Rosenöl
Rosenöl (Hammer-Purgstall)

Aussprache:
arabisch:
persisch:
englisch:

1813 n.Chr.

Mehr zum Thema siehe: Rosenöl (Hammer-Purgstall)

Rosenöl - Joseph von Hammer-Purgstall

Vorrede (Band 2)

Noch ein Fläschchen Rosenöls, Wohlgeruch liebende Leser, das Sie nach orientalischer Sitte ungeöffnet zwischen Papier und Wische legen, oder womit, wenn Sie aus dem Schwitzbade des Geschäftlebens kommen, und gemächlich auf Ihrem Sofa ruhen, Sie sich zur Zeitverkürzung durchdüften mögen. Wir verbürgen, dass es nicht weniger rein und ächt ist, als das erste, wiewohl Kenner gar bald den verschiedenen Gehalt der beyden Fläschchen unterscheiden werden. Das erste war bloß aus persischen Rosen gesammelt, deren vorzüglicher Wohlgeruch Ihnen aus Saadi's Rosenhain und aus Hasisens Liebesgesprächen zwischen Rosen und Nachtigall gewiß längstens bekannt ist. Außer dem indischen und persischen Otr aber gibt es auch, wie Sie wissen, syrisches, ägyptisches, barbarisches und türkisches Rosenöl. Die Rosen von Damaskus, von Fajum[3] und Adrianopel düften weniger stark, aber deshalb nicht weniger lieblich, als die persischen. Was wir aus unserem kleinen Vorrat derselben an reinem Otr erpressen konnten, erhalten Sie in diesem Riechfläschchen.

Es sind dreihundert Tropfen gesammelt aus sieben orientalischen Distillirkolben, deren Einrichtung und Beschaffenheit weiter unten näher beschrieben wird.

Es ward sorgfältig darauf gesehen, dass das Wasser verdünste, damit Sie vielleicht statt des versprochenen Rosenöls nicht Rosenwasser erhielten, von dem es leicht wäre, in zinnernen oder bleiernen Flaschen einen so ansehnlichen Vorrat herzuschaffen, dass Sie sich damit nicht nur die Augen auswischen, sondern darin auch baden könnten.

Aber je mehr es gutes Rosenwasser giebt, desto seltner ist ächtes Rosenöl, von dem wir Ihnen ein Paar Fläschchen zu liefern versprachen, und hier mit dem zweiten Wort halten. Oder mit schlichten Worten:

Es wäre ein Leichtes gewesen, aus den sieben unten genannten Werken mehr als dreihundert Geschichten und Anekdoten zu übersetzen,[4] indem die türkische große Anekdotensammlung, deren allein über vierzehnhundert enthält, aus denen nur ein halbes Hundert gewählt ward. Die meisten der übrigen sind unserem Urteile nach so gemein, platt und wässerich, dass es nicht der Mühe wert schien, mit solchem Gewäsche die Zeit des Lesers sowohl als des Übersetzers zu verderben.

Eben so sparsam wurden einige der arabischen Quellen benutzt, aber aus einem andern von dem vorigen ganz verschiedenen Grunde. Dort ward das Wässerichte, hier das Beißende übergangen. Possen und Mährchen in Aretin's und Crebillon's Geschmacke. Stoff zu Erzählungen à la Bocaccio und á la Fontaine des Franzosen, deren Ausführung besser seinen Landsleuten, als dem Deutschen überlassen bleibt.

Das blütenreichste der durchwühlten Rosenbeete ist das Alaimon-nas, eine arabische Anekdotensammlung von entschiedenem Werte, deren aus arabischen Geschichtsschreibern zusammen getragene Inhalt von den späteren Zeiten der morgenländischen Geschichte unter den Kalifen nicht weniger für rein historisch gilt, als [5] Tabari für die Zeiten der ältesten Geschichte der Propheten und persischen Könige.

An die Stelle der Glorie, welche die Werke der alten Propheten, und die Taten der Heroen überstrahlte, brach der Prachtschein hervor, welcher den Kalifenstuhl umleuchtete, und die Wunder der Vorwelt unter den großen Fürsten des Islams erneute.

