Musawi Lari

Westliche Zivilisation und Islam

Sayyid Mudschtaba Musawi Lari

Ins Englische Übersetzt J.F. Goulding, hiernach ins Deutsche Übertragung R. H. Sengler

Das Folgende Manuskript ist eine geringfügig überarbeitete und sprachliche verfeinerte Version der 1995 in Qum erschienen deutschen Übersetzung.

Delmenhorst 2004

Barbarei in einer zivilisierten Welt

Einige Soziologen glauben, Krieg gehöre zum menschlichen Leben, denn das „war von Anbeginn grausam, brutal und widerwärtig.“ Andere Sozio­logen und Psychologen leugnen es; ihr Standpunkt ist, der Krieg könne aus dem menschlichen Leben eliminiert werden, denn Blutvergießen entstehe aus ethischen Entgleisungen, sozialen Unruhen und wirtschaftlichen Spaltungen, sei also nicht ein unausrottbarer Bestandteil der menschlichen Natur. Eine Unterweisung und Erziehung in den Grundwahrheiten, eine gerechte Ordnung der Gesellschaftsverhältnisse könnten die Kriegsursachen beseitigen. Die schrecklichen, nicht wieder gutzumachenden Einbußen, die ein Krieg auf Millionen ergebener Unschuldigen hinabschleudert, könnten vermieden werden, meinen sie.

Die unvergleichlichen Großtaten der Naturwissenschaft und Technologie haben aus dem 20. Jahrhundert einen blutigen Massenmord gemacht. Es ist gekennzeichnet als das Zeitalter der Gier, des Machtstrebens, des Aufruhrs, der Gewalt und der unmenschlichsten Kriege der Geschichte. Ein flüchtiger Blick über die ersten 75 Jahre unseres Jahrhunderts genügt, um offenbar zu machen, das in diesem kurzen Zeitabschnitt unsere fortgeschrittenen und zivilisierten Völker mehr Verbrechen begangen haben als in der gesamten vorhergehenden Menschheitsgeschichte.

Der Westen besitzt industrielle Techniken und Atombomben. Sein Wissen treibt den Menschen durch Schlamm und Flut. Es verwandelt einst fruchtbares Land in Wüsten. Der Schrei der Unterdrückten steigt gen Himmel; er bejammert des Westens schwächliches Denken und seinen moralischen Verfall.

Die Nachwehen zweier Weltkriege zwischen imperialistischen Mächten, welche widerstreitende materielle Interessen verfolgten, sind für die gesamte Menschheit fürchterlich gewesen. Keine Ausrede kann die Kriegshetzer dieses Jahrhunderts vom Schmutz ihrer Bosheit, Herzlosigkeit und Grausamkeit reinwaschen.

Der erste Weltkrieg dauerte 1565 Tage: Neun Millionen Tote, zweiundzwanzig Millionen Verstümmelte, fürs Leben nicht mehr verwendbar; das ist nur die Statistik der Verluste auf den Schlachtfeldern selbst. Wie viel Tote und Verletzte es als Nebenwirkung der Kämpfe in überfüllten Städten gab, ist nicht abzuschätzen. Die Kosten jenes Krieges werden auf 400 Milliarden Dollar veranschlagt. Der Carnegie Peace Trust nimmt in seinem Beicht „Die Welt im 20. Jahrhundert in Anspruch, das für die gleiche Summe, zu Preisen der damaligen Zeit, für jede Familie in England, Inland, Schottland, Belgien, Deutschland, Russland, den USA, Kanada und Australien ein anständiges Haus hätte gebaut werden können. Die Überlebenden weinen wie Rachel um ihre Kinder, „denn es sind keine da“, und sind untröstlich. Seine Verwüstungen waren noch nicht beseitigt, als der 2. Weitkrieg ausbrach.

Die Statistik besagt, das im 2. Weltkrieg 35 Millionen umkamen, 20 Millionen Arme oder Bein verloren, 17 Millionen Liter Blut verströmten, 12 Millionen Kinder missgestaltet auf die Welt kamen, 13 000 Volks- und weiterführende Schulen, 6000 Universitäten und 8000 naturwissenschaftliche Laboratorien zerstört, 319 Milliarden Patronen und Granaten abgefeuert wurden.

