Rosenöl
Rosenöl (Hammer-Purgstall)

Aussprache:
arabisch:
persisch:
englisch:

1813 n.Chr.

Mehr zum Tema siehe: Rosenöl (Hammer-Purgstall)

Rosenöl - Joseph von Hammer-Purgstall

29. Isa oder Jesus

des Sohns Meriem's oder Maria's, der Tochter Omran's. Maria hatte das zehnte Jahr ihres Alters erreicht, ohne die gewöhnlichen Erscheinungen der Mannbarkeit, die sich bei den Bewohnerinnen der heißen Himmelsstriche gewöhnlich im siebenten oder neunten Jahre einstellen. Zweimal hatte der Mond gewechselt, doch hatte sie noch keinen Mann erkannt. Im dritten Monde ihrer Mannbarkeit erschien ihr Gabriel mit fröhlicher Botschaft; er blies ihr in den Ärmel des Kleides, und sie empfing den Herrn Jesus. Nach den glaubwürdigsten Überlieferungen erschien Gabriel in der Gestalt Jusuf's, eines Zimmermanns und Handlangers im Hause Maria's, woraus die Ungläubigen Anlass genommen zu Lästerungen der Reinheit Maria's, die doch durch Gottes Wort, den Koran selbst, bewähret ist. Ahsanet ferdschiha. Sie bewahrte ihre Jungfrauschaft.

Als die Zeit der Geburt herannahte, ging sie hinaus aufs Feld. Die Wehen ergriffen sie am Fuße eines abgedorrten Palmbaumes, wo sie entbunden ward von Jesus.

Verschmachtend vor Hunger und Durst bereute sie, hiehergekommen zu sein. Da erscholl aus dem Baume eine Stimme, und sprach vernehmlich die folgenden im Koran vom Himmel gekommenen Worte:

[259] Schüttle den Palmbaum, dass er seine Früchte weich und süß fallen lasse auf dich.

Maria blickte zum Boden, woher die Stimme zu kommen schien, und erblickte einen sprudelnden Quell; sie blickte in die Höhe, und der Baum war mit grünem Laubwerk und goldnen Datteltrauben geschmückt. Sie aß die abgefallenen Datteln und trank vom Quell. Die Dattel ist weich und hitzig von Natur, eine vortreffliche Nahrung für Kindbetterinnen, die sich seit Maria's Niederkunft, dem Winke des Himmels zufolge, davon vorzugsweise nähren.

Mit neuen Kräften gestärkt erhob sich Maria, und gelobte dem Herrn als Dankgebet ein dreitägiges Stillschweigen, denn damals war es der Gebrauch, aus Andacht Stillschweigen zu geloben, so wie man heute Gebet und Fasten gelobt. Sie nahm das Kind und trug es in den Tempel, dem Herrn zu heiligen. Die Priester und Schriftgelehrten nahmen große Ärgerniß an der Erscheinung, sie machten dem Vater Maria's, und besonders dem Propheten Zacharias, als ihrem Verwandten, bittere Vorwürfe, dass er das Mädchen nicht besser gehütet habe. Zu Maria selbst sprachen sie: Schwester Aarons, wo hast du das Kind gefunden? Sie hießen sie Schwester Aarons, weil ihr Stammbaum bis zu Aaron und Moses hinaufstieg.

Maria, welche dem Herrn dreitägiges Stillschweigen gelobt, antwortete nur mit Zeichen, auf das Kind in ihren Armen hinweisend, das sie fragen sollten.

Da sprachen die Priester und Schriftgelehrten unter einander: Was meint die unser zu spotten, dass ein unmündiges Kind Red' und Antwort geben soll für sie? Jesus aber öffnete den Mund und gab selbst Zeugnis von Maria's Unschuld und seiner Sendung. Seine ersten Worte waren: Ich bin der Diener Gottes. Diese Worte haben die Ungläubigen in der Folge verdreht und behauptet, Jesus habe gesagt: Ich bin Gottes Sohn, woraus so vieler Irrtum entstanden. Nach dem Koran sprach Jesus folgendermaßen:

Ich bin Gottes Diener, der mir das Buch gesendet und mich zum Propheten gesetzt, der mich gesegnet, wo ich immer bin, der mich meiner Mutter gehorsam und keineswegs böse und widerspenstig erschaffen hat.

