Musawi Lari

Westliche Zivilisation und Islam

Sayyid Mudschtaba Musawi Lari

Ins Englische Übersetzt J.F. Goulding, hiernach ins Deutsche Übertragung R. H. Sengler

Das Folgende Manuskript ist eine geringfügig überarbeitete und sprachliche verfeinerte Version der 1995 in Qum erschienen deutschen Übersetzung.

Delmenhorst 2004

Hilfsquellen und Organisation der Kirche

Das Christentum trat ins Leben ohne bestimmte gesellschaftliche Grundvorstellungen, Gesetze oder ein System für die Leitung seiner Angelegenheiten. Diesen Mängel hat die geistliche Leitung der Christen lange daran gehindert in Dinge einzugreifen, die mit der Gesellschaft, der Politik oder der Regierung zusammenhingen. So blieb es bis zum Ende des sechsten Jahr­hunderts der christlichen Zeitrechnung. Am Weihnachtstag 800 wurde der König der Franken zum „Cäsar“ gekrönt und übertrug ein Stück seines Herrschaftsgebietes der Oberherrschaft des Papstes. Damit begann die Epoche christlichen Führungsmacht und Glanzes. Die Kirche nahm zu an Macht und Reichtum. Es kam zu Konflikten über die Kontrolle der Macht zwischen politischen und religiösen Führern. Europa wurde eine Arena verheerender Kriege zwischen Kaisern und Päpsten.

Menschen, welche die Kirche als Ausdruck der geistigen Natur Christi ansahen, waren hartnäckige Parteigänger des Klerus, und mit ihren Hilfe wuchsen zeitliche Macht und Einfluss der Kirche unaufhörlich, bis sie die Nationen Europas unangetastet unter ihre Vorherrschaft gebracht hatte. In der „Frühzeit“ bevor das Christentum durch tiefe Risse gespalten wurde, hatte jede Stadt ihren Bischof. Gruppen benachbarter Städte wurden gemeinsam von einem Erzbischof oder Patriarchen verwaltet. Der Bi­schof von Rom beanspruchte allmählich die Oberhoheit als Papst (was das Oberhaupt aller Christen bedeutet). Er griff in alle religiösen Angelegenheiten ein, auch die Ernennung und Absetzung von Bischöfen und Erzbischöfen. Schließlich wurde dies den „Metropolitenpatriarchen „von Constantiniyya (Byzanz, Konstantinopel, Istanbul) zuviel, und so fällten sie den Entschluss, sich den päpstlichen Jurisdiktion zu entziehen und einen eigenen Herrschaftsbereich zu errichten, womit sie den Tatsache Rechnung trugen, dass der Herrschaftssitz des Kaisers von Rom nach Istanbul verlegt worden war. Nach verschiedenen heftigen Zusammenstöße zwischen dem Papst und den Istanbuler „Kalifen“ wurde die Trennung im Jahre 1052 n. Chr. endgültig. Das Christentum zerfiel in zwei Lager. Osteuropa war dem Pa­triarchen von Konstantinopel, der sich nun „orthodox“ nannte, untertan. Westeuropa von Polen bis Spanien blieb dem Papst gehorsam und bezeich­nete sich als „katholisch“. Beide religiösen Körperschaften befolgten ver­schiedene Riten und bezichtigten einander der Ketzerei.

lm frühen 16. jahrhundert entstand eine dritte Gruppierung in Europa, in Gang gesetzt von Luther; sie nennt sich „Protestantismus“. Luther und seine Gefolgschaft begannen damit, sich den päpstlichen Gepflogenheit zu widersetzen, Plätze im Himmel zu verkaufen vermittelst sogenannter Sündenablässe; sie machten sich weiter an den Versuch, die ganze Kirche zu reformieren und sie von Irrtümern und Sittenlosigkeit zu reinigen. Dies führte aber nur dazu, das eine weitere Spaltung die Einheit und Schlichtheit der christlichen Religion traf: Die angeheuerten Menschenmassen, die Luther bei seinen Zurückweisung der päpstlichen Oberherrschaft und des priesterlichen Dogmas folgten, wurden ein dritter Teilkörper, der fast ganz Nordeuropa umfasste.

