Rosenöl
Rosenöl (Hammer-Purgstall)

Aussprache:
arabisch:
persisch:
englisch:

1813 n.Chr.

Mehr zum Thema siehe: Rosenöl (Hammer-Purgstall)

Rosenöl - Joseph von Hammer-Purgstall

83. Ein arabischer Dichter

Ein arabischer Dichter hatte jährlich von Dschafer tausend Dukaten erhalten für ein Lobgedicht, das er ihm darbrachte. Nach Dschafers Tode wallfahrtet er zu seinem Grabe, wo er seinen Schmerz in Elegien ausweinte; bis ihn der Schlaf überfiel. Im Traume erschien ihm der Barmekide und sprach: So ist's Gottes Fügung. Wir gaben dir jegliches Jahr Lebensunterhalt, aber wir selbst leben nicht mehr; wir bewohnen das Grab statt der Palläste. Unsere Tage waren gezählt, doch soll die Kürze derselben die deinigen nicht verbittern. Geh nach Bassora, sage dem Kaufmann des dritten Gewölbes: Dschafer, der Barmekide, beschwört dich, mir dreitausend Dukaten zu geben. Er beschwört dich beym Andenken der Bohnen.

Der Dichter erwachte mit dem größten Erstaunen. Mein Traum, rief er aus, ist wahr, wenn je ein Traum die Wahrheit gesprochen; hätte ich die Unterschrift des Barmekiden, so würde mir doch kein Mensch glauben wollen. Allein getrost! Alles will ich verlieren als das Vertrauen in meine Wohltäter. Gott segne dich Barmekide Dschafer.

Er begab sich nach Bassora, und am folgenden Tage suchte er das ihm bezeichnete dritte Gewölbe des großen Marktes auf.

Er fand einen Kaufmann sitzend aus einem Sofa von Goldstoff, von zwei Jünglingen bedienet, deren einer damit beschäftiget war, seidene und reiche Stoffe abzuschneiden, und der andere Gold und Silber abzuwägen.

Der Dichter, der diesen Wohlstand sah, ließ den Muth sinken, weil er dachte, dass dieser reiche Herr ihm ins Gesicht lachen würde, wenn er ihm seinen Traum erzählte, und im Namen der Bohnen Aushülfe begehrte. Allein zuletzt überwand er das Gefühl falscher Scham, und er grüßte den Kaufmann. Dieser erwiderte den Gruß, und fragte, was zu seinen Befehlen stünde. – Ich bitte dich um Nichts als um Geduld mich anzuhören. – Rede immer zu. So erzählte er ihm denn seinen Traum, und bat ihn zuletzt um Aushülfe im Namen der Bohnen. –

Beim großen Gott! sprach der Kaufmann, wenn du dreißig oder fünfzigtausend Dukaten begehrt hättest im Namen meiner Dankbarkeit für die Bohnen, so hätte ich dir dein Begehren nicht abschlagen können. Sogleich befahl er dem Jünglinge, der Gold und Silber abwog, dem Dichter drey Beutel Goldes zu geben. So wahr Gott groß ist! sprach der Dichter, ich nehme diese Summe nicht, bis du mir sagst, was diese Dankbarkeit im Namen der Bohnen bedeutet. Ich bin gar zu neugierig sonderbare Begebenheiten zu vernehmen, und du wirst mich durch die Erzählung der deinigen nicht minder, als durch dein Gold verbinden. Es muss eine Geschichte sein, wert, mit goldnen und silbernen Buchstaben aufgezeichnet zu werden, eine Geschichte, wert kommender Jahrhunderte.

