehnlichen Teilungszahl von neun und neunzig noch ein beträchtlicher Überschuss von Kraft für eine Hundertste übrig blieb, bewähret die folgende Geschichte.

David hatte eben nach wohl ausgefüllter Stundeneinteilung der Nacht sein Harem verlassen, und war aus dem Bette vor die Harfe getreten. Er flehte zum Herrn: Da du mir die Herrschaft auf Erden verliehen, verleih mir auch das Verdienst und den Rang aller übrigen Propheten, dass ich dieselben übertreffen möge, so wie alle Könige vor mir.

Die Stimme der Gottheit sprach ihm zur Antwort ein: David! Alle anderen Propheten habe ich durch Prüfungen versucht, und nachdem sie dieselben mit Geduld und Selbstbeherrschung bestanden, hab' ich ihnen erst den Rang und die Ehren verliehen, deren sie itzt vor meinem Angesicht teilhaftig sind. So hab' ich den Propheten Abraham durch den Scheiterhaufen und durch das Opfer seines Sohnes, Jakob durch die Abwesenheit seines geliebten Jusuf's, diesen durch den Kerker, und Moses durch Farao's Tyranney versucht; Sie sind alle bewähret worden durch Geduld und Selbstbeherrschung, wie soll ich dir nun den Rang vor ihnen anweisen, eh' ich dich noch geprüft habe. David, der bisher im Stillen gebetet hatte, stürmte itzt mit anmaßendem Griffe in die Harfe:

O Herr! prüfe mich immerhin,

Ich harre dein mit geduldigem Sinn;

Treuen Sinn

Versuche immerhin.

Die Saiten hatten diesen übermütigen Gesang noch nicht ausgetönt, als Satan schon in Gestalt einer Turteltaube beim Fenster hereinflatterte, und nach einigen Kreisflügen wie tot vor Davids Füßen niederfiel. David ließ sich auf der Stelle zerstreuen und nahm das Täubchen in die Hand, um zu sehen, ob es noch lebe. Es erholte sich, und flog herum. David ihm nach, um es zu erhaschen; es flog hinaus zum Fenster, und David, dessen Gewohnheit es sonst gar nicht war, müßig zum Fenster hinaus zu sehen, blieb stehen ans Fenster gelehnt, und sah hinaus in die Frische des Morgens, und auf die Umgebungen seines Palastes.

Da erblickte er durch den Gläserbau eines benachbarten Bades, wo von der anderen Seite die aufgehende Sonne ihre Strahlen einwarf, das herrlichste Weib auf Erden. Sie war zwar entkleidet, aber ihr langes seidnes Haar umfloss den schönen Leib bis zu den Füßen, und diente ihr als Bademantel und Badeschürze zugleich. Damit David nicht durch die Strahlen der ihm gegenüber emporsteigenden, und von der andern Seite das Bad erleuchtenden Sonne geblendet würde, hielt er seine Hand, als Sehrohr gerundet, vors Auge, und sah unverwandten Blickes ins Bad hinein, alle Bewegungen des schönen Weibes mit lüsternem Blicke beobachtend.

Er ward zur Stunde sterblich verliebt. Als sie sich getrocknet und gesalbt hatte, rief David seinen ersten Kammerdiener, und fragte ihn, wer das schöne Weib sei. Das ist, antwortete der Kammerdiener, die Frau von Uria, die Tochter des Propheten Elias. David gab ihrem Gemahl sogleich den Oberbefehl über den Vortrab seines Heeres, wo er, wie bekannt, erschlagen ward, und vermählte sich dann mit der Witwe, die ihm jedoch nur unter der Bedingniss die Hand gab, dass, wenn sie einen Knaben gebären würde, er zum Nachfolger Davids ernennt werden sollte; was David versprach und hielt, denn Salomon war das Kind der Liebe Davids mit der Frau von Uria.

Eines Morgens, als David wie gewöhnlich vor seiner Harfe saß und Psalmen dichtete, erblickte er zu seinem Erstaunen ihm gegenüber auf dem Sofa zwei Fremde sitzen. Da strenger Befehl war, in den ersten vier Stunden des Tages Niemanden vorzulassen und anzumelden, verwunderte sich David gar sehr, wie die beiden Fremdlinge in sein Kabinett gekommen. Sie standen auf und baten um Verzeihung, dass sie unangemeldet herein getreten, indem sie eine dringende Klage vorzubringen hätten. David ließ die Harfe stehen, und setzte sich auf seinen Richterstuhl.

Dieser Mann, Allergnädigster Herr, fing der eine an, hat neun und neunzig Schafe zu Lust und Überfluss, ich armer Mann hatte ein einziges, das mir Trost und Labsal gewährte; dies einzige hat er mir gewaltsam weggenommen.

