Musawi Lari

Westliche Zivilisation und Islam

Sayyid Mudschtaba Musawi Lari

Ins Englische Übersetzt J.F. Goulding, hiernach ins Deutsche Übertragung R. H. Sengler

Das Folgende Manuskript ist eine geringfügig überarbeitete und sprachliche verfeinerte Version der 1995 in Qum erschienen deutschen Übersetzung.

Delmenhorst 2004

Freiheit und Gerechtigkeit im Islam

Da alle Macht und Autorität von Gott ist, müssen Männer, gleich welchen Amtes, das Autorität verleiht, ihre delegierte Macht als Gottes Haushalter und Gehilfen gegenüber den Menschen ausüben. Demgemäß sind Tyran­nen, Imperialisten, Sklavenhalter und Ausbeuter ihrer Mitmenschen geach­tet. Der Islam steigert die Selbstachtung eines jeden: Er begründet jene wahre und dem Menschen einzig erreichbare Gleichheit - die Gleichheit in seiner Übergabe an Gott für Seinen Dienst an der Menschheit. Eine der­artige Übergabe befähigt ihn, seinen Platz im Ganzen ohne Cliquen, Partei­lichkeit oder Überlegenheit einzunehmen. Ein jeder ist sein eigener Herr.

Der Islam ist Vorkämpfer und Interpret der Rechte der Menschen. Er regelt unvoreingenommen jede Einzelheit im Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft. Er ist Sachwalter und Hüter der Freiheit vor Gott. Sein erstes und überragendes Anliegen heißt Einheit. Er schließt niemanden aus - wenn sich auch manche selbst ausschließen; er bekämpft niemanden - wenn auch manche ihn bekämpfen mögen; er macht keine Unterschiede - wenn auch manche vielleicht darauf bestehen, sie seien eben anders. Der Muslim ruft den Juden, dieser den Wissenschaftler und dieser dem Christen zu: Warum beiseite stehen? Treffen wir uns doch in unserem gemeinsa­men Glauben, das ,Gott EINER ist’.

Es steht sinngemäß geschrieben (Qur’an, Sure III, Al-i-Imram - „lmrams Familie“, V. 62): „Sagt, ihr Völker der Göttlichen Bücher! Greift zu jenem Wort, das ihr und wir gemeinsam haben, wonach wir niemand anbeten außer Gott; das wir Ihm keinen Gleichwertigen zur Seite stellen - dass wir aus unserer Mitte keinen anderen Herrn oder Beschützer preisen als GOTT.“

Die Völker der Welt von heute sehnen sich nach Einigkeit, Gerechtigkeit und Freiheit. Sie sehnen sich danach, vor Ausbeutung und Krieg geschützt zu werden. Sie schweifen verloren umher wie in die Irre gegangene Schafe. Lasst sie sich dem Sonnenschein zuwenden, den Regeln des Islam für Leben und Lebensführung. Unter dieser gemeinsamen Sonne sind sie alle - Schwarz, Weiß Rot und Gelb - eins in Gerechtigkeit, Freiheit und Gleich­heit. Für den Islam liegt wahre Meisterschaft nicht in dem, was Menschen unterschiedlicher Begabung geistig oder manuell zustandebringen, sondern darin, was ein reines Herz erreicht. Dies steht allen gleich offen, was auch ihre übrigen Gaben sein mögen. Wie sinngemäß geschrieben steht (Qur’an, Sure XLIX, Hudschurat „Die inneren Gemächer“ V. 13): „O ihr Menschen; wir haben euch aus einem Mann und einer Frau erschaffen und euch in Völker und Stämme eingeteilt, damit ihr euch kennenlernen möget; und wahrlich: der, dessen Tugend am hellsten leuchtet, der ist bei Allah am meisten geehrt.“

Den Prophet (mit dem Friede sei) erklärte ausdrücklich: „Die Araber haben Nicht-Arabern, Weißen oder Schwarzen nichts voraus. Geistige Meisterschaft und Frömmigkeit ist die einzige Auszeichnung unter den Men­schen, die vor Gott anerkannt wird.“

Nach dem Sieg des Propheten bei Mekka beanspruchte eine stolze, eigensüchtige Gruppe von Arabern Vorrechte für ihre Sprache und ihr Volk. Zu diesen sagte er: „Dank sei Gott, das ER durch die erhabenen Lehren des Islam euch aus den Zeiten den Unwissenheit erlöst und euch von Stolz, Ein­bildung und Machtgier befreit hat. Wisset jetzt, dass in den Höfen Gottes es nur zwei Gruppen gibt: Die Gruppe der Gerechten, welche köstlich sind in Gottes Augen und die Gruppe der Sünder, die ihre Köpfe schamvoll senken.“