Die Regierung der vier ersten Kalifen, die des Hauses Ommia und der Familie Abbas ist die taten- und lehrreichste Epoche der arabischen Geschichte. Omar, der strenge Kalif, Hedschadsch, der tyrannische Statthalter, und Abbas, der blutdürstige Usurpator beherrschten die Völker mit härenem Sack und blutiger Geißel, und eisernem Szepter. Der Koran und das Schwert waren die Herolde des Glaubens und die Säulen des Reichs. Unter den Abbasiden aber spross aus den Ruinen des persischen Reichs, auf dessen Trümmern der Kalifenstuhl erhoben war, die zarte Pflanze der Wissenschaft und weiser Regierungskunst verjüngt empor, und trieb Blüten unverwelkbar in der Geschichte. Die Kleinodien des Kalifats, der Mantel und der Stab des Propheten[6] wurden die Hülle und Stütze, worin sich die Völker sicher bargen, und worauf sich die Fürsten schirmend lehnten. Die Nationen waren die Diener Gottes, und der sichtbare Statthalter desselben, der Nachfolger des Propheten auf Erden, der Kalife. Durch Harun, Mamun, und durch die Barmekiden, die unter und mit ihnen herrschten, ward die Regierungskunst des Kalifates bis zur größten Vollkommenheit gesteigert. Der Hang des Ersten nach Pracht und Genuss, die Wissenschaftsliebe des Zweiten, die Freigebigkeit des Letzten riefen alle Keime der Kunst ins Leben, und alle Talente ins Dasein. Wem sind diese Namen unbekannt geblieben, und wer hat nicht von dem Glanze Harun's, von Mamun's Gelehrsamkeitsflore und von der Großmut der Barmekiden gehört? Die Nachtigallen dieser Rosenzeit, die Horaze und Virgile dieser Auguste und Mäcene, Asmai, Ebinuwas, Ebu-moßab, Hossein, AlKalii, Seineddin, und Ibnal-wardi haben uns die schönsten Blüten aufbehalten.

Sie lebten zu den Zeiten Harun's und Mamun's, und der Barmekiden, und erzählen die verschiedenen kleinen Begebenheiten und Abenteuer von dem Hofe des Kalifen, worein sie entweder selbst verwickelt waren, oder wovon sie durch Andere gehört hatten. Sie waren die täglichen Gesellschafter und unzertrennbaren Begleiter der genannten Kalifen und Wesire, eingeweiht in die Geheimnisse ihrer vertrautesten Gesellschaft, und selbst des Harems. Ihnen zu Gunsten lüfteten sich manchesmal die undurchdringbaren Schleyer des Frauengemachs, und das Talent der Dichtkunst, der Erzählungskunde und der Musik erwarb ihnen nicht selten die Gunst, hierin mit den Sklavinnen des Harems einen Wettstreit zu beginnen; auch teilten sie mit Mesrur, dem obersten Verschnittenen und Vorsteher des Harems, die Ehre, den Kalifen verkleidet auf seinen nächtlichen Ausflügen und Streifereyen durch Bagdad zu begleiten, und Zeugen zu sein der guten Laune des Kalifen, worin er oft des Weinverbotes des Propheten vergaß. Was sie hievon erzählen, ist eigentlich die Blüte ihres Witz- und Fantasiespieles, und gibt den Ton der damaligen besten Gesellschaft, nämlich der Gesellschaft am Hofe des Kalifen.