David konnte bei den neun und neunzig Schafen nicht wohl auf etwas anderes, als auf die Herde seines Harems verfallen; er erkannte die zwei Fremden für Engel des Herrn, und fühlte die Schwere seiner Missetat. Sogleich warf er sich mit dem Angesicht auf die Erde, und vergoss die Tränen der bittersten Reue. So lag er vierzig Tage und vierzig Nächte auf seinem Gesichte, in einem fort weinend und zitternd vor dem Gericht des Herrn.

Wie viel seit David bis zum Tage des Gerichtes die Menschen über ihre Sünden Tränen der Reue vergossen haben und vergießen werden, so viel weinte David in diesen vierzig Tagen, während derer er die Bußpsalmen ausstöhnte. Die Tränen seiner Augen formten zwei Bäche, die aus dem Kabinette auf den Altan liefen, und von dem Altan in den Garten hinabstürzten. Wo sie sich in die Erde verliefen, entsprossten zwei Bäume, die Tränenweide und der Weihrauchbaum; die erste klaget und trauert, der zweite weint große Tränen noch immerfort zum Andenken der wahren Reue Davids.

Nach vierzig Tagen sandte Gott der Herr den Erzengel Gabriel, dem büßenden König kund zu tun, dass seine Reue und Buße Gnade gefunden habe. David hörte deswegen doch nicht auf zu weinen; wie wird der Herr, fragte er, am Tage des Gerichts richten zwischen mir und Uria? Das weiß ich nicht, antwortete Gabriel, und darum muss ich selbst erst Rücksprache halten mit dem Herrn. Gabriel trug am Thron des Allerhöchsten des reuigen Königs Frage vor. Ich will, sprach Gott der Herr, den Uria schon entschädigen am Tage des Gerichts für den Verlust seiner Ehre und Frau, nur muss sich David erst selbst mit ihm abfinden. David begab sich also auf des Engels Wink zum Grab Uria's; Uria! rief er, ich habe unrecht an dir gehandelt in deinem Leben, verzeihst du mir im Grabe? Ja, mein Herr und König!

David freute sich dessen, aber Gabriel belehrte ihn, dass eine solche allgemeine Anklage nicht hinreiche, und dass zur vollständigen Lossprechung auch eine vollkommne Beichte erfordert werde. Uria! ich habe dein Weib begehrt, und dich deshalb aufs Schlachtfeld gesendet. Da schwieg das Grab, und David erhob von Neuem lautes Weinen und Jammergeschrei. Nun stieg Gabriel auf des Herrn Geheiß hinunter und versprach Uria so viel schöne Tausendsachen aus dem Paradiese, dass er sich endlich besänftigen ließ, und dem reuigen König die Schwägerschaft noch im Grabe verzieh.

Um sich seine Sünden ja stets gegenwärtig zu halten und nie in den Fall zu kommen, darauf zu vergessen, verfiel David auf den Gedanken, sich dieselben auf seine Hände und Füße zu schreiben, damit bei jedem Anblick seiner selbst ihm auch seine Missetat gegenwärtig bliebe. Er taituirte sich also so Hand als Fuß mit dem Bekenntnis seiner offnen Schuld und vollkommnen Reu und Leids. Von ihm schreibt sich die im ganzen Morgenland herrschende Sitte her, sich Arme und Schenkel zu beschreiben. Der Zweck aber, wozu man heut zu Tag davon Gebrauch macht, nähert sich zwar in einigen Fällen dem frommen Geiste Davids, entfernet sich aber in andern gar sehr davon, und gibt einen augenscheinlichen Beweis ab, wie die löblichsten Einrichtungen und Gewohnheiten zu gleichgültigen oder wohl gar tadelswerten Zwecken missbrauchet werden können.

Heut zu Tag taituiren sich die Morgenländer Arme und Schenkel, um die Jahreszahl ihrer Wallfahrt nach Mekka oder Jerusalem aufzumerken, und sich den Ehrentitel eines Hadschi in die Haut zu reiben; und in so weit hat sich hieebei Davids Geist erhalten; denn die Wallfahrten nach Mekka und Jerusalem sind Reisen der Andacht und Reue, deren Andenken zugleich das Andenken der Buße und der vorausgegangenen Missetat ins zerknirschte Hetz zurückführt.