Ein Mann sprach zum 8. Imam: „Auf Erden gibt es keinen Menschen, der edlere Ahnen hätte als deine.“ Ihm erwiderte der Heilige: „Ihre Größe und Ehre zeigten sich in ihrer Frömmigkeit und ihrem Eifer, Gottes Willen zu erfüllen.“ Hiermit wies der Imam einen Mann zurecht, der ihm schmeicheln und seinen Stammbaum erhöhen wollte; stattdessen lenkte er seinen Sinn auf frommes Nachdenken. Ein anderer sprach zu ihm: „Bei Gott! Du bist der Beste unter den Lebenden.“ Der Imam erwiderte: „Keine Schwüre, Mann! Es lebt ein Mann, der besser ist, dessen Frömmigkeit größer und dessen Gehorsam vor Gott vollständiger ist. Bei Gott ist es wahr, das der Vers des Koran nicht widerrufen worden ist, welcher lautet: „Am meisten geehrt von Gott ist der Rechtschaffenste.“

Gott zu dienen bedeutet vollständige Freiheit. Sie schränkt nicht ein, sie begrenzt nicht. Einschränkungen vermindern eines Menschen Fähigkeiten und sein Glücksgefühl. Aber wer Gott dient, kleidet seine Seele in die ganze Waffenrüstung Gottes, beschützt sie gegen die Anläufe des Bösen und löscht alle feurigen Pfeile der Gottlosen.

Es ist richtig, das Gott dienen seine Gesetze befolgen heißt. Aber diesen Gehorsam geschieht aus freier Wahl der Liebe. Und Seine Gesetze sind jene absoluten moralischen Forderungen, die der Kern der wahren Natur des Menschen ausdrücken, so wie sein Schöpfer ihn zum Höchsten anhalten will. Kein Mensch, den seinen Nacken unter das Joch des Goldscheffelns oder den Machtbesessenheit gebeugt hat, kann sich je eines freien Lebens in freien Gesellschaft erfreuen. Imam Ali sagte: „Frömmigkeit ist der Schlüssel zu Anstand zu Reinheit und zur Erwerbung eines Verdienstschatzes für den Tag des Gerichts. Sie macht frei von den Ketten jeglicher Knechtschaft, sie bewahrt von den Stößen jeglichen Missgeschicks. Frömmigkeit bewirkt dass ein Mann seine Ziele erreicht; sie hält das Böse fern, welches seiner Seele nachstellt und steht ihm bei, zu erreichen, wonach sein Herz sich sehnt.“ (Nahj-ul-Balaghé: 227)

Man denke daran, dass er diese Botschaft in einer Zeit verkündete, als Gewalt, Unterdrückung, Unecht, Klassenkämpfe und Rassenstreitigkeiten unter den Menschen wüteten. Diskriminierungen, die die Vernunft, die Rechtschaffenheit und die Freiheit abstießen, waren gang und gäbe. Die Schwachen und die Armen waren aller menschlicher Rechte und sozialer Sicherungen beraubt. Mit unvergleichlicher Zivilcourage beachtete der Pionier des Islam alle diese Streitigkeiten und Konflikte; ungehörig, abergläubisch und voller Irrtümer, wie sie waren. An ihre Stelle setzte er das Gebot, das Gleichheit, Recht und völlige Billigkeit für jedermann gelten solle. Er verfügte, dass unter den Auspizien völliger Unterwerfung unter Gottes Willen die Menschen jede Art vernünftiger Freiheit bekamen, und zwar so: Die unterprivilegierten Klassen der Gesellschaft, die alle zuvor ihre Wünsche hatten äußern dürfen, vielmehr Gewalt und Untendrückung als Reaktion erfahren hatten, wenn sie es wagten, gegen den Willen der mächtigen regierenden Klassen aufzumucken, sollten jetzt, unter den lebensspendenden Gerechtigkeit des Islam, die politische und gesellschaftliche Macht finden, die sie entbehren mussten, um fortan Schulter an Schulter voranzuschreiten, bis sie ihren vollen und gerechten Anteil an der Führung ihrer Völker bekom­men würden.

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