Musawi Lari

Westliche Zivilisation und Islam

Sayyid Mudschtaba Musawi Lari

Ins Englische Übersetzt J.F. Goulding, hiernach ins Deutsche Übertragung R. H. Sengler

Das Folgende Manuskript ist eine geringfügig überarbeitete und sprachliche verfeinerte Version der 1995 in Qum erschienen deutschen Übersetzung.

Delmenhorst 2004

Erdrutsch im Familienleben

Die Familie ist gleichsam der Mikrokosmos der Gemeinschaft. Sie ist die Wurzel, aus der die Völker wachsen. Sie ist die Grundeinheit der Gesell­schaft. Ihre Atmosphäre muss Liebe, ihr Nährboden Charakter sein. In ihr beginnt - und endet menschliches Leben. Sie muss glücklich sein, also eine Zitadelle von herzerwärmendem Frieden und Ruhe, wo Zuneigung gelebt, die auf Vertrauen und Zutrauen, Sicherheit und Aufrichtigkeit wie auf geöl­ten Rädern läuft. Je fester ihr geistiges und moralisches Gefüge, desto sicherer ihre Freude, ihr Glück in der unruhigen, explosiven, aufrühreri­schen Atmosphäre von heute. Jedes Menschenwesen hat ein größeres Be­dürfnis denn je nach einem Heim und einer Familie, welche einen Hafen der Ruhe und eine Zuflucht fürs Denken und Überlegen schafft.

Der Westen hatte das einfache Leben in der Landwirtschaft von der industriellen Revolution. Damals war die Familie ein Mittelpunkt der Rück­sichtnahme, Sorge und Beständigkeit. Die Männer gingen aufs Feld, um sich ihren Unterhalt zu verdienen. Die Frauen stellten die Sorge und die Erziehung für ihre Kleinen obenan. Der Familienkreis umgrenzte das Leben aller.

Aber die Industrie brauchte Arbeitskräfte. Eine der ersten Folgen war die weite Verteilung von Männern und Frauen auf industrielle Zentren, Re­gierungssteilen, Handelshäuser und andere große Institutionen. Siedlungszusammenballungen entstanden, deren einziges Existenzbedürfnis die Steigerung des Komforts und Wohllebens war.

Dieser Zerfall des Familienlebens schwächte das Band den Ehe. Mit Güte und Zuneigung ging es schmerzlich bergab. Die Frauen wurden orientierungslos ohne die aufrichtige Hingabe an Familie und Kindererziehung, was vordem ihre einzige Sorge gewesen war. Sie verausgabten sich in erschöpfender Fabrikarbeit. Die zweifache Belastung als Fabrikarbeiterin und Mütter erwies sich als zuviel. Die nötige Zeit, die passende Gelegenheit für inneres Ausspannen, für Ordnung in der Familie - alles fehlte. Pünktlich musste sie zur festgesetzten Zeit bei der Lohnarbeit sein, und die Arbeit zu Hause verlor ihren Reiz, wenn sie müde vor Erschöpfung war, und mehr hatten die Frauen nicht mehr dafür zu geben.

Weiter: die neue „Freiheit“ war so unbegrenzt, das sie die Familie entwurzelte, Reinheit und Schicklichkeit in der Wind schlug, totales Versagen und Spaltung hinterließ, die nunmehr an die Stelle des moralischen Gefüges und der Einheit der Familie traten, welche einmal auf der Religion und dem Wissen um ihre Gültigkeit geruht hatte.

Eine steigende Welle von Scheidungen zieht über die zivilisierte Welt, aber sie ist hilflos und außerstande, die Flut aufzuhalten.

Ein geringfügiger Unterschied im Geschmack von Ehemann und -frau wird heute als ausreichend betrachtet, den Ehekontrakt aufzuheben. Klei­nere Konflikte und Unvereinbarkeiten werden als Beweise dafür behandelt, das eine Ehe unwiederbringlich zerbrochen ist, dass also eine Familien­einheit aufgehoben werden müsste. Sturmwolken der Leidenschaft und Begehrlichkeit versengen das zarte Wachsen des Eins-Seins in der Familie, und das geheiligte Erbe von Jahrhunderten fällt dem Ungestüm labilster, kurzlebigster Lüsternheit zum Opfer. Und doch würde ein klein wenig gesunder Menschenverstand ausreichen, den Zwist zu enden, das Feuer zu löschen - so das Toleranz und Selbstlosigkeit die bestehende Verbindung auf dem sicheren Unterbau von Grundsatz, Recht und Liebe erhalten würde.

Ein in Deutschland lebenden Iraner erzählte mir, das in den letzten paar Jahren alle seine Nachbarn ausnahmslos ihre Ehe von dem Scheidungs­richter beendet hätten!

