Rosenöl
Rosenöl (Hammer-Purgstall)

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1813 n.Chr.

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Rosenöl - Joseph von Hammer-Purgstall

26. Suleiman

Suleiman, den wir Salomon nennen, Prophet und König zugleich, wie sein Vater David, ist der größte Weltbeherrscher, dessen die Geschichte alter und neuer Zeiten erwähnet. Ihm war die Herrschaft gegeben, nicht nur über die Menschen und Tiere, sondern auch über die Dschinnen und Peries; Er war der Herr und Meister, der Körper und der Geister. Er war mit Gaben und Vorzügen ausgezeichnet, die keinem seiner Vorfahren und Nachfolger zu Teil geworden. Er besaß den Siegelring, dessen Zaubermacht ihm die Herrschaft über die Geister verlieh. Statt eines Reitpferdes diente ihm der Ostwind, der ihn auf sein Geheiß in einem Augenblicke über weite Strecken führte, so dass er gewöhnlich in Cuds, d.i. in Jerusalem zu frühstücken, in Istachar, d.i. in Persepolis zu Mittag zu speisen, und in Tadmor, d.i. in Palmyra, zu nachtmahlen pflegte. Die herrlichen unübertroffenen Werke der Baukunst, die sich in diesen drei Städten erhoben, und deren Ruinen den Wanderer noch heute mit heiligem Erstaunen ergreifen, der Tempel Sions, Palmyras Säulengänge, der Reichspalast Istachar's sind das Werk Salomons des großen Baumeisters.

Menschenkraft und Menschenalter hätten nicht hingereicht, diese ungeheueren Bauten aufzuführen, und zu vollenden, sie sind das Werk der Dschinnen und Dämonen, die, der Herrschaft Salomons untertan, diese Felsenstücke auftürmten, mit Gleichgewicht und Gleichmaß.

Nicht Menschenhände, kein gemeiner König, nur Dschinnen unter Salomon konnten solch ein Werk vollbringen. Ungeregelte Kraft erschöpft sich in fruchtlosem Bemühen, wenn sie nicht von Weisheit gezügelt wird; Herrschermacht, der kein Genius zu Gebot steht, vollbringt nichts Großes; nur Macht und Genius vereint, bezwingen das Ungeheuere, und erstaunen die Nachwelt durch ihre Schöpfungen. Wer hat nicht gehört vom Tempel Salomons, wer kennt nicht die Prachtruinen von Palmyra und Persepolis! In diesen drei Königsstädten verfloss Salomons Tag, eingeteilt nach seines Vaters Davids Weise in drei Teile, für Propheten, Regierungs- und Hausgeschäfte.

Wenn der Strahl der Morgensonne die goldnen Zinnen Sions begrüßte, dampften schon im Tempel des Herrn die Opfer. Salomon ging ins Allerheiligste, um Kraft und Weisheit zu erstehen für die Geschäfte des Tags, und Segen für die ihm anvertrauten Völker. Er vergrößerte und veredelte seinen Geist durch Aufschwung zur Gottheit, er dankte und vertraute dem Herrn durch Preis- und Hochgesang. Die Chöre der Prophetenknaben, unter Assafs Anführung, stimmten Hymnen an mit Citern und Schalmeien, mit Psalter und Cymbelklang. Angestrahlt von den spiegelnden Wänden des Tempels, von den goldnen Gewändern der Priester, von den funkelnden Opfergefäßen, unter Weihrauchduft und Chorgesang, und Psaltergetön empfing Salomon die Sprüche der Weisheit. Ihre Eingebungen waren die Seele seiner Handlungen den Rest des Tages hindurch. Wahre Weisheit ist, die im Leben wirkt zur Erreichung des Höchsten und Besten.

Nachdem er den Religions- und Prophetenpflichten genug getan, und die Hierarchie der Kinder Israels geordnet hatte, bestieg er entweder den Thron, (von dem bald ein Mehreres) oder das Flügelpferd des Ostwinds, und ward von diesem, oder von den Trägern des Throns, den Dschinnen, nach Istachar, der Hauptstadt des Weltreichs, gebracht.

Dort erheben sich noch auf sieben Hügeln von einem Marmorwalle umfangen, einzelne Teile des ungeheuren Reichspalastes, in welchem Salomon Dschinnen und Menschen, Vögeln und vierfüßigen Tieren zu Gericht saß. Hier war Salomons Diwan oder Genlenversammlung; denn Diw ist im Persischen so viel als Dschinn im Arabischen; Diwan heißt eine Mehrzahl von Dschinnen; der Reichsrat des Weltbeherrschers musste eine Versammlung von Dämonen sein. Seitdem bezeichnet Diwan im Morgenlande jede Versammlung von Räten und Richtern, denen, wenn nicht im Einzelnen, doch insgesammt Dämonskraft einwohnen soll. Dämonskunst hat auf den Wänden des Palastes die wunderbaren Gebilde ausgehauen, deren Vollendung und Erklärung den Wandrer in Erstaunen und Verwirrung setzt. Es ist Salomon auf seinem Throne, der die Huldigungen der Völker empfängt. Peris (Herwers) die reinen Geister, schweben über seinem Haupte in luftiger Gestalt; Dschinnen unter Tiergestalten mit Menschengesichtern sind die Pfortenbüter. Helden kämpfen mit reißenden Tieren; ein Symbol des immerfortwährenden Kampfs des Guten mit dem Bösen. dass dieses nie die Herrschaft über jenes erlange, ist der Zweck jeder weisen Regierung.

An den Türen und Fenstern laufen seltsame Junschriften herum aus goldnen Pfeilen zusammengesetzt.

Schnell fliegend, durchdringend, nie zurückkehrend, wie das Wort, ist der Pfeil das schönste Bild desselben. Die wirksamsten Waffen und wirksamsten Reden sind goldne Pfeile, und goldne Worte. Diese Zeilen sind Herrscherworte, und Sprüche der Weisheit in Dämonenschrift gekleidet. Wem wirds gelingen, dieselben zu entziffern? Nur einem Dämon wirds gegeben, zu lesen die Schrift der Dämonen.

Hier nun saß Salomon zu Rat auf seinem Throne, der von Dschinnen in Tiergestalten getragen, und von den Vögeln überschattet ward. Auf den Stufen desselben standen die vier Wesire oder Stellvertreter des Geschlechts der Menschen, der Dschinnen, der Vögel, und der vierfüßigen Tiere. Zur Rechten des Throns waren zwölftausend goldne Sitze für die Propheten, und Patriarchen und Heiligen, zwölftausend andere zur Linken für die Könige, und Fürsten und Weisen. Dort die Propheten- und Priester-, hier die Herren- und Gelehrtenbank.

Die beiden ersten seiner Wesire waren Assaf, der Repräsentant des Menschen – und Simurg, der Repräsentant des Vögelgeschlechtes. An diesem Vorzuge der Vögel vor den vierfüßigen Tieren, und selbst vor den Dschinnen mochte wohl Salomons uns schon bekannte Jugendliebe der Vögel die meiste Ursache haben.

Assaf war nicht nur der größte Weise, sondern auch der größte Tonkünstler seiner Zeit; er regierte mit gleich geübter Hand die Länder, und die Chöre der Prophetenknaben, gleicht geschickt, Salomons Herrscherworte in Ausübung zu bringen, und seine Lieder in Musik zu setzen. Das Ideal aller vergangenen und zukünftigen Wesire und Hofkapellmeister.

Simurg ist uns ohnedies schon bekannt als Wesir der siebzig Salomonen, die vor Adam die Erde beherrschten. Seitdem hatte er in Abgeschiedenheit gelebt auf dem Berge Kaf, aber als Salomon den Thron bestieg, erschien er an dessen Hof, und er ward sogleich als Vögelwesir vorgestellt. Salomon bediente sich aber seines weisen RaTes nicht nur in Vogelangelegenheiten, sondern auch in anderen Reichsgeschäften, besonders wenn es darauf ankam, Dschinnen zu bestrafen, und in Zucht zu erhalten. Denn da Simurg den Dschinnenbeherrschern der adamischen Vorwelt durch siebzigtausend Jahre als Wesir gedient hatte, so musste seine kleine Erfahrung unvorgreiflichst bei Salomon Etwas gelten.

Wenn sich nun die Dschinnen bei dem ihnen aufgetragenen Bau von Istachar und Tadmor widerspenstig bewiesen, so ließ Salomon sie zwischen zwei Marmorblöcke einzwängen, und so als Grundstein dieser ungeheuern Gebäude legen. Von Zeit zu Zeit regen sie sich mit höchster Kraftanstrengung, um die Grundfesten, die so schwer auf ihnen lasten, zu erschüttern, aber ungeachtet der vielfältigen Erdbeben, die sie hierdurch seit Salomons Zeit hervorgebracht, trotzen diese Gebäude ihrem ohnmächtigen Bemühen. Andere empörte Dschinnen schloss er in metallne Töpfe ein, die er mit seinem Ring versiegelte, und dann in den Grund des Meeres werfen ließ. So beherrschte Salomon die Geister. Doch um hier nicht auf Begebenheiten abzuschweifen, die bald umständlicher geschildert werden sollen, kehren wir zu Salomons Tagesordnung zurück.

Nachdem der Diwan auseinander gegangen war, wurde in den Höfen und auf den Terrassen des Reichspalastes die Mahlzeit bereitet für den ganzen Hofstaat der Menschen, Vögel, Dschinnen und vierfüßigen Tiere; gekocht wurde nicht in Töpfen, denn wo hätte man die ungeheuren Töpfe hernehmen sollen für eine solche Menge Volkes, sondern in Kesseln, aber nicht in ehrnen oder eisernen, sondern in Felsenkesseln, die in einem nahe bei Istachar gelegenen Berg gehauen waren; angerichtet wurde von den Dschinnen in großen Becken, ebenfalls in den Felsen gehauen. Späterhin hat man sich der Felsenkesseln zu Gräbern der Könige, und der Becken als Bassins zu Wasserkünsten bedient. So ist's, das Große wird immer klein, bei einem entarteten Geschlecht, und die Einrichtungen zwergeln, wenn der Staat zusammenschrumpft. Mit dem Überfluss der Hoftafeln stach die Mäßigkeit, die an Salomons eigenem Tische herrschte, gewaltig ab. Denn während Menschen, Vögel und Dschinnen im Überfluss schwelgten, bestand Salomons Mahl nie in etwas Anderem als trockenem Gerstenbrod und lauterem Wasser. Menschen und Tiere, Dschinnen und Vögel möchten essen, pflegte er zu sagen, so viel sie wollten, aber der, so die Herrschaft über dieselben üben wolle, müsse sich selbst beherrschen, und durch Unmäßigkeit nicht zu ihres gleichen herabwürdigen.

Sobald nun die Tafel aufgehoben war, schwang sich Salomon auf den Ost und flog davon so schnell er konnte, aus Furcht, dass nicht Händel und Klagen und Regierungsgeschäfte und Sorgen hinter ihm aufsitzen, und mitgaloppiren möchten nach Tadmor zu seinem Hareme, wo er den Abend und die Nacht zubrachte.

Dort waren die Palläste und Schlafkammern seiner tausend Frauen, wovon siebenhundert Gemahlinnen, und dreihundert Beischläferinnen. Die langen Säulengänge, in denen sich noch heute das Auge verliert, waren die Gänge des Harems, zu deren beiden Seiten sich die Gemächer der Frauen reihten; jedes eine Wohnung für sich mit den dazu gehörigen Zimmern für die Aufwärterinnen und Sklavinnen im unteren und oberen Stockwerk.

Tausend Frauen hatte Salomon, aber tausend und Eine waren ihm bestimmt; auch liebte er die Zahl von Tausend und Einer. Diese voll- oder überzählige Eine war Balkis, die Königin von Saba, deren Liebesschichte mit Salomon hier umständlich folgt.

Salomon war von Natur ein kriegerischer und eroberungssüchtiger Fürst. Von Zeit zu Zeit unternahm er Streifzüge nach fernen Ländern, um seine Herrschaft so viel als möglich über die ganze Erde auszudehnen. Er hatte von Saba gehört, dem alten berühmten Königreiche im mittäglichen Arabien, hatte gehört, dass die Bewohner desselben Ungläubige seien, und sogleich ward sein Eroberungsgeist und Glaubenseifer rege, um das Land zu bezwingen, und die Bewohner zu bekehren. Die Befehle wurden gegeben, den Thron reisefertig zu machen für einen langen und beschwerlichen Kriegsmarsch, und der Zug ging von Syrien durch die Wüste gerade nach der Gegend von Mekka und Medina.

Hier ließ Salomon Halt machen, und wallfahrtete rund um die Kaaba, im voraus das Andenken und die Satzung des größern Propheten späterer Zeiten ehrend; dann ging der Zug weiter fort gegen Saba. Der Wind blies heiß aus der Wüste, und weit umher war nirgends Wasser zu sehen. Wenn es darauf ankam Wasser aufzufinden, so war immer Hudhud, d.i. der Widhopf, der Ausspäher. Dießmal fragte zwar Salomon den Ostwind, ob er nicht auf seinem Wege Quellen gefunden, aber dieser antwortete ihm: Herr, ich komme trockenen ATems aus der Wüste, und weit und breit hab' ich kein Wasser gesehen, ist aber irgendwo eines zu erspähen, so kann nur Hudhud hievon die beste Kunde geben.

Du hast Recht, sprach Salomon, aber wo ist Hudhud? ich sehe ihn nicht auf seinem Posten, und umsonst suche ich ihn im ganzen Vögelchor. Der soll mir's büßen, es sei denn, er bringe eine seltne Kundschaft, wofür ich ihm schon manchen Streich durch die Finger gesehn.

Hudhud war unterdessen schon in Saba, wohin er den Vorsprung getan, um bis zu Salomons Ankunft das Land auszukundschaften. Saba ward damals von einer Königin beherrscht, Namens Balkis, berühmt durch ihre Schönheit (denn so wie Jusuf der schönste der Männer, so war Balkis die schönste der Frauen) aber berühmter noch durch ihre Weisheit. Sie war die Tochter eines mächtigen Königs und einer Peri.

Hudhud erlustigte sich in der Stadt Saba, und kam endlich in den Palast der Königin, die auf einem großen Paradebette von siebzig Fuß im Gevierten ruhte.

Das Bette ist der eigentlichste Thron der Frauen, und Betten von so ansehnlicher Größe sind eine wahre Mahl- und Wahlstatt der Jugend und Liebe. Ober dem Thronhimmel hing ein goldener Käficht, worin ein Widhopf eingesperrt war. Hudhud nahte sich seinem Bruder, dem Widhopf, der ganz verwundert, einen Fremdling zu erblicken, ihn fragte: von wannen er käme, und was sein Begehren sei. Hudhud gab sich als einen Hofbeamten Salomons an, und war in dem Lobe von der Pracht und Macht, von der Größe und Weisheit seines Herrn unerschöpflich. Der Königin Widhopf wollte im Lob seiner Frau nicht zurückbleiben, und sprach ein Langes und ein Breites über die Schönheit und Weisheit seiner Gebieterin, die von Gottes Auge, das ist, von der Sonne mit vorzüglicher Gunst angeblickt würde. Daran hatte Hudhud für heute genug, und kehrte um. Auf dem Wege begegneten ihm mehrere Vögel, seine Freunde, die ihn vor Salomons Zorn und Ungnade warnten. Er wird dich tödten, er wird dich erwürgen, sagten sie; und sonst hat Salomon Nichts hinzugesetzt, fragte Hudhud? Ja, war die Antwort, es sei, setzte er hinzu, dass er mir seltsame Kunde bringe. Nun, da ists mir nicht mehr bange, rief Hudhud, und ließ sich zu Salomons Füßen nieder.

Ich bringe Dir, sprach er, Kunde,
Die Du nie gehört aus anderem Munde
Von Sabas Königin
Kunde von tiefem Sinn.

Ei, sprach Salomon, lass hören. Hudhud erzählte ihm Vieles von ihrer Schönheit und Weisheit, und wie großes Verdienst es sein würde, die Königin und ihr Volk vom Sonnendienste zum Dienste des wahren Gottes zurückzuführen. Wir wollen sehen, sprach Salomon, ob du kein Lügner bist! Da, nimm den Brief, und bestelle ihn, aber nicht ungeschickt, Hudhud, wenn dir die Strafe für deine eigenmächtigen Ausflüge nachgesehen werden soll.

Hudhud kehrte nach Saba zurück, und fand Balkis so wie das erstemal auf ihrem Thron oder Himmelbette ruhend, umringt von der Schaar ihrer Hofdamen und Kammerfrauen. Er schwebte leichten Flugs ober dem Bette hin, und ließ Salomons Briefchen so geschickt senkrecht niederfallen, dass es gerade hinter den Busenschleier in die tiefe Falte fiel, welche von der Natur zur Brieftasche für zärtliche Billete bestimmt zu sein scheint.

Was ist das! rief Balkis ganz außer sich; so geschickte Boten kann nur ein großer König senden; ein großer König, fürwahr, muß es sein, dem die Vögel der Luft zu Briefbestellern dienen.

Sie versammelte sogleich den Staatsrat, und eröffnete in Gegenwart ihrer Minister das königliche Handbillet, worinnen weiter Nichts stand, als:

Von Salomon, an Saba's Königin;

Vekehre Dich zur Schaar der Moslimin.

Kurz und gut, sagte Balkis; das ist eine Einladung zu einem Stelldichein des wahren Glaubens, wenn ich anders die Prophetenworte recht verstehe; was meinet ihr, ihr meine hochbetrauten Räte? Der Räte unvorgreiflichstes Ermessen ging dahin, dass man sich zum Kriege rüsten müße, denn eine solche Einladung von einem Könige, wie Salomon, der im Glauben, so wie in der Herrschaft, auf Einheit ausgeht, sei nicht viel besser, als ein Manifest.

Nicht so schnell abgeurteilt! fiel ihnen Balkis in die Rede. Mit einem so mächtigen Könige sich in Krieg einzulassen, ist kein leichtes Unternehmen, besonders wenn er obendrein noch Prophet ist.

In wie weit dies wahr sei, zu bewähren, ist das Nötigste. Ist Salomon ein gemeiner König, so lässt er sich wohl auch mit Geschenken abfertigen, ist er's nicht, und ist er, wie ihr sagt, wirklich Prophet, so wird er nicht nur keine Geschenke annehmen, sondern uns auch auf die spitzfindigsten Fragen, die wir ihm vorlegen können, antworten. Es lebe die Weisheit der Königin, rief der Staatsrat, dies ist das Wahre.

Die Proben, mit welchen Salomons ProphetenTum bewährt werden sollte, wurden von der Königin selbst ausgedacht. Erstens ein verschlossenes Gefäß von kostbarem Metalle: Salomon sollte, was darinnen sei, erraten aus der rätselhaften Andeutung:

Es schließet dieser Becher ein,
Was bohrt und wird gebohrt,
Zwiefachen Edelstein.

Das zweite Geschenk waren hundert Mädchen, und eben so viele unbärtige Knaben, gleich gekleidet, deren verschiedenes Geschlecht nur ein Prophetenauge unterscheiden konnte.

Endlich sollte er die Frage beantworten:
Was ist das Wasser, das
Nicht von dem Himmel fällt,
Nicht aus der Erde quellt,
Das süß und bitter rinnt aus einem Glas.

Die Gesandten traten die Reise an, schwer beladen mit Geschenken und Weisheit. Sie entrichteten dem Könige der Königin Heil und schwesterlichen Gruß zuvor von der Königin von Saba, und brachten zuerst den verschlossenen Becher und die rätselhafte Andeutung in aller Untertänigkeit vor. Salomon sprach:

Der Demant bohrt, die Perle wird gebohrt,
Schert Euch mit Perlen und Demanten fort,

Die sind bei Weibern, nicht bei mir, am rechten Ort.

Die Gesandten trugen nun das Rätseln vor:

Was ist das Wasser, das
Nicht von den Wolken fällt,
Nicht aus der Erde quellt,
Das süß und bitter rinnt aus einem Glas.
welches Salomon folgendermaßen löste:
Die Träne ist das Wasser, so
Nicht von den Wolken fällt,
Nicht aus der Erde quellt,
Aus einem Auge weint der Schmerz sich satt, die Lust sich froh.

Nun war noch die schwerste Probe zu bestehen, nämlich der Unterschied des Geschlechtes der hundert Knaben und Mädchen, die gleich gekleidet vor Salomon erschienen; was am schwersten scheint, lösen Propheten auf die einfachste und leichteste Weise.

Salomon befahl Essen aufzutragen, und nach dem Essen Wasser aufzugießen zum Händewaschen. Die Gewohnheit war damals in den Haremen, dass Mädchen das Wasser immer mit der hohlen Hand auffingen, Knaben aber im Gegenteile von der Wiege an gelehrt wurden, sich's auf die umgekehrte Hand aufgießen zu lassen. So bald nun die Diener das Wasser aufgossen, fingen die Knaben es mit dem Rücken, die Mädchen mit dem Inneren der Hand auf, wie sie's von jeher gelehrt worden waren; und diesen einfachen Umstand, durch den Salomon den Unterschied der Geschlechter erkannte, hatte Niemand zuvor bedacht.