Unter allen gesellschaftlichen Talenten ward keines höher geschätzt, als das, zu improvisieren und zu erzählen. Die oben genannten sieben schönen Geister waren die privilegierten Hofdichter und Hoferzähler. Sie mussten sich den ganzen Tag hindurch in den Vorzimmern des Palastes aufhalten. Wenn der Kalife, von Regierungsgeschäften ermattet, sich einige Augenblicke erholen wollte, ließ er sie hereinrufen, um ihm Etwas aus dem Stegreife zu reimen, oder zu erzählen, und oft, wenn er des Nachts von Sorgen geplagt kein Auge zutun konnte, ließ er sie wieder rufen, um ihm durch ihre Verse und Anekdoten die lange Weile der schlaflosen Nächte zu vertreiben. Besonders ist Harun Raschid durch seine schlaflosen Nächte, durch seine unüberwindbare Neugierde, und durch seinen Hang zum Seltnen und Wunderbaren vor allen andern Kalifen weitberühmt, weswegen ihn auch die Sammler der tausend und einen Nacht so oft zum Helden ihrer Mährchen gewählt haben. Der Unterschied der kürzeren (bisher in Übersetzung angekündigten, aber noch nicht erschienenen) Erzählungen der tausend und einen Nacht, und der hier gesammelten besteht darin, dass jene oft nichts als Mährchen seyn wollen, diese hingegen immer auf historische Wahrheit Anspruch machen. Sollte ihnen auch diese Anforderung von europäischen Lesern gar nicht, oder wenigstens nicht so unbedingt zugestanden werden, so bleibt doch immer den einen wie den andern die individuelle Wahrheit treuer Sittenmalerei.

Aus diesem Gesichtspunkte ist die Auswahl derselben getroffen, und viele sonst gar nicht interessante Geschichtchen sind bloß deswegen, weil sie einen treuen Zug oder charakteristischen Stempel arabischer Sitte an sich trugen, vor andern erlesen worden. Bey der Sündflut von Geschichten, Romanen, Mährchen, Anekdoten, Possen, Schwänken und sinnreichen Einfällen, womit die europäische Literatur überschwemmt ist, fliegt die ästhetische Taube umsonst aus nach unentdeckten blühenden Auen und goldenen Saatfeldern, aber ein grünes Zweiglein kann sie dennoch brechen, von fremdem Strauch, der noch aus der Flut hervorragt, und als exotisches Gewächs den Werth der Neuheit hat. Schwerlich wird ein künftiger Übersetzer Erzählungen auffinden, die durch Neuheit[10] der Anlage, Wendung, Verflechtung und Entwickelung vor den schon bekannten Etwas voraus hätten, aber die Sitte des Orients ist uns noch immer fremd und neu, und folglich interessant, sobald sie nur mit Wahrheit dargestellt wird.

Diese Anekdoten durchlaufen den ganzen Zeitraum von Mohammed bis zu den ägyptischen Schattenkalifen, und die Personen handeln im Diwan und im Harem, am Hofe und in der Wüste.

Kalifen und Prinzen, Frauen und Verschnittene, Statthalter und Vögte, Beduinen und Stadtleute, Wesire und Emire, Dichter und Tonkünstler, Pferdediebe und Sklavenhändler, sind nach der Natur gemalt, und leben und weben im deutschen Gewande, wie bei sich zu Hause unter Baldachinen und Zelten. Das Studium dieser Sittengemälde dürfte niemanden nützlicher sein, als europäischen Dichtern und Erzählern, die ihre Szenen nach Orient verlegen, deren Helden aber ungeachtet orientalischer Namen und Ausstaffierung im Orient wildfremd sind.

So hat z.B. die europäische Bühne kein einziges Stück aufzuweisen, worin die besonderen Sitten des Morgenlandes treu beobachtet wären. Voltaire's Mohammed und Zaire sind Franzosen, wie Collin's 3 Schäfer Engländer sind; und Klinger's Giafar der Barmekide ist weder ein Araber, noch ein Perser.

Der Verfasser kennt aus Hadschi Chalfa ein halbes Hundert ähnlicher Geschichten und Anekdotensammlungen, deren Bearbeitung künftigen Übersetzern vorbehalten bleibt, denen das Glück solch einen Fund bescheret. Hier folgt nur die nötigste bibliographische Notiz der sieben Werke dieses Faches, die der Übersetzer auf seinen Reisen im Morgenland fand und kaufte, und dermalen im Okzident besitzet und benützet.

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