Der mir das Buch gegeben, nämlich das Evangelium, das Jesus schon in Mutterleib vom Himmel empfing und auswendig hersagte, nach der Meinung der vornehmsten Ausleger.

Der mich zum Propheten gesetzt, nämlich schon in Mutterleib, oder gleich bei der Geburt. Diesen Vorzug, von Kindesjahren auf das Prophetentum erhalten zu haben, hat Jesus[261] nur mit Adam gemein. Alle übrigen Propheten, die zwischen ihnen stehen, und selbst das Siegel derselben, Mohammed, der Sohn Abdallah's, haben das Prophetentum erst lange nach ihrer Geburt, gewöhnlich im vierzigsten Jahre ihres Alters, erhalten.

Die Geburt Jesus war mit Wunderzeichen begleitet; die Götzen stürzten von ihren Altären, ein neues Gestirn erschien am Himmel, welches in Persien für das Gestirn des neuen von Daniel längst voraus prophezeiten Propheten erkannt ward. Drei Magier kamen, denselben aufzusuchen, und ihm Gold, Myrrhe und Weihrauch zu bringen. So außerordentliche Erscheinungen machten den König des Landes, Herodes, eifersüchtig auf das neugeborne Kind, das er zu töten befahl. Maria flüchtete sich also mit Jesus und Jusuf, dem Handlanger, nach Ägypten.

Bey einer genaueren Aufmerksamkeit auf die Lebensschicksale der Propheten überzeugt man sich, wie Al-Thabari ganz richtig bemerkt, dass kein großer Prophet sein Leben ruhig in seinem Geburtsorte zugebracht habe, sondern dass dieselben fliehen und wandern, und die Mühseligkeiten der Verfolgung und der Fremde ertragen mussten. So musste Abraham und Moses und Jusuf fliehen, um sich vor den Nachstellungen Nimrods und Faraons, und der verschwornen Brüder zu retten. Noe und Jonas wanderten über und unter den[262] Wassern. Jesus flüchtete nach Ägypten, und selbst Mohammed nach Medina; nach welcher Epoche noch heute alle Völker des Islams die Jahre berechnen.

Weheb Ibn Menize hat folgende Überlieferung [Rand: Enis aldschelis.] von den Kindesjahren Jesus während seines Aufenthalts in Ägypten aufbewahret:

Jesus spielte mit mehreren Knaben des Dorfes, wo sich seine Mutter aufhielt. Einer derselben schlug einen andern im Zanke so gewaltig, dass er tot blieb. Die Knaben, um den Schuldigen zu retten, verstanden sich, den Fremdling Jesus als Täter anzugeben. Der Richter fuhr ihn an: Hast nicht du den Knaben erschlagen? Lerne erst zu fragen, ehe du richtest, antwortete Jesus, und frage, wie sich's gehört: Wer hat den Knaben erschlagen? Der Richter ließ sich die Zurechtweisung gefallen, und fragte: Wer hat den Knaben erschlagen?

Er selbst wird dirs sagen, antwortete Jesus, nahte sich dem Knaben und rief ihm: Richte dich auf und rede. Der Tote richtete sich auf und gab den Täter an, der den verdienten Lohn empfing.

Maria nahm ihren Sohn bei der Hand und sprach: Geh zum Lehrer in die Schule, das ist dir dessen, als mit Knaben spielen. Mutter, antwortete Jesus, der Herr hat mich schon den Pentateuchus und das Evangelium gelehrt, als du mich noch in deinem Schoße trugst.[263]

Das ist wahr, sagte Maria, bei allem dem ist's aber besser, in die Schule gehen, als mit den Knaben spielen. Jesus folgte willig seiner Mutter in die Schule.

Der Meister fragte ihn: Wie heißt du? Maria's Sohn. Sohn Maria's, sag': Im Namen Gottes.

Jesus. Im Namen Gottes, des Allgütigen, des Allerbarmenden.