1945 warf Amerika 2 kleine Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. In Hiroshima wurden 70 000 Menschen atomisiert, 70 000 weitere verkrüp­pelt. In Nagasaki starben 40 000, weitere 40 000 wurden verstümmelt. Häuser lagen am Boden. Auch unschuldige Babys oder Tiere waren nicht ausgenommen. Innerhalb von 5 Tagen kapitulierte Japan bedingungslos.

Aus Weitpresseberichten konnte man erfahren, das nach dem Krieg russische Prothesenfabriken bei amerikanischen Fabriken 4 Millionen Fußprothesen in Auftrag gaben, um diejenigen auszustatten, die im Krieg einen Fuß verloren hatten. Ein derartiger Ausstoß konnte von den russischen Herstellern nicht bewältigt werden. Wenn so viele Füße in Russland benötigt wurden, wie viele nicht wiedergutzumachende Verwundungen müssen in der dortigen Bevölkerung überhaupt aufgetreten sein und wie viele in anderen Ländern, für die es keine bestätigten Statistiken gibt?

Die Bomben vom August 1945 enthielten 235 Einheiten Uran sowie 239 Plutonium, dem Äquivalent von 335 000 Einheiten TNT. Eine Durchschnittsatombombe von heute hat eine 5000mal stärkere und eine Wasser­stoffbombe eine 5 Millionen mal stärkere Zerstörungskraft. Und eine einzige Atombombe würde genügen, eine Stadt wie New York, Paris, London oder Moskau auszuradieren. Dazu braucht man keine bemannten Flugzeuge mehr. Gelenkte Raketen können sie 2000 Meilen weit direkt ins Ziel tragen. Das seismographische Echo einer solchen Explosion kann noch 7000 Meilen von ihrem Zentrum erfasst werden. Der Nobelpreisträger für Chemie, Dr. Linus Pauling, sagt, das in der ersten Stunde eines neuen Weltkrieges 10.000 Megatonnenbomben 175 Millionen Bewohnen dicht bevölkerter Länder auslöschen würden. Die USA hätten einen Vorrat von 24.000, die UdSSR von 80.000, England 15.000, damals, als er das niederschrieb.

Ein zukünftiger Krieg, so schreibt der US-General Neumann, wird nicht so sehr Soldaten sondern Zivilisten als Opfer fordern. Ganze Wohngemeinschaf­ten, Städte, Frauen und Kinder inbegriffen, werden dahingerafft werden. Unsere Physiker haben den Krieg den menschlichen Händen weggenommen, und ihn gefühllosen Kampfmaschinen übertragen, die zwischen Alter und Geschlecht, Kriegführend oder Zivilist keinen Unterschied machen. Der neue Kampf­bereich wird nicht ein Schlachtfeld oder eine Festung sein, sondern Städte und Dörfer, wo sich Industrie- und Handelszentren befinden. Auf diese nun würden ferngesteuerte Raketen voller Sprengstoff, Brandsätze, Giftgas und Bakterien als Seuchenträger niedergehen.

Diese beiden Kriege haben die ganze Menschheit in den Strudel der Selbstvernichtung geworfen. Aber ihre Schrecken haben nicht die geringste Wirkung auf die moralische Haltung des Westens gezeitigt noch seine Berauschung durch Wohlstand und Alkohol erschüttert; man sehe sich die vielen Regionalkriege von heute an, aus denen jederzeit ein totaler Krieg mit Weltvernichtung entstehen könnte. Zivilisierte Natio­nen benutzen ihre geistigen, körperlichen und finanziellen Mittel nicht für richtige Ziele wie Frieden und Wohlstand für alle, sondern um das Instrumentarium für jedermanns Vernichtung vorzubereiten und anzuhäufen.

