Rosenöl
Rosenöl (Hammer-Purgstall)

Aussprache:
arabisch:
persisch:
englisch:

1813 n.Chr.

Mehr zum Thema siehe: Rosenöl (Hammer-Purgstall)

Rosenöl - Joseph von Hammer-Purgstall

97. Ibrahim, der Sohn Mahadi's lebte

Ibrahim, der Sohn Mahadi's lebte nach erhaltener Verzeihung Mamuns beständig am Hofe des Chalifen. Eines Tages, als er in den Gassen von Bagdad allein herumstrich, erblickte er an einem halbaufgemachten Fenster eine kleine, weiße, runde, allerliebste Hand, in die er auf der Stelle sterblich verliebt ward. Nun sann er auf eine List, sich ins Haus hineinzustehlen. Er fragte beim Nachbarn um den Namen des Hausherrn, und auch um den Namen zweier Gäste, die eben ankamen, um an einem Feste, zu dem sie geladen waren, Anteil zu nehmen.

Ibrahim grüßte sie ganz unbefangen, und, indem er um ihr Befinden fragte, ging er mit ihnen ins Haus. Der Gastgeber glaubte, der Fremde sei ein Freund seiner Freunde, grüßte ihn als solchen, wies ihm den Ehrenplatz an, und überhäufte ihn mit Bezeugungen von Aufmerksamkeit, sowohl am Tische, als im Gesellschaftssaale, wohin man sich nach aufgehobener Tafel begab.

Eine Sklavin, schön wie der volle Mond, kam mit einer Laute in der Hand und sang:

Liebend hangen meine Augen
An dem schönsten Ideal,
Ach! ich fürchte, dass sie saugen
Blut aus Ihrem Schönheitsmahl.
Ohne Sie zu sehn und kennen,
Gib ich ihr mein Herz als Pfand.
Ach! um ewig zu entbrennen,
Ist genug die schöne Hand.

Ibrahim, dem diese Worte aus der Seele gesungen waren, konnte sein Entzücken nicht bergen. Indessen war die Sängerin keineswegs die Schönheit, deren kleine, weiße, runde, allerliebste Hand einen so tiefen Eindruck auf sein Herz gemacht hatte. Er dachte, dass die Sängerin ihn vermutlich beobachtet haben müsse, als er auf der Gasse, versunken in Liebe zur kleinen, weißen, runden, allerliebsten Hand, unbeweglich nach dem Fenster hinstarrte, und dass sie diesen Umstand glücklich benutzte, um die schönen Verse zu improvisieren, welche durch den Zauber ihrer Stimme und der Laute gehoben, alle Zuhörer zur einstimmigen Bewunderung hinrissen. Ibrahim, der selbst ein sehr guter Tonkünstler war, nahm die Laute, und entlockte derselben melodische Töne, welche Seelen und Geister raubten. Der Hausherr, entzückt über das Talent seines neuen Bekannten, bat ihn, allein zurückzubleiben, nachdem sich die Gäste nach Hause begeben haben würden. Als sie allein waren, fragte ihn der Hausherr um seinen Namen, und hörte nicht auf, in ihn zu dringen, bis er sich ihm zu erkennen gegeben. Träume ich, oder wache ich, rief der Hausherr; welches unerwartete Glück für mich, mein Prinz! Wenn Sie mich würdigen, den Rest der Nacht mit mir zuzubringen, so will ich Alles aufbieten, Ihnen dieselbe so angenehm zu machen, als in meinen Kräften steht. – Ibrahim dankte ihm für seine Güte, und in der Folge der Unterredung erzählte er ihm die Begebenheit mit der kleinen, weißen, runden, allerliebsten Hand. Der Hausherr klatschte dreimal in die Hände, wandte sich dann gegen die Seite, wo der Vorhang des Harems war, und rief: Kleidet Euch an, und kommt heraus. – Alsbald erschienen vierzig Schönen, in dem reichsten Schmucke. Eine nach der andern ließ ein Paar Hände sehen, je eines schöner als das andere, und deren natürliche Schönheit durch den Glanz der Diamanten, Smaragden, und Rubinen, womit sie beringet waren, ungemein erhöhet ward. Aber die kleine, weiße, runde, allerliebste Hand, die das Herz Ibrahims erobert hatte, war nicht darunter. Er teilte diese für ihn so traurige Entdeckung dem Herrn des Hauses mit. – Mein ganzes Harem, sprach er, hat die Musterung[206] passiert, nur meine Schwester ist zurückgeblieben; sie soll aber also gleich kommen. Sie kam, das war die Schönheit mit der kleinen, weißen, runden, allerliebsten Hand, in die Ibrahim sich so sterblich verliebt hatte. Sogleich wurden zehn Zeugen gerufen, in deren Gegenwart der Hausherr seine Schwester als Frau verschrieb an Ibrahim, den Sohn Mahadi's, mit einem Heiratsgüte von zwanzigtausend Dirhems.

Diese von Ibrahim dem Chalifen Mamun zu rechter Zeit erzählte Geschichte rettete einem jungen Menschen das Leben, der ein mit zehn Passagieren bemanntes Schiff in der Meinung bestiegen hatte, dass sie zu irgend einem Feste führen, an dem er ungeladen Teil zu nehmen hoffte. Diese Leute waren Räuber, welche gefangen vor den Chalifen gebracht und zum Tode verurteilt wurden. Der junge Mensch, der sich als Parasite angab, hätte keinen Glauben gefunden, wenn nicht Ibrahim dem Chalifen aus eigener Erfahrung erzählt hätte, dass solche Stückchen nichts Ungewöhnliches seien. Der Chalife verzieh dem jungen Menschen, und es fand sich, dass es der Sohn war von Ibrahim, und der Dame mit der kleinen, weißen, runden, allerliebsten Hand.

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