Musawi Lari

Westliche Zivilisation und Islam

Sayyid Mudschtaba Musawi Lari

Ins Englische Übersetzt J.F. Goulding, hiernach ins Deutsche Übertragung R. H. Sengler

Das Folgende Manuskript ist eine geringfügig überarbeitete und sprachliche verfeinerte Version der 1995 in Qum erschienen deutschen Übersetzung.

Delmenhorst 2004

Der Islam und der Fortschritt des Geistes

Die meisten Abendländer wissen nichts davon, wie viel ihre Kultur dem Islam schuldet, sogar hinsichtlich der industriellen Umgestaltung, des wis­senschaftlichen Fortschritts und des philosophischen Neulands unserer Zeit. Der Islam kam inmitten eines der rückständigsten Völker zur Welt. In sehr kurzer Zeit hatte er diesen Völkern einen Vorsprung auf jedem Gebiet verschafft.

Das größte Wunder war, das er als ein Erwachsener des Geistes in einer so verdorbenen und armseligen Umwelt auftrat. Sein zweites Wunder war, das er diese Umwelt durch die schiere Kraft der Eingebung ohne jede Unterstützung von außen zu einer Bestimmung ohnegleichen erhob. Sein drittes war, einen kulturellen Brennpunkt zu errichten, von dem starke Wellen ausstrahlten, die eine Renaissance in anderen Völkern ver­schiedenster Herkunft anregten. Die Wandlungen, die er bewirkte, umfassen die bis dahin größte Revo­lution in der Geschichte: eine Revolution der Vernunft und Aufnahmefähigkeit, in Denken und Verstand, in den Beziehungen zwischen Individuen und Gemeinschaften, überhaupt in jedem Bereich menschlichen Lebens.

Am Ende seines ersten Jahrtausends erstreckte sich der Islam von der Atlantikküste Afrikas im Westen bis zur Großen Chinesischen Mauer im Osten, vom Mittelmeer bis zur Sahara in Afrika. In Spanien eroberten seine Truppen zuerst Andalusien, dann ganz Spanien bis zu den Pyrenäen und drangen sogar durch Südfrankreich weit nördlich bis Tours vor. Der ganze „Jezirat-ul’Arab“ wurde natürlich muslimisch. Vom muslimischen Iran und Afghanistan aus eroberten andere Truppen den Sind, Pandschab und die Gobi - und dies in ein paar kurzen Jahrhunderten. In allen seinen Bereichen wurden die in der arabischen Heimat erarbeiteten Prinzipien auf die neuen Gemeinschaften unter seiner Herrschaft angewandt. Im besonderen seine Gerechtigkeit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die humanen Früchte seiner peinlich genauen Sorge für das Individuum und dessen Stellung in der Gesellschaft, welches die eigentlichen Kennzeichen des Islam sind und die den Gemeinschaften auf dieser ungeheuren weiten Fläche ihren Stempel aufgedruckt haben.

Die erste Aufgabe war der Sturz von Tyranneien; die zweite die Begründung einer gesunden islamischen Herrschaft mit Respekt vor den Menschenrechten; die dritte die Aufklärung von Verstand, Forschung und Denken; die vierte die Propagierung des Glaubens dank seiner ruhigen An­ziehungskraft für Vernunft und Logik und durch die Tiefe und Weite seiner Schau; die fünfte, vielleicht ruhmvollste von allen, weil ohne jede Namens­nennung; das Völker aller Glaubensrichtungen von seiner eigenen überle­genen Auffassung von Moral, Geist und Seele angesteckt wurden.

Diese letzte Errungenschaft hob nicht nur das allgemeine Niveau der Völker jeglicher Religion überall in der Welt, sondern zog auch viele Proselyten aus den Götzenanbetern Arabiens, Animisten Afrikas, Magier und Anhängern des Zoroaster im Iran und Christen Ägyptens und Syriens an sich.

Das vor-muslimische Arabien besaß keine Spur von Kultur. Wissen­schaft, Gelehrsamkeit oder Volkswirtschaft; aus geographischen Gründen lebten die Araber in Unwissenheit und Elend, ein Opfer abergläubischer Vor­stellungen, isoliert von dem, was in der Welt vor sich ging. Der Islam änderte dies alles und ging weiter: Er öffnete Herz und Verstand der Men­schen überall für neue Möglichkeiten.

Im weit entfernten Andalusien erwuchs, vom Islam inspiriert, eine Schule von Gelehrten, Schriftstellern, Mathematikern, Forschern und Philosophen, die das von den Griechen 1500 Jahre zuvor erreichte gedankliche Niveau wiederbelebte und darauf aufbauend zu Höhen fortschritt, die der Mensch nie zuvor er­reicht hatte.

Moderne Wissenschaftler jedes Landes, selbst solche, deren Vorurteile sie lieber an einer kritischen, ja feindseligen Haltung gegenüber dem Islam fest­halten ließen, wurden immer aufmerksamer, wie schnell sich der Muslim­glaube ausbreitete, welche wohltätigen Resultate er für ein kühnes Denken und Forschen der Menschheit und die fortschrittlichen Ideen bewirkte, die er anderen stehen gebliebenen Kulturen brachte.

