Musawi Lari

Westliche Zivilisation und Islam

Sayyid Mudschtaba Musawi Lari

Ins Englische Übersetzt J.F. Goulding, hiernach ins Deutsche Übertragung R. H. Sengler

Das Folgende Manuskript ist eine geringfügig überarbeitete und sprachliche verfeinerte Version der 1995 in Qum erschienen deutschen Übersetzung.

Delmenhorst 2004

Ein Iraner in Europa

Dem Autor widerfuhr das Missgeschick, ärztliche Hilfe in Europa in Anspruch nehmen zu müssen. Man brachte mich in ein katholisches Kran­kenhaus in Deutschland. Dort hieß man mich willkommen und gewährte mir die Pflege, welche christliche Patienten erhalten; in meinem Zimmer wie in jedem anderen hing eine Statue von Jesus und ein Bild der Jungfrau mit dem Kind. Regelmäßige Gebete für die Heilung der Kranken wurden in der Kapelle veranstaltet! Eines Tages sah ich, wie man vor dem Bildnis Jesu in einem der großen Säle des Gebäudes Kerzen anzündete. Man stelle sich das vor! bei hellem Tageslicht eine Kerze anzünden neben einer Statue aus Menschenhand, und das inmitten von Wissenschaft und Gelehrsamkeit! Was für einen Aufschrei würde es geben, wenn ein simpler Bauer im Iran in dunkler Nacht eine Kerze am Schrein eines Heiligen anzünden wollte! Wie unsere „gebildete“ Jugend ihn und seine „altmodische“ Art verspotten würde!

Nie vergesse ich die Gelegenheit, als Blut für eine Transfusion benötigt wurde. Der Chefarzt fragte mich: „Was für Blut gestattet der Islam für Transfusionen? Dürfen Muslime nicht-muslimisches Blut erhalten? Wir werden gemäß ihren islamischen Prinzipien Blut für Sie zubereiten.“

Entwickelte Länder ziehen freiwillige Grenzen im wahren Interesse der Freiheit. Denn diese Grenzen sollen denn Missbrauch der Erzeugnisse der Zivilisation verhindern. So zeigt das Fernsehen Sportveranstaltungen, hält Lehrveranstaltungen ab, zeigt das Leben entfernter Länder, kurz, es widmet den größeren Teil seines Bildschirms erzieherischen Programmen.

Im Namen der Freiheit ist es jedermann untersagt, sein Radio so weit auf­zudrehen, dass es Nachbarn oder Vorübergehende belästigt. Niemand darf Partys bis in die frühen Morgenstunden geben; sie könnten die Nachbarn stören. Und so ist es auch: wenn Sie sich auf der Straße befinden, hören Sie nie ein Radio. Allerdings stimmt es auch, das ich einmal Radiolärm hörte, wovon die Erde erzitterte. Ich verließ gerade mein Hotel und war verblüfft, denn es war das erste Mal, das mir so etwas in Europa begegnete. Und was für Musik bestürmte meine Ohren? Iranische Musik! Ich ging der Sache nach. Am nächsten Tag traf ich zufällig einen Iraner, der sich in der Nähe des Hotels einlogiert hatte. Während unserer Unterhaltung erwähnte ich so nebenbei den Vorgang. Er legte den Finger auf die Lippen und gestand mir lachend, das er selbst diesen Lärm am Tag zuvor verübt hatte: Er wollte bloß mal sehen, was passieren würde!

Es stimmt schon, das wir im Iran den richtigen Gebrauch moderner Annehmlichkeiten noch nicht gemeistert haben. Warum? Wir sind eben abge­wichen von dem Pfad, den die uns überkommenen Grundsätze vorgezeich­net haben und haben Schande auf uns gehäuft. Jedermann kennt die uner­wünschten Effekte von Fennsehdarstellungen des Lebens. Viel Tadelnswertes am Verfall der Moral der Gesellschaft liegt vor ihrer eigenen Tür. Die Zuschauer gewinnen von solchen Filmen und Programmen nur ein gestei­gertes Verlangen nach moralischer Fäulnis und Gewalt.

In ganz Iran dringt Radiolärm von überall her nervensägend auf uns ein. Nie wollten Entdecker und Erfinder ausgerechnet die Art von Profit garantieren, die jetzt aus der Ausschlachtung ihrer Geisteskinder gewonnen wird, und sie hatten auch nie eine solche Garantie gegeben, denn nichts lag ihren Gedanken ferner als die Idee, das ihre Produkte, die für einen vernünftigen Gebrauch bestimmt waren, eines Tages Leuten in die Hände fallen könnten, die sie zu Zwecken verwenden würden, die geradeheraus schädlich sind und die Bevölkerung eines Landes wie des unsrigen mit tödlichen Gefahren bedrohen.

Ohne jede Ausnahme können alle Industrieerzeugnisse, Werkzeuge und Produkte gleichermaßen, dem Prozess zum Opfer fallen, mit dem gewinn­süchtige Profitgierige aus der öffentlichen Nachfrage persönliche Vorteile zie­hen. Die natürliche Unvernunft der Menschen, die Tendenz, missverstandenen Einstellungen nachzueifern, lässt die Selbstsucht grassieren, so dass die Leute in technologischer Geschäftemacherei zum tragischen Verderben anderer förmlich wetteifern. Die Wurzel dieser Tragödie muss eher in den Bereichen von Bildung und Weisheit gesucht werden als bei Unwissenheit und Dummheit! Wenn ein Muslim die Menschlichkeit und Höflichkeit abgibt, welche ihm seine Religion auferlegt, ist das sicherlich ein Makel von schockierenden Dimensionen! Gott verhüte, das in unserem Lande solch ungezügelter Eigennutz, solches Unrechthandeln im Namen der „Freiheit“ zugelassen werden und sich ungehemmt wie böse Krankheiten ausbreiten.

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