Die Gesandten waren beschämt durch Salomons transzendentale Weisheit. Sagt Eurer Königin, dass ich ihr für ihre Geschenke, deren ich nicht bedarf, schönstens danke, dass ich sie selbst erwarte, um sie zum wahren Glauben zu bekehren. Balkis, überzeugt, dass Salomon kein gemeiner Regent, sondern ein Prophet sei, beschloss sich auf den Weg zu machen. Leicht trennte sie sich von ihrer Hauptstadt, und ihren Schätzen, schwer von ihrem Bett' und Thron. Die Leibgarde wurde besonders zurückgelassen, das Thronbette zu bewahren, sie selbst von ihrem Heere begleitet zog Salomon entgegen.

Der weise König hatte sich durch Hudhud viel erzählen lassen von diesem herrlichen Himmelbett und Frauenthron. Er wusste, wie sehr ihr Herz daran hieng, und dass der Weg dahin durchs Bett gehe. Er äußerte den Wunsch, des Throns habhaft zu werden. Der Wesir Aßaf, Sohn Varchias, stellte sogleich untertänigst vor: Nichts sei leichter, einer der gewaltigsten Dämonen, deren sich Salomon als Thronträger bediente, trug sich an, den Thron samt Leibgarde in einem Augenblicke herzuschaffen. Salomon winkte sein Ja; während er nickend das Auge schloss und öffnete, stand auch schon das Thronbette vor ihm.

Die Dschinnen hatten die schöne Königin bei Salomon verschwärzt, sie habe Haar auf den Füßen. Sich deß zu überzeugen, befahl Salomon den Dschinnen, sie sollten dem Thron einen künstlichen Schmelz unterlegen, der das Wasser täuschend nachahmte.

Als Balkis hinzutrat, hob sie ihr Kleid auf, in der Meinung, sie habe durch Wasser zu waten. Salomon sah die schönste Wade und den glattesten Knöchel, geformt zum Entzücken, ohne ein Härchen daran. Darob erfreute er sich innig, und seit dieser Entdeckung ist's im Orient immer erlaubt gewesen, dass ein Verlobter seiner Zukünftigen Knöchel und Wade schauen dürfe ohne Sünde, während dem Unverlobten es Sünde ist, das Gesicht zu beschauen, auf das er an's Knöchel und Wade schließen mag.

Balkis war, wie gesagt, die Tochter eines mächtigen Königs und einer Peri; der Stoff einer ihrer ersten Unterredungen mit Salomon war die Geschichte ihrer Geburt, die wir ihrer Seltsamkeit willen nach Al-Tabari hier einschalten wollen.

Es herrschte in China ein mächtiger Kaiser, ein großer Liebhaber der Jagd. Einmal stießen ihm auf dem Wege zwei Schlangen auf, eine schwarze und eine weiße, in tödtlichem Kampf miteinander begriffen. Die weiße schien ihrem Ende nahe. Der Kaiser hieb die schwarze entzwei, ließ die weiße auf ein MaulTier aufladen, und befahl, das man sie in sein Kabinet trage, um sich dort zu erholen.

Am nächsten Morgen, als der Kaiser ins Kabinet ging, fand er eine schöne himmlische Gestalt, die sich sogleich als eine Peri zu erkennen gab, und ihm dankte, dass er sie gestern aus den Klauen eines Diwes, der sie als schwarze Schlange zu erdrosseln drohte, gerettet hatte. Begehre von mir, sprach sie, was du willst, ich will dir's gerne geben, um Dir meine Dankbarkeit zu bezeigen. Willst Du Schätze? – Ich habe deren genug, antwortete der Kaiser. Soll ich Dir die Geheimnisse der Arzneikunde entdecken? – Ach! an Aerzten fehlt es mir nicht, und ich habe deren immer mehr, als ich brauche. – Nun so wirst du meinen dritten Anbot nicht in den Wind schlagen. Ich habe eine Schwester, die schönste der Peris, ich verschaffe sie Dir zur Frau, und Du wirst glücklich sein mit ihr, wenn Du nur Eines versprichst und hältst. – Was denn? – Sie nie um das Warum ihrer Handlungen zu fragen; laß sie Tun, was ihr beliebt, nur frage nie, warum sie dies und jenes geTan, sonst fliegt sie Dir auf der Stelle davon, und Du bekommst sie nie wieder zu sehen. Der Kaiser versprach Alles, und die Vermählung ging bald hernach vor sich. Die Peri war so schön, dass es dem Kaiser unmöglich schien, sich nur einen Augenblick von ihr zu trennen. Nach neun Monden ward sie von einem Knaben entbunden, rein und zart, wie eine Perle. Bald nach der Geburt sah der Kaiser ein helles Feuer aufflammen vor der Tür. Die Kaiserin wickelte ihr Kind in ein seidenes Tuch, und warf es in's Feuer, das sogleich damit verschwand. Der Kaiser weinte, und riß sich den Bart aus vor Schmerzen, aber zu fragen traute er sich nicht, warum sie das geTan. Sie kam mit einem Mädchen nieder, das durch den Glanz seiner Schönheit Sonne und Mond verdunkelte. Die Mutter wickelte es in ein seidenes Tuch ein; bald darauf erschien an der Türe eine schwarze Bärin, der die Mutter das Kind in den Rachen warf, und die damit verschwand. Der Kaiser hätte verzweifeln mögen aus Schmerz. Er riß sich Bart und Haare aus, aber zu fragen traute er sich nicht; was war zu Tun; Geduld und Ergebung, um sich das Leben nicht umsonst zu verkümmern.

Nach kurzer Zeit drohte ein mächtiger Feind China mit Krieg zu überziehen. Der Kaiser befahl dem Heere, sich mit Proviant zu versehen auf siebentägigen Marsch, denn man musste die Wüste passieren. Am fünften Tage kam die Kaiserin mit einem großen Messer in der Hand, schnitt die Brodsäcke und Wasserschläuche entzwei, verstreute den ganzen Proviant, so dass Kaiser und Heer dem Hungertod nahe gebracht waren. Was zu viel ist, ist zu viel, rief der Kaiser, ich sehe wohl, dass eine Verbindung mit Peri's für Menschen Nichts taugt, und dass es bloß auf mein Verderbnis abgesehen ist. Meiner Kinder hat sie mich beraubt, nun will sie auch mich und mein Heer zu Grunde richten.

Der Kaiser stellte seine Frau zur Rede. So könnt ihr Menschen doch nie durch volles Vertrauen Euch einer Peri würdig machen, antwortete sie; immer müßt ihr Euer Glück durch unzeitigen Vorwitz verscherzen; armer Kaiser! wie Dich deine Neugierde noch dauern soll; doch will ich sie vor der Hand befriedigen. Zuerst wisse, dass dein Wesir, an die Feinde verkauft, heute Brod und Wasser vergiftet hat, um Dich und dein ganzes Heer zu Grunde zu richten. Das Kind, das ich ins Feuer warf, hatte einen natürlichen Konstitutionsfehler, und würde drei Tage nicht überlebt haben; das Mädchen ist noch am Leben, die Bärin, der ich es anvertraut habe, ist eine Amme, die dasselbe säugt und leckt. Du sollst dein Töchterchen wieder haben, aber die Mutter des bekommst Du nicht mehr zu sehen. Sogleich brachte die Bärin das Kind herrlich mit Juwelen ausgestattet, und die Peri entfloh. So zarte, so reine, so überirdische Geschöpfe, als Peri's, sind nicht dazu gemacht, mit Menschen zu leben. Sie fodern volles, unumschränktes, unerschütterliches Vertrauen in ihre Freundschaft und Treue, und wie viele der Männer sind dieses Vertrauens fähig? Immer martert die Unruhe und Neugierde die Sterblichen, die sich von der tiefen, über alle Sorge erhabenen, Gemütsruhe der Peri's keinen Begriff machen können. Deßhalben haben die Verbindungen der Menschen mit Peri's keinen Bestand. Dies Kind der erst erwähnten Ehe war Balkis, die Königin von Saba, berühmt durch ihre Schönheit, berühmter durch ihre Weisheit. Schönheit und Weisheit sind ein Erbstück der Peri's und der Propheten, doch so, dass die Peri's den Preis der Schönheit, und die Propheten den Preis der Weisheit behaupten; dies ergab sich auch aus einem Wettstreit zwischen Salomon und Balkis, der sich damit endete, dass Salomon der Schönheit von Saba's Königin unterlag, und Balkis sich von der Weisheit Salomons als überwunden erkennen musste.

An Salomons Hofe lebte unter andern Weisen, welche die Ehre hatten, vor seinem Throne auf goldenen Stühlen zu sitzen, ein gewisser Ruja. Salomon fragte ihn einst, was auf Erden mehr sei, des Lebens oder des Todes, des Wohlstandes oder des Verfalles. Ruja antwortete, der Tod hat die Oberhand über das Leben, und der Verfall über den Wohlstand, denn die Lebendigen sind aus dem Staube der Toten erstanden, und werden wieder in Staub verfliegen; alle Gebäude, alle Einrichtungen, die heut bestehen, sind aus den Materialien der alten und verfallenen zusammengesetzt. Es ist nichts Neues unter der Sonne.

David hatte zwar der Frau Uria's versprochen, dass, wenn sie einen Knaben gebären würde, er zum Nachfolger ernennt werden sollte, und er wankte nie im Entschlüsse, sein Versprechen zu erfüllen, um aber seine übrigen Söhne zu überzeugen, dass der Himmel den würdigsten zum Herrscher des Volkes ausersehen habe, legte ihnen David folgende sieben Fragen vor aus einer vom Himmel gefallenen Schreibtafel.

Was ist das Kostbarste auf Erden? Die Prinzen verstummten, Salomon allein trat hervor, und antwortete, die Seele sei das Kostbarste auf Erden, desgleichen beantwortete er die folgenden Fragen:

Was ist das Bitterste? Die Armut.
Was ist das Süßeste? Die Liebe.
Was ist das Hässlichste? der Unglaube.
Was ist das Nächste? das andere Leben.
Was ist das Fernste? das Weltglück.
Was ist das Edelste? die Vernunft.

Salomon saß eines Tags in seiner Hauskapelle, als er durch die offene Türe drei ungeheure Geniengestalten den Gang einherschreiten sah; je näher sie kamen, desto kleiner und menschlicher ward ihre Form, und der erste trat hinein ins Kabinet. Wer bist Du, guter Freund, begrüßte Salomon den Fremdling. Ich heiße, antwortete die Geniusgestalt, nachgiebige SanftmuT, und komme, Dir Gesellschaft zu leisten. Du bist ein guter Geselle, erwiederte Salomon, in der gewöhnlichen Gesellschaft, nur für Könige taugst Du Nichts, die mit Dir gar bald um ihr Ansehen kämen; ich danke Dir also für deinen guten Willen, und wünsche, Du mögest Dich lieber bei meinen UnterTanen einquartieren.

Der zweite Genius trat hinein. Wer bist Du, schöne, erhabene Gestalt, die mir Ehrfurcht einflößet? – Ich bin die Vernunft, und wünsche deiner engsten Gesellschaft werT zu sein. Das bist Du ganz gewiß, liebe Vernunft, aber verzeih mir, immer mit Dir umzugehn, immer deine strenge Hofmeistereien vor Augen zu haben, würde mir allen Lebensgenuß verleiden. Ich ehre und schätze Dich, besonders, wenn Du an der Seite meiner Minister erscheinst, aber Dich immer an meiner Seite zu sehen, dazu kann ich mich unmöglich entschließen; ich nehme deinen guten Willen für's Werk an; laß mich nun den dritten Mann schauen.

Die dritte Gestalt, nicht minder schön, als die beiden vorigen, hatte Etwas unwiderstehlich Anziehendes. Wie heißt Du; fragte Salomon? – die einen heißen mich die Bitte, die andern das Gebet, ich komme, um deine vertraute Freundschaft zu werben. Sei willkommen, erwiederte Salomon, und weiche nicht von meiner Seite, denn nur durch dich gewinnt das Leben Sinn und Bedeutung. Ohne Erhebung des Herzens zu Gott fließen die Menschentage leer und unnütz dahin. Bleibe also bei mir als unzertrennlicher Gefährte.

Unter mehreren Sagen, welche die morgenländische Geschichte von Salomons Herrschaft über die Tiere und seinen Verkehr mit denselben aufbewahret hat, ist das Gespräch mit der Ameisenkönigin eines] der bekanntesten, auf welches häufig angespielt wird.

Alle Tiere hatten Geschenke gebracht zu Salomons Thron, um ihm zu huldigen, auch die Ameise nahte sich mit dem Fäserchen eines Strohhalmes im Munde. Salomon nahm die Ameise auf die Hand, um zu vernehmen, was ihr Begehren sei. Ich bin, sprach sie, die Ameisenkönigin; Millionen getreuer, arbeitsamer, unternehmender UnterTanen gehorchen meinen Befehlen. Klein sind unsre Kräfte, doch groß ist unser MuT und Unternehmungsgeist; was der einzelnen unmöglich, ist der vereinten Kraft Tunlich und leicht. Zwar bist Du Salomon, König der Könige, Prophet, Herr und Meister der Menschen und der Geister; die Schätze der Welt sind an den Stufen deines Thrones aufgeTürmt, und Du magst vielleicht auf die Kleinigkeit meiner Gabe verächtlich niederblicken; deß ungeachtet nahe ich mich Dir vertrauensvoll, und flehe für mich und meinen Staat deine Huld an. Salomon ward durch diese Anrede sehr günstig eingenommen für die Ameise, er verschmähte nicht das Fäserchen des Grashalmes als Geschenk anzunehmen, und würdigte dasselbe nicht nach dem äußeren WerT der Gabe, sondern nach dem inneren des Gebers. Seitdem berufen sich alle Minderen, welche den Großen Geschenke darbringen, alle Schriftsteller, welche Königen oder Wesiren Bücher widmen, auf das Beispiel der Ameise, und flehen um die Huld, mit der Salomon ihr Geschenk annahm.

Salomon beherrschte die Dschinnen und Peri's kraft seines Siegelringes, dem der Name Gottes und die Formeln der Macht und Herrschaft eingegraben waren. Dies wußten die Dämonen, und seit zwanzig Jahren, dass Salomon regierte, hatten sie auf den Augenblick gelauert, des Ringes habhaft, und ihres Joches los zu werden; zwanzig Jahre lang hatten sie sich umsonst bemüht, dem Propheten einen einzigen Moment der Schwäche abzulocken; er vergaß nie seiner Macht und Würde, und durch solches sich immer gegenwärtiges, Selbstgefühl hielt er die Geschlechter der Dämonen in Zucht und Ordnung.

Endlich gelangs doch dem listigsten derselben, den König der Könige in einem schwachen Augenblicke zu überlisten, und sich in Besitz des Ringes zu setzen; sei es, wie einige sagen, weil Salomon, so oft er ins heimliche Gemach ging, den Ring unvorsichtigerweise ablegte; sei es, und dies ist das Wahrscheinlichere, dass eine seiner Beischläferinnen, welche verborgenerweise den Götzen diente, den Ring im Augenblicke des Genußes abzuziehen Gelegenheit fand. Wie dem immer sei, so ists gewiss, dass Könige weder im heimlichen Gemach, noch im Hareme sich der Herrschervorsicht begeben dürfen, und dass dies Geschick hauptsächlich deswegen über Salomon verhängt ward, weil sein Palast durch Götzendienst verunreinigt worden. Der Diw, dem es gelang, sich des Siegelrings zu bemächtigen, hieß Sihrtschin. Er bestieg den Thron Salomons, und als sich dieser als den wahren Propheten, und den Diw als einen Betrüger und Usurpator ankündigte, fand er nirgends Glauben; er ward erst verhöhnt, und dann geschlagen und verstoßen auf Befehl des regierenden Diws; umsonst waren alle seine Bemühungen, für den rechtmäßigen Herrscher erkannt zu sein, der Diw behauptete die Rechte desselben. So viel liegt daran, im Besitze zu sein des Siegelrings und der Macht über die Dämonen.

Als nun Salomon sah, dass er mit Regieren nicht mehr sein Brod verdienen könne, nahm er seine Zuflucht zu einem anderen Erwerbszweige. Er dingte sich bei Fischern ein, um statt Menschen und Geistern doch wenigstens die Bewohner des Meeres zu umgarnen. Deßwegen ist der Fischfang noch heute eine königliche Unterhaltung, nur denken die Wenigsten dabei, dass Salomon hiedurch sauer sein Brod verdienen mußte, denn die Fischer gaben ihm nicht mehr, als zwei Fische des Tages, deren einen er in Brod umsetzte, um davon zu leben.

Eine der ersten Unternehmungen des regierenden Diw's war, dass er die Bücher der Zauberei und schwarzen Kunst, welche Salomon unter seinem Throne versteckt hatte, hervorzog. Die Völker verlegten sich zum erstenmale auf Zauberei, und was seitdem auf Erden davon gäng und gäbe ist, ist ein Erbstück jener Bücher. Die ersten Wochen hindurch spielte der Diw seine Rolle als Salomon so ziemlich erträglich, bald aber schlug die Dämonennatur vor, und die Völker merkten Unrat. Soll dies wirklich Salomon sein, fragte man sich leise, oder ist's nur, wie es verlautet, ein Dämon, der die Gestalt des Weltbeherrschers angenommen hat?

Jeder Tag brachte neue Befehle, neue Dekrete hervor, die mit der bekannten Regentenweisheit Salomons in offenem Widerspruche standen, und die früheren Gesetze Lügen straften.

Die Weisen und RäTe des Volks versammelten sich, und beschloßen nachzuforschen, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen. Ein Ausschuß der Synode wurde ernannt als Deputirte, ins Harem, um sich bei den Frauen zu erkundigen, ob denn auch sie an Salomon ewige Veränderung verspüret hätten, und über die AchTeit des Thronbesitzers keinen Zweifel hegten. Die rechtmäßigen Gemahlinnen sagten aus, dass sie seit dem Tage, wo sich das Gerücht von zwei Salomonen verbreitet hatte, gar keinen zu sehen bekommen, weder den wahren, noch den falschen, und also zu ihrem Leidwesen hierüber Stimme zu geben nicht im Stande wären; die Beischläferinnen hingegen gestanden, der dermalige König habe sich ihnen zwar genaht, aber so wild, so anmaßend, so diwenartig, dass sie von Salomons Würde und Adel und AnmuT keine Spur gefunden hätten in seinem Betragen. Diese Aussage erhob den Zweifel fast zur Gewißheit; denn Frauen sind doch immer die scharfsinnigsten Richterinnen in solchen Fällen, und wissen am besten den Unterschied zu würdigen zwischen Mann und Mann. Unter der gewißen Voraussetzung also, dass hier Betrug unterlaufe, beschloß die Synode unmittelbar zu Beschwörungen die Zuflucht zu nehmen. Alle Weisen und Priester, Lehrer und Prophetenknaben wurden versammelt, und begaben sich jeder mit dem Pentateuchus in der Hand vor den Thron. Da begannen sie zu lesen und zu schreien, so schnell, so stark, so durchdringend, dass der Diw unmöglich diese Judenschule länger aushalten konnte, sondern auf Ring und Reich Verzicht Tun mußte. Er fuhr hinunter in die Tiefen des Meeres.

An demselben Tage, als der wahre Salomon mittagmahlte mit Fisch und Brod, fand er in dem Bauche des Fisches den Siegelring, und war nun wieder im Besitz seiner vorigen Größe und Macht. Diese Begebenheit trug sich zu im zwanzigsten Jahre seiner Regierung, er regierte dann noch zwanzig Jahre hernach. Seitdem er mit der Fischerei sein Brod erwerben gelernt, aß Salomon Nichts lieber als Fische; mehr als einmal hielt er ihnen eine Lobrede, worin er besonders die Stummheit als eine vorzügliche Staats- und Völkertugend anpries; alles, was einigermaßen auf Fische Bezug hatte, war bei Hof an der Tagesordnung.

[Rand: Adschaib.] Eines Tages saß er mit Aßaf, dem weisen Wesir, und Balkis, der weisen Königin, zu Tische, und das Lieblingsgericht ward aufgetragen. Ists nicht möglich, fragte Balkis, diesen Toten Fisch zum Leben zu erwecken? Wahrheit und Gerechtigkeit, sagt man, antwortete Aßaf, kann die Toten zum Leben erwecken, ich will daher versuchen, ein wahres und gerechtes Wort zu sprechen, damit der Fisch wieder lebendig werde. Alles, hob er an, im ganzen Reiche ist meiner Leitung unterworfen, ich bin der oberste Lenker der Geschäfte, doch möcht' ich noch lieber Salomon als Aßaf sein. Es regte sich der Fisch;

Balkis nahm das Wort: Keine Königin auf Erden besitzt einen Mann, wie Salomon, ich Teile mit ihm Herrschaft und Genuß, die Welt ist meinetwegen und seinetwegen da, und doch! – ja, ich gestehe die Wahrheit, wiewohl mit Mühe, und doch! so oft ich einen jüngeren Mann sehe, regt sich in meinem Herzen der Wunsch auf, o wollte Gott! dass Salomon auch noch so jung wäre! Der Fisch bewegte sich abermals.

Hierauf sprach Salomon: die Welt mit ihren Gütern und Schätzen ist für mich da; auf der Erde und auf den Wassern wandle ich als Gesandter Gottes, und fahre als solcher daher auf den Flügeln des Ostes. Alle Reiche, alle Geschlechter der Geschöpfe, Tiere, Menschen und Dämonen gehorchen mir, und doch, wenn zwei Menschen vor meinen Thron kommen, der eine mit Geschenken, der andere mit leeren Händen, so ist mir der erste lieber.