Meister. Sage mir das Ebdschedhewes1 nach.

Jesus. Frage mich lieber um die Erklärung desselben.

Meister. Wohlan: Was will Elif sagen?

Jesus. Elif ist der Anfangsbuchstabe von Allah, Gottes Name, u.s.w.

Als Jesus nach Jerusalem zurückkam und seine Sendung zu predigen anfing, war er dreißig Jahre alt. Das Volk verlangte Zeichen der Göttlichkeit seiner Sendung. Jesus verfertigte Vögel aus Thon, nahm sie auf die Hand, blies darauf, indem er Uf sagte, und die Vögel flogen beseelt davon. Es war der Hauch Gottes, aus dem er selbst entstanden, den[264] er mitzutheilen Kraft hatte, und wodurch er nicht nur den Thon beseelte, sondern auch Tote zum Leben erweckte. Denn das Volk, mit diesem Wunder nicht zufrieden, fragte, was er noch mehr könne als Prophet. Ich mache, sprach Jesus, Blinde sehend, Taube hörend, Lahme gehend, Aussätzige rein und Tote lebendig. Um die Wahrheit des Letzten zu erweisen, führten sie Jesus zum Grabe Sem's, des Sohns Noe's, denn kein älteres kannten sie nicht.

Das Grab ward geöffnet, und der Leichnam richtete sich auf. Wer bist du, und wer bin ich? fragte Jesus. Ich bin Sem, der Sohn Noe's, und du bist Jesus, der Geist Gottes. –

Warum ist dein Bart grau, denn er war schwarz, als du starbst. – Du hast Recht, aber aus Schrecken über deinen Ruf, den ich für den Ruf des Todesengels hielt, ward mein Haar grau. –

Wenn du willst, Sohn Noe's, so erfleh ich dir vom Herrn noch einmal so langes Leben. –

Ich danke dir, Geist Gottes, ich habe genug gelebt und ziehe die Ruhe des Grabes vor.

Außer diesen Wundern brachte Jesus auch eines Tages einen gedeckten Tisch vom Himmel herunter, um eine Menge Volks zu speisen. Die ungläubigen Juden, welche über dieses Wunder spotteten, wurden in Schweine verwandelt, so wie andere ihrer Vorgänger, welche die Feier des Sabbaths entheiliget hatten, in Affen. Ihre Abkömmlinge haben Schweins- und Affengesichter behalten.

Die Juden wollten Jesus kreuzigen, aber Gott schob ihnen einen andern Menschen in Jesus Gestalt unter. Jesus ward nicht gekreuzigt, sondern in den Himmel erhoben.

Die Christen waren eben versammelt in Betrachtung der Himmelfahrt, als drei Greise mit ehrwürdigen Bärten als eifrige Christen eintraten. Es war Satan mir zweien seiner Getreuen. Was meint ihr von Jesus? sprachen sie. Dass er der Sohn Marias, aus Gabriels Hauch erschaffen, der Geist Gottes sei, sprachen sie. Ihr irrt, sprach der Erste:

Wie kann aus einem Hauch ein Kind entstehen? Jesus ist Gottes Sohn. Nein, sprach der zweite, Gott zeuget nicht mit Menschentöchtern, sondern Jesus ist selbst Gott, der in den Schoß Maria's niederstieg, und sich der Welt offenbarte. Ja wohl, nahm endlich der dritte, Satan selbst, das Wort: Jesus ist Gott, aber auch der Geist, der Maria überschattete, war Gott, wie der im Himmel. Die Versammlung erklärte diese Meinung als kanonisch, sie nahmen die Boten der Finsternis für Boten des Lichts, und glauben seitdem irrig an drei Götter in Einem.

Fußnote: Ebdschedhewes ist der Anfang der arabischen Abc-formel, mit welcher der erste Unterricht beginnt; der Lehrer geht mit Jesus auf diese Art das ganze Alphabet durch, und jeder Buchstabe wird als der Anfangsbuchstabe einer der Eigenschaften Gottes erklärt.

bullet Inhaltsverzeichnis - Rosenöl

© seit 2006 - m-haditec GmbH & Co KG - info@eslam.de