Oder sie taituiren sich, um den Namen der Zunft, und die Zahl der Rotte, zu der sie gehören, auf die Arme anzuschreiben; und insoweit ist weder Gutes noch Böses daran; meistentheils aber werden diese Hautinschriften von jungen Leuten dazu missbraucht, sich den Namen ihrer Geliebten, den Ausruf der Leidenschaft, oder gar förmliche Liebeserklärungen mit Blut und Pulver der Brust oder den Armen einzubrennen. Nächtlicher Weile stellen sie sich hin vor die Fenster ihrer Geliebten, verkünden ihre Leidenschaft durchs Pathos des Lieds oder einzelner Empfindungswörter, unter welchen Aman! Aman! O weh! hab' Mitleid! das vornehmste ist, ritzen sich dann Brust und Arme mit Messern auf zum Beweis ihrer heftigen Liebe, und das Wort, das dem blutigen Herz entflammt, brennen sie auf die blutige Brust. Die bis an die Schultern nackten stämmigen Arme so manches Galiondshi oder türkischen Seesoldaten, rundum mit einem Gasel oder Liebeserklärung in Versen taituirt, sind ein paar bewegliche Epigraphfäulen oder Schriftkolonnen, wodurch der Verfasser seiner Leidenschaft ein lebendiges Denkmal setzt zum Besten der Neugierde vorbeigehender Leser. David brannte sich das Andenken seiner Liebschaft mit Uria's Weib als Buße für die begangene Missetat ein, und heut zu Tag macht sich der Wahnsinn der Leidenschaft hieraus einen Triumph, welcher sowohl dem Liebenden als der Geliebten zu Ruhm und Ehre gereichen soll! So verkehrt sind die Begriffe, so verderbt sind die Sitten, so geht der Geist der löblichsten Einrichtung verloren, und dient, statt zum Guten, zum Bösen.

Eine besondere Gabe, die Gott David verliehen, war die, das Eisen in seiner Hand weich zu machen, wie Wachs. Er bediente sich dieses Talentes nicht, wie so mancher König vielleicht an seiner Stelle getan hätte, um damit zu spielen, sondern zu nützlichem Zwecke, nicht zu seiner Unterhaltung, sondern zu seinem Unterhalte. Er verfertigte nämlich Panzerhemde mit Schuppen, die man vor ihm nicht gekannt hatte, und das Geld, was er daraus löste, war sein Tafelgeld. Die Davidischen Panzer sind im ganzen Morgenlande berühmt, wie die Indischen Schwerter und Jemenitischen Lanzen. Den ersten Anlass und die Anweisung hiezu gab ihm ein Engel in der Gestalt eines Künstlers. Dieser stellte ihm vor, selbst Könige müssten außer der Regierungskunst noch eine andere zu treiben verstehen, damit, wenn es mit der ersten nicht mehr fortwollte, sie doch durch die zweite ihr Brod gewinnen könnten.

[Rand: Ibn Kessir.] Der berühmte Geschichtschreiber Hafis Ibn Aßakir hat verschiedene Überlieferungen von Davids Weisheitssprüchen und Prophetenworten gesammelt; Hier sind einige davon:

Sei dem Waisen ein gütiger Vater, und wisse, dass du ernten wirst, wie du säest.

Ein dummer Volksredner wirkt nicht mehr, als der Leichensänger am Haupte des Toten.

Schändlich ist Armut, folgend auf Reichtum, schändlicher noch Irrtum, folgend auf Wahrheit.

Sieh auf das, was von dem Volke getadelt wird, und tu's nicht, wenn du allein bist.

Versprich deinem Bruder nicht, was du zu erfüllen nicht im Stande bist, denn sonst entsteht hieraus offne Feindschaft zwischen dir und ihm.

Mohammed Ibn Omer Alwakidi, ein anderer berühmter Geschichtsschreiber, erzählt nach Ibn Heschani's Überlieferung, dass, als die Juden die große Anzahl der Frauen Mohammeds sahen, sie sich darüber aufhielten, und sich zu sagen erlaubten, dass er wohl ein größerer Prophet wäre, wenn er sich der Weiber zu enthalten wüsste; Doch Gott strafte ihren Frevel Lügen, denn im Koran kams herab vom Himmel, wie folgt:

»Wir haben dem Stamme Abrahams Schrift verliehen und Sanftmut, und große Herrschaft.« Salomon hatte tausend Weiber, siebenhundert Gemahlinnen und dreihundert Beischläferinnen, und David hundert, die Gemahlin Uria's mit eingerechnet.

David hatte die gute Gewohnheit, nie auszugehn, ohne die Türe seines Kabinets wohl zuzusperren. Eines Tages, als er nach Hause kam, fand er zu seiner großen Verwunderung mitten im Saale einen Unbekannten. Wer bist du, Kühner? fragte ihn David, der es wagt, sich durch den Vorhang hereinzustehlen, und unangemeldet vor das Angesicht der Könige zu treten. Ich bin, antwortete der Fremde, derjenige, den kein Vorhang aufhält, und der die Könige nicht fürchtet. Wahrlich! antwortete David, so bist du der Engel des Todes; und er wars. David setzte sich ruhig nieder, und übergab seinen Geist in dessen Hände, an einem Sonnabend. Salomon, sein Sohn und Nachfolger, eilte sogleich herbei, seinem Vater die letzten Ehren zu erweisen. Der junge Prinz hatte sich während seines Vaters Regierungszeit wenig um die Geschäfte bekümmert, sondern sich größtenteils mit Vögeln abgegeben. Er studierte die Vögelsprache, und hatte es darin weiter gebracht, als die größten Philologen alter und neuer Zeit. Er verstand jeden Wirbel, jeden Triller, jeden Schlag der Singvögel.