Der Fisch sprang lebendig in den Kühlkessel. So legten Aßaf, Balkis und Salomon die offene Beichte der geheimsten Wünsche ab, die ihnen Ehrgeiz, Lüsternheit und Habsucht eingab, und Salomons Wort, als das verdienstlichste, bewirkte das Wunder, weil es aus den dreien die meiste Ueberwindung gekostet.

Balkis würde vielleicht nie die Gemahlin Salomons, des weisesten der Könige, geworden sein, hätte sie nicht von zarter Jugend auf die Bücher und die Wissenschaft lieb gewonnen. Mädchen, die ihr zur Ehre gelangen wollt, Prophetenfrauen zu werden, liebet die Bücher und die Wissenschaft, und beherziget den folgenden Apolog:

Ein Mann besaß ein schönes Weib, einen schönen Garten, ein schönes Buch. Einen Tag lustwandelte er im Garten, den andern ergötzte er sich mit dem Buche, am dritten freute er sich der Liebkosungen seines Weibes.

Als sich sein Lebensende herrannahte, sprach er zum Garten: Ich habe dich gewässert, und dich sorgsam gepfleget, was habe ich von dir zu erwarten heute, da ich von hinnen gehe? Eine Stimme erscholl aus dem Garten: Ich habe nicht Füße, Dir zu folgen, wenn du fortgehst, wird ein Anderer kommen und mich besitzen.

Verzweifelnd ging der Herr des Gartens aus dem selben ins Harem, wo er sein schönes Weib folgendermaßen ansprach: Meiner Kräfte, meines Lebens Summe hab' ich auf dich verwendet, und deinetwegen Vieles erduldet; heute schnüre ich meinen Bündel, und wandre von hinnen, was bist du bereit für mich zu Tun? Dienen will ich dir gerne so lange du lebst, und wenn du stirbst, will ich weinen und klagen, und dich begleiten, wenn sie dich hinaus tragen, bis an den Grabeshügel, und wenn sie dich hinuntergesenket haben, kann ich dir zwar nicht nachfolgen, aber weinen will ich wieder und klagen, bis die Zeit der Trauer und des Wittwenstandes vorbei ist.

Verzweiflungsvoll drehte ihr der Mann den Rücken zu, ging aus dem Harem ins Kabinet, und redete das Buch an:

Buch, liebes Buch, treuer Gesellschafter in der Einsamkeit, erprobter Freund im Unglücke, scheiden muß ich heut von der Erde, wirst auch du dich trennen von mir? Begleiten will ich deinen Leichenzug, antwortete das Buch, dein Vertrauter sein im Grabe, und dein Helfer am Tage des Gerichtes.

Alle Propheten haben sich durch Bücher berühmt gemacht, Moses durch den Pentateuchus, David durch die Psalmen, Salomon durch die Sprüche der Weisheit. Das Buch der Bücher, das Buch ausschließend durch Portrefflichkeit ist das Wort Gottes der Koran.

Die Geschichte Salomons ist reich an wunderbaren [Rand: Suleimanname. LXI.] Begebenheiten; wir wollen einige derselben hier erwähnen1.

Wiewohl Salomon, wie wir wissen, gewöhnlich in Jerusalem sein Morgengebet, in Istahar seine Reichsgeschäfte, und in Tadmor seinen Abendbesuch zu verrichten pflegte, so unternahm er doch von Zeit zu Zeit Ausflüge in andere Städte seines Weltreichs. Eine der vielbesuchtesten war Malatia.

Salomon zog nach Malatia, nachdem er zuvor, wie immer des weisen Aßafs und Lokmann's, der sich auch an seinem Hofe befand, Gutachten eingeholt hatte. In vierzig Tagen hatte er den tausend Frauen seines Harems Besuch abgestattet, denn in einer Nacht pflegte er fünf und zwanzig derselben zufrieden abzufertigen. Allein Keine war schwanger geworden; die Ursache davon war der Mangel des gehörigen Vertrauens in Gott, eben, weil er dachte, dass es ihm nicht fehlen könne, unter Tausenden doch eine zu segnen, fehlte es ihm. Der reichste Überfluss an Kraft geht unnütz verloren ohne Vertrauen auf Gott. Das vollste Vertrauen ist Gebet.

Salomon als Gottgesandter hatte wahrlich keine Entschuldigung für sich, wenn er sein Gebet nicht gehörig verrichtete, denn an äußerem Zugehör, wodurch der Geist versammelt wird, fehlte es ihm nicht. Außer der Pracht des Tempels und den Chören der Prophetenknaben, die so mächtig den Geist emporreißen zum Himmel, hatte er einen besondern Anzug zum Gebete, der aus sieben Erbstücken voriger Propheten zusammengesetzt war; nämlich aus der Kopfbinde oder dem Turbane Abrahams, dem Ueberrocke SeTs, dem Gürtel Adams, den Pantoffeln Noe's, dem Sackkuche Jusufs, dem Stabe Moses, und dem Kuirasse Davids.

Wenn sich in diesem Aufzuge nicht wirksam beten läßt, so sind gemeinen Menschenkindern, die keine solche Prophetengarderobe haben, die Zerstreuungen beim Gebete desto nachsichtiger zu verzeihen.

Von Salomons Throne und seinen Umgebungen war schon oben einmal im Vorbeigehn die Rede nach Al-Tabari, hier umständlicher nach dem türkischen Geschichtschreiber. Der Thron, aus funkelnden Edelsteinen zusammengesetzt, würde alle Menschen, die ihm nahten, durch seinen Schimmer geblendet haben, wenn nicht die denselben überflügelnden Engel mit dem Schatten ihrer Fittige den Strahlenglanz gemindert hätten.

Vor demselben saßen die Heiligen auf Altären, die Propheten auf Teppichen, die Könige auf Thronen, die Weisen auf Stühlen ohne Lehn' aus Sandalholz. Von jeder Klasse zwölftausend.

Auf den Stufen des Throns standen die Wesire und ersten Repräsentanten des Menschen-, Diwen- und Tiergeschlechtes. Unter dem Throne brausten und schnoben die Dschinnen als Karyatiden in ungeheuren Gestalten, und ober demselben flatterten die vornehmsten der Vögel.

Der Plafond das Thronsaales war von den zwei ungeheueren Flügeln Simurgs überschattet, welche gleichsam die Decke desselben formirten. Eine Nachahmung dieser Flügeldecken sind die großen Pfauenwedel in Schwingengestalt, mit welchen noch heute die Sklaven das geheiligte Haupt ihrer Gebieter überschatten, und in dieser Stellung auch auf den Monumenten der Vorzeit abgebildet erscheinen.

Das sind die Schwingen ober den Eingängen ägyptischer Tempel und auf den Wänden von Persepolis; sie bezeichnen Preis und Lob dem Erbauer des Tempels oder dem Bewohner des Palastes. Daher nahm die Dichtersprache die Schwingen des Ruhms und den Fittig unsterblicher Glorie2.

Auf das zum Aufbruch gegebene Signal hoben die Dschinnen den Thron auf, und die vier Hauptwinde halfen ihnen denselben durch die Lüfte zu tragen. Nebenher flogen die Peri's und die Vögel, um mit ihren Schwingen und Flügeln den Glanz des Thrones zu mindern, und um Salomons Antlitz in heiliges Dunkel zu hüllen. So umhüllen den Padischah der Osmanen, wenn er im vollen Staate umherzieht, die Reigerschwingen, welche von den Köpfen der Leibwachen und Janitscharenobristen nicken. Nur der Glanz der Edelsteine bricht hie und da durch die weiße Wolke der wogenden Reiger hervor, welche das Allerheiligste des Sultanantlitzes ehrfurchtgebietend umschattet.

Nahe bei Malatia ward das Lager aufgeschlagen nach der einmal für allemal auf Salomons Heerzügen festgesetzten Ordnung und Einrichtung.

Die Menschen, die Dschinnen und die Tiere formten einen dreifachen Kreis nach den vier Himmelsgegenden eingeteilt. Gegen Norden lagerten sich die Völker von Chorasan und Turan, von Gog und Magog, die Dschinnen oder Diwen der Erde und alle bepelzten Tiere. Gegen Süden die Amalekiten und Aegyptier, die Völker von Kusch und Habesch, die Dschinnen und Diwen der Südsee und ihrer Inseln, die schöngefiederten Vögel, als Pfauen, und alle Arten von Papageien. Gegen Westen die Völler Anda usiens und Rum's, die Dämonen der Wüsten und Wälder, bekannt unter dem Namen von Guls und Ifrits (Satyren und Faunen) die Raubvögel, und andere reißende Tiere. Gegen Osten endlich die luftigen Schaaren der Peri's, die Gasellen und Kameele, die Völker von Iran und Tschin, von Hind und Sind. Salomons Zelt, aus grünem Seidenstoff, war von viertausend, vierhundert, vier und vierzig goldenen Säulen getragen. Zur Rechten war die Kapelle, zur Linken die Küche; in der ersten dienten die Propheten als Chorknaben, in der zweiten die Könige als Küchenjungen. An den Plafond des Zeltes war ein künstliches Flechtwerk aus Golddrat angebracht, woran Lampen aus Karfunkeln und Diamanten, groß wie Straußeneier, hiengen. Diese Verzierung von Salomons Zelt ist in allen Moscheen angebracht; von der Decke senken sich vielfach verflochtene Dratreife herab, an denen statt Karfunkeln Lampen, statt Diamanten Straußeneier aufgehängt sind. Der Büschel von Flittergold oder vielfarbigen Fäden, der von den Lampen und Straußeneiern wie ein Kometenschweif herunter hängt, soll die Ausströmung von Strahlen vorstellen, welche in Salomons Zelt den wirklichen Karfunkeln und Diamanten entquoll.

Diese heut zu Tag so seltenen Edelsteine gehörten zum Schatze der voradamischen Salomonen, der zum Teil auf den Propheten gekommen. Nach den bewährtesten Geschichtschreibern waren der Salomone, die vor Adam regierten, nicht mehr als siebzig, der Verfasser des Suleimanname aber giebt, wir wissen nicht, nach welchem Gewährsmann, nicht weniger als einmalhundert vier und zwanzigtausend voradamische Weltbeherrscher dieses Namens an.

Salomon, der Sohn Davids, herrschte über tausend und ein Volk, über zwei und siebzig verschiedene Religionen, und über hundert vier und zwanzig verschiedene Geschlechter der Geschöpfe.

Wiewohl Salomon Herr der Menschen und der Geister war, so fanden sich doch unter den Diwen oder Dschinnen, den Bewohnern des Gebirges Kaf viele Widerspenstige, welche nie der Einladung des Gottgesandten Gehör gegeben, nie am Thron des neuen Weltbeherrschers ihre Huldigung dargebracht, und sich sogar zum Aufstand und Kriege wider denselben bereit gemacht hatten. Der Mächtigste und Störrigste derselben war der Diw Surchbad, das ist, Rotwind, der in den unermeßnen Felsengallerien des Gebirges Kaf seinen Staatsrat versammelte, um den Bericht des Dschinns Katahur der eben als Kundschafter von Malatia zurückgekommen war, zu vernehmen.

Katahur konnte nicht Worte finden, um die Pracht und Macht Salomons nach Würden zu beschreiben; Herrscher des Kafs und der unermesslichen Flächen diesseits und jenseits des Gebirges, ihr könnt Euch, sprach er, keinen Begriff machen von dem unaussprechlichen Eindruck, mit dem mich der Anblick von so viel Glorie und Herrlichkeit ergriff. Denket Euch die Cherubim und Seraphim mit ihren Regenbogenflügeln, welche auf beiden Seiten des Thrones in den Lüften schweben. Denket Euch zwölftausend Heilige auf ihren Altären, jeder mit einem Strahlenkranz umgeben und verzückt in der Anschauung überirdischer Glückseligkeit; eben so viele Könige, die auf ihren Thronen gähnend sitzen, bloß um Salomon den Hof zu machen. Zwölftausend Weise und Gelehrte, auf ihren Stühlen von Sandalholz mit Betrachtung und Ausübung der Wissenschaft beschäftigt. Die einen machen Horoskope, die andern Gold, diese verfertigen Talismane, und jene Amulete. Eben so viele Propheten kauern auf ihren Teppichen, den Kopf aufs Knie gesenkt, ganz versunken im Anschaun der Zukunft. Alles das ist Nichts gegen das Vögelchor, das über dem Throne schwebt, und unaufhörlich flattert und schnattert, und singet und koset, und wächelt und fächelt, um dem Sohn Davids Unterhaltung und Hof zu machen, um ihm Schmeichelei und Wind zuzufächeln.

Ueber allen spreitet der alte Simurg sein ungeheures Flügelpaar aus, als ob nur unter den Flügeln seiner Weisheit Salomons Thron gesichert wäre. Was mir aber das Herz empört, und die Brust umgekehrt hat, ist der Sklavensinn unserer unterjochten Brüder, welche die Last des Thrones auf ihrem Haupt und Schultern tragen. Die Elenden! sind das Dämonen und Geniuskinder, welche geduldig den Nacken beugen, dass der übermüTige Erdensohn darauf trete, und sich den Beherrscher der Welt wähne. Der Hurensohn Davids, ein Gottgesandter! Unser Freund und Bundsgenosse Satan hätte sich keinen bessern Spaß machen können mit der erbärmlichen Menschheit; aber dass auch Dämonen ihrer Natur vergessen, beschwert mir gewaltig die Brust, und erstickt mir die Rede.

Der Beschluss der Diwe, Bewohner des Kafs, war, bei ihren Bundsgenossen, den Bewohnern der Hölle, den Teufeln Schutz und Hilfe zu suchen. Sie ordneten einen Gesandten dahin ab, und Satan berief sogleich den RaT der Höllenfürsten. Die Vornehmsten derselben sind:

Adiliob, der Freund der Religionsneuerungen.
Chotrob, der Versucher beim Gebete.
Zelitun, der Verfälscher des Kaufes und Verkaufes.
Kobsit, der Teufel der falschen Tränen.
Kobrit, der geheimde Rat der Tyrannen.
Hisaf, der Teufel der verbotenen Getränke.
Merre, der Gleißnerei- und Falschheitsteufel.
Meßut, der Verbreiter der Lügen.
Dellemaßer, der Teufel der Gottlosigkeit.
Chabiß, der Mord-, und Datemder, der Wollustteufel.

Während die Hölle Rat hielt, versammelte auch Salomon zu Malatia den großen Diwan der Menschen, Dschinnen und Vögel. Das Heer war bereits im Felde wider die Dschinnen; Salomon hatte also seinen Rat versammelt, weniger um zu beratschlagen, was zu Tun, sondern um zu wissen, wie die Sachen gingen. Lokman mußte das Horoskop der großen Feldherrn stellen, das Horoskop Samsuwar's, Dschaber Kahir's, Saldastans, Rostem's und Edria's, des Bruders Salomons.

Lokman richtete die Instrumente, und Tat dann den Ausspruch der Constellationen folgendermaßen kund:

Saldastan, sprach er, befindet sich dermalen in einer Drachenhaut, weder im Himmel, noch auf Erden.

Rostem schwimmt in einem Blutmeer.

Sam reitet auf einem Fünffuß.

Edria ist im Neste Simurgs, in einem eisernen Käfichte eingekerkert.

Alheng, einer der Fürsten der rechtgläubigen Dschinnen, erlaubte sich, den weisen Lokmann mit seinem Horoskope zu verlachen, ja er unterstand sich, die unwiderrufliche Gewissheit des Schicksals zu läugnen, und prahlte, dass er Edria's Tod verhindern wolle, wiewohl der Engel des Todes denselben vorausgesagt hatte. Salomon rieT dem König der Dschinnen auf der Hut zu sein mit solchen unbedachtsamen Reden, die sich am Schicksal versündigen. Der Dschinnenfürst aber wollte gerne als schuldig gestraft sein, wenn er den auf bestimmten Tag vorhergesagten Tod Edria's nicht verschöbe.

Salomon beschloß mit seinem Hofstaate nach Tadmor aufzubrechen; den Widhopf und den Raben hatte er vorläufig an Chorschidschah, der das Land als Salomons Statthalter regierte, abgeschicket. Auf dem Wege unterhielt sich der weise König viel mit Huma, dem Paradiesesvogel, der ihm seine Reisen im Himmel, und im Land der Finsternisse, wo er mit dem Hüter des Lebensquells Bekanntschaft gemacht hatte, erzählen mußte.

Eh sich Salomon zu Tadmor mit seinem Throne niederließ, befahl er den Winden und Trägern, ihn dreimal hoch in der Lust im Kreise herumzuführen.

Das Volk hörte hoch in den Lüften das Brausen der Winde, und sah am Himmel wunderlich gefärbte Wolken mit Regenbogenschimmer und AbendroTglanz. Sie wußten nicht, was das wäre, bis sich endlich Salomons Thron in voller Glorie niederließ.

Lokman besuchte sogleich die vorzüglichsten Palläste und Feuertempel der Stadt, und ließ sich mit dem Oberpriester der letzten in Gespräch von Glaubenssachen ein. Vor dem Eingange des Feuertempels lag ein Löwe oder Sphinr, der zur Verwunderung Salomons unauslöschliches Feuer spie. Lokman, der da wusste, dass dies bloße Priestergaukelei mit Naphta sei, das sich vom Wasser nicht löschen lässt, löschte die Flammen mit Wein.

Nahe in der Gegend wohnte ein frommer durch seine Heiligkeit weit berühmter Eremit. Salomon wollte ihm mit seinem ganzen Hofe Besuch abstatten, weil es von jeher Sitte gewesen, dass große Könige fromme Einsiedler besuchen, um den Ruf ihrer Heiligkeit zur Erreichung von Staatszwecken diensam zu benützen. Die Reittiere wurden vorgeführt. Salomon bestieg das Pferd Isak's, die Heiligen und Propheten setzten sich auf weiße Maulesel, die Könige ritten arabische Hengste, und die Dschinnen ihre Hippogryphen mit Kameelfüßen, Rhinocerosnacken, Löwenbrust und Greifenflügeln.

Salomon fragte den Eremiten, warum er sich keine Zelle erbauet habe, sondern in einer Höhle wohne. Als ich hierher kam, antwortete der Eremit, war es mein Vorhaben, mir ein Haus zu bauen. Ich fing an, Steine auszulesen, die auf dem Felde zerstreut herumliegen. Aber die Steine sprachen: laß uns liegen, wir deckten schon vormals als Grabsteine die Toten; suche andern Stoff, der noch keinen Herrn hat; ich wollte Bäume fällen, mir daraus eine Wohnung zu bereiten. Die Bäume sprachen: laß uns stehen; der Saft, der in unserm Marke kreiset, ist aus Menschenblut und Menschenmark aufgesogen und heraufgeläutert, wir gehören vergangenen Geschlechtern an. Ich nahm meine Zuflucht zur Erde, und wollte eine Hand voll Lehm und Staub aufsammeln, daraus mein Haus zu bauen. Aber wo ich immer die Erde berührte, sprach sie zu mir: lass mich ruhen, ich bin Staub aus Staub, und gehöre den Toten. Wo ich mich immer hinwandte, erhielt ich dieselbe Antwort; kein Stein auf Erden, der nicht schon ein Grab gedecket, keine Pflanze, die nicht aus verwesten Menschenteilen ihre Nahrung erhalten, kein Stäubchen, das nicht schon in beseeltem Körper gelebt hätte. Die Erde ist Nichts als die weite Werkstatt des Todes, wo Nichts der Gegenwart, Alles der Vergangenheit angehört. Deswegen baute ich nicht, sondern zog mich in diese Felsenhöhle.

Salomon befahl den Dschinnen den Bau Tadmors, der wohl schon größtenteils aufgeführt, aber nicht vollendet war, fortzuführen. Während seine Heere die Welt unterjochten, und die empörten Dämonen bezwangen, erhoben sich in seiner Lieblingsresidenz täglich neue Meisterwerke der Baukunst.

Für diesmal begnügte er sich mit sieben Gebäuden. Ein Diwanchane oder Staatsratsgebäude aus Türkis; ein Palast für Prinzessin Rosenwang, die Tochter des Tartarfürsten, aus Smaragden; ein andrer für eine ägyptische Prinzessin aus grüner Breccia; ein dritter für die Tochter des Königs von Jumen aus Krystall, eine Gallerie aus Granit für die Kammerherren.

Endlich war aus allen Gebäuden das seltenste und bewundernswerteste, eine Moschee aus weißer Erde, rein und glänzend wie Silber. Diese Erde hatte auf Salomons Befehl das Heer der Ameisen in einer einzigen Nacht zusammengetragen, und daher blieb der Stadt der Name Tudmur d.i. Ameisenhügel, denn Tud heißt ein Hügel, und Mur eine Ameise, was die Aussprache in Tadmor verwandelt hat. Die Dschinnen arbeiteten nicht weniger als die Ameisen, und während diese die weiße Erde zusammentrugen, schleppten jene tausend und eine Säule aus roTem, grünem und weißem Marmor und Granite von ungeheurer Größe zusammen.

Die Riesensäulen, welche die Wölbungen der Moschee Suleimans in der Kaiserstadt der Osmanen tragen, und von Tadmor dorthin geschafft worden, sind also ein Werk der Dschinnen3.

Salomon war so mit Bauen beschäftigt, in Tadmor ganz ruhig und ungestört von Regierungssorgen, als man ihm eine Vögeldeputation anmeldete. Sie kamen, sich am Fuße des Throns über die Cikade zu beschweren, und förmliche Klage wider sie anzubringen, dass dieselbe früh und spät mit ihrem gellenden Geschrei Feld und Wald durchschmettere, so dass sie treu devotesten Vögel als die rechtmäßigen Bewohner der Bäume kaum einen Augenblick Ruhe hätten. Salomon hatte, ungeachtet alle Vögel ihm den Hof machten, nie von der Cikade gehört, und fragte, was das für ein Geschöpf sei.