Die überregionale iranische Tageszeitung „Keyhan“ Nr. 6926, berichtete, das in ganz Ostdeutschland Eheberatungsstellen errichtet worden seien, um die Flut der Scheidungen und zerbrochenen Familien einzudämmen. Auch Ärzte und Rechtsanwälte hätten sich der Kampagne angeschlossen. Die Zei­tungen widmeten der Angelegenheit laufend ganze Spalten. Für die steigende Scheidungskurve in der Statistik wurde in erster Linie die Beschäftigung der Ehefrauen in der Industrie verantwortlich gemacht, die sie aus dem Hause hielte. Rein wirtschaftliche Bedürfnisse trieben 70% der verheirateten Frauen zur Übernahme einer Arbeit, um ein angemessenes Familieneinkommen zu erzielen. 60% von ihnen hatten Kinder. Der Zoll, der von den Nerven einer Frau gefordert werde, deren Kräfte von der doppelten Beanspruchung durch Job und Familienhaushalt verzehrt würden, sei so ernsthaften Natur, dass sie und ihr Mann sich dauernd stritten, bis ihre Ehe einen Sprung bekäme und eine Scheidung die einzige Lösung für eine unerträglich angespannte Lage zu sein scheine.

Tolstoi schrieb: „Ein Hauptgrund für das Anschwellen der Scheidungs­rate ist über­triebene Freiheit der Wahl, und das ertrugt die launenhafte und empfindliche Natur der Frau nicht. Natürlich stimmt es auch, dass das Maschinenzeitalter nervöse Spannungen erzeugt und Männer wie Frauen in vertrauliche, ja intime Beziehungen zueinander bringt, welche leicht die Grenzen legitimer Partnerschaft überschreiten und Eifersucht in der Familie erzeugen können; und zudem lässt die Frauenarbeit außen Haus ein Heer von weiteren Problemen entstehen. „

Statistiken in New York und Washington zeigen, das Scheidungen unter Intellektuellen, diejenigen aller anderen Bevölkerungsschichten übertreffen; in Hollywood waren sie vollends so schockierend, das die Behörden sich wei­gerten, sie zu veröffentlichen. “Keyhan“ berichtete am 28. Farvardin 1339, das die Scheidungen in England im vergangenen Jahr eine Rekordziffer erreichten - 50% wegen Untreue, 50% aus anderen Gründen. Das amerikanische „Wake Magazine“ schrieb, das die Scheidungen in den letzten  10 Jahren um 1000% zugenommen hätten.

An französischen Gerichtshöfen wurden 9785 Scheidungsersuchen be­handelt, 8000 davon auf Initiative der Frauen.

Die beiden Weltkriege steigerten bei der Jugend die Ablehnung überlie­ferter Sitten als Ausdruck der „Freiheit“ von überlieferten Moralbegriffen noch mehr, und folglich stiegen die Scheidungen. G. de Pels sagt in seinem Buch „Ehe und Moderne“: „Wenn die Scheidungen die Erstheiraten über­steigen, ist das eine Folge der beiden Weltkriege.“

Den „Reader’s Digest“, persische Ausgabe Nr. 103, Jahr 25, berichtet von einem Gesuch des Französischen Familienbundes an die französische Regie­rung, Scheidungen innerhalb der ersten drei Jahre der Ehe zu untersagen. England hat ein solches Gesetz mit nur zwei Ausnahmen verkündet: außergewöhnliche Brutalität seitens des Mannes oder außergewöhnliche Verkom­menheit der Frau.

In den USA leben 3 Millionen Kinder getrennt von ihren Eltern (Teheraner Wochenjournal „Ettela’at“, Nr. 1206). Lawson schreibt dazu: „Jeder mit einem Fünkchen menschenfreundlicher Vernunft muss den Schmerz dieser schreckenerregenden Ziffern spüren und suchen, sie zu heilen. Da die meisten Trennungen auf Antrag der Frauen erfolgen, müssen Grund wie Heilung bei ihnen zu linden sein.“

Leider werden Irans eigene verweltlichte Schichten von der gleichen Scheidungsseuche heimgesucht. Im letzten Jahrzehnt haben sich in Teheran allein wegen Geldstreitigkeiten 1000 Scheidungsfälle ereignet bzw. sind in den Zeitungen genannt worden. Über viele weitere wurde nicht berichtet. Von 15.335 Hochzeiten in Teheran im Jahre 1339 endeten 4839 mit Scheidung - fast eine auf drei. 86% dieser Scheidungen wurde von den Frauen beantragt - alles verwüstlichte materialistisch denkende Intellektuelle (tatsächlich!). Das ist eine Warnung vor einer drohenden Gefahr, die man abwenden muss. Die Art „Zivilisation“, welche die Familie zerstört, kann nicht so bleiben, wenn wir nicht unser Volk durch Spaltung auseinanderreißen und hemmungslose Leidenschaften unsere Kultur vernichten lassen wollen. Sie muss durch die Praxis der stabilisierenden und aufbauende Soziallehre des Islam überwunden werden.

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