Musawi Lari

Westliche Zivilisation und Islam

Sayyid Mudschtaba Musawi Lari

Ins Englische Übersetzt J.F. Goulding, hiernach ins Deutsche Übertragung R. H. Sengler

Das Folgende Manuskript ist eine geringfügig überarbeitete und sprachliche verfeinerte Version der 1995 in Qum erschienen deutschen Übersetzung.

Delmenhorst 2004

Der Islam und die Ideologie

Unsere Welt ist in zwei Blöcke gespalten. Sie vertreten gegensätzliche Ideo­logien. hochgehalten von ihren jeweils eigenen Wissenschaftlern und Ge­lehrten, welche in einer Flut von Broschüren und Büchern beweisen, das die eigene richtig und die ihrer Gegner falsch ist. Jede beansprucht, der einzige Weg zum sicheren Glück zu sein und sagt von ihrem Gegner, er sei die einzige Ursache für Verwirrung und Untergang.

Beide können nicht recht haben. Beide haben vielleicht unrecht! Jede kann einen entscheidenden Punkt verfehlen. Und doch haben beide durch die Brillanz einiger ihrer Wissenschaftler und Technologen große Beiträge für den Fortschritt der Menschheit geleistet. Fortschritt auf einem Gebiet ist kein Beweis für gleichen Fortschritt auf jedem Gebiet des menschlichen Lebens, so wenig wie der Besitz einer Reihe von Talenten bei einem Individuum seine Zuständigkeit in allen Bereichen anzeigt. Ein hervorragender Physiker ist nicht ipso facto ein brillanter Musiker! Und so schließt techno­logischer Fortschritt keineswegs ipso facto einen gleichen Fortschritt im Denken, in der Urteilskraft, Religion, Kunst des Regierens und der Moral mit ein.

Dr. Alexis Carrel schreibt in „Der Mensch, das unbekannte Wesen“, S. 27 u. 28: „Die Nutzanwendungen wissenschaftlicher Entdeckungen haben die materielle und geistige Welt umgestaltet. Diese Verwandlungen üben einen tiefen Einfluss auf uns aus. Ihre unglückliche Wirkung kommt von der Tatsache, das sie unsere Natur als Menschen nicht berücksichtigten. Unser Nichtwissen über uns selber hat der Mechanik, der Physik und der Chemie die Macht gegeben, die überkommenen Lebensformen nach Belieben abzu­ändern. Der Mensch sollte eigentlich Maßstab für alles sein. Ganz im Gegenteil ist er heute ein Fremder in der Welt, die er geschaffen hat. Er war außerstande, diese Welt für sich, den Menschen, aufzubauen, denn er besaß keine praktische Kenntnis seiner eigenen Natur. So ist der enorme Fort­schritt, den die Wissenschaften von der unbelebten Materie über die leben­dige gewonnen haben, zu einer der größten Katastrophen geworden, die je über die Menschheit hereingebrochen sind. Die Umwelt, die unser Ver­stand, unsere Erfindungen geschaffen haben, ist weder unserem Format noch unserem Wuchs angepasst. Wir sind unglücklich. Moralisch und gei­stig entarten wir. Die Gruppen und Völker, in denen die Industrielle Zivi­lisation am höchsten entwickelt ist, sind genau die, welche abbauen, die am schnellsten wieder der Barbarei verfallen.“

Perfektion und Sublimierung des Menschen auf einer ganzen Reihe der verschiedenartigsten Gebiete erfordern einen Grundstock gesunder univer­saler Lehren, die auf den Wirklichkeiten des menschlichen Lebens basieren und frei von allen Fehlern und Irrtümern sind. Derartiges ist nur in den Lehren der Propheten Gottes zu finden, denen die Ursprünge des Wesens unserer Welt offenbart wurden.

Die Sittlichkeit muss, will sie sich auf Sanktionen stützen, die höher als das Naturhafte sind, und von etwas inspiriert werden, was über das Materielle hinausreicht, allein auf grundlegende prinzipielle Weisungen gegrün­det sein. Von dem Augenblick an, da der Mensch auf den Erdball gestellt wurde und die Voraussetzungen für die Kultur schuf, stieg aus seinem Innersten ein Schrei zum Himmel empor. Diesen Schrei nennen wir Religion. Ihre Wahrheit ist unlöslich mit einer moralischen Ordnung verknüpft.