Die Cikade, sagten die Vögeldeputirten mit einer untertänigsten Verbeugung, ist ein kleines, unansehnliches, geflügeltes Tier, das weder Gras noch Korn frisst, sich bloß von Tau nährt, und dabei durch die vierzig heißesten Sommertage ein ganz unleidentliches Getöse macht.

Salomon, der den gerechten Beschwerden seiner getreuen Untertanen gerne nach Tunlichkeit abhelfen wollte, sandte den Widhopf und den Raben als Commissaire, die Sache zu untersuchen, und die Cikade vor Salomons Thron vorzurufen. Zu was, schrie die Cikade, als sie den Befehl vernommen hatte, zu was soll ich nach Hof mich begeben, ich bedarf König Salomons nicht, bedarf er meiner, so mag er immerhin kommen! –

Der Widhopf und der Rabe wussten nicht, wie sie diese unehrerbietige Antwort genug mildern sollten, um nicht Salomons Zorn zu reitzen. Salomon aber fand dieselbe so drollicht, dass er sich entschloss, wirklich selbst zur Cikade hinzugehn, um dies kleine naseweise Geschöpf kennen zu lernen. Wie? rief ihm die Cikade entgegen, bists Du, o größer König Salomon, der es der Mühe wert hält, sich von deinem Throne herab zu begeben, um einem armen Teufel von Sänger, wie ich bin, seine einzige Lebenslust, das Singen einzustellen? Kennst du mich denn auch, und meine Lebensweise? Durch meinen frohen Gesang preise ich Gott den Herrn, so spät als früh, denn Nichts ist würdigerer Preis der Gottheit, als froher MuT und Gesang. Ich esse kein Korn, weil durch das Korn Adam des Paradieses verlustig geworden, ich trinke kein Wasser, weil das Wasser als Sündflut das schuldige Menschengeschlecht vertilgt hat; ich nähre mich bloß von Tau, bin genügsam und demütig. Ja, die Demut, weiser König, ist eine Tugend, wodurch selbst das Kleine groß, und das Niedrige erhöhet wird. Weil der Berg Arafat bei Mekka vor andern demütig war, ward ihm die Ehre, die Arche Noe's auf seinem Rücken zu tragen. Alle anderen Berge hatten nach Erschaffung der Welt mit ihrer Höhe geprahlt. Der niedrige Arafat allein schwieg mit Demut. Die Wogen der Sündflut rollten über die Gipfel der höchsten Berge hinweg, aber den niederen Arafat hoben die Engel über die Wasser empor, dass die Arche auf demselben aufsitzen konnte. So groß ist der Wert und die Belohnung der Demut. Der Demut wegen ziehe ich die Bäume als Wohnort den Steinen vor, denn die Steine sind hartherzig, und nehmen kein Wasser an, während der Baum dasselbe gerne an sich zieht, und mit Freuden bis an die höchsten Wipfel emporträgt. Dafür aber geht auch der Stein, wenn er ins Wasser fällt, unter, während das Holz von demselben in der Höhe getragen wird. So vergilt sich Alles, und kein Dienst, auch nicht der kleinste, erwiesen dem kleinsten Geschöpft, geht verloren. Verachte mich daher nicht, o großer König, weil ich klein und unansehnlich bin, und lass mich ungestört fortsingen mit frohem Mut und Blut. Salomon nahm diese Lehre über die Demut mit vieler Herablassung auf, und gab der Cikade die Erlaubnis, fortzusingen wie vor und eh' zum großen Verdrusse der Vögel, die sich die Ohren verstopfen mussten, um des schmetternden Getöses los zu werden.

Indessen ging der Krieg wider die empörten Diwe immer seinen Gang fort. Die drei vorzüglichsten Feldherrn Salomons, Rostem, Saldastan und Carun ritten als Streitrosse die drei ungeheuere Vögel Rahna, Ruch und Koknos. Um dieselben zu bändigen und in Unterwürfigkeit zu erhalten, hatten sie sich Simurgsfedern auf den Kopf gesteckt, welche ihnen der alte weise Groswesir der Vögel aus seinem Schweife mitgeteilt hatte; denn vor dem Nicken dieser Federn haben selbst die größten Vögel gewaltige Ehrfurcht, und gehorchen ohne Widerrede diesem Symbole der Macht und Vögelherrschaft.

Daher schreibt sich der Gehrauch der Federbüsche auf den Häuptern der Fürsten und Befehlshaber. Zu Salomons Zeiten trug man dieselben aus Simurgs-, und als diese selten geworden, aus Reigerfedern, die heut zu Tag nicht weniger selten und kostbar. Um aber den Glanz, den die Federn Simurgs von sich werfen, nachzuahmen, verfiel man auf die Verfertigung künstlicher Federbüsche oder Aigretten aus Diamanten, Tschelenk genannt, die noch im Morgenlande das Unterscheidungszeichen der Herrschaft und Tapferkeit sind, und nur von Sultanen oder von Helden, so durch ihre Taten solchen Lohn verdient haben, getragen werden4.

Während Salomon eines Tages in seiner Hauskapelle aus weißer Erde zu Tadmor sein Gebet verrichtete, hörte er ein Gespräch, das eben mit gegenseitigem Gruß und Gegengruß angefangen hatte. Er sah sich um, und da keine Seele außer ihm in der Moschee war, so wusste er nicht gleich, wer die Redenden seien, bis er gewahrte, es sei ein Spiegel und eine Lampe, die sich miteinander durch ein Gespräch unterhielten, wovon die folgenden Fragmente auf uns gekommen.

Der Spiegel. Wie du doch so stolz herabblickst von deinem Dratreif, Tochter des Öls, und dir auf dein glimmendes Flämmchen so viel zu gute Tust!

Die Lampe. Einbilderisch zu sein ist wohl nicht meine Sache, Sohn des Widerscheins, und wenn man nur geliehenen WerT besitzt, wie du, so bemüht man sich, wahres Verdienst von innerem Gehalt herab zu setzen.

Der Spiegel. Ein schmieriges Verdienst das deinige, und das die Lampenputzer würdigen mögen, während das meinige hell wie die Sonne glänzt, die sich in mir spiegelt. Ich bin das Schoßkind der Schönen, der Schmuck der Prachtsäle, und der Hareme, die ganze Welt spricht sich in mir und durch mich aus; aller Blicke ziehe ich auf mich mit Bewunderung und Wohlgefallen, indessen der Weltmann bei dir, ohne dich nur anzuschaun, vorbeigeht; ich rede reine Wahrheit, und doch, das danke ich meinem guten Glücke, lohnt mich dafür gewöhnlich ein selbstgefälliger Blick; wer kümmert sich um dich, und was für einen Dank weiß wohl die Welt dafür, wenn der Pedant bei dir Oel und Mühe verliert?

Die Lampe. Ja wohl glänzt dein Verdienst hell wie die Sonne, wenn sie in dir wiederstrahlt; aber wenn sie hinalgesunken ist, und es finster wird um dich, wo ist alsdann dein Glanz und Schein? Schämst du dich nicht mit erborgtem Schimmer zu prahlen, und welches ist die größre Tugend, die, so nur am hellen Tag von fremder Glückssonne angestrahlt, oder die, so auch in finsterer Schicksalsnacht aus eigner Kraft leuchtet.

Gecken und Weibern magst Du behagen und dich gewaltig brüsten, mit dem Lob und Beifall, den dir die Selbstliebe der Toren, die sich in dir begaffen, zollet. Ich hingegen bin die Gesellschafterin des Weisen, der mit mir die Nächte durchwachet, um ewige Wahrheiten zu erforschen, oder zu arbeiten am Bau des Völkerglücks. Aber nicht nur im Kabinet des Weisen, sondern auch in den Schlafkammern des Harems bin ich willkommen, und willkommener, als du in den Prachtsälen desselben. In dir beschaut sich selbstgefällig die Schönheit, ich aber beleuchte mit sanftem Schein den süßesten Genuss der Liebe.

Der Spiegel. Wirklich! das macht dir große Ehre, in der Schlafkammer zu solchen Szenen das Licht zu halten!

Die Lampe. Bringt's dir vielleicht größere, dieselben im Boudoir zu vervielfältigen?

Der Spiegel. Pfui, solch ungebührlicher Rede in der Moschee, und in Gegenwart eines Gottgesandten; erhebe dich, wenn du kannst, zu höheren Dingen, und wisch das Oel ab, das immer an dir klebt.

Die Lampe. Recht gerne, wenn du mir mit gutem Beispiel vorgehn, und dich vom Erdenstaub reinigen willst, der dir immer anfliegt.

Der Spiegel. Erhebe deinen Geist zu den Wunderwerken der Schöpfung. Was ist das große, hehre, unendliche Meer anders als ein Spiegel des Himmels, und was ist der Himmel selbst als ein Spiegel Gottes.

Die Lampe. Und sind nicht Sonne und Mond die Lampen, welche die Allmacht des Herrn aufhing, diesen Spiegel zu erleuchten?

Der Spiegel. Scheint es doch, als wollest du mir zu verstehen geben, dass ich deiner bedürfe, um zu glänzen.

Die Lampe. Und hätte ich denn so ganz Unrecht, wenn dies meine Meinung gewesen wäre?

Der Spiegel. Wenn sich der Kreis der Freunde zur gesellschaftlichen Freude des Abends im Saale versammelt, was wäre wohl alsdann dein Licht, wenn es nicht durch mich hundertfach zurück geworfen, und vervielfältigt zum hellen Schimmer erwüchse.

Die Lampe. Das bekenne ich, dass du dich vortrefflich auf Plusmacherei verstehst, aber ohne mich, wer sähe dich? Lieber Spiegel, du siehst, dass wir einander gegenseitig bedürfen, und weder im Guten, noch im Bösen viel vor einander voraushaben. Wir sind nicht gemacht, mit einander zu hadern, und wir verlören beide, ich, wenn du mir den Rücken kehrtest, du, wenn ich mein Flämmchen auslöschte. Laß uns gute Freunde werden, und du sollst mir ein wahrer Weisheits- und Tugendspiegel sein, und wenn du willst, noch was Mehreres.

Der Spiegel. Top! liebe Lampe, da nimm den Kuß, den ich dir zuwerfe, ich will dein innigster Freund sein, und mit dir mich des Lebens freuen, so lang das Lämpchen glüht.

Salomon hatte dieses Gespräch mit der größten Aufmerksamkeit angehört, und sich daraus die Lehre abgezogen, dass kein Geschöpf so unbedeutend sei, das nicht einiges Verdienst besitze, und darüber eine halbe Stunde lang zu sprechen wisse. Seitdem haben Spiegel und Lampe immer in gutem Einverstehen gelebt, und lebensfroh glüht die Lampe zu den Küssen, die der Spiegel zuwirft.

Salomon hatte sich nun lange genug in Tadmor aufgehalten, und er beschloss nach Nabak zu ziehen. Die Winde aus den vier Weltgegenden hoben den Thron bei den vier Ecken auf, und trugen ihn fort.

Während des Weges sah er einen Eremiten, der sein Feld pflügte. Es war der fromme Semir, der schon mehrere Jahrhunderte hindurch sein Leben mit Beten und Ackern zubrachte. Salomon befahl den Winden anzuhalten, und grüßte den Ackersmann, der aber nicht einmal sein Haupt aufhob, um zu sehen, was das Getümmel in den Lüften bedeute, noch viel weniger antwortete.

Salomon begrüßte ihn zum zweiten Mal, erhielt aber eben so wenig Antwort, als das erste Mal. Erst als er sein Tagewerk vollendet, und sein Gebet verrichtet hatte, sah er auf zum Himmel, um den Gruß zu beantworten.

Warum hast du denn nicht eher geantwortet? fragte Salomon; weil ich nicht für mich, sondern für Lohn das Feld bestelle, und weil es nicht erlaubt ist, die zum Dienst verdingte Zeit durch Gespräche abzustehlen. Dann sprach er um so mehr, je länger er geschwiegen hatte, und gab dem weisen König mehr, als eine Vorlesung über die Weisheit und Vorsicht Gottes. Er lehrte ihn, was Salomon mit all' seiner Weisheit zuvor nicht wusste, dass es in dem Grunde des Meers unter dem Sande kleine Würmchen gäbe, die aus Mangel an gehöriger Nahrung nicht leben könnten, wenn nicht tagtäglich Engel, als Fische und Frösche verkleidet, Ameisen oder grüne Blätterspitzen ihnen zum Mittagmahle brächten. Salomon hörte dem frommen Mann mit vielem Erbauen zu, und machte lange Betrachtungen über die Wege und Mittel, wodurch sich die Geschöpfe Nahrung verschaffen; Betrachtungen, welche die Leser selbst anstellen wollen.

Salomons Nahrung war, wie schon gemeldet worden, eben so einfach, als die Tafeln seines Hofstaates verschwenderisch gedeckt wurden. Er aß nichts als Gerstenbrod, und dieses Brod war der Verdienst seiner eigenen Hände; um es zu verdienen, flocht er Körbe, die er dann auf den Markt schickte und um billigen Preis verkaufen ließ. Auch fehlte es nicht an Käufern. Mancher Höfling hätte gern sein ganzes Vermögen daran gesetzt, um einen Korb des Königs zu erstehen; nur die Frauen bekümmerten sich nicht darum, und wollten so inner als außer dem Harem durchaus keinen Korb von Salomon.

Wir haben schon gesehen, dass Salomo auf seinen [Rand: Suleimanname. LXII. Teil.] Reisen sich gerne mit Humai, dem Paradiesesvogel unterhielt, und sich von ihm, was er auf seinen eignen Wanderungen erfahren hatte, erzählen ließ. Denn Humai, der Paradiesesvogel, ist ein Reisender von Profession, und hat nirgends bleibende Stelle. Diesmal beschrieb er dem weisen König die verschiedenen Völker der Planeten und die Bewohner der sieben Himmel. Von so vielen Wunderseltenheiten sei es genug, hier einer zu erwähnen.

Im vierten Himmel, erzählte Humai, ist ein Berg aus Goldsand, auf dem sich ein funkelnder Palast erhebt. Aus was für Steinen der Dom dieses Palastes bestehe, davon macht sich selbst Salomon keinen Begriff. Er besteht aus den Siegelringen aller Salomonen oder Weltbeherrscher, die vor Adam die Erde regieret haben. Diese Ringe wölben sich zum Dom, und ein einziger Ring fehlt, der Schlüsselstein des ganzen Gewölbes, den du großer König am Finger trägst.

Diese Erzählung schien dem Sohne Davids so mährchenähnlich, dass er ungeachtet des großen Kredits, in dem Humai seiner Wahrhaftigkeit wegen stand, kein Wort davon glauben wollte, sondern das Ganze für eine Fabel, oder gar für ein Blendwerk Satans hielt, der Humai's Gestalt angenommen haben könnte, wie er ein andermal die Gestalt Simurgs angenommen hatte. Er nahm daher den Psalter seines Vaters und fieng an, Satan zu beschwören, und die Engel zur Zeugenschaft aufzurufen. Diese erschienen und bestätigten sogleich die Wahrheit von Humai's Erzählung. Sie sagten, der Karfunkelpalast auf dem Goldberge mit dem Ringedom sei der TotenPalast aller Salomone, die dort begraben lägen, und von denen nur noch der letzte fehlte; nachdem sie die Erde unterjochet, hätten sie auch den Himmel ersteigen wollen; aber an dieser Stelle sei ihnen der Engel der Begräbnißstätten entgegengetreten, und habe ihnen die Ringe abgefordert, welche nun den Dom, und zugleich eine Grabschriftsammlung aller Salomone formiren.

Humai, dessen Wahrhaftigkeit auf eine so glänzende Weise durch das Zeugnis der Engel gerettet worden war, erzählte nun weiter von den verschiedenen Welten, die er bereiset hatte. Von der Simurgs-, von der Humai-, von der Phönirwelt, deren Bewohner nur aus Vögeln dieser Art bestehen. Die Bewohner der Erde, sprach er, wissen nur von einem Simurg, von einem Humai, von einem Phönir, die sie für Geschöpfe halten einzig und allein in ihrer Art, was aber großer Irrtum ist. Die himmlischen Vögel haben ihre Welt so gut, wie die Menschen die ihrige, und weil sich nur von Zeit zu Zeit einer derselben aus den oberen Regionen auf die Erde verirret, so meinen die Menschen, es gebe nur einen Simurg, nur einen Humai, nur einen Phönir.

Für heute hatte Salomon genug an der Reisebeschreibung Humai's; ein andermal ließ er sich von Schahruch, dem Fürsten der Dschinnen, die nöTige Auskunft geben über die Staatsverwaltung der Dämonen, oder er unterhielt sich mit dem nächsten besten Sohn der Straße, der ihm aufstieß. So begegnete er einst einem alten Wasserträger, gekrümmt unter der Last der Jahre und des Schlauches, den er auf seinem Rücken trug; Woher kömmt es, Alter, fragte ihn Salomon, dass ihr andern gemeinen Leute, ungeachtet der Mühseligkeiten der Armut, dennoch gewöhnlich länger lebt, als die Großen und Reichen? Daher, antwortete der alte Wasserträger, weil uns das Leben durch mäßigen Gebrauch nur sparsam zugetröpfelt wird, während es bei den Großen und Reichen wie auf einmal aus der geöffneten Mündung des Schlauches hervorströmt. Aferin Saka5 d.i. Bravo, Wasserträger! rief Salomon und entließ ihn reichlich beschenket.

In diesen Tagen kam zu Salomon auf einen Besuch der Engel der Constellation des Scorpions. Salomon fragte ihn, wie lange er denn das Weltsystem und die Erde denke? Der Engel antwortete: das wisse er so genau nicht, nur das wisse er, dass von Aeonen zu Aeonen, das ist, von siebzigtausend Jahren zu siebzig tausend Jahren, feurige Sphären sich herabstürzen aus der Constellation des Scorpions und des Löwens, auf die Erde, welche dieselbe umschmelzen, und seitdem er dieser Constellation zum Hüter aufgesetzet worden, sei dies siebzigtausendmal geschehen.

Salomon unterhielt sich lange durch lehrreiches Gespräch mit dem Engel der Constellation des Scorpions, der ihm viele Geheimnisse der Natur enthüllte, verborgene Kräfte kennen und Talismanen verfertigen lehrte wider Schlangenbiss und Scorpionenstich. Zugleich aber beklagte er sich, dass es in seiner Constellation viele empörte Dschinnen gebe, die sich den Befehlen Salomons zu gehorchen weigerten, und den ordentlichen Gang der Gestirne hindern wollten, um bösartigen Einfluss auf das Schicksal der Menschen zu bewirken.

Salomon ließ die Rappelköpfe sogleich vorrufen, und nachdem er sie halb mit Gutem halb mit Bösem zur Erkenntnis ihrer Pflicht gebracht hatte, ward ein Vertrag aufgesetzt zwischen Salomon und den Dschinnen, vermöge dessen die letzten sich zum schuldigen Gehorsam verstanden. Das Original ward auf Papier aus weißen Rosenblättern, mit Safran, Moschus und Rosenwasser geschrieben.

Da eine so wichtige Urkunde bisher noch in allen uns bekannten Traktatensammlungen mangelt, so werden uns die Publicisten Dank wissen, dass wir dieselbe mit diplomatischer Genauigkeit aus der arabischen Urschrift von Wort zu Wort übersetzen.

Im Namen Gottes, des Allgütigen, des Allerbarmenden.

Dies ist der Vertrag zwischen Salomon, dem Sohne Davids, und den Dschinnen aus der Constellation des Scorpions. So sagt Salomon, der Sohn Davids: Versammelte Dschinnen, ich rufe Euch vor, dass ihr Vertrag eingehn und beschwören sollt bei Gottes Ehr', und Herrschaft, und Macht, und Wort, und Namen, nicht zu schaden den Söhnen Adams und Töchtern Eva's, nicht durch offene Fehde, und nicht durch verborgene Bosheit, von nun an bis zum jüngsten Tag. Und als die Dschinnen dies vernommen hatten, so sprachen sie: Wir horchen und gehorchen, wir verstehen und gehen, mit Ohr und Hand, mit Willen und Verstand. Wir erkennen den König als mächtigen Herrn, und schwören nicht zu schaden den Söhnen Adams und Töchtern Eva's durch offene Fehde oder verborgene Bosheit, von nun an bis an den längsten Tag, und wenn Einer von uns verletzen sollte diesen Vertrag, so werde er gezüchtigt dafür bis ans Ende der Welt. Und Salomon sprach: Löwenväter, Dschinnenfürsten, Dämonsvölker, seht aus Eueren Vertrag, dass ihr nicht verfallt in verdiente Strafe; Und sie sprachen:

Herr und Meister
Der Menschen und der Geister!
Wir gehorchen Deinem Siegel;
Du hältst uns mit Gewalt im Zügel.
Deshalb achten wir auch den Vertrag Bis an den jüngsten Tag.

Salomon übergab das Instrument dem weisen Lokman, der es als Reichsarchivar sogleich einregistrirte.