Die absolute Macht des Papstes im katholischen Europa des 12. und 13. Jahrhunderts rief eine unvermeidliche Gegenbewegung hervor. Eine Anzahl ketzerischer Bewegungen entstand und förderte verschiedene Lehren mit Doktrinen, die das päpstliche Offizium verdammte. So groß wurde die Sorge des Papstes und der katholischen Partei über diese abtrünnigen Be­wegungen, dass 1215 der Papst die sog. „Inquisition“ einsetzte, um derartige Häresien zu bekämpfen und auszurotten. Die Inquisition hatte Zweige in jeder Stadt Frankreichs, Italiens, Deutschlands, Polens, Spaniens und anderer christlicher Länder. Wurde jemand der Ketzerei beschuldigt, so zerrte man ihn vor die Inquisition, wo er im Verurteilungsfall schwere Strafen erhielt.

Diese Institution nutzte ihre unmäßige Macht dergestalt, dass sie alle Gedankenfreiheit unterdrückte. Wer auch nur irgendwelcher Gedanken und Meinungen verdächtigt wurde, welche man als der Kirche entgegen­gesetzt ansah, musste sich höllischen Martern unterziehen. Diese Gerichtshöfe erhielten sogar gelegentlich Ketzerurteile gegen Tote, deren Särge ge­öffnet werden mussten - ein Vorgang, den Will Durant in seiner ,Kulturgeschichte (Bd. 18, S. 35) so beschreibt „Der Gerichtshof für die Überprüfung von Gedanken, Gesetzen und Religion verfuhr auf eigene Weise legal. Bevor lokale Assisen (Schwurgerichte) abgehalten wurden, wurde ein ,Glau­bensakt’ (Auto da Fe) von allen Kanzeln verlesen, welchen forderte, dass gegen jeden des Atheismus, den Irreligiosität oder der Ketzerei Verdächtig­ten Anzeige erstattet werde und dass man ihn außerdem vor das Untersuchungsgericht schleppe. Nachbarn, Freunde und Verwandte wurden ermu­tigt, Informantendienste zu leisten. Man sagte ihnen völlige Verschwiegen­heit und Schutz zu. Jeder, der einem Atheisten Asyl gewährte oder ihn nicht anzeigte, wurde selbst eingekerkert und mit kirchlichen Exkommunikation, Flucht und Bann bedroht. Manchmal wurden Tote des Atheismus und der Gotteslästerung bezichtigt. Besondere Zeremonien wurden für ihre gerichtliche Verurteilung angewandt. Ihr Vermögen wurde beschlagnahmt, ihre Erben von ihrer Hinterlassenschaft ausgeschlossen. 30-50% des Eigentums eines Verstorbenen, der verdammt worden war, bekam der erfolgreiche Informant. Gottesarteile waren je nach Zeit und Ort verschie­den. Manchmal wurden dem Angeklagten die Arme hinten hochgebunden und er wurde dann so aufgehängt. Manchmal wurde er so gefesselt, das er sich nicht rühren konnte, dann bekam er Wasser die Kehle hinabgeschüttet, bis er erstickte. Manchmal wurden ihre Seile so eng um Arme und Beine geschnürt, bis sie bis auf die Knochen durchschnitten.

Die christliche Hierarchie in Europa errang eine solche Machtfülle, das nicht weniger als zehn Könige und politische Führer in Deutschland und Frankreich von den Päpsten gebannt wurden. Einige große Landesfürsten verloren alles. Andere mussten öffentliche Buße tun. So belegte im Jahr 1075 Papst Gregor VII. den Kaiser von Deutschland, Heinrich IV., mit dem Bann und erklärte ihn des Thrones verlustig, weil er einen päpstlichen Firm an (Machtspruch oder Ukas, Anm. d. dt. Übersetzens) missachtet hatte. Hein­rich hüllte sich prompt in ein Büßergewand und eilte zum Papst, worauf ihn dieser drei Tage warten ließ, bevor er ihn empfing, dann aber seine Reue annahm und ihm Absolution gewährte.

