Musawi Lari

Westliche Zivilisation und Islam

Sayyid Mudschtaba Musawi Lari

Ins Englische Übersetzt J.F. Goulding, hiernach ins Deutsche Übertragung R. H. Sengler

Das Folgende Manuskript ist eine geringfügig überarbeitete und sprachliche verfeinerte Version der 1995 in Qum erschienen deutschen Übersetzung.

Delmenhorst 2004

Der Islam und die Wirtschaft (1)

Der Mensch hat immer zu ringen gehabt mit der Aufgabe, die Hilfsgüter der Natur auszubeuten, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. In den primi­tiven Jahrhunderten, so sagte Aristoteles, organisierte sich das Leben in Ge­meinschaftsform, um es Überhaupt zu ermöglichen und, so fuhr er fort, „um gut leben zu können.“ In den vergangenen vier Jahrhunderten ist eine „Wirtschaftswissenschaft“ aus den Vorschriften abgeleitet worden, welche die menschlichen Beziehungen und den Güteraustausch regeln sollten, die sich aus dieser sozialen Organisation entwickelten. Angesichts der riesigen Ausdehnung von Technologie und Wohlstand hat sich diese Wissenschaft in zwei entgegengesetzte Lager gespalten. Auf der einen Seite glaubt der „Kapitalismus“ oder „das freie Unterneh­mertum“, das die Natur in der Wirtschaft ihren Lauf nehmen sollte, wobei ein aufgeklärtes Eigeninteresse das Genie einiger Leute dazu bringe, die Unterschiede zum Wohle aller auszugleichen. Für diese Doktrin setzt sich der westliche Block ein. Auf der anderen Seite vertritt der Kommunismus die Ansicht, das die Produktionsmittel der Kontrolle eines proletarischen Staates unterliegen müssen: der Gesellschaft wird ein gerechtes und gleichmäßiges Teilen aller Erträge menschlicher Bemühungen auferlegt.

Die Rivalität dieser beiden Ideologien, die beide nach absoluter Macht streben, hängt drohend wie ein Damoklesschwert über der Welt von heute. Wir müssen die Marxisten fragen, ob man ihre klassenlose Gesellschaft durch die eine Maßnahme garantieren kann, das man nämlich die Produk­tionsmittel zum Gemeineigentum erklärt und die besitzende Klasse abschafft, während es doch tatsachlich eine Vielfalt von Klassen aus ganz anderen als ökonomischen Ursachen gibt? Während es in den sozialistischen Sowjetrepubliken keine bürgerliche besitzende Klasse gibt, existieren dort gleichwohl andere Klassen, die sich durch ihre Beschäftigung und Umwelt unterscheiden: z. B. Fabrikarbeiter, Landwirte, Staatsbeamte, Büroange­stellte, Parteifunktionäre und zahllose andere. Werden ein Chirurg und eine Krankenschwester gleich bezahlt? Oder ein Straßenarbeiter und ein Ingenieur?

Unter den Menschen gibt es in Wirklichkeit noch weitere Unterschiede - Lenins „Wirklichkeit, nach der wir uns zu richten haben“. Die Menschen sind verschieden nach Alter, Geschlecht, Neigungen, Geschmack, Körperkraft, Erscheinungsbild, Denkvermögen, Vorstellungen und Horizonten. Ein sowjetischer Wissenschaftler schrieb kürzlich („Economics“, Bd. 2, S. 216): „Es ist unpraktikabel, absolute Gleichheit am grünen Tisch zu klarieren. Zahlten wir den Professoren, Denkern, Politikern und Erfindern genau das, was die Handarbeiter erhalten, so wäre das Endergebnis einzig die Erstickung aller Antriebe für geistige Arbeit jeglicher Art.“