Hierauf ließ sich Salomon mit Schahruch, dem Könige der Dschinnen, in Gespräch ein, und ließ sich von seinen Reisen erzählen, die er als Begleiter eines der voradamischen Salomone gemacht hatte. Schahruch erzählte von den Sphären des Feuers, des Wassers und der Luft, von den sieben Erden und den sieben Meeren, die er durchreiset hatte, und endlich von dem das ganze Universum umfassenden alten Weltdrachen, der die großen Revolutionen der Natur bewirkt.

Er hat sieben hohle Zähne, und diese Zahnhöhlen sind die sieben Höllen. Siebenmalhunderttausend Flügel aus biegsamen Edelsteinen streckt er ins Unendliche; auf der Feder eines jeden Flügels steht ein Engel mit feuriger Lanze, die alle zusammen Gott loben und preisen. Alle siebenmalhunderttausend Jahre sagt der Drache: Gott ist groß, und Lob sei Gott; dies sind die Jubeljahre der Welt. Wenn er ausatmet, speit er die sieben Höllen aus, und bringt jene großen physischen und politischen Revolutionen hervor, welche die Oberfläche des Erdballs umkehren. Wenn er einatmet, wird Ruhe und Ordnung wieder hergestellt. Die Sterne sind die Schuppen seiner Haut, und sein Schweif ist das Chaos. Alles, was da ist, umschlingt er in sich selbst verschlungen, ein Bild der Unendlichkeit, oder die Unendlichkeit selbst. Die Ägypter haben die Natur als ein Weib vorgestellt, das in der Stellung vierfüßiger Tiere die Welt umfasst. Daher heißt der alte Drache bald ein Weib, und bald die Welt. Schwer ists zwar, dem Bilde des Weltdrachen Haltung zu geben in der Einbildungskraft, aber bei der Unmöglichkeit, die unendliche Ausdehnung des Weltsystems, oder jenseits desselben das Nichts zu begreifen, ist nicht weniger schwer, ohne Einbildungskraft die Wahrheit durch die bloße Vernunft auffinden zu wollen.

Salomon saß eines Tages auf seinem Throne in [Rand: Suleimanname. LXIII.] voller Pracht und Herrlichkeit, als ein Sperberweiblein sich zu den Stufen desselben flüchtete vor den verliebten Zudringlichkeiten eines Sperbers, der ihr überall nachsetzte, und dem sie Nichts wollte. Er gab ihr auch hier keine Ruhe, und weder die Gegenwart Salomons noch die Ehrfurcht gebietende Pracht seines Hofstaates machten Eindruck genug, um ihn in den Schranken des Anstandes zu erhalten. Er trieb sein unverschämtes Spiel fort, und als das Weiblein ihn ermahnte, doch wenigstens in Gegenwart des großen Königs sich ruhig und sittsam zu verhalten, gab er zur Antwort: Ei! als ob Salomon nicht dasselbe Täte mit seinen Frauen! – Weißt du, was für ein Unterschied da ist zwischen mir und ihm? Der, dass der Himmel meine Liebe mit Sprösslingen meines Geschlechtes reichlich segnet, während Salomon mit allen seinen tausend Frauen kein Kind zuwege bringt. Diese Antwort, welche Salomon nur zu wohl gehöret hatte, machte tiefen Eindruck auf ihn. Er versammelte den RaT der Fürsten, und Genien, und fragte sie um die Ursache der Unfruchtbarkeit der Weiber; sie gaben ihm sieben der vorzüglichsten zugleich mit den Mitteln und Talismanen an, derselben abzuhelfen.

Salomon versammelte nun auch seine Weisen und Gelehrten, auf die er noch mehr Vertrauen hatte, als auf seine Fürsten und Genien. Er befahl ihnen, stärkende Opiate und befruchtende Essenzen zu verfertigen. Vier und vierzigtausend vier hundert vier und vierzig Philosophen begannen das große Werk, und begehrten von Salomon als notwendigen Stoff einige Fuhren Bibergeil. Sie sotten, und brannten, und rösteten, und distillirten, jeder nach seiner Einsicht und Wissenschaft, den einzigen Lokman ausgenommen, der Nichts anrühren wollte. Er wusste im Voraus, Alles dieses sei umsonst, weil Salomon sich auf seine eigene Kraft verließ, statt auf Gottes Vorsicht zu vertrauen.

Um weit von allen Regierungssorgen und anderen Beschäftigungen entfernt zu sein, ließ Salomon sein Harem nach Sinope tragen; dort weihte er vierzig Tage und Nächte ausschließlich seinen tausend Frauen. Unter diesen befand sich eine ägyptische Prinzessin, welche zu Gott flehte, dass ihr die Gnade werden möchte, in die Wochen zu kommen, und wenn das Kind auch nur wenige Tage leben sollte. Sie vertraute zwar nicht, wie Salomon, auf eigne Kraft, aber Töricht war ihre Bitte, weil sie keinen andern Beweggrund dabei hatte, als ihre Nebenbuhlerinnen zu demütigen.

Ein Paar Täubchen, die in ihrem Cabinete nisteten, und immer schnäbelten, und kosten, hatten ihr oft den Busen mit reger Sehnsucht erweitert. Es war ihr Gedanke, dass das Schauspiel der Liebkosungen der Täubchen größeren Eindruck und Wirkung hervorbringen müsste auf Salomon, als alle Opiaten und Essenzen der Philosophen, und sie hatte sich in ihrer Rechnung nicht geirrt.

Die Tauben ließen sich durch Salomons Gegenwart eben so wenig in ihren Liebkosungen stören, als der Sperber in seiner Zudringlichkeit an den Stufen des Thrones. Das Weiblein machte dem Männchen zwar Vorwürfe darüber, dass er so unverschämt sei, sie in Salomons Gegenwart zu liebkosen. Er antwortete über: dass dies dich nicht störe, mein Täubchen, du wirst sehen, dass Salomon statt uns zu tadeln, bald uns nachahmen, und dasselbe Tun wird mit der Prinzessin. Der Tauber hatte Recht, Salomon Tat dasselbe mit der Prinzessin.

Seitdem haben Prinzessinnen und andere Frauen immer mehr ihre Rechnung dabei gefunden, Tauben in dem Hareme nisten zu lassen, als ihren Männern mit Opiaten den Magen zu verderben. Indes haben sich doch auch die Stärkungsmittel, welche die Philosophen aus Bibergeil, Moschus, Ambra, und anderen Aromaten bereiteten, in ihrem Ansehen erhalten, und sind unter dem Namen von Tensuch (Moschuszelten, pastilles du Serail) zur Genüge bekannt6.

Zwei Monate, nachdem Salomon Sinope verlassen hatte, erhielt er von seinem Kislaraga die Nachricht, die ägyptische Prinzessin Mehinbanu sei gesegneten Leibes. Die Freude Salomons war außerordentlich, und er gab sogleich die gehörigen Befehle, dass sie von allen übrigen Frauen abgesondert werde, um nicht vielleicht ein Opfer ihrer Eiferucht zu sein. Auch ward ein ReisePalast mit sieben Domen bereitet und den Peris befohlen, die Prinzessin darin durch die Lüfte von Sinope herzuführen. Mehinbanu war, seitdem ihre Schwangerschaft bekannt geworden, von einem unleidentlichen Stolze ergriffen, und verläugnete hierin das Blut der Faraone nicht.

Sie wusste ja noch nicht, ob sie einen Knaben oder ein Mädchen gebären würde, und ihr Stolz war also sehr voreilig, weil im letzten Falle kein Grund dazu vorhanden gewesen wäre; denn an Prinzessinnen, um Hareme zu bevölkern, hatte Salomon keinen Mangel, wohl aber an einem seiner würdigen Thronerben. Indessen plagte ihn die Neugierde gar sehr, er versammelte alle Philosophen und Sternkundige, und befahl ihnen, aus den Gestirnen das Horoskop des Kindes zu stellen, denn wiewohl Salomon in allen Wissenschaften und Künsten vielbewandert war, so hatte er es noch nicht bis zur Kunst gebracht, nach Willkür Knaben oder Mädchen zu zeugen, und also selbst das Geschlecht anzugeben.

Der Ausspruch der Weisen war sonderbar traurig, aber einstimmig, selbst mit Inbegriff des weisen Lokman, der sonst gewöhnlich eine abgesonderte Meinung zu Protokoll, diesmal aber seine Stimme wie alle Andern gab. Erstens, sagten sie, würde das Kind keine menschliche Form haben, sondern nichts als ein ungeformtes Stück Fleisch sein, und in drei Tagen erst menschliche Bildung annehmen, in der Folge würde es zwar wie Edris ins Paradies versetzt werden, aber dies sollte gleich zum erstenmale geschehen, wenn Salomon dasselbe liebkosend in seine Arme schlöße. Der Engel des Todes habe den Auftrag, diesen Augenblick abzulauern.

Grausamer Ausspruch, der die Freude Salomons, und den Übermut der Prinzessin auf einmal zu Boden schlug. Welch ein Loos für ein Mutterherz die Gewissheit, kein Kind, sondern eine unförmliche Missgeburt zur Welt zu bringen, und für ein Vaterherz die Gewissheit, dass der erste Ausbruch väterlicher Zärtlichkeit das Signal seines Todes sein müsse! So mischte die Vorsehung Gewährung, und Versagung des Gebets und der Wünsche. Der Prinzessin Gebet ward erhört, aber zur Strafe ihres Stolzes und des Selbstdünkels Salomons, sollte das gehoffte Kind eine kurz lebende Missgeburt sein.

Die Prinzessin kam richtig mit einem unförmlichen Klumpen Fleisch nieder. Salomon, in der größten Bestürzung, trug denselben in sein Cabinet, und schloss sich darin mit der Mutter und dem weisen Lokman ein. Alle drei warfen sich nieder, und flehten mit ausgestreckten Armen um die Glieder, die jedes dem Kinde am notwendigsten wähnte.

Salomon flehte um Hände und Füße, Lokman um Kopf und Brust, die Prinzessin um was noch abging.

Nun war ein Menschenkind daraus geworden, da vergaß Salomon im Übermaß seiner Vaterfreude, des Ausspruchs des Horoskops, und umarmte seinen Sohn, und ber Engel des Todes erschien im selben Augenblick, um den Geist des Kindes in Empfang zu nehmen. Von dieser traurigen Szene wollen wir den Blick wenden nach dem Kriegstheater der Heere Salomons, die mit den Diwen, und den ihnen verbündeten Teufeln unaufhörlich Krieg führten.

Der Anführer der empörten Diwen, der Diw Rotwind, hatte sein Heer gesammelt im Gebirge Kaf, und in der Wüste Heihat, die an dasselbe gränzet. Sieben Dämonenfürsten waren die sieben Divisionsgenerale, die Musterung sollte im Mondgebirge an den Quellen des Nils vor sich gehen.

Da versammelten sich die Dschinnen aus den innersten Wüsten Afrika's und von den Inseln der Südsee, in abenteuerlichen Gestalten. Ungeheuer aus verschiedenen Tieren zusammengesetzt, wie sie nur die wildeste Einbildungskraft vereinen kann. Mäuse mit Elephantenrüßeln, Esel mit Löwenmähnen, Kameele mit Drachenflügeln und so weiter. Vor Allem war der Anblick der Reiterei possierlich zu schauen, denn statt Pferden ritten sie auf Commandostäben, Generalsdegen, auf diamantnen Lanzen, und auf Naphtaschläuchen. Die Artillerie bestand aus Donnerwolken, Wasserhosen, und Vulkanskratern, die beständig Wasser und Feuer ausgossen.

Rotwind war schon so gut als eingeschlossen, aber Iblis spielte den Satan, das ist, seine wahre Rolle vortrefflich; es war ihm von keiner Seite beizukommen. Salomon hielt Kriegsrat, worin er auch dem Simurg, Ruch und Phönir ihre Meinung abfoderte. Sie sagten, dass es ihnen eher gelingen würde, die Drachen der großen Wüste Heihat am Gebirge Kaf zu bändigen, als Iblis zu fangen. Hierauf berief Salomon die Engel, welche alle Ausgänge des Himmels und der Erde besetzt halten, und befahl ihnen ihre Aufmerksamkeit und Wache zu verdoppeln, damit Iblis ja nirgends durchkommen möge.

Salomon hatte die, großen Fürsten eigene. Gabe, sich zu gleicher Zeit mit den vielartigsten Regierungsgeschäften, so mit den kleinsten, wie mit den größten zu beschäftigen; während er sich mit den Diwen schlug, ließ er sich auch Proceßsachen seiner Untertanen vortragen, und am selben Tage unterzeichnete er oft eine Capitulation der geschlagenen Diwe, und ein UrTeil in Tierangelegenheiten.

So ließ er itzt den Frosch und die Schlange vor seinen Thron laden, von denen ihm Bericht gegeben worden war, dass sie in beständigem Hader lebten. Er fragte sie um die Ursache ihrer Feindschaft, und warum der Frosch vor der Schlange nicht einmal seines Lebens sicher sei.

Weil, antwortete die Schlange, der Quacker mir mit seinem leeren Geschrei zur Last ist, und mich nicht einmal bei der Nacht schlafen läßt. Der Frosch erwiederte, dass, was die Schlange leeres Geschrei zu nennen beliebe, Psalmen und Hymnen seien, die er zum Lobe Gottes anstimme. Salomon fragte die Beisitzer seines Throns, Simurg und Lokman, um ihr Gutachten; der Erste unterrichtete den weisen König in der Naturgeschichte beider Tiere, der zweite bestätigte die Wahrheit der Rede des Frosches, und setzte hinzu: David, der sich viel auf seine Psalmen einbildete, sei eines Tages gar sehr gedemütigt worden durch einen Frosch, der ihm gesagt, dass er selbst seit vierzig Jahren Psalmen singe zum Lobe der Gottheit.

Indessen flohen die geschlagenen und zerstreuten Heere der Diwen von allen Seiten, sie wollten sich durch die bekannten Auswege der Erde nach dem Gebirge Kaf retten, sie fanden aber alle Ausgänge doppelt besetzt von Engelwachen. – Diw Rotwind hielt eine große Dämonenversammlung oder Diwan; aber statt mit Eintracht auf ihre Rettung bedacht zu sein, waren sie uneins unter sich selber, und zankten sich um ganz andere Dinge, die nicht aufs Schlachtfeld gehörten, sondern im weiten Felde standen. So stritten sie sich im Voraus, welchem von ihnen Salomons Siegelring zugehören werde, und während sie von ihm besiegt und zerstreut wurden, Teilte sich der uneinige Fürstenbund in sein Reich und seine Herrschaft.

Diw Rotwind Tat den Ausspruch, Salomons Siegel sollte dem gehören, der den Mut haben würde, von Salomons Thron die diamantene Nägel abzuholen, mit denen das Dekret, das sie in Acht und Bann erklärte, angeheftet war. Keiner hatte den Mut, sich diesem Auftrage zu unterziehen. Da ward Rotwind toll, und erhob sich selbst gegen Himmel in Gestalt eines Flammenmeteors, das den Horizont mit Feuer und rotem Rauch füllte. Die Phänomene, so den Durchgang des Diwes Rotwind von der Erde zum Himmel begleiten, kennen die Menschen unter dem Namen des roten Windes oder Samum, zum Unterschiede vom stürmischen Nordost, der Karajel oder der schwarze Wind genannt, und vom Durchzug eines andern Diwes verursacht wird.

Rotwind richtete seinen Lauf gerade nach Malatia, wo Salomon damals Hof hielt, und mit der Entscheidung des Frosch- und Schlangenprocesses beschäftigt war. Auch waren einige Vögel, die in steter Feindschaft leben, vorgeladen worden, wie z.B. der Kata und andere Bewohner der Wüste.

Simurg musste immer als Vögelreferendair die natürlichen Ursachen ihrer Feindschaft angeben, worauf dann Salomon das Urteil sprach, nicht ohne oft selbst manche Lehre von den Parteien zu erhalten. So hielt ihm der Kata eine lange Rede über die Vortrefflichkeit des frühen Aufstehens, und belehrte ihn, dass die süßesten Genüsse die Rose, und dass Honig nicht ohne Dorn und Bienenstachel sei.

Salomon hörte, als er an einem Nachmittag vor der Stadt Malatia spazieren ging, aus einem verfallenen Gebäude ein Eulengespräch. Das Weihlein machte ihrem Gemahle Vorwürfe, warum er nicht ausgegangen sei, Nahrung zu suchen. – Dieser antwortete, dass die Wege nichts weniger als sicher seien, seitdem Salomon den großen Raubvögeln so viele Freiheit, so vielen Vorzug am Hof und so vieles Verdienst um seine Person eingeräumt hätte. Salomon, den diese Rede verdroß, ließ das Eulenmännchen durch den Widhopf vor die Stufen seines Thrones laden. Aber die Eule kam nicht, und antwortete nicht einmal auf die Vorladung.

Salomon schickte nun zum zweitenmale den Kranich mit derselben Botschaft ab; das Eulenmännschen steckte den Kopf zum Fenster heraus und sprach: Ei, bist du auch zum Vögelboten geworden, um uns der Hofsklaverei zuzukuppeln. Aber von mir bekömmst du keinen Botenlohn. Ich liebe zu sehr die Einsamkeit, bin zu sehr Philosoph, und zu fromm, als dass ich meine Lebensart ändern, und an Salomons Hofe meine Weisheit und Frömmigkeit aufs Spiel setzen sollte. Der Kranich schenkte dem Nachteulenmännchen nichts an Vorwürfen, und indem er es einen Winkelsitzer, einen Pedanten und Scheinheiligen schalt, begab er sich unverrichteter Dinge auf den Rückweg nach Salomons Hof.

Auf der Straße stieß ihm weiter nichts auf, als eine arme Nachtigall, die von Sperbern angefallen, entfiedert und erbärmlich zugerichtet ward; er stattete sowohl von dieser Szene, als von der Antwort des Eulenmännchens Bericht an den Stufen des Throns ab. Salomon ließ Simurg kommen, und fragte ihn, warum denn die Eule so gar stockdumm sei. Simurg, der als Vögelwesir die Naturgeschichte aller Vögel natürlich in den Fingern hatte, erklärte aus derselben die Ursachen der Dummheit der Eule und anderer Vögel, welche so wenig zu leben wüßten, dass sie Wüsten und Ruinen dem Hofe Salomons vorzögen.

Nun erschien die Nachtigall als Klägerin in Sachen wider die Sperber. Sie beklagte sich, dass sie während des Frühlings, und so lange sie mit ihrem Lied Feld und Hain entzückte, zwar einigermaßen geachtet sei und in Ruhe leben könne, dass sie aber im Herbste und Winter den Angriffen der andern Vögel ausgesetzt sei, die mit ihr arges Spiel trieben, und ihre Bubenstreiche mit dem Vorwande beschönigten, dass sie eine Müßiggeherin sei, die nur sänge, und kein Brodhandwerk triebe. Salomon, ein großer Beförderer der Künste, und wie wir wissen, selbst Liebhaber der Dicht- und Tonkunst, erteilte der Nachtigall ein Berat oder Freiheitsdiplom, vermöge dessen sie aller Arbeit enthoben und vor aller Belästigung gesichert sein sollte. Simurg Teilte diesen Freiheitsbrief den großen Vögeln mit, die darüber nicht wenig murrten. Wie? sagten sie, wir andern sind verbunden, in der größten Sonnenhitze unsere Flügel über den Thron auszuspreiten, um Allerhöchst Seiner Majestät Schatten und Wind zu machen, und diese Müßiggängerin, die Nachtigall, soll den Tag in Rosengebüschen bei Quellengemurmel mit Singen und Nichtstun hinbringen? Zu was nützen diese Sänger in einem wohleingerichteten Staate, und was hat der Hof von ihrem Singsang?

Meine Herren Magnaten, antwortete Simurg den großen Vögeln, bedenken Sie, dass die Nachtigall ein armer Verliebter ist, der aus Liebe zur Rose den Kopf verloren hat, der seine Leidenschaft in Liedern austönt, und dem kein Mensch den Hof macht, während Sie mit Ihren Flügeln den Thron überspreiten, und Alles unter dem schützenden Schatten Zuflucht sucht. Dieser Grund, so vernünftig, als er war, hatte doch nicht Gewicht genug, um die kleinliche Eifersucht und den Verfolgungsgeist der großen Vögel zu versöhnen. Um die Nachtigall bei Salomon zu verschwärzen und zu stürzen, kamen sie mit falschen Anklagen angezogen, und brachten den Raben und die Gans als Zeugen mit.

Die Nachtigall machte Ausnahme von der Gültigkeit solcher Zeugen, denn der Rabe, sagte sie, als ihn Noe aussandte, Kunde zu bringen, setzte sich auf ein Aas, und bekümmerte sich weiter um nichts in der Welt; wie könnte man also wohl die Aussage eines solchen Kundschafters als wahr annehmen? Noch weniger die einer Dirne, wie die Gans. Wars nicht sie, die, als alle Tiere dem Propheten Jonas zum Austritt aus dem Wallfischbauch ihr Kompliment machten, allein nicht hinging, und lieber mit ihrem Schnabel in den Blättern der großen Kohlstaude, die dem Propheten zum Schattenzelt gedient, herumwühlte? Hat sie nicht seitdem zur Strafe die Sprache verloren, so dass sie nur immer unverständlich schnattert, ohne dass ein vernünftiger Mensch etwas daraus verstehen kann? Wie sollte ich solche Zeugen nicht als ungültig zurückweisen? Salomon fand die Ausnahme rechtsgültig, und die Nachtigall hatte ihren Prozess gewonnen.