Der Kaufmann versprach es ihm, und führte ihn mit sich nach Hause. Sie kamen zu einem großen Palast, dessen Vorhalle mit großen Lampen aus Sandalholz beleuchtet waren, die an seidenen Schnüren hingen. Dreißig Sklaven, und eben so viele Sklavinnen kamen ihnen entgegen. Die Wände der Zimmer und Säle waren reich vergoldet, der Boden mit Marmor gepflastert, die Fenster Kristallscheiben. Sie ließen sich in einem Köschke nieder, dessen Aussicht auf der einen Seite gegen das Haus, und auf der andern gegen den Garten ging. Die Tafel ward gedeckt mit prächtiger Mahlzeit, und nachdem der Sorbet herumgegangen war, nahm der Hausherr folgendermaßen das Wort: Ich war ehemals in Bagdad ein armer Bohnenverkäufer, und mein ganzes Eigentum bestand aus einem halben Scheffel Bohnen. Das war das Capital, und die Interessen, von denen ich mich und meine Familie unterhalten musste. Eines Tages, in der regnichten Jahrzeit, wo die Regen Tag und Nacht niederströmen, ging durch vier und zwanzig Stunden ein Wolkenbruch nieder, so, dass alle Gassen in Wasser stunden, und dass es unmöglich war auszugehen. Ich sagte zu meinem Weibe, das sieht schlimm aus, wie kann ich mich bey diesem Wetter hinauswagen, und wer wird Bohnen kaufen wollen? Gott sei gelobt! sagte mein Weib, er wird uns helfen aus dieser Not. Wohl ist zu fürchten, dass wenn du ausgehst, alle Bohnen verdorben werden durch den Regen, indessen versuche dein Glück, vielleicht verkaufst du doch etwas, um uns für heute zu ernähren; ich wagte mich dann hinaus mit dem Scheffel auf dem Kopfe. Der Regen strömte unaufhörlich fort, als ob die Schleusen der großen Tiefe durchgebrochen wären; ich watete im Wasser bis an die Knie, ermattet durch die Bemühung durchzukommen, und von Sorgen verzehret. Der Wesir Dschafer und seine Gemahlin standen diesen Tag unter ihrem bedeckten Balkon auf dem Gipfel des Palastes, und unterhielten sich damit, hinauszusehen in die strömende Wolkenflut und auf die zahllosen Bäche, die sich in den Gassen bildeten.

Als sie mich erblickten, sprach der Wesir zu seiner Gemahlin: Siehst du diesen Bohnenverkäufer, der unerschrocken einherschreitet, während die Lasttiere sich mit Mühe aufrecht erhalten können. Entweder ist er sehr arm, oder sehr geizig, um sich bei solchem Wetter hinauszuwagen. Im ersten Falle müssen wir seine Lage verbessern, im zweiten ein strafendes Beispiel aufstellen. Der Wesir ließ mich durch einen seiner Leute holen, und fragte mich, was mich bewogen bey so abscheulichem Wetter auszugehen? Die Armut und der Hunger, antwortete ich, denn wie sollte ich sonst meine Familie für diesen Tag ernähren? Dschafer sah seine Gemahlin an, und sprach: das Herz tut mir wehe bei diesen Worten. Dann ließ er das ganze Haus zusammenrufen; es erschienen mehr als tausend Personen Große und Kleine. Der Wesir sprach: Wer mich liebt, wird Bohnen kaufen, so viel er kann. Da ging der Wettstreit an um meine Bohnen, und in Kurzem war mein Teller mit Gold und Silber, und mein Scheffel mit reichen Stoffen gefüllt, von beiläufig tausend Dukaten am Wert. – Als ich Alles verkauft hatte, fragte Dschafer, nun hast du noch Bohnen? – Bey Gott! antwortete ich, nur diese einzige. Er nahm die Bohne, legte dieselbe zwischen sich und seine Gemahlin, und rief sie aus zur öffentlichen Versteigerung zwischen ihnen beiden; wie viel bietest du, fragte er seine Gemahlin? Tausend Dukaten. Dschafer bot zweitausend. Die Frau dreitausend. So überboten sie Eines das Andere bis auf die Summe von zwanzigtausend Dukaten, von denen der Wesir die Hälfte, und die andere Hälfte seine Gemahlin erlegte. Er befahl, das Geld mir nachzutragen, und so langte ich in feierlichem Zuge zu Hause an, wo mein Weih fast närrisch war vor Freude.

Wir beschlossen hierauf, Bagdad zu verlassen, denn als neu aufgeschossene Reiche wären wir nur unseren alten Bekanntschaften zum Spotte geworden, die sich über den von Gold starrenden Bohnenverkäufer gewiss nicht wenig lustig gemacht hätten. Wir ließen uns also hier in Bassora nieder, wo mein Handel bald so günstige Fortschritte machte, dass ich mich in meinen jetzigen Wohlstand versetzet sah, den ich einzig und allein der Freigebigkeit Dschafers des Barmekiden danke. Als wir seinen Tod vernommen hatten, legten ich und die Meinigen die Trauer an, und verteilten mehr als fünftausend Dukaten an Almosen zur Ruhe seiner Seele. Der Dichter vereinte den Erguss seines dankbaren Herzens mit dem Ausdruck der Gefühle des ehemaligen Bohnenverkäufers, und pries den Barmekiden als seinen Wohltäter auch nach dem Tode.

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