Musawi Lari

Westliche Zivilisation und Islam

Sayyid Mudschtaba Musawi Lari

Ins Englische Übersetzt J.F. Goulding, hiernach ins Deutsche Übertragung R. H. Sengler

Das Folgende Manuskript ist eine geringfügig überarbeitete und sprachliche verfeinerte Version der 1995 in Qum erschienen deutschen Übersetzung.

Delmenhorst 2004

Beispiele für die Praxis im Islam

Wenn wir das Verhalten der Pioniere des Islam gegen das der sozialistischen Länder und das der „freien“ Welt und ihren Systeme abwägen, bemerken wir schnell, sie sind so grundverschieden wie ein Stück Kreide und Käse. Der Islam ist ein Gegner aller Klassenunterschiede und verwirft Begriffe wie „Boss“ und „Putzlumpen“. Einmal kam Imam Ali zu Ohren, das es in Basra ein Bankett zu Ehren des Gouverneurs Uthman bin Hunaif, Alis Stellvertreten, gegeben hatte. Er war wütend, das sein Gouverneur sich in besondere Beziehungen zu Basras „Adel“ eingelassen und zum Zielpunkt besonderer Auszeichnungen durch diese mächtige Klasse hatte machen las­sen. Er schickte darum einen strengen Brief an Uthman, worin er ihn zurechtwies; dieser Brief ist in Nahdsch-ul-Balagha enthalten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich alle Regierungen mit lautstarken Forderungen nach Freiheit und Gleichheit befassen müssen. Sie verfassten die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ als eine Art schönen Schreins für diese Idee. Die Praxis ist langsamer gewesen als die Richt­schnur. Hochentwickelte Länder gestehen nur schwer ein, das Unterschiede in Hautfarbe und Rasse keine Kriterien für besondere Vorzüge sind, sondern das nur der Charakter zählt. Der Islam hat diese Tatsache von Anbeginn erkannt. Der erste Gebetsrufer des Propheten war ein Äthiopier, und er gab seine Nichte dem Zaid bin Harith zur Frau, der ein Sklave war.

Eines Tages sagte der Prophet zu Dschuwaiber, einem armen, sehr frommen Neger: „Wie gut wäre es, du nähmst dir eine Frau, damit sie dein Leben mit dir teilt und dir eine Hilfe in dieser Welt und der nächsten ist.“ Dschuwaiber erwiderte: „Nimm meine Mutter und meinen Vater als Opfer an! Welche Frau könnte mich heiraten wollen? Ich bin weder gesund noch reich, habe keine Bücher und sehe nicht gut aus.“

Der Prophet erwiderte: „Unser Gott erklärte alle Eigentumsrechte eines Mannes über einen anderen, wie sie in den Tagen der Unwissenheit bestan­den, für null und nichtig; Er gab denjenigen, die vor dem Erscheinen des Is­lam benachteiligt und unterdrückt gewesen waren, ihren natürlichen Adel. Wer in den Nachtzeiten der Unwissenheit verachtet war, den erscheint beim Islam wertvoll vor Gott. Stolz auf Stellung, Aussehen, Stammbaum und Ele­ganz herrschten in den Tagen der Unwissenheit. Beim Islam gibt es das nicht mehr; er stellt jedermann, Weiß oder Schwarz, Quraisch, Araber oder Nicht-Araber einander gleich, nämlich als Kinder Adams, des Mannes, den Gott aus Staub formte. In Gottes Gedanken wird der, der am meisten gehorcht und rein ist, auch am meisten geliebt. Dschuwaiber, wir kennen kei­nen, der höher steht als du, es sei denn einer, falls es ihn geben sollte, dessen Reinheit und Gehorsam noch den deinen übertrifft. Geh sofort zu Ziyad bin Lubeid, dem Vornehmsten der Bani Biyahd und richte ihm aus: „Der Apostel Gottes hat mich zu dir geschickt, damit ich dich um die Hand deiner Tochter bitte.“ Dschuwaiber ging und fand Ziyad zuhause mit einer Gruppe seiner Stammesgenossen sitzen. Er bat ihn um eine Unterredung und sagte: „Ich komme vom Propheten um einen Grundsatz zu erhärten, der eine Botschaft erhält. Soll ich ihn dir allein oder auch vor den anderen verkünden?“ Ziyad erwiderte: „Warum nicht gleich hier? Eine Botschaft vom Prophe­ten ist eine Ehre.“ „Also gut“, sagte Dschuwaiber, „Seine Eminenz der Prophet hat mich ge­schickt, dich zu heißen, das du mir deine Tochter zur Frau gibst.“ Ziyad antwortete: „Wir Ansar (d.h. HeIfer des Propheten in seiner An­fangszeit) verheiraten unsere Töchter nur an uns Ebenbürtige. Geh! Bring dem Gesegneten meine Entschuldigung.“

Wähnend Dschuwaiber auf dem Rückweg war, fühlte Ziyad Reue und schickte einen Mann, der Dschuwaiber einholte und zurückbrachte. Ziyad sagte mit größten Zuvorkommendheit: „Bitte nimm Platz und warte, bis ich zurückkehre.“ Er machte sich dann auf den Weg zum Propheten und sagte ihm: „Nimm meinen Vater und meine Mutter als Opfer an! Dschuwaiber kam von dir mit einer Botschaft an mich, und die Antwort darauf möchte ich dir persönlich überbringen. Sie lautet so: Wir Ansaris geben unsere Töchter nur an Ebenbürtige.