Der Kapitalismus nimmt für sich in Anspruch, das allein durch privaten Unternehmungsgeist und persönliches Eigentum eine Wirtschaftsordnung erzielt werden kann, warum der Lebensstandard fortwährend steigt und der Unterschied zwischen Reich und Arm fortwährend sinkt. Gegen diesen Anspruch muss man den Untersuchungsbericht stellen, den Walter Reuther, Vorsitzender der Automobilarbeiter-Gewerk­schaft in den USA, in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der „Amerikanischen Gesellschaft für die Bekämpfung des Hungers“ veranstalten ließ. Dieses Komitee bestätigte nach­drücklich, das 10 Millionen Amerikaner an Unterernährung leiden, und er­sucht den Präsidenten der Republik in 256 Städten, die in den 20 Bundes­staaten liegen, in denen die Gefahr am größten ist, den Notstand auszurufen. Als Gründe für diese Unterernährung gab das Komitee die Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges an, zusammen mit einer Anzahl Störungen in der Bin­nenwirtschaft Amerikas. Der Minister für Landwirtschaft traf strenge Maß­nahmen, um alle Nahrungsmittel, deren er habhaft werden konnte, sowohl im Ausland zu kaufen, wie im Inland mit Beschlag zu belegen.

Wir müssen also fragen, inwieweit irgendeinem System, gleich, was es bean­sprucht, der Klassenausgleich, die Ausschaltung der Unterschiede und der Aufbau einer gesunden und gerechten Gesellschaft gelungen ist? Sozialistische wie kapitalistische Regime bauen ihre Systeme auf Theo­rien, vor welchen man sich ohne Rücksicht auf moralische und geistige Werte verbeugt. Beider Ziel ist, den Wohlstand zu vermehren, weiter nichts.

Die Weltanschauung des Islam gibt dem ganzen Menschen im Rahmen seiner Welt die Ehre. Sie ordnet das materielle Verhalten und die materiellen Unterstützungen der Gesellschaft und schafft zugleich Gesetze für moralische Werte, geistliche Perfektion und einen höheren Lebensstandard. Darunter versteht er nicht nur die materiellen, sondern die geistigen, die geistlichen, die moralischen, die altruistischen, die philanthropischen Maßstäbe, welche allen Menschen ermöglichen, das jeder für alle und alle für jeden leben.

Das Gesetz der Abendländer unterstützt die Besitzrechte und gibt denen der Kapitalisten Vorrang über die der Arbeiter. Das sowjetische Gesetz existiert seinen eigenen Worten nach nur, um dem einzelnen alle Besitz­rechte zu nehmen und das Kapital als persönlichen Besitz auszurotten; den Arbeitern also durchweg Vorrang zu geben. Beide Systeme denken und urteilen menschlich.

Aber das Gesetz des Islam ist auf göttliche Offenbarung gegründet. Seine Gesetzgebung ist kein menschlicher Notbehelf. Es stellt nicht Klasse gegen Klasse, sondern hilft jeder Gruppe, den besonderen Wert der anderen zu respektieren. Da es vom Herrn aller Geschöpfe für das allgemeine, Wohl und für das Wohl aller diktiert worden ist, gestattet es keiner über andere den Herrn zu spielen, keinem Unrecht, sich einzunisten. Ein Herrscher ist im Islam nur ein normaler Mensch mit einem besonderen Pflichtbereich, der selbst unter dem Gesetz steht und seine Macht nur ausübt, damit die göttlichen Gebote in der Gesellschaft befolgt werden. Weil die Zuversicht herrscht, das Gottes Gesetz zuoberst steht, dauern Friede und Zufriedenheit an.

Auf der einen Seite bekämpft der Islam die Doktrin des Kapitalismus, das die Eigentumsrechte keiner Staatskontrolle unterworfen sind und das es dem einzelnen „freisteht“, wenn er der Stärkere ist, in Überhöhung der Rechte des Individuums und zum Schaden der Rechte der Gemeinschaft als Ganzer Aggressionen und Tyranneien gegen den Schwächeren zu begehen; auf der anderen Seite betrachtet er die Unantastbarkeit des Eigentums als fundamental.