Es sollte von unseren „Progressiven“ allerwärts festgehalten werden, das dieser glanzvolle Fortschritt für die gesamte Menschheit der Begleitumstand moralischer Selbstdisziplin, einer Vermeidung von Ausschweifungen, die auf eine Lockerung der Zügel gegenüber heftigen Begierden folgen und einer bewussten Steuerung der schöpferischen Instinkte war - was diese in künstlerische, geistige und gesellschaftliche Kreativität einmünden ließ, die reifer Menschen würdig ist. Diese innere Disziplin, welche der Mensch braucht, fordert die innere Freiheit, nach der er sich sehnt, und das ist einer der Gründe, warum der Islam den Menschengeist im frühen Mittelalter weithin beherrschte. Denn er bot ihnen nicht nur gesündere äußere Lebens­formen, sondern auch Bestätigung für den Kern der Seele. Er schaffte die wilden Verfolgungen ab, die durch kurzsichtige Bigotterie und kleinkarierten Fanatismus entstanden waren.

Aus diesem Grund sprach Sultan Kemal-ul-Mulk, der Neffe Saladins, als Mann zu Mann und als Abkömmling desselben Geistes zu Franz von Assisi, als der Heilige aus dem Lager der Kreuzfahrer unter König Ludwig die Reiehn überschritt, welche die Muslime vor Damietta zum Stehen gebracht hatten. Es war dieselbe universale Menschlichkeit, welche den weiten Kon­trast zwischen Omars barmherziger Behandlung der Christen bei der Erobe­rung Jerusalems und dem barbarischen Hinschlachten der muslimischen Bewohner Jerusalems durch die europäischen Kreutzfahrer bewirkte, die es für kurze Zeit 300 Jahre später zurückeroberten. An die Stelle solcher Grausamkeit setzte der Islam eine verfassungsmäßige Regierung, eine mensch­lich geordnete Gesellschaft, eine übergreifende Denkweise, die die gesamte Menschheit umfasste.

Im finsteren Mittelalter Europas, als die Kirche ihre Macht über die verschiedenen Völker begründete und sie in die einschnürenden Bande des status quo einschloss, baute der Islam eine vielseitige Kultur auf, welche die Basis abgab für jene Blüte der Wissenschaft, des Wissens, der künstlerischen und handwerklichen Schöpferkraft, welche wir die „Renaissance“ nennen. Dies geschah, während die Kirche Galilei verdammte, weil er des Kopernikus’ Lehre vom Kreisen der Erde um die Sonne bestätigte und ihn zu seinem berüchtigten Widerruf zwang: „Ich, Galileo Galilei, im 70. Jahr meines Lebens (1633 n. Chr.), liege vor Euren Hochwürden (dem Papst und den Bischöfen) auf den Knien, die Heiligen Schriften vor meinen Augen, und küsse sie, wobei ich die törichte Behauptung, die Erde bewege sich, bereue und widerrufe. Ich betrachte diese Behauptung als eine hassenswerte Ketzerei“. Und doch murmelte er halblaut und rebellisch: „Eppure si muove (dennoch bewegt sie sich) .“

Dabei hatte bereits 500 Jahre vorher unser eigener großer Astronom und Mathematiker Omar Khayyam aus Nischapur (er wirkte in der 2. Hälfte des 11. Jh. n.Chr., als Wilhelm der Bastard England eroberte), dem Iran den Jalali-Kalender geschenkt, welcher es bis zum heutigen Tag ermöglicht, unser neues Jahr nicht nur mit dem Tag, sondern mit der genauen Stunde, Minute und Sekunde zu beginnen, wann die Erde einen Umlauf beendet und einen neuen um die Sonne zur Frühlings-Tag-und-Nachtgleiche beginnt! Wie wenige Abendländer wissen das! Sie halten ihn für einen Dichter, obwohl er darin bedeutungslos war, sehen aber nicht, dass hätten sie seine Weisheit begriffen, sie sich all ihre gregorianischen Änderungen des Julianischen Kalenders hätten ersparen können, mitsamt dem Verlust ihrer „11 Tage“.

Roger Bacon (1214 - 1292 n. Chr.), der Franziskanische „Doktor Mira­bilis“, musste während der Regierung Eduards I. von England seine experi­mentellen Untersuchungen einstellen, wozu ihn seine Vorlesungen in Paris über Aristoteles, insbesondere dessen „Liber de causis“ geführt hatten, und wurde von Oxford zurück nach Paris gejagt, um unter den Augen der Kirche zu bleiben, - Augen, die zu eng und zu scheinheilig waren, als das sie den Reichtum an wissenschaftlichen Schätzen begriffen hätten, die er ihnen aufschloss. Er wurde als Pfuscher in teuflischer, satanischer Alchemie angeklagt, und der Mob wurde angestachelt zu schreien, „die Hand dieses Zauberers abzuhacken und diesen ,Muslim’ des Landes zu verweisen“. Heutigentags würdigen europäische und amerikanische Historiker und Gelehrte die grundlegenden Beiträge, die der Islam jeglichen modernern Fortschritt in der Naturwissenschaft, der Mathematik, Technologie, Philo­sophie in vieler Beziehung gebracht hat, was dieses kurze Kapitel in vieler Hinsicht nur am Rand hat zeigen können.

© seit 2006 - m-haditec GmbH & Co KG - info@eslam.de