Der Wegbereiter des Islam erwiderte: „0 Ziyad! Dschuwaiber ist ein Mann im Glauben und daher einer Frau im Glauben ebenbürtig; denn ein Muslim ist einer Muslim-Frau ebenbürtig. Darum gib ihm deine Tochter zur Frau und halte es nicht für entehrend, ihn zum Schwiegersohn zu haben.“

Ziyad kehrte heim und erzählte seiner Tochter, was geschehen war. Sie sagte: „Lieber Vater! Was den Propheten gutdünkt, nämlich Sein Geheiß, das du Dschuwaiber zum Schwiegersohn nimmst, ist nicht hoch genug zu schätzen!“ Ziyad verließ das Gemach seiner Tochter, nahm Dschuwaiber bei der Hand und stellte ihn in die Mitte seiner Stammesangehörigen; dort erkannte er ihn als seinen Schwiegersohn an und gab ihm seine Tochter zur Frau. Er selbst sorgte für die Mitgift und die Aussteuer seiner Tochter und ließ ein Haus für sie herrichten, das alle erforderliche Ausstattung und Ge­rätschaften enthielt. So wurde Ziyads Tochter die Mutter eines den größten aus dem Stamme der Quraisch, und der schwarzhäutige Dschuwaiber ihr Stammvater; ein Mann, der vor der Welt leer dastand, aber reich von Gott und damit ewigen Ruhm für die Schönheit seiner Seele erworben hat.

Es wird berichtet, das vor langer Zeit drei Muslime verschiedenen Herkunft beieinander saßen, nämlich Salman, der Iraner, Saheeb, den Byzantiner und Bilal, der Äthiopier, als ein Araber namens Qais zu ihnen trat. Als dieser Araber den köstlichen Anblick dreier Muslime mit reinen Herzen und demütigen Seelen beobachtete, sagte er: „(Die zwei Familien) Aus und Khazradsch wa­ren Araber, die dem Propheten in Dienst und Opfer zur Seite standen. Was aber haben diese drei Fremden zu sagen? Wer forderte sie auf, sich unter die Adjutanten des Propheten zu reihen?“ Qais’ Worte kamen dem Propheten zu Ohren. Er stand auf und berief seine Leute, sich in der Moschee zu versammeln, wo er wütend zu ihnen sagte: „Gott ist Einer, Adam, unser aller Vater ist Einer. Euer Glaube ist Einer. Also kommt das Araberturm, so stolz ihr darauf sein mögt, weder von eurem Vater, noch von eurer Mutter - bloß von eurer Sprache.“ Der Prophet gab sich große Mühe, Rassenüberheblichkeiten zu unterdrücken und verkündete ein Dekret, worin er die Gleichheit zum Gesetz erhob und jede gegenteilige Reaktion verdammte.

Die Einrichtung des Hadsch, der jährlichen Pilgerfahrt nach Mekka, die jeder Muslim überall wenigstens einmal im Leben obliegt, hat ebenfalls einen tiefgehenden Einfluss darauf gehabt das man sich jenseits von Farbe und Klasse einigte und gleich empfand. Mit den Worten des libanesischen Professors Philipp Hitti in seinem Buch „Die Geschichte der Araber“: „Vor der Ka’aba, wohin der Herr aller Menschen sie ruft sich zu versammeln, der Äthiopier, der Berber, der Chinese, der Iraner, der Inder, der Syrer und Araber, Reich und Arm, Hoch und Niedrig, geben sie sich alle brüderlich die Hand und sprechen gemeinsam den doppelten Glauben aus: ,Es gibt keinen Gott außer Gott, und Muhammad ist Sein Prophet’. So ist für den Islam der einzige Unterschied, der zwischen den Menschen herrscht, der zwischen Glaube und Unglaube. Und der Hadsch hat den größten Dienst geleistet, indem er Gleichheit und Brüderlichkeit zur Lebensregel für Millionen in jedem Klima gemacht hat.“

Es ist betrüblich zugeben zu müssen, das Slogans von Klasse- und Rasse­n Ideologien in jüngerer Zeit gewisse islamische Staaten ergriffen haben mit dem traurigen Ergebnis, das dort jetzt ähnliche Rassen- und Klassen-Unterschiede herrschen wie in weniger bevorzugten Ländern. Unsere Aufgabe ist es, die gesunde Ideologie des Islam wieder zu beleben und ihr innerhalb einer Generation weltweite Anerkennung zu verschaffen.

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