Tage und Nächte lang hatte er sie behorchet, um die leisesten und gemeinen Ohren unvernehmlichsten Unterschiede ihrer Sprache ihnen abzuhorchen. Was die Nachtigall schlägt, die Lerche trillert, der Rabe kräht, das Huhn gluchst, die Gans schnattert, der Storch klappert, und der Auerhahn balzet, verstand er, als obs hebräisch wäre. Er behorchte alle, auch die niedrigsten und gemeinsten Vögel, bloß um ihre Sprache aus dem Grunde zu lernen, und das Wörterbuch der verschiedenen Vögelmundarten so vollständig zu machen als möglich. Doch gab er sich hiermit nicht mehr ab als nötig. Das tiefere Studium, z.B. des Schnatterns, und der Balz überließ er dem gelehrten Jahn Hagel.

Er selbst horchte lieber den Jubelgesängen der Lerche, und den Sonetten der Nachtigall, von denen er mehrere mit nachahmendem Klingelreim übersetzte. Selbst das hohe Lied soll Nichts als eine Übersetzung von Vögelsprache seyn, und so lange es die Ausleger nicht aus diesem Gesichtspunkte betrachten, dürfte noch viel unnütz darüber gestritten werden, und sehr zu wünschen ists daher, dass irgend eine Medresse, d.i. Akademie, auf die Auffindung der verlornen Wörterbücher Salomons einen Preis aussetzen möge.

Doch wir wollen von diesem kleinen Absprung, der eigentlich in Salomon's Leben gehört, zu Davids Tod zurückkehren, bei dessen Gelegenheit sein Sohn zuerst die große Nützlichkeit des Studiums der Vögelsprache bewährte, und sich auf einmal in großes Ansehen setzte bei Hof und Volk, und zwar folgendermaßen:

Der Sterbetag Davids war einer der heißesten Sommertage; die Sonne stach gewaltig heiß, kein Lüftchen wehte. Man fürchtete, der Leichnam möchte, noch eh' er bestattet würde, in Auflösung übergehen, auch war die Hitze unerträglich für die Begleiter des Leichenzugs, besonders für die, so zunächst der Bahre gehen sollten.

Um allem dem abzuhelfen berief Salomon einige seiner Vertrauten aus dem Vögelgeschlechte zu sich, deren Umgang jungen Prinzen ziemt, als nämlich: die Adler, Condore, und Lämmergeier, und befahl ihnen, mit ihren Flügeln nicht nur den Leichnam, sondern auch den ganzen Leichenzug bis zum Grabe zu überschatten, und dem Zuge Wind und Kühlung zuzufächeln.

Sie gehorchten sogleich dem Aufruf des neuen Königs, und stellten sich in zahllosen Scharen ein zum Begräbnis. Die einen schwebten langsam mit weit ausgespannten Flügeln über dem Zuge einher, denselben zu beschatten, die anderen machten mit ihren fittigen Wind. Daher haben noch heute im Morgenlande die Windfächer alle die Gestalt von Vogelfittigen, denn bey dieser Gelegenheit lernten erst die Menschen, daß die Flügel nicht nur zum Fliegen, sondern auch zum Windmachen gut wären. Die Vögelgestalten, die Federn und Schwingen, welche man alten Mumienbehältnissen und ägyptischen Totenkleidern angemalt sieht, deuten alle auf diesen wunderbaren Leichenzug hin; eine wichtige archäologische Andeutung für die Entziffrer ägyptischer Hieroglyphen.

Die Raben und gemeinen Geyer, welche den feierlichen Totenzug der Adler und Lämmergeyer mit angesehen hatten, nahmen sich vor, denselben bei der nächsten Gelegenheit nachzuahmen. Sie wollten den ersten besten Toten auf dieselbe Weise bestatten; von ihrer gemeinen schlechten Natur überwältigt fielen sie über den Leichnam her und begruben ihn selbst in ihren Mägen, statt denselben mit Ehren zu bestatten. Welch ein Unterschied zwischen Naturen und Naturen, zwischen Edeln und Gemeinen! Raben und Geyer entheiligen noch immer den Leichnam der Toten.

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