Betrand Russell schreibt: „Regierungen, die wetteifern, Astronauten auf den Mond und darüber hinaus zu schicken, werden zusammen die Welt zerstören. In vergangener Zeit trieb schiere Not die Stämme dazu, ihre Nachbarn wegen der paar verfügbaren Lebensmittel anzugreifen. Heute sind Überflussgesellschaften bereit, Selbstmord zu begehen, wetteifernd in geistiger Umnachtung.“

Der „Economic Rekord“ schätzt, das in der ersten Hälfte des 20. Jahr­hunderts 400 Milliarden Dollar für Rüstungen ausgegeben wurden - genug, um jeden menschlichen Magen für den gleichen Zeitraum zu ernäh­ren und außerdem Wohnungen für ein Drittel der Menschheit zu schaffen, all dies in einer Welt, wo zwei Drittel der Bevölkerung kaum das Existenz­minimum besitzen und als Analphabeten leben.

Der Weltgewerkschaftsbund schätzt, das 70% aller arbeitenden Menschen in der Welt Arbeiten verrichten, die so oder so mit der Rüstungsindustrie verbunden sind. Die modernen Waffen sind so schrecklich, das es am Ende eines Dritten Weltkrieges weder Sieger noch Besiegte gäbe, sondern nur noch die gesamte Menschheit zu begraben wäre.

Der Soziologe Petrim A. Sorokin schreibt: „Die Schlüsselfrage unseren Zeit ist nicht, ob Kapitalismus oder Kommunismus, Nationalismus oder In­ternationalismus überlegen sind, sondern ob wir eine materialistische Zivi­lisation durch eine überlegene Weltanschauung ersetzen können. Im 1. und 2. Weltkrieg beanspruchte jede Seite für sich, dass es Frieden geben würde, wenn der Gegner am Boden liege. Im 1. Weltkrieg gaben die Alliierten Kaiser Wilhelm alle Schuld; er dagegen verfocht die Ansicht, das die Aus­merzung Englands für den Weltfrieden notwendig sei. Im 2. Weitkrieg gab es mehrere Ansichten: Friede nur durch Hitlers Rücktritt oder Tod; nur durch die Entfernung Churchills; wenn Mussolini nie geboren worden wäre; wenn man Hirohito keine göttlichen Ehren mehr erweise; wenn Trotzki Stalin in Russland ersetze.

Heute sind zwar alle diese Personen abgetreten, aber das Krisen- und Kriegsfieber entflammt immer noch die Welt und das Herz versagt den Menschen von Furcht. Denn es war ja gar nicht der Kaiser Wilhelm oder Hitler oder Mussolini oder Churchill oder Stalin, der an den Plagen des 20. Jahrhunderts schuld war. Sie verkörperten nur allzu viele menschliche Leidenschaften, welche auf jeden Fall ähnliche Führer mit anderen Namen hervorgebracht hätten. Ein überkochender Topf erzeugt Schaum. Den Schaum kann man entfernen. Aber frischer Schaum bedeckt rasch das Gebräu, wenn kein reinigendes Element hinzukommt, welches die Ursache beseitigt.“

Es stimmt, unsere Zeit hat die „Gesellschaft zur Verhütung von Tierquälerei“ geschaffen und Menschenleben durch Herzverpflanzungen ver­längert. Aber beim Ausbalancieren der Waagschalen haben ihre tödlichen Produkte wie Atombomben das Übergewicht. Die universale Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen scheint der Anspruch des 20. Jahrhunderts, Vorkämpfen der Unterdrückten und Feind der Unter­drücken zu sein, zu rechtfertigen. Aber immer noch verhungern Millionen oder sterben in Kriegen verfeindeten politischer Gruppierungen, diesen idealistischen Bestimmungen zum Trotz.

Sind die mannigfaltigen Kräfte, die der Krieg verdammen, selber von jedem Tadel freizusprechen?

Machen sich diejenigen, welche laut verkünden, das „alle Meinungsverschiedenheiten durch Verhandlungen gelöst wenden sollten“, nicht selbst schuldig, wenn sie anderen ihre Ansichten ungerecht, gewaltsam aufzwingen? Verstärken nicht christliche Politiken, die „Frieden auf Erden und guten Willen gegen die Menschen“ und „niemals wieder Krieg“ predigen, die zynische Enttäuschung der Jugend, welche ja sieht, das Gewalt und Blutvergießen immer noch als Mittel der Politik gebilligt werden und die nicht vergessen kann, das die Römische Kirche gegenüber der Verbrechen des Nationalismus und Faschismus auf einem Auge blind war?

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