Wohlstand ist der Grundstein, auf dem die Unabhängigkeit und Freiheit innerhalb einer sozialen Ordnung errichtet sind. Das allgemeine Wohl muss das regulierende Prinzip sein, welches das persönliche Verfügungsrecht über das Eigentum bestimmt. Daher bekämpft der Islam gleichermaßen die völlige Verwerfung privater Initiative und privaten Eigentums durch den Kommunismus, welcher dem Staat den Prämienschlüssel anvertraut und den einzelnen auf eine so untergeordnete Stellung hinabstuft, dass er keinen Wert als Person an sich mehr besitzt, bloß noch ein Werkzeug des Staates ist - ein Magen, den der Staat füllt und danach ausbeutet, wie es ein Landwirt mit seinen Pferden und seinem Vieh tut.

Die Kommunisten vertreten den Standpunkt, das es von Natur kein Pri­vateigentum gibt. Sie behaupten, ohne den Beweis für ihre These anzutre­ten, das die ersten Gemeinschaften der Menschen alles gemeinsam besaßen In Zusammenarbeit, Liebe und Brüderlichkeit und das kein Mensch je sagte: was er gerade habe, gehöre Ihm auch. Die menschliche „Gemein­schaft“ habe kommunistisch in allem und jedem begonnen und jedem zuge­teilt, was er eben brauchte. Der Anspruch auf persönliches Eigentumsrecht, verfechten sie, habe sich nur stufenweise und langsam entwickelt, bis es zu jenen schrecklichen Maßlosigkeiten kam, die heute in der Welt offen zutage liegen.

Ach, ihr utopisches Goldenes Zeitalters ist ein Wunschtraum; denn die Tatsachen zeigen, das persönliche Eigentumsrechte nicht ein Ergebnis der Entwicklung habsüchtiger Tendenzen in einem besonderen Milieu waren. Eigentum ist gleichaltrig mit dem Erscheinen des Menschen auf der Erde; es gehört zur menschlichen Natur wie alle anderen angeborenen Triebe und kann ebenso wenig bestritten werden wie jene. Moderne Volkswirtschaftler sagen: Der allgemeine Sinn für Eigentum, der sich in jedem Stamm auf Erden und in jedem Zeitraum findet, ist nur durch einen ursprünglichen Instinkt zu erklären. Der Mensch möchte der alleinige Herr der Güter sein, die seinen Bedürfnissen dienen, damit er sich wirklich frei und unabhängig fühlen kann. Weiter spürt jener, das Güter, welche ihr Dasein der harten Arbeit seiner Hände verdanken, gewissermaßen eine Ausdehnung seiner selbst sind und das sie daher eine ähnlich Achtung verdienen, die er für die Unverletztheit seiner Person verlangt. Schließlich befriedigt er den inneren Drang vorzusorgen, um seine Zukunft und die seiner Familie zu sichern, wobei er eine Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit entwickelt, die er schon als Vorsorge gegen einen regnerischen Tag anwendet. Diesen Vorrat hütet er eifersüchtig als „sein Eigen“. Der Reichtum der Gemeinschaft nimmt mit dem Wachsen des Privatbesitzes und der Produktivität zu, denn eine gesell­schaftliche Einheit besteht nur durch den Fleiß ihrer Mitglieder. Der Anreiz zu harter Arbeit liegt in der Belohnung durch persönliches Eigentumsrecht und in vermehrtem Behagen. Weshalb eben die Gesellschaft dem einzelnen das Recht zugestehen muss, das, was seine Mühe geschaffen hat, auch zu besitzen, weil das Wohlergehen der Gesellschaft selber ein Produkt jener Mühe ist.

Der Islam, mit seiner praktischen und realistischen Betrachtung des Men­schen, wie er ist, erkennt die Bedeutung des Dranges nach Eigentum als einen schöpferischen Faktor für jeden sozialen Fortschritt an; daher sichert seine Gesetzgebung ihm den Besitz an allem, was ihm seine Hand auf anständige und gesetzliche Weise gewonnen hat, wobei seine Produk­tivität als Garantie seines Rechtes auf Eigentum betrachtet wird.