Unmenschlichkeit, Cliquenwirtschaft, Ungerechtigkeit, Tyrannei, Krieg, sie alle bezeugen die Wahrheit; das Regierungen und ihre Gesetze niemals genügt haben, damit die Menschen ihre Gefühle und Überzeugungen in der Hand behielten und eine Ordnung begründeten, wo Gerechtigkeit, Glück, Friede und Ausgeglichenheit in der Gemeinschaft herrschten. Wissenschaft und Bildung können nie die Probleme eines Menschenlebens lösen, noch sein Entgleisen verhindern, außer im Bund mit der Religion.

Will Durant, amerikanischer Soziologe und Philosoph, schreibt in seinen „Annehmlichkeiten der Philosophie“ („Pleâsures of Philosophy“) auf S. 326/27: „Hat eine Regierung in wirtschaftlicher und ethischer Hinsicht so viel Macht, das sie das gesamte Erbe an Wissen, Sittlichkeit und Kunst bewahren kann, das über Generationen hinweg gespeichert und in Kette und Schuss der Kultur eines Volkes eingewoben ist? Kann sie dieses Erbe vermehren und der Nachwelt weiterreichen? Kann eine Regierung, der die gesamte moderne Maschinerie zur Verfügung steht, die Schätze des Wissens jenen Massen der Parias vermitteln, die immer noch eine wissenschaftliche Sprechweise für lästerlich, für Zauberei halten? Wie kommt es, das Männer von solchem Kleinformat Amerikas größte Städte regieren? Warum wird unsere Verwaltung in einer Weise gehandhabt, die einen über den Mangel an Anstand in der Politik und an echter Vaterlandsliebe weinen lässt? Warum sind Korruption und Irreführung ein Bestandteil unserer Wahlen geworden und richten das öffentliche Eigentum zugrunde? Warum ist die Grundaufgabe der Regierung heutzutage bloß noch auf die Verbrechensverhütung zusammengeschrumpft (wenigstens einen Versuch dazu)? Warum bemühen sich die Regierungen nicht, die Ursachen für den Krieg und die Voraussetzungen für den Frieden zu begreifen? Kirchen und Familien müssten solchen Regierungen zivilisiertes Benehmen beibringen.“

Die abendländische Gesellschaft kann sich mit der Duldung des Durch­einanders in der Moral und den Methoden, die zu ihrer Zerstörung führen, nur zufrieden geben, weil ihr Vermögen, eine Reform in die Hand zu nehmen, begrenzt ist. Aber die Fortdauer dieses Zustandes gleicht schon einem Warnsignal. Gefahr ist im Verzug, denn die Zivilisation bleibt nur so lange stabil, wie ein Gleichgewicht zwischen den Zielen und den Mitteln, zwischen bloßen Wünschen und fester Führung besteht. Wenn dieses Gleichgewicht niederbricht, entsteht Gewalt in einem Ausmaß, das kein guter Wille sie mehr aufhalten kann. Sie stürzt unweigerlich in totale Zerrüttung. Man findet in der ganzen Geschichte kein Volk, das den Verfall, der auf schwächliche Nachgiebigkeit und Alles-Erlauben folgt, überlebt hätte.

Rom ging unter. Die Herrlichkeit Griechenlands zerbrach. Frankreich, dessen Bürger weichlich geworden waren, wurde bequem und brach unter dem ersten Ansturm der Nazis zusammen. Einer seiner berühmtesten Generale schrieb, der Grund für diese Schwäche sei die Aushöhlung des Charakters gewesen.

Spengler sah den Untergang des Abendlandes voraus und sagte, das in der Zukunft andere Länder den Aufgang großer Kulturen erleben würden. Vielleicht wird der Osten als einer der ersten zu seinem alten Erbe zurück­kehren. Dies wird aber nicht eintreten, wenn er an den falschen Schreinen irregeführter Kulturen opfert. Aber der Niedergang einer Zivilisation kann Menschen für den Plan Gottes wach werden lassen, sie inspirieren, ihm zu folgen und so, mittels dieser erhabenen Wahrheit, auf gesunden Grundla­gen ein völlig neues Gemeinschaftsleben zu gründen.

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