Die Nachteule war aber immer noch nicht erschienen zum großen Verdruße Salomons, der eine neue Deputation absandte, mit dem Auftrage, die Widerspenstige mit Gewalt oder List nach Hof zu bringen. Die Deputirten wußten keinen andern RaT, als sich an andere Eulen zu wenden, welche in Malatia hausten, um durch ihr Zureden die Halsstarrige aus ihrem Neste herauszulocken. Dies gelang. Der ganze Zug machte sich auf den Weg nach Malatia. Unterwegs aber wurden sie von einer Schaar Raben angefallen. Zum Glück eilte noch Simurg zu rechter Zeit herbei, um dem Vögelkampf ein Ende zu machen. Er wusste wahrhaftig nicht, wohin den Kopf zuerst zu wenden, so viel Arbeit gaben ihm die Vögelprocesse. Diesmal legte er den Streit bei, und sperrte das widerspenstige Eulenmännchen in einen eisernen Käfig ein.

Das Heer Satans, der als treuer Bundsgenosse den Diwen zu Hülfe geeilet, war nun auch aufs Haupt geschlagen, und Iblis sah sich allein mit seinen Ministern. Die Dämonen, nach allen Gegenden zerstreut, wurden von den leichten Truppen Salomons verfolgt, und überall aufgebracht. Sie wurden in verschiedene Kerker eingesperrt, die Einen in Weinschläuche, die Anderen in Flaschen, die Dritten in eherne Töpfe, welche Salomon dann mit eigener Hand versiegelte. Einige wurden in gespaltne Bäume eingeklobt, Andere zwischen zwei ausgehöhlte und dann mit Blei vernietete Steine eingeschlossen.

Aßaf, der weise Wesir, nahm sie dann einen nach dem andern ins Verhör, um von ihnen zu erfahren, durch welche Künste sie den Menschen verführten; eine Kenntnis, welche Wesiren, wenn nicht notwendig, doch nützlich ist. Die Verruchtesten derselben, statt die Wahrheit zu gestehen, versuchten ihre Kunst an Aßaf selbst, um seine Weisheit zu betören, und ihre Freiheit zu erlisten. Aber da war alle Versuchung verloren. Sie wurden hinuntergeworfen in ehernen Töpfen auf den Grund des Meeres, wo sie bleiben, bis der Zufall einen in Freiheit setzet, wovon erzählt wird in den wahrhaften Geschichten der Tausend und einen Nacht.

[Rand: Suleimanname. LXV. Band.] Rostem, der Sohn Saldastan's, befand sich auch unter den Helden von Salomons Heer, die den widerspenstigen Diwen nachjagten. Er hatte sich an einer Quelle niedergelassen, um auszuruhn, und sein Streitroß Raihsch weidete auf der Flur. Da zogen die Diwen Cantur as, Calkados, und der Isrit Dschasus vorbei. Haha! sagten sie, so haben wir einmal den Sohn Saldastan's, der uns so vieles Übel zugefügt hat, erwischt! – Um den Schlafenden nicht aufzuwecken, fingen sie an, das Feld, wo er schlief, zu unterminieren, um ihn, so wie er war, in die Luft zu heben mit Roß und Quell. Aber Rostem erwachte und erblickte vor sich das Ungeheuer, den Diw Canturas, der die Gestalt eines schwarzen Berges hatte, statt des Mundes eine Höhle, statt des Kopfes eine Kuppe. Die Arbeit des Unterminirens war eben vollendet, und damit Rostem sich seiner Kräfte nicht bedienen möge, fiengen sie an, das Feld wie einen Kreisel herumzudrehen, so dass Rostem und sein Pferd Raihsch aus Schwindel die Sinnen verloren. In diesem Augenblicke flog der Vogel Roch vorbei, dem Rostem ganz besonders anempfohlen war. Mit einer Klaue ergriff er Rostem, und mit der anderen sein Streitroß, so trug er beide an den Rand eines lieblichen Quells; er tauchte die Flügel ins Wasser, besprützte sie, und brachte sie so vom Schwindel zur Besinnung. Unterdessen suchten die Waffenbrüder Rostems den Helden von allen Seiten; die Spuren seines Rosses verfolgend, waren sie an den Platz des Quells gekommen; aber ihr Erstaunen war groß, als sie an der Stelle desselben einen schwarzen Teich aus Teer fanden. Sie besprachen sich unter einander, wer dies wohl getan haben könne, ob ein Diw oder ein Isrit, und wer von beiden der stärkere sei.

Sie erschöpften sich in Vermutungen, wo Rostem hingekommen sein könne, und sie sprachen so Manches hin und her, als ihnen Roch den Helden zuführte, erquickt und erfrischt mit seinem Pferde, doch ohne Schwert und Sattel. Das erste war in der Hand der Dschinnen geblieben, der zweite auf der Flucht herabgefallen.

Ähnliche Taten haben den Vogel Roch berühmt gemacht in Feldzügen, und daher die Macht und das Ansehen, das er im Schachspiele, der Schule taktischer Kunst, behauptet. In späteren Zeiten, als er von der Erde verschwunden war, verschwand er auch von dem Schachbrette, aber das Manöuvre der Türme, die Verwechselung derselben (roguer) wird noch nach dem Vogel Roch benennt.

Satan, der alle Ausgänge der Erde besetzt, und kein Mittel vor sich fand, den Engeln und gehorsamen Genien, die überall auf ihn lauerten, zu entwischen, dachte auf Rettung durch List. Er nahm die Gestalt eines alten abgelebten Dschinns an, und ließ sich bei Salomon vorstellen, als ein Reisender, der viel Länder und Zeiten gesehen, und mit den Propheten auf vertrautem Fuße gelebt hätte. Unter anderm fragte er Salomon um seine Meinung, ob denn Satan am Tage des jüngsten Gerichtes nicht Verzeihung erhalten würde. Salomon antwortete, dass am Tage der Auferstehung Gott der Herr aus Allbarmherzigkeit dem Satan Verzeihung und Gnade verheißen werde, wenn er dem Menschen huldigen wolle, dass aber Iblis aus teuflischem Stolz sich dessen, wie bei der Erschaffung Adams weigern, und also das Paradies zum zweitenmale verlieren würde. Satan entgegnete, das könne nicht, so sein, denn Abraham habe ihn des GegenTeils versichert. Dieser Geist des Widerspruchs, der sich so schlecht für gläubige und gehorsame Genien schickt, erweckte Verdacht bei Salomon. Er ließ Lokman rufen, und befahl ihm, durch Beobachtungen mit dem Astrolabium herauszubringen, wo Satan stecke. Lokman fand sogleich, dass er in Salomons Gegenwart sei, und Salomon redete ihn nun als solchen an.

Iblis bestand hartnäckig darauf, er wolle beweisen, dass er nicht Satan sei; er rief die versammelten Dschinnen zur Zeugenschaft auf, diese aber weigerten sich, dieselbe abzulegen. Der Pfau und die Schlange, welche beide durch ihn das Paradies verloren hatten, bezeugten vielmehr, dass er wirklich Satan sei, aber Iblis machte Ausnahme wider ihre Zeugenschaft, weil sie verworfne, von der Gesellschaft des Paradieses ausgestoßne, Geschöpfe wären. In diesem Augenblicke brachen die zwei Dschinnen, welche, weil sie Satan am besten kannten, ihn aufzuspüren gesandt worden waren, unter der Erde hervor, und entlarvten den verkappten Diw.

Satan, als er sah, dass er seine Person nicht mehr verleugnen könne, nahm seine Zuflucht zu Zauberkünsten und Verhandlungen, um dem allgemeinen Angriff des Dschinnenheeres zu entgehen. Er entschlüpfte ihnen immer bald als Feuer, bald als Wasser, bald als Wind, und bald als Rauch. Da lehrte der Pfau dem König Salomon eine Beschwörungsformel, welcher er auf keine Weise widerstehen könne. Dies ist die Formel: Gott, unser Herr! der die Engel mit Licht geziert; kein Gott ist außer Dir; Lob Dir, der du ausgebreitet hast das Tal, und den Berg gesetzt als einen Pfahl; der Du hast der Nacht das Sternenkleid gegeben, und dem Tag den Unterhalt zum Leben; der Du uns den Schlaf zur Rast, und jedem Geschöpfe ein gleiches als Paar gegeben hast; Jehova! Dieser Beschwörung konnte Satan nicht widerstehen, er ergab sich auf Gnade oder Ungnade, und Salomon ließ ihn mit einem Haar aus seinem Gürtel fesseln, der von Adams Hauptlocken gewoben war. Hierüber gebärdete sich Iblis sehr unbändig, doch sagte er, Salomon möge schalten nach Belieben, die Reihe werde schon auch auf ihn kommen. –

Der Genius Rotwind, der als Samum die ganze Erde durchstrichen hatte, um seinen getreuen Bundsgenossen Iblis zu finden, kam endlich in der Luft senkrecht über Salomons Thron zu stehen, und erschien als eine feurige Kugel. Die großen Vögel, als sie dies ungewöhnliche Meteor erblickten, erschracken gewaltig, und statt die Flügel ausgespreitet zu halten, ließen sie sich zur Erde niederfallen. Das brachte den Thron und alle Tiere in große Verwirrung, während welcher Rotwind entfloh.

Es war lange Zeit, dass der Schlangenkönig nicht zum Throne Salomons gekommen war, ihm den Hof zu machen, und Salomon, der, wie schon gesagt, unter den wichtigsten Geschäften auch nicht die kleinsten vergaß, ließ ihn zu sich einladen.

Der Schlangenkönig Thronte in Sustan, der Provinz Persiens, wo heute noch sein Volk am zahlreichsten wohnet. Er kam getragen von einem ungeheuren Drachen, auf dessen Kopfe ein Teller aus Rubin stand, auf diesem Rubinteller saß der Schlangenkönig, mit einer goldenen Krone auf dem Haupt. Salomon empfing ihn freundlich und lud ihn ein, einige Zeit in seinen Staaten zuzubringen. Der Schlangenkönig nahm die Einladung mit Dank an und fragte um die Stadt, die ihm zum Aufenthalt angewiesen würde. Salomon bestimmte Jerusalem. Als dies die Einwohner hörten, ergriff sie großer Schrecken ob dieser Ehre; doch der Hohepriester und die Leviten trösteten sie, indem sie ihnen sagten, der Schlangenkönig komme bloß, die Wallfahrt und seine Andacht zu verrichten.

Unterdessen war an Salomons Hofe eine seltsame Veränderung vorgegangen. Der ganze Hofstaat hatte Reißaus genommen, und Salomon hatte nicht nur keine Bedienung mehr, sondern nicht einmal etwas zu essen, weil er seine Körbe nicht für Gerstenbrode umsetzen konnte. Die Ursache dieser außerordentlichen Veränderung war Satans Gefangenschaft. Denn seitdem er nicht mehr freies Spiel hatte mit den Leidenschaften der Menschen, hatten sich alle bekehrt, und dachten statt auf Ehren und Erwerb, nur auf Gebet und gute Werke. Auf dem Marktplatz standen alle Gewölber leer; umsonst ließ Salomon seine Körbe ausschreien, kein Mensch legte einen Bot darauf, die Kaufleute waren alle in der Kirche. Am Hofe selbst war's lautere Einsamkeit; die Vögel und Dschinnen und Könige und Propheten erschienen nicht mehr, weder beim Aufstehn, noch beim Schlafengehn des Königs. Kaum blieben noch ein paar Läufer übrig, die Salomon zu den Dschinnen und Vögelfürsten, zu den Königen und Propheten herumsandte, um sie über die Ursache des Ausbleibens zu befragen. Sie sandten ihm Antwort: Sie wüssten ihre Zeit besser anzuwenden, indem sie statt des Königes dem lieben Gott den Hof machten. Sälomon, ganz erstaunt über diese schöne Moral, und noch verlegner, als zuvor, über den Absatz seiner Körbe, gab dieselben seinem Hofmarschall, der ihm noch getreu geblieben war, um sie gerade zum reichsten Juden und größten Wucherer des Reichs zu tragen, und sie ihm für ein Spottgeld anzubieten. Der Marschall ging, kam aber ebenfalls unverrichteter Dinge zurück, denn sogar dieser Jude hatte sich bekehrt, wollte von Handel und Wandel nichts wissen, und erwiderte die Anträge mit schönen Sittensprüchen.

Wenn's so ist, sagte Salomon, nun so werde auch ich zum Einsiedler werden, und mein Leben in der Wüste beschließen. Der Hof und die Regierungsgeschäfte hatten aufgehört (denn seit Satans Einkerkerung lebte die ganze Welt in Eintracht und Unterwürfigkeit, und es gab keine Händel zu schlichten). Salomon, dem die Zeit lang ward, ging also spazieren in den Gassen der Stadt Malatia. Aber es begegnete ihm keine Menschen-, Hunds- oder Vögelseele. Die Gewölber waren versperret, die Fenster zugemacht. Alles verrichtete seine Andacht. Salomon spazierte noch eine Weile herum, ohne deswegen satt zu sein, denn es war schon der eilfte Tag, dass er nichts gegessen hatte. Am zwölften kamen die säugenden Mütter der Stadt zu Salomons Thron, und baten um Hülfe, weil die Milch in ihrem Busen vertrocknet war, und sie ihre Kinder nicht mehr säugen konnten. Salomon, um der Hungersnot doch einigermaßen zu steuern, befahl dem Wind, alle Datteln der Palmbäume, die frei stunden, und Niemandes Eigentum wären, abzuschütteln und herbei zu führen. Der Wind gehorchte, es regnete Datteln. Die Mütter bekamen Milch, ihre Kinder zu säugen, und Salomon durfte sich nicht weiter um den Verkauf seiner Körbe bekümmern. Dies dauerte siebenmal sieben Tage, am fünfzigsten erschien der Prophet Chisr an den Stufen des Throns. Chisr wünschte Salomon Glück zu seinem Siege über Satan, stellte ihm aber zugleich vor, dass seit seiner Einkerkerung die ganze Welt in Untätigkeit versunken sei; denn nur Satans Freiheit unterhalte das Spiel der Leidenschaften, und den der menschlichen Gesellschaft nötigen Umtrieb. Salomon war zu fromm, um diese Überzeugung sogleich als baare Münze anzunehmen. Auch der Erzengel Gabriel musste kommen und ihm dieselbe Wahrheit vortragen, um ihn zu einer Änderung seines Entschlusses zu bewegen. Salomon beschloss daher, Satan mit Züchtigungen zur Erkenntnis seiner teuflischen Bosheit zu bringen, und ihn dann frei zu lassen.

Alle Peinen und Foltern blieben wirkungslos, endlich bat Salomon Gott den Herrn, ihn fühlbarer zu züchtigen, als es ein Prophet vermochte, und ihm zum Andenken seiner Empörung das rechte Auge auszuschlagen, seit wann der Teufel einäugigt ist. So erzählt wenigstens die Sache Plato in seinen Denkschriften, Lokman aber behauptet, Satan habe das rechte Auge schon beim Opfer Abrahams verloren, wo es ihm Ismail mit einem Steine ausschmiss. Hierauf verstand sich Salomon auf vieles Zureden Gabriels, Satan loszulassen, doch mit der Bedingung, dass er alle Jahre sich einen Monat lang freiwillig in Arrest stellen werde, wozu er sich gerne verstand. Dieser Monat ist der Fastenmond oder Ramasan. Weil Satan eingesperrt ist, stocken im Ramasan alle Geschäfte und Weltändel, und die Gläubigen liegen bloß der Andacht und dem Gebete ob7.

Satan änderte nichts an seiner eingefleischten Bosheit, und ließ es Salomon noch fühlen, dass er ihn mit seinen Fragen, ob er wohl jemals von der ewigen Verdammnis gerettet werden könne, bloß zum Bessten gehabt habe. Glaubst du denn, hochweiser Prophet, sprach er, dass, wenn sich mein angestammter Adel je vor dem Throne, der mir selbst gebührt, erniedrigen wollte, ich nicht auf der Stelle ein Mittel wüsste, mich wieder mit dem Usurpator meiner Rechte auszusöhnen. Weißt du nicht, dass auf der Tafel des Schicksals eine Formel geschrieben steht, wodurch selbst Satan, wenn er sie aussprechen wollte, wieder in Gnaden aufgenommen würde.

Salomon glaubte, dies sei eines der gewöhnlichen Stücke des Lügenvaters, um so viel mehr, als derselbe die Formel anzugeben sich weigerte. Doch hiezu hatte er gute Ursache; wenn die Menschen, sagte er, diese Formel kennten und gebrauchten, so würde es mir gar bald an Gesellschaft fehlen in der Hölle. Salomon fragte den Engel, dem die HuT der Tafeln des Schicksals aufgetragen ist, ob was Wahres sei an Satans Vorgeben, und als dieser die Wahrheit desselben bestätigte, begehrte Salomon, er möge ihm die Formel abschreiben. Der Engel konnte einem Propheten, wie Salomon, die Bitte nicht abschlagen, und hier folgt die Formel selbst zum Seelenheil der Leser.

Es ist kein Gott, außer Gott dem Gütigen.
Es ist kein Gott, außer Gott dem Rächenden.
Es ist kein Gott, außer Gott dem Mächtigen.
Es ist kein Gott, außer Gott dem Verzeihenden.
Wer diese Worte wiederholt, fährt vom Mund auf in Himmel.

Wo haben wir das letzte Mal die Nachteule gelassen? Im eisernen Käficht, wenn wir nicht irren. So ists, dort war sie vergessen während der vierzig Tage, wo Satan eingesperrt war, und während wir von seiner Züchtigung Bericht erstatteten. Doch nun ists Zeit, dass sich Salomon, und wir mit ihm, des Eulenmännchens erinnern. Es wird geladen vor die Stufen des Throns. Simurg, als oberster Vögelrichter, führte das Wort, und fragte, warum Delinquent nicht auf die dreimalige Vorladung vor Salomons Thron erschienen. Weil ich, antwortete die Nachteule, gar ernst und tief mit Denken beschäftiget war.

Und was dachtest du denn?

Das erstemal dachte ich über die Ursache nach, warum Salomon von Gott nur die Herrschaft, und nicht auch das ProphetenTum begehrt hat. Das zweitemal dachte ich, warum wohl Salomon Gott den Herrn gebeten, dass er seine Macht und Herrschaft auf Niemanden übertrage, was mir sehr eigensüchtig und geizig zu sein scheinet. Das drittemal endlich dachte ich, ob Salomon als Herrscher über Menschen, Dschinnen, Vögel und vierfüßige Tiere auch wohl die Gerechtigkeit verwalte, wie sichs gehört, und allen seinen Untertanen Recht widerfahren lasse.

Ein anderer König, als Salomon, hätte diese Gedanken sehr zur Unzeit gefunden, und dem philosophischen Redner die Gurgel mit einer seidenen Schnur zugeschnürt, aber Salomon war zu groß, um sich hierdurch beleidigt zu fühlen, er hielt es vielmehr für Regentenpflicht, von seinen Handlungen vor den Untertanen öffentliche Rechenschaft abzulegen, und einen Philosophen wie die Nachteule nicht mit Gewalt, sondern durch Überzeugung zurechte zu führen. Er geruhte also aus Allerhöchsteigenem Munde folgendermaßen die Fragen der Eule zu beantworten: Ich flehte zum Himmel um die Gnade, ein großer Fürst zu sein, weil die Eigenschaften eines großen Fürsten schon die eines Propheten oder göttlichen Gesetzgebers in sich begreifen, nicht aber umgekehrt. Als ein großer Fürst bin ich auch Prophet, aber als großer Prophet war ich deswegen noch kein Fürst.

Ich bat Gott den Herrn, dass meine Macht und Herrschaft auf Niemanden übergehen möge, weil mich die Geschichte gelehrt, dass die Herrschaft nur dann, wenn der Verlust derselben verdient ist, von Einem zum Andern übertragen wird. Die Gewährung dieser Bitte enthält zugleich die Versicherung, dass meine Herrschaft frei sein werde von Gebrechen und Schwächen, welche die Übertragung derselben auf einen Nachfolger notwendig machen würden.

Was das dritte betrifft, so kann ich hierüber nicht so bestimmte Antwort geben; ich weiß nicht, ob die Untertanen meiner Reiche mit der Verwaltung der Gerechtigkeit zufrieden sind, oder nicht; wohl aber weiß ich, dass ich mir selbst hierüber keinen Vorwurf zu machen habe. Eines Tages kroch die Ameise unter dem Teppich, worauf ich mein Gebet verrichte, hervor, und beklagte sich, dass ich ihr auf den Fuß getreten und wehe getan habe. Ich bat sie um Verzeihung, und fastete vierzig Tage, bis sie wieder den freien Gebrauch ihres Fußes erhalten hatte. Die Nachteule schwieg ganz beschämt von der Herablassung Salomons, der ihr nicht nur die Weigerung, am Hofe zu erscheinen, verzieh, sondern sogar ihre philosophischen Zweifel zu heben sie würdigte.

Nun ward der Rabe vorgefodert, welcher die Nachteule vorzüglich bei Hofe verschwärzt hatte, und beständig in offner Fehde mit ihr lebte. Er ward zur Rede gestellt, was er denn eigentlich wider die Eule habe. Nicht viel, antwortete der Rabe, aber das Wenige ist genug. Sie ist ein Bastard und ein Nachtstreicher.