Der Islam weist die Behauptung zurück, Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt seien unvermeidliche Folgeerscheinungen des Privatbesitzes; denn sie treten ja nur in Erscheinung, wo die gesetzgebende Gewalt in den Händen der Reichsten sind und von ihnen, wie in westlichen Ländern, nur für den Schutz ihrer eigenen Interessen eingesetzt wird. Da das Gesetz des Islam sich aber von der höchsten übergreifenden Autorität Gottes herleitet, ist es gänzlich unparteiisch: Es kann also kein Gesetz von Ihm erdacht werden, welches zum Ziel hätte, die Reichen zu beschützen oder die Armen zu benachteiligen. Von Anfang an hat der Islam das Privateigentum aner­kannt, aber immer mit der Auflage, das Gewalt und Unterdrückung ausge­schlossen bleiben.

Der Islam vertritt die Meinung, das es unrecht ist, die Fabriken den Händen derjenigen zu entwinden, die sie gründeten und sie durch geduldi­ges Ausharren mit Mühe und Plackerei so weit aufgebaut haben, dass sie Arbeit für viele, Güter für die Gesamtheit und natürlich auch Gewinn für sie selber einbringen. Denn der Islam ist der Ansicht, das eine solche Neigung zur Gewalt, der den initiativbegabten Menschen die Produktionsmittel wegnimmt, der sozialen Sicherheit und der Achtung für die Rechte des Individuums ab­träglich ist. Er entmutigt den Erfindungsgeist, die Initiative und den Wage­mut. Trotzdem aber kann und sollte eine Regierung die Leitung großer Industrien und die Gründung von Fabriken derart kontrollieren, dass für soziale Gerechtigkeit, gerechten Lohn, soziale Leistungen und die Einkünfte der Regierung selber gebührend Sorge getragen wird.

Zusammengefasst gibt die Volkswirtschaft im Islam dem einzelnen und der Gemeinschaft gleichmäßig Vorrang. Sie balanciert die Interessen und Rechte beider aus, indem sie eine freie Wirtschaft garantiert und dabei gleichzeitig die Freiheit jedes einzelnen Mitglieds und den Nutzen der Ge­meinschaft durch bestimmte vernünftige und notwendige Regelungen der privaten Eigentumsrechte sichert. Der Drang nach Eigentum wird als ange­boren und darum zur menschlichen Natur gehörig anerkannt, so das die einzigen Schranken, die ihm auferlegt werden können, von den übergeordneten Interessen der Gemeinschaft als Ganzern diktiert werden, welche natürlich auch die besten Interessen jedes einzelnen beinhalten. Der Islam betrachtet den Besitztrieb als einen von Gott eingepflanzten Antrieb, der dem Menschen eingibt, für die Verbesserung seines Unterhalts und für eine Steigerung der Produktion hart zu arbeiten; aber er reguliert das Aus­leben dieses Antriebs durch Vorschriften, welche sich möglicher Gewalt, Unterdrückung, Ausbeutung, Nötigung und anderen Formen missbräuchlich verwendeter Freiheit in den Weg stellen. Diese Einschränkungen sichern die Interessen der Gemeinschaft, und obwohl sie dem Schalten des einzelnen Schranken setzen, sind sie der Freiheit in keiner Weise abträglich, weil sowohl das Gemeinschaftsleben wie die individuellen Freiheitsrechte dem Verhalten Grenzen auferlegen müssen, die das Überleben beider, des einzelnen wie der Gemeinschaft, gewährleisten. Sie müssen daher Achtun­gen aussprechen gegen Gewinnsucht, Veruntreuung, Horten, Knickerigkeit, Habsucht, Wucher, gewaltsame Wegnahme des Eigentums anderer und derartige kriminelle, gegen die Gemeinschaft gerichteten Methoden, Kapi­tal anzuhäufen.

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