Die Nachteule sprach nun zu ihrer Rechtfertigung. In Betreff ihrer Geburt gestand sie zwar ein, dass sie ihr Dasein einer Mißheirat danke, das habe sie aber mit vielen Magnaten des Tier- und Vögelreiches gemein, wie z.B. mit dem Straußen, dem PanTer, dem Kameloparden, dem Rhinoceros, die alle Bastarde wären; überdies gebe es ja ein Dutzend Tierfamilien, die ursprünglich in einer ehrenvolleren Lage gewesen seien, als ihre itzige; und es sei immer rühmlicher, sich von Nichts zu Etwas hinaufzuschwingen, als vom Edleren ins Schlechtere herabgesetzt zu werden. So sei es weltkundig, der Elephant sei ehemals ein Knabenschänder, und die Bärin ein ausgelassenes Weib gewesen. Der Scorpion ein Verleumder; die Eidechse ein Wahrsager; die Spinne eine Hexe; das Hippopotam ein freiwilliger Hörnerträger u.s.w. Was das Nachtwandeln betreffe, so glaube sie, dafür Lob und nicht Tadel zu verdienen. Es bestehe eine alte Überlieferung von der heiligen Nacht Cadr, in der einst das Wort Gottes, der Koran, vom Himmel auf die Erde gesendet werden sollte. Die Vortrefflichkeit dieser Nacht über alle Tage sei längst entschieden, und sie durchwache die Nächte, um in der Folge der Zeiten dieselbe nicht zu verfehlen, sondern wie billig in Gebet und Betrachtungen über dies tiefe Geheimnis zuzubringen.

Salomon fand die Gründe der Nachteule sehr triftig, und erlaubte ihr nicht nur, wie eh', ihre philosophischen Betrachtungen zwischen Ruinen fortzusetzen, sondern befahl auch dem Vögelwesir Simurg, ihr ein Doktordiplom auszufertigen, vermöge dessen sie sowohl weder von den großen Vögeln, noch von den Raben ins Künftige belästigt werden sollte. Die großen Vögel richteten sich darnach, weil ihnen die Nachteule gar nicht im Wege stand bei Hofe, aber die Raben, die auch in der Wüste und in verfallenen Gebäuden hausen, konnten kaum ihre Feindschaft zähmen so lange als Salomon regierte. Nach seinem Tode brach ihre Feindschaft heftiger aus, als jemals.

Nachdem Satan befreiet, und der gesellschaftliche Verkehr in Malatia wieder hergestellt war, beschloss Salomon seinen Thron nach Jerusalem zu übertragen. Hievon verständigte er den Hohenpriester durch ein Handschreiben, mit dem er den Widhopf als Kabinetskurier absandte. Dieser fand den Hohenpriester im Tempel, umgeben von den Leviten, begriffen im Lobe der Gottheit; er küsste das Handschreiben, und machte Alles zum Empfange Salomons fertig, der sich unterdessen schon von Malatia in die Lüste erhoben hatte, und sich an dem Erstaunen der Bewohner, die mit offenem Aug' und Mund dem Throne in den Lüften nachgafften, nicht wenig erlustigte.

Der Schlangenkönig mit seinem Hof und Heere hatte sich vor den Mauern Jerusalems gelagert, und war in voller Parade aufgezogen zu Ehren der Ankunft Salomons. Als dieser von ferne schon die ganze Ebne mit Schlangen, und Drachen, und Eidechsen und Basilisken aller Art bevölkert sah, geriet er in einige Verlegenheit ob der Bewirtung so vieler Gäste, denn er hatte wohl für den Schlangenkönig und seinen Hof, aber nicht auch für sein Volk und Heer die nötige Vorsicht getroffen. Er besprach sich hierüber mit dem Dschinn Sepid, der schon zu Zeiten der voradamischen Salomone Hoflieferant gewesen war, und ernannte ihn in derselben Eigenschaft.

Der Schlangenkönig hatte eine lange Audienz, in [Rand: Suleimanname. LXVI.] der Salomon manche Aufschlüsse empfing, über Naturgeheimnisse, die ihm bis itzt unbekannt geblieben waren. So fragte er, was denn die goldnen Kronen seien, welche mehrere Schlangen auf dem Rücken trügen. Der Schlangenkönig belehrte den weisen König, dies sei das berühmte Mühre oder Schahmühre, ein Edelstein und Gegengift von wunderseltner Art. Schlangen aus königlichem Geblüte brächten denselben bei der Geburt mit auf die Welt. Die Natur des Mühre sei sehr nahe mit dem Sonnenstoffe verwandt, so zwar, dass, wenn es nicht in goldenem Gehäuse unter Kronengestalt verwahrt wäre, die Sonne dasselbe alsogleich an sich ziehen würde.

Gleich nach der Geburt eines Schlangenprinzen ist das Schahmühre mit sieben Häuten umwickelt, diese Häute fallen nach und nach ab, und dann umzieht man es mit Golde in einer finsteren Höhle, wohin kein Sonnenstrahl dringt, und die nur vom Glanze des Schahmühre selbst erleuchtet wird. Ein einziger Sonnenstrahl, der einfiele, würde den verwandten Stoff an sich ziehen, und es ist wirklich geschehen, dass, als in einem Kampfe zwischen zwei Schlangenprinzen das Gold verletzt und das Kleinod entblößt ward, der Verwundete sogleich von den Sonnenstrahlen in die Höhe gezogen gegen Himmel flog.

Salomon erlaubte, dass ihm durch den Schlangenkönig die großen Drachen vorgestellt würden, und ließ sich die besonderen Eigenschaften eines jeden erzählen. Ihre Hauptstärke liegt in den Blicken, einige tödten sieben Meilen weit, Alles, was sie erschauen können, andere bezaubern blos, und ziehen durch ihren Blick die Vögel des Himmels aus den Lüften. Nach den Drachen kamen die Schlangen, die Basilisken und die Eidechsen, und die Musterung dauerte drei ganzer Tage zu großer Erbauung der Bewohner Jerusalems, denen die Schlangen- und Drachenparade viele Freude machte.

Der Schlangenkönig selbst stand zur Rechten des Thrones, wie der Pfauenkönig zur Linken. Nach geschehener Musterung begrüßten sie sich erst freundlich, und umarmten sich dann auf das zärtlichste mit Tränen in den Augen. Der Schlangenkönig bat um die Erlaubnis, den Pfauenkönig auf ein Abendessen zu bitten, und diese Nacht hindurch bei sich bewirten zu dürfen. Euer Liebden, sprach Salomon, sind Herr in Ihrem Palaste, aber von woher schreibt sich denn diese zärtliche Freundschaft? – Ach! antwortete der Schlangenkönig mit einem tiefen Seufzer, Eure Majestät frischen bittere Erinnerungen auf, wir kennen uns noch aus dem Paradiese her, das wir mit einander bewohnt und verscherzt haben. Leider, dass wir Satans Einstreuungen Gehör gaben! Der Schlangenkönig bestieg nun seinen Thron, aus einem Rubinteller geformt und von einem großen Drachen auf dem Kopfe getragen, und der Pfauenkönig begleitete ihn, nachdem er die Erlaubnis erhalten hatte, für diese Nacht außer dem Palaste zu schlafen. Beide brachten die Nacht in Gesprächen über das vergangene Glück zu, und erweichten sich so sehr durch die Erinnerungen der Vorzeit, dass sowohl ihnen, als der ganzen Tafelgesellschaft große Tränen in den Augen standen.

Salomon selbst hatte den Schlangenkönig je mehr kennen, desto mehr schätzen gelernt. Nachdem er mit dem Pfau zum Abendessen gegangen, fragte Salomon den Engel, der zum Hüter der Tiere gesetzt ist, ob dieser Schlangenkönig über alle Schlangen und Drachen der ganzen Welt herrsche, und dann, wann und wie Gott die Schlangen erschaffen habe. Der Engel antwortete aufs Erste: dass nur die Schlangen und Drachen des Berges Kaf und der Hölle nicht unter seine Botmäßigkeit gehörten, sonst aber alle; aufs Zweite: dass nach Erschaffung des himmlischen Gezeltes der Schicksalstafel und der Feder, Gott der Herr dem Engel Riswan als Hüter des Paradieses aufgetragen habe, Alles, was sich im Chaos von schwarzen und weißen Elementen befinde, auszuklauben; desgleichen dem Engel Malek als Hüter der Hölle auszusondern vom Chaos alle Elemente des Rauchs und Feuers. Aus dem Schwarz und Weiß habe Gott dann Tag und Nacht, aus dem Rauch und Feuer die Schlangen und Drachen der Hölle erschaffen. Er erzählte weiter, wie die Schlange und der Pfau ihre schöne Gestalt und Stimme samt dem Paradiese verloren, was wir schon aus der Schöpfungsgeschichte wissen.

Wenn je ein Fürst wohl unterrichtet war, so war es Salomon. Man sieht, wie viele Gelegenheiten er hatte, sich zu belehren, und wie er keine derselben vernachlässigte. Auch ward seinen Wesiren öfters bang vor den Fragen, mit denen er sie bestürmte. Damit ihm nichts unbekannt und verborgen bleibe in seinem Reiche, hatte er Gott um die Gnade gebeten, dass er Alles hören möge bis auf die Ameise, die im Ohre des Elefanten kriecht, dass er Alles sehen möge bis auf die Mücke, die in finstrer Nacht auf schwarzem Steine sitzt. Zudem war der Wind sein treuer Kundschafter, der ihm Alles zutrug.

Bei Gelegenheit des Schlangengesprächs fiel auch die Rede auf das Gift und die verschiedenen Wirkungen desselben. Die Philosophen und Weisen legten den Kram ihrer Gelehrsamkeit aus, und sprachen viel über die tödtliche Kraft, sowohl der natürlichen, als künstlichen Gifte. Lokman allein trat mit dem Parabore auf, dass er ihnen einen Menschen stellen wolle, an dem die tödtlichsten Gifte wirkungslos bleiben sollten. Die Philosophen lachten, und foderten ihn zum Versuche auf; Lokman nahm die Auffoderung an, und stellte ihnen einen tatarischen Prinzen, einen Neffen Efrasiabs vor, der um so lieber sich der Probe unterzog, als er schon seit geraumer Zeit in tiefe Schwermut versunken des Lebens satt war. Schlangen, Vipern, Drachen und Skorpionen wurden losgelassen auf den Prinzen, den sie stachen, bissen und schlugen, ohne dass sich nur die geringste Wirkung des Giftes zeigen wollte. Die Philosophen standen mit offenem Munde in gelehrtes Erstaunen vertieft, ohne dass einer von weitem die Ursache so sonderbarer Erscheinung begriffen hätte. Endlich half ihnen Lokman aus dem Traume, indem er sie folgendermaßen anredete: Liebe Freunde und Collegen; ein einziges Gegengift giebt es in der Welt, das auch den stärksten Giften Trotz bietet, und dieses Gegengift ist die heftige Leidenschaft unbefriedigter Liebe.

Der junge Prinz ist in diesem Falle, und wiewohl er uns vielleicht nicht sogleich sein Leiden gestehen wird, so werdet ihr euch doch leicht von der Wahrheit meiner Rede überzeugen. Lokman griff den Puls. Sie sind verliebt, mein Prinz. Der Prinz stieß einen brennenden Seufzer aus, der den Himmel hätte entflammen mögen.

Lokmann nannte alle Prinzessinnen nach dem Staatskalender her, um zu sehen, ob nicht der Name einer derselben eine Wirkung auf den Puls hervorbrächte. Er blieb unverändert. Nun nannte er die Hauptstädte der Welt: Jerusalem, Memphis, Tadmor, Istachar; keine Veränderung zu spüren. Damaskus. Da schlug der Puls, wie ein Hammer. Nun durchging er auch die verschiedenen Viertel und Gassen der Stadt, und brachte heraus, in welcher Gegend der Stadt sich der geliebte Gegenstand befand. Dann machte er rhetorische und poetische Beschreibungen von Rosenwangen, Mondgesichtern, Moschushaaren, Wimpernpfeilen, Brauenbögen; von Bädern und Gärten, und Senften, und Schleiern; und nach der abwechselnden Stärke, womit der Puls anschlug, setzte Lokmans Scharfsinn eine genaue Beschreibung sowohl der Geliebten, als auch der Umstände, unter denen der Prinz sie gesehen hatte, zusammen. Es ergab sich hieraus, dass der Prinz sie in einem Garten, bei ihrer Rückkehr aus dem Bade, in dem Augenblicke gesehen hatte, als der Wind den Zipfel des Schleiers ihrer Sänfte aushob.

Es fehlte nur noch der Name. Lokman nannte die Namen der Schönen des bezeichneten Viertels der Stadt, auf welche die gegebene Beschreibung passen konnte; Fatma, Rebia, Aischa, Sühre; Keine Veränderung zu spüren. Veilchenzart, Rosenstengel, Sonnenglanz, Sternenschein; der Puls noch immer derselbe. Schirin, Maria, Humojon, Phönix, Paradiesesvögelein. Bei dem letzten Namen fiel der Prinz in Ohnmacht, so dass man alle Mühe hatte, ihn mit Rosenwasser wieder ins Leben zurückzurufen. Nun bestürmte er den weisen Lokman mit Schwüren und Bitten, ihm doch zum Anschauen seiner Geliebten zu verhelfen, dass er das wüTende Feuer seiner Brust stillen möge. Prinz, antwortete Lokman, das kann ich, aber Sie sind ein Kind des Todes, denn sobald die Heftigkeit der Leidenschaft durch Genuß gestillt sein wird, so hört das Gegengift auf, und das Gift der Schlangenbisse und Scorpionenstiche wirkt unaufhaltsam; das unbefriedigte Sehnen der heftigsten Leidenschaft ist künftighin das einzige Mittel, Ihr Leben zu fristen. Dem sei so, antwortete der Prinz, gerne sterb' ich, wenn ich sie nur gesehen; ein Augenblick des Genusses überwiegt tausend Leben, in Sehnsucht verschmachtet. Wird sie mir versagt, so töte ich mich selbst. Da es hiermit Ernst war, so warb auf Salomons Befehl die amalekitische Prinzessin Paradiesesvögelein dem tatarischen Prinzen zur Stunde von Dschinnen ins Schlafgemach getragen. Er sah, und genoss, und verschied. Das Gift wirkte, wie das Gegengift zu wirken aufgehört. Heftige unbefriedigte Liebe ist das stärkste Gegengift wider die Schlangengifte niedriger Leidenschaften.

[Rand: Al-Tabari.] Aus den erzählten Geschichten Salomons erhellt, welchen ungemeinen Einfluss der Vögelwesir Simurg an seinem Hofe behauptet habe. Kein wichtiges Geschäft, warum er nicht befragt, keine Dämonenversammlung oder Diwan, wo er nicht zu RaTe gezogen worden wäre. Siebzigtausend Jahre hatte er den voradamischen Salomonen gedient als Minister, und dem Sohne Davids, seitdem er regierte. Das gab ihm Macht und Einfluss, und unglaubliches Ansehen. Sein Wort war ein Wort, und die Vögel schworen beim: Das hat Simurg gesagt. Seine Tischreden waren das Orakel aller Staatsmänner seiner Zeit.

Eines Tages fiel in Salomons Gesellschaft die Rede auf das Schicksal und die Vorherbestimmung. Salomon äußerte sich, dass Alles so sei, wie es sein müsse, dass nichts auf der Welt anders geschehen könne, als es in der Tafel des Schicksals verzeichnet ist. Simurg schüttelte zweifelnd den Kopf. – Du wirst doch nicht, fragte Salomon, diese ewige Wahrheit bezweifeln? Und warum nicht? entgegnete Simurg. Eine unendliche Zahl der verschiedenartigsten Ursachen, vom Ungefähr durcheinandergeworfen, wirkt unaufhörlich fort; millionenfach kreuzen sich Naturbegebenheiten und Leidenschaften; und Zufall und Wille modeln das, was geschieht, mit jedem Augenblicke anders, als es vorhergesehen sein konnte.

Sag' mir, was in der Tafel des Schicksals geschrieben steht, und mein soll die Sorge sein, den Ausspruch derselben zu Schanden zu machen. Alter Vögelwesir, sprach Salomon, deine lange Erfahrung hat dich nicht weise genug gemacht, um überall den Finger des Schicksals zu erkennen. Du willst nicht einsehen, dass in der Mühle der Weltbegebenheiten Rad in Rad eingreift, und kein Korn eher aufgeschüttet oder zermalmet wird, als die Glocke des Schicksals klingelt. Simurg, deine grauen Federn haben dich schnabelweise gemacht, und du hast das Wort nicht gewogen, das deinen Lippen entfloh.

Siehe, in diesem Augenblicke wird im Osten ein Prinz, und im Westen eine Prinzessin geboren. Ich weiß nicht, was ihnen als Loos vorherbestimmt ist, getraust du dich wohl, dasselbe Lügen zu strafen. Es sei, was es sei, ich ändre es, antwortete Simurg. Salomon bat den Engel, der die Tafeln des Schicksals hütet, darin lesen zu wollen, was den beiden jungen Leuten vorherbestimmt sei. Israfil las, und brachte Wort; vielerlei sei ihnen vorherbestimmt, wie jeglichem Menschenkinde, in Einem aber berühre sich ihre Bestimmung, denn sie seien vorherbestimmt, sich zu lieben, ihre Ehe sei in den Tafeln des Schicksals beschlossen.

Das wollen wir sehen, sagte Simurg, und flog sogleich von bannen. Er raubte die neugeborne Prinzessinn aus den Armen ihrer Mutter, und trug sie nach dem Berge Kaf in sein Nest, wo er sie sorgfältig erzog und ernährte. Der Prinz wuchs in Osten am Hofe seines Vaters auf. Als er in die Jünglingsjahre getreten, ergriff ihn eine unaussprechliche Reiselust und Begierde, fremde Länder zu sehen. Es trieb ihn hinaus in die Wüsten, und aufs unendliche Meer. Ein Sturm verschlug das Schiff, auf einem Brette trieb der Prinz durch die sieben Weltmeere, und ward ans Ufer geworfen, am Fuße des Berges Kaf.

Hoch Türmten sich die Felsen vor ihm auf, und als er die Augen empor hob, sah er einen Bogen gespannt von Felsen zu Felsen wie eine in Lüften schwebende Brücke. Dies war das luftige Nest Simurgs. Unten war die Fläche bedeckt mit Rhinoceroshäuten und Tigerfellen, und Elephantengebeinen, die Ueberbleibsel der Mahle Simurgs. Der Prinz irrte verzweifelnd am Ufer umher. Die Sonne war schon untergegangen, da erblickte er auf einmal noch hoch in Lüften einen sonnenbestrahlten Vogel, dessen Gefieder mit den Farben der Abendröte und des Regenbogens spielte.

Es war Simurg, der wie gewöhnlich alle Abende in sein Nest kam, das er des Morgens wieder verließ, um am Hofe Salomons den Vögelgeschäften obzuliegen. Der Prinz, voll Furcht, versteckte sich in eine Höhle, aus der er nicht hervorging, bis Simurg am nächsten Morgen davon geflogen. Er blickte auf zur Felsenbrücke und siehe, eine liebliche Gestalt winkte ihm wie ein Genius aus den Lüften. Sie sprachen sich durch Zeichen, denn Worte konnten sie weder verstehen noch hören ob der Entfernung des Ostens vom Westen, und der Höhe des Nestes von der Erde. Aber die Liebe vereint den Osten mit dem Westen, das Niedrigste mit dem Höchsten, und spricht sich ohne Wortkunst aus.

Die Prinzessin winkte dem Prinzen, er sollte sich in eine der auf der Fläche herumgesäten von der Sonnenhitze zusammengerollten Rhinoceroshäute verstecken, und der Prinz befolgte den RaT, alsbald Simurg des Abends nahte. Lieber Vater Simurg, sagte die Prinzessin in der Vögelsprache (denn von Simurg hatte sie keine andre lernen können), den ganzen Tag über bin ich allein, und habe sogar nichts damit zu spielen, möchtest du mir nicht die zusammengerollte Haut, die da unten liegt, herauftragen, damit ich mir daraus eine Puppe mache, oder ein Bette bereite.

Simurg holte, o unentfliehbare Bestimmung des Schicksals! das Paket von Rhinoceroshaut, und brachte es der Prinzessin zum Spielen. Nun ward ihr die Zeit nicht mehr lang in Simurgs Abwesenheit, und alle Abende, wenn er zurückkam, schlof der Prinz in die Rhinoceroshaut, welche in eine völlige Cajüte umgeformt war. Mehr als ein Jahr war verstrichen, als Salomon den Vögelwesir anredete, wie folgt: Erinnerst du dich, Simurg, deines vor siebzehn Jahren unbedachtsam gesprochenen Wortes, dass du den Ausspruch des Schicksals Lügen strafen und die vorherbestimmte Verbindung eines Prinzen und Prinzessin hindern würdest.

Und ich habe Wort gehalten, sprach Simurg mit anmaßendem Triumph. Wo der Prinz ist, weiß ich nicht, aber die Prinzessin ist in meinem Neste wohl bewahrt. Nun so bring sie mir. Simurg flog ins Nest, und kündete der Prinzessin Salomons Befehl an. Ich horche und gehorche, sagte die Prinzessin, nur erlaube mir, die Reise in dieser Sänfte zu machen, die ich so lieb gewonnen, dass ich den ganzen Tag darin schaukle und spiele. Simurg hatte nichts dawider einzuwenden, und die Prinzessin schlof in die Rhinoceroshaut, in der sie den Weg durch die Luft gar warm und behaglich zurücklegte.

Simurg legte das Rhinocerospaket zu den Stufen des Thrones nieder. Kommt heraus, sprach Salomon, aus eurem Haus. Siehe, da schlof heraus die Prinzessin und der Prinz, und obendrein ein kleines Kind von drei Monaten.

Simurg hätte vergehen mögen vor Schaam und Aerger. Er, der seit so langer Zeit das Orakel der Vögel und Menschen gewesen, sah sich nun auf einmal so öffentlich beschämt vor Salomons Thron in Gegenwart aller großen und kleinen Vögel, aller Dämonen und Tiere. Das war mehr, als ein alter Minister und Hofmann ertragen konnte.

Voll Verdruss biss er sich in die Zunge, und soll sich dieselbe, sagt man, ganz abgebissen haben. Wenigstens hat man ihn seitdem eben so wenig sprechen gehört, als zu Gesicht bekommen, denn er flog zur Stunde zurück in sein Nest, und erschien seitdem nie, weder an Salomons noch an irgend eines andern Fürsten Hofe. Er lebt auf dem Berge Kaf als Staatsmann in der Einsamkeit, wo er die Denkwürdigkeiten seines Vögelministeriums, und manchmal zerstreute Blätter schreibt, die als politische Prophezeiungen in der Welt herumfliegen.

Salomon hatte nun bald siebenmal sieben Jahre [Rand: Al-Tabari.] durchlebt. Dies war die ihm vom Himmel bestimmte Zahl der Lebensjahre, so er durch den unaufhörlichen Genuss von Macht, Lust und Wissenschaft zur unendlichen Potenz zu steigern sich bemühte. Aber je höher er's trieb, desto mehr fand er, dass alles eitel ist unter der Sonne, Eitelkeit aller Eitelkeiten, und Alles ist Eitelkeit. Umsonst sehnte er sich nach neuen Genüssen, er hatte die höchsten derselben erschöpfet. Der Hofstaat der Menschen, Vögel und Dämonen war für ihn zum leeren Gaukelspiel geworden, das Harem mit seinen tausend Bewohnerinnen ekelte ihn an, nur die Vollendung der großen Bauten, die er unternommen, und das Fortschreiten auf den Wegen der Wissenschaft behielt noch Reiz für ihn. In den stärksten Gemütern überlebt Wissbegierde und Bausucht die Lust nach Herrschaft und Weibern.

Die Palläste von Istachar und Tadmor waren vollendet, aber der Tempel von Jerusalem noch unausgebaut.

In der Sprachkunde und Naturgeschichte der Vögel war ihm nichts Neues zu lernen übrig geblieben, denn die lebendige Vögelencyklopädie Simurgs hatte ihm über Alles Aufschluss und Belehrung gegeben; aber anders war's mit der Pflanzenkunde, in in der er täglich neue Fortschritte und Entdeckungen machte.

Indessen war die Art, wie er den Bau des Tempels leitete, und Botanik trieb, sehr bequem, und wirklich nur anwendbar für einen König und Propheten, wie Salomon. In seiner Hauskapelle war ein Blumenbeet, dem mit jedem Morgen neue Pflanzen entsproßten. Salomon fragte jede derselben um ihre Namen und Eigenschaften, und beschrieb sie nach ihrer eigenen Aussage; so lernte er alle kennen von dem Hyßop bis zur Zeder Libanon's. Und damit der Bau des Tempels fortging, war es genug, dass er den Thron bestieg und sein Antlitz den Dämonen zeigte, die dann zitternd gehorchten, und den ihnen übertragenen Bau nach dem bekannten Aufriss fortführten.

Eines Morgens, als Salomon wie gewöhnlich die jüngsten Geschöpfe des Blumenbeetes durchmustern und beschreiben wollte, erblickte er zu seinem großen Erstaunen, dass eine neue ihm unbekannte Pflanze nicht aus dem Beete, sondern zwischen den Steinen der Wand hervorgekommen war. Wer bist du? fragte Salomon verwundert: Ich bin die Steinbrecherin, antwortete die Pflanze. Und was ist dein Geschäft? Ich zerspalte die Marmorblöcke, und überziehe die Wände der großen Denkmale; ich zertrümmere das Gebälke und löse die Grundfesten der Tempel und Palläste auf, antwortete die Pflanze hochaufwuchernd, und sich zum knotigen Stamme verdickend.

Wie? sagte Salomon, bei meinem Leben willst du das Werk meiner Hände zerstören? – Du wirst nicht ewig leben, o Salomon, gedenke, des Menschen Leben ist wie das Dasein der Wiesenblume; sie glänzt im Morgentau, und noch vor Abend welkt sie gemäht von der Hand des Schnitters. Dies führte Salomon das erstemal zu ernsten Betrachtungen des Todes. Er warf sich aufs Angesicht, und flehte vom Herrn um die Gnade, dass, wenn seine Stunde gekommen sei, der Bau des Tempels nicht unvollendet bleiben, sondern auch nach seinem Tode von den Dschinnen ausgebauet werden sollte. Gott der Herr verhieß dem weisen König Gewährung seiner Bitte.

Salomon schnitt den Stamm der Pflanze ab, die sich vorlaut gerühmt hatte, den Tempel zerstören zu wollen, und machte einen Stock daraus. Du sollst nützlich werden, sprach er, statt schädlich zu sein, und statt zu zerstören sollst du zur Stütze dienen. Dann bestieg er den Thron wie gewöhnlich, ausrechtstehend, nur diesmal mit der Hand auf den Stock gestützt. Zugleich sandte er den Wunsch zum Himmel, dass ihm der Todesengel in keiner fürchterlichen Gestalt, sondern als Freund und Bekannter erscheinen möge. Kaum hatte er den Wunsch getan, so hob sich unter dem Throne eine ihm unbekannte Gestalt empor.

[Rand: Adschaib.] Wer bist du? fragte Salomon. Ich bin, war die Antwort, der Engel des Todes, und Salomon Tat einen lauten Schrei. Herr, mein Gott! sprach der Engel des Todes, dein Diener Salomon verlangre mich zu sehen, und doch schaudert er vor mir zurück. Herr, stärke ihn, damit er mich ertrage, wie hätte er meinen Anblick ausgehalten, wenn ich ihm in der Gestalt erschienen wäre, wie ich den Ungläubigen erscheine, ihre Seelen in Empfang zu nehmen. Salomon faßte sich, und fragte den Todesengel, ob er als Besucher oder als Empfänger gekommen sei. Auf Besuch, antwortete er, und nicht auf Empfang. Nun ward Salomon vertraulicher, ließ sich mit ihm in Unterredung ein, und lud ihn zu sich auf jeden Mittwoch; diesen Tag brachte er vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang in der Gesellschaft des Todesengels mit lehrreichem Gespräche zu. Der Engel des Todes belehrte ihn, dass er die Geister der Frommen in weißer Seide, mit Moschus durchdüftet, ins Paradies trage, die Geister der Verworfnen hingegen in Lumpen und mit Gestank zur Hölle fördere; wie auch, dass er die große Proscriptionsliste des Todes immer für ein ganzes Jahr voraus, von der Hälfte des Monates Schaban bis auf die Hälfte des nächstfolgenden erhalte, treu kollationirt mit der Tafel des Schicksals, und vom Hüter derselben koramisirt.

Eines Mittwochs ging der Engel des Todes eben weg, als einer der Vertrauten Salomons eintrat, dem er beim Weggehn fest und starr ins Gesicht schaute. Der Hofmann fragte Salomon, wer denn der Fremde sei, der eben hinausgegangen, und der ihn mit solchen Inquisitionsblicken durchbohrt hätte. Salomon vertraute ihm, es sei der verkappte Todesengel. Der hat es gewiß, sprach der Andere erschrocken, auf mich abgesehen, denn nicht umsonst hat er mich so starr angeschaut; rette mich, weiser König, durch eine schnelle Flucht, und gieb mir deinen Windgaul, dass er mich weit von hinnen nach Indien trage. Salomon gewährte die Bitte unverweilt.

Am nächsten Mittwoch fragte Salomon den Todesengel, warum er denn letztin einem seiner Vertrauten beim Weggehen so starr ins Gesicht geschaut habe.

Aus Verwunderung, sprach er, ihn hier zu finden, denn in meiner Liste war seine Personsbeschreibung und Sterbezeit gerade auf dieselbe Stunde, aber nicht hier, sondern in Indien, angemerkt. Ich verwunderte mich hoch, ihn hier zu finden; weil ich die Geister aber nur dort in Empfang nehmen darf, wo es die Tafel des Schicksals vorherbestimmt hat, so ließ ich ihn gehen und begab mich nach Indien an den in der Liste angemerkten Ort. Dort fand ich ihn wieder zu meinem noch größeren Erstaunen, und vollzog meine Pflicht.

Salomon lernte hieraus mit Verwunderung, wie unnütz es sei, dem vorherbestimmten Schicksal entfliehen zu wollen, und dass jede vermeinte Verhinderung zur Beförderung, die Entfernung zur Annäherung wird.

So machte der Engel des Todes bei Salomon im siebenmal siebenten Jahre seines Lebens siebenmal sieben Besuche. Beim letzten nahm er seinen Geist in Empfang. Salomon, eingedenk der Verheißung Gottes, dass auch nach seinem Tode der Bau des Tempels von den Dschinnen vollendet werden sollte, nahm eine Stellung an, wodurch er auch als todt noch auf dem Throne aufrecht stehend, und den unbändigen Dschinnen als noch lebend erscheinen möge. Er legte seine beiden Hände hinter den Rücken, und stützte dieselben sowohl, als die ganze Last des Körpers von rückwärts auf den Stock, dem ein fester Standpunkt auf dem Boden des Thrones zur Stütze diente. So stand er aufrecht, ohne dass Menschen, Vögel oder Dschinnen, deren keiner, ohne gerufen zu sein, dem Throne nahen durften, von seinem Tode den geringsten Argwohn hatten. Denn wäre sein Tod ruchbar geworden, sogleich wäre das Reich, das er mit starker Hand zusammenhielt, in sich zerfallen, die unbändigen Dämonen hätten sich zur Stunde entjocht, und der Bau des Tempels, an dem sie fortarbeiten sollten, wäre unvollendet geblieben. So aber herrschte Salomon noch nach seinem Tode über dieselben, durch die bloße Meinung, dass er noch im Leben sei, durch die Furcht vor seiner Macht.

Die Staatsmaschine ging ihren gewöhnlichen wohl eingerichteten Gang fort; Menschen, Tiere und Dschinnen wirkten fort zum allgemeinen Besten in den ihnen von Salomon vorgezeichneten Schranken. Das erste Geschöpf, das seines Lebensendes gewahr ward, entzog sich auch sogleich der dem Lebenden schuldigen Ehrfurcht. Es war ein Holzwurm, der, sobald der Engel des Todes Salomons Geist in Empfang genommen hatte, seinen Stab zu benagen anfing.

Er nagte ein ganzes Jahr lang, da brach der Stab entzwei, und Salomon stürzte der Länge nach rücklings zu Boden. Nun war die Hölle los. Vögel, Tiere und Dschinnen, alles lief durch einander in größter Verwirrung und Zwietracht. Das Weltreich war aufgelöst in Anarchie. Zum Glücke hatten die Dschinnen den Bau des Tempels vollendet, der mit den Palästen von Tadmor und Istachar ein stehendes Denkmal blieb der Größe und Weisheit Salomon's und seiner Herrschaft über die Dämonen, während die Macht des Weltreichs mit ihm selbst zu Boden stürzte.

Das erste, was die Menschen und Vögel und Dschinnen beschäftigte, waren nicht die Geschäfte des Reiches oder die Sorge, die Schriften Salomons, worinnen er die Erfahrungen seiner Weisheit niedergelegt hatte, zu sammeln. O nein! sondern ihr erstes Geschäft war die Befriedigung der kindischen Neugierde, zu wissen, seit wie lange denn Salomon schon gestorben. Sie hoben also den entzweigefressenen Stab auf mit dem Würmchen, und beobachteten einen ganzen Monat lang, wie viel das Würmchen fresse. Aus dem, was es binnen einem Monat gefressen hatte, berechneten sie, dass es deren zwölf gebraucht habe, den Stab durchzufressen, und dass Salomon also schon seit einem Jahre gestorben sein müsse.

Während Menschen, Vögel und Dschinnen auf ein so nichtiges Geschäft ihre Zeit verwandten, wußten Satan und die Teufel, seine Gehülfen, die ihrige besser zu verwenden. Sie bemächtigten sich ungehindert der Bücher Salomons, in denen die Geheimnisse der Weisheit und der Herrschaft aufbewahret waren, verbrannten dieselben und schoben andere ihres Machwerks unter, die nichts als Lehrsysteme der Zauberei und des Despotismus enTielten. Die Menschen, so dieselben später fanden, wurden des Betrugs der Hölle nicht gewahr, und hielten sie wirklich für Salomons Werke, woraus dann seitdem in der Welt nicht kleines Unheil entstanden.

So hatte Salomon siebenmal sieben Jahre gelebt und ein Jahr noch nach seinem Tode regiert. Mancher große Mann überlebt sich nach neun und vierzig Jahren im fünzigsten, und herrscht nach seinem wirklichen Tode noch eine geraume Zeit fort durch die Meinung, bis ein Würmchen den Stab entzwei frißt und der entseelte Leichnam zu Boden stürzt.

Fußnoten

1 Die folgenden Auszüge sind aus fünf Teilen des großen türkischen Suleimanname's genommen, die der Übersetzer auf einige Wochen nur in Konstantinopel durchzublättern Zeit und Gelegenheit hatte. Das ganze eben so Teuere als voluminöse Werk hat siebzig Bände in Folio. Es findet sich sehr selten ganz, und kostet dann zwei bis dreitausend Piaster. Man sieht, dass ein bloßer Auszug aus diesem ungeheueren Fabelwerke zu einem eben so bändereichen Werk, als das Cabinet des Fées und die blaue BiblioTek, reichlichen Stoff liefern könnte. Die Teile, aus denen die Auszüge gemacht worden, sind der ein, zwei, drei, vier, und sechs und sechzigste.

Die Geduld, die erfordert wird, sich durch den Wust der immer wiederkehrenden Wiederholungen und Tantologien des Originals durchzuarbeiten, ist verdienstlich, aber unbegreiflich ist die des Verfassers. Man sieht übrigens, dass er Salomon dem Propheten, Suleiman dem Gesetzgeber nachgebildet, dass er den Hof des ersten nach dem prächtigen Hofstaat des zweiten gemodelt, und dass er die Fabelwelt aus der wirklichen der Chalifen- und Sultanengeschichte idealisirt hat.

2 Illum aget penna metuente solvi fama superstes.

3 Diese acht Säulen standen ehmals zerstreut in den verschiedenen Quartieren der Stadt, und trugen Statuen der Götter und Kaiser. Eine derselben war gewiß acht dämonisches Machwert nach der Legende, welche die alten Topographen Constantinopels und nach ihnen Gallius V. IV. K. 1. davon erzählet. Sie trug eine Venusstatue, und hieß die Jungfrauensäule, weil es nur wahren Jungfrauen gegönnt war, dem Venusbilde unverrückt ins Auge zu sehen. Andere verfielen in eine Art von Raserei, und mußten wider ihren Willen den Rock aufheben vor der Göttin.

4 Dieser Aufschluss ist gewiss eben so neu für die Leser als für den Übersetzer, und als für die Helden, so in unsern Tagen mit Osmanischen Diamantenaigretten beehrt worden sind. Sir Sidnei Smit und Lörd Nelson haben sich's gewiß nie in den Sinn kommen lassen, dass das Merkmal sultanischer Huld, welches sie mit so großem Pompe empfingen, sich von König Salomons Feldherren herschreibt, noch weniger aber lassen sich's die griechischen Fürstinnen und Vojarenbräute (wovon die ersten beständig, die zweiten aber nur in den drei Hochzeitstagen Reigerfedern zum Kopfputz tragen) weit weniger noch lassen sie sich's träumen, dass diese Federbüsche blos armselige Lückenbüßer sind für die schönen Schwanzfedern des alten Vögelwesirs Simurg.

5 Dieses Wort war vor einigen Jahren das allgemeine Sprüchwort des Constantinopolitanischen Pöbels. Auf allen Märkten und Gassen, bei jeder Gelegenheit, schicklich oder unschicklich, hörte man nichts, als Aferin Saka. Die nächste Veranlassung dazu gab eine Stadtanekdote, die sich mit einem Wasserträger ergab oder ergeben haben soll, die aber freilich nicht so lehrreich ist, als Salomons Gespräch. Ein Jude hatte einen Wasserträger gedingt, der ihm täglich einen Schlauch Wasser bringen und in eine Kuse füllen sollte. Nach ein paar Tagen kömmt der Jude nach Haus und findet den Wasserträger in den Armen seines Weibes. Bravo Wasserträger! rief er, aus diesem Schlauch in diese Kuse, so hab' ichs nicht gemeint. Die Anekdote sowohl, als das Wort Aferin Saka sind noch immer gäng und gäbe, nur nicht mehr als allgemeines Volkssprüchwort, wie vor mehreren Jahren. Als solches ist das Kalpakmi o? an dessen Stelle getreten, das von der niedrigsten Klasse des Volks oft mit Witz angebracht, meistens aber bis zum Ekel wiederholt wird. Kalpakmi o? Ist mir das ein Kalpak? Es entstand mit der Vergrößerung, welche die griechischen Beisades in Constantinopel, und die Vojaren in der Moldau und Wallachei nach ihrem Beispiel mit ihren Kalpaken vornahmen.

Wirklich sind diese zu einer ungeheuern Peripherie angewachsen, die dem Volke lächerlichen Stoff giebt. Sie haben die Figur großer Destillirkolben, und schicken sich als solche oft ganz vortrefflich zu der Cervelle alambiquée, die darunter steckt.

6 Es ist bekannt, dass die Moslimen aus religiöser Ehrfurcht die Tauben nähren und ehren; sie nisten ungestört in den großen Vorhöfen der Moscheen unter den Hallen, auf den großen Bäumen, welche dieselben überschatten, und in den Moscheen selbst. Nirgends findet sich aber in Constantinopel eine größere Menge derselben, als bei der Moschee Ejub. Nichts malerischer und romantischer als der Vorhof derselben. Das Gemisch des weißen Marmorlichts und der grünen Baumschatten wirkt wunderbar aufs Auge. Das Ohr horcht der seltsamen Sprachenverwirrung von Taubengekos und Quellengemurmel, wo zwischen die wohlklingenden Stimmen der Koransleser langsam und feierlich aus der Moschee heraustönen. Ein wahres Taubenparadies. In den Haremen werden gleich beim Baue derselben marmorne Nester, so von außen als von innen angebracht, um die Tauben hinzulocken. Reisende können dieselben an mehr als einem Orte in PrivaTäusern zu Constantinopel, am besten aber an der Außenseite des sultanischen Palastes von Veschiktasch beobachten. So viel von Tauben; die Moschuszelten oder pastilles sind berühmt genug; die Frauen tragen dieselben als Hals- oder Händeschmuck in Gold gefaßt, die Männer essen sie als Reizungsmittel zum Liebesgenuß. Die arabischen Aufschriften, welche sich darauf befinden, sind gewöhnlich. Allah al schafi. Gott ist der Allheilende. Allah al Kafi. Gott ist der Allgenügende. Schedschi, der Wackere. Maschallah, eigentlich, was Gott will, hier aber so viel als Bravo! Fihi schifa linnas, darin ist Heilung den Menschen. Fihi schifa lima fis-sudur, darin ist Heilung für die Leiden der Brust.

Bis millah errah man erra hein, Im Namen Gottes des Allgütigen, des Allerbarmenden.

7 Das soll oder mag so sein im ganzen Gebiete des Islams, Konstantinopel macht aber hievon eine große Ausnahme; wenn gleich auch dort des Tages hindurch die Geschäfte stocken, die Gewölber und Gassen leer sind, weil Satan eingesperrt ist, so ist derselbe dafür ganz sicher in der Nacht los, wo er sich für die Untätigkeit des Tages reichlich entschädigt. Es ist allgemein bekannt, dass, nachdem der Tag größtenteils verschlafen worden, ein Teil der Nacht mit Gebet, der größte aber mit Essen und Trinken, Gesang und Possenspiel, und Liebesgenuss aller Art durchgebracht wird. Was aber kein Reisebeschreiber und Gemäldemacher berührt, und die wenigsten Leser wissen dürften, ist, dass gerade im Ramasan, ungeachtet der Hemmung des ordentlichen Geschäftenlaufes während des Tages, während der Nacht der Zeitpunkt der Tätigsten politischen Intrikenmacherei sei. Denn da jährlich mit Ende des Ramasans am Bairam die großen Staatsämter und Ehrenstellen verändert werden, so wird meistens der ganze Ramasan zur Bewerbung darum durch alle Wege und Mittel verwendet.

Die schönste Gelegenheit zu dieser Amtserschleichung (ambitus) geben die zahlreichen Besuche und Gastmahle, welche die Etikette eingeführt hat. Denn außerdem, dass der Wesir den ganzen Monat hindurch alle Großen nach vorgeschriebener Ordnung bewirtet, so besuchen auch diese sich häufig untereinander, und wie sie dem Großwesir Hof machen, so ihnen ihre Klienten. Je träger und geschäftsloser der Tag, desto Tätiger und wirksamer die Nacht; je schlechter und fahrloser das öffentliche Interesse besorgt wird, desto besser und eifriger das Eigne; um wie viel mehr Gebet und Andacht, um so viel mehr Genuss und Cabale, so dass auch im Fastenmonde der Teufel Nichts verliert.

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