Im Jahre 1141 exkommuniziert Papst Innozenz II. Ludwig VII., 1205 tat Innozenz III. König Johann von England in Bann, weil dieser bestimmte Bischöfe angegriffen hatte. Schließlich sah sich Johann gezwungen, dem Papst eine Botschaft des Inhalts zu schicken: „Ein Engel vom Himmel hielt mich Jesus und Seinen Apostel, unseren Wohltäter Papst Innozenz, und seine katholischen Nach­folger im Namen von England und Inland anzuflehen. Von nun an verwalten wir diese Königreiche als Unterkönige des Papstes und der Hierarchie und haben Befehl erteilt, das die Summe von 1000 Pfund Silber jährlich an die kirchlichen Kassen in Rom gezahlt werde und zwar in Halbjahresraten von je 500 Pfand. Sollte ich oder irgendeiner meinen Nachfolgen gegen den Wortlaut dieses Dekrets verstoßen, so verwirken wir das Recht auf die eng­lische Souveränität“ (Marcel Cache, „Social History“, Vol. II). Derselbe Autor (Vol. II, 123) schreibt: „Während dieses Zeitraums wurden 5 Millio­nen Menschen wegen Verstößen gegen den rechtmäßigen Glauben oder Zuwiderhandlungen gegen einen päpstlichen Erlass bestraft. Man knüpfte sie an Galgen auf oder warf sie in die pechschwarze Nacht brunnenartiger Kerker. In den 18 Jahren von 1481-99 verbrannte die Inquisition 1020 Menschen lebendigen Leibes, zersägte 6860 und marterte 9723 zu Tode.

Victor Hugo schrieb: „Die wahre Geschichte der Kirche wird man nicht auf, sondern zwischen den Zeilen der offiziellen Geschichtsschreibung lesen. Die Kirche ließ Pannili fast bis zu Tode peitschen, weil er erklärt hatte, die „Sterne fielen nicht von der ihnen zugewiesenen Bahnen“. Die Kirche warf Campland 27 mal ins Gefängnis, weil er behauptete, es gebe noch ungezählte Welten außer der Erde. Die Kirche marterte Harvey wegen des verbrecherischen Nachweises, das das Blut durch die Arterien und Venen des Körpers fließt. Die Kirche kerkerte Galilei ein, weil er behauptete, die Erde kreise um die Sonne, im Gegensatz zu den Anschauungen des Alten und Neuen Testaments. Die Kirche warf Christopher Columbus ins Gefängnis, weil er ein Land entdeckte, das vom Hl. Paulus nicht erwähnt wird. Es hieß, es sei Gotteslästerung, Gesetze an Himmelskörpern zu entdecken oder die Bahn der Ende oder einen in der Schrift nicht vorausgesagten Kontinent. Die Kirche exkommunizierte Pascal und Montey wegen Sittenlosigkeit und Müller wegen Sakrilegs und Unsittlichkeit („Geschichte des Freidenkertums“, S.147).

Die Kirche gebrauchte ihre Macht auch gegen den Islam. Unter dem Vorwand, Jerusalem zu befreien, inszenierte sie blutige, abscheuliche Kriegszüge oder „Kreuzzüge“, wie sie sie nannte, von 1095-1270. Obwohl der eigentliche Grund für diese Kriege Hass und Eifersucht gegen den Islam waren, die vom Papst und der Hierarchie genährt wurden, stachelten sie auch das gemeine Volk durch Vorspiegelungen von Beute und raffinierte Verleumdungen gegen die Muslime auf, sich anwerben zu lassen. Papst Urban II. berief eine Kirchenversammlung, in der man einen Krieg gegen die Muslime beschloss, wobei der Papst allen Bischöfen und dem Klerus befahl, Bewaffnete für diesen Kampf zu stellen; er selbst führte die Werbekampagne in Frankreich an.

Das erste Heer, das gegen Jerusalem aufbrach, war so riesig, das ganz Europa und Asien unterwegs zu sein schienen. Manche sagen, das eine Million auf dem Marsch war. Auf ihrem Zug plünderten, brandschatzten, verstümmelten und ertränkten sie die Einwohner der Städte und erschlugen Krieger und Nichtkrieger gleichermaßen, Frauen und Kinder eingeschlos­sen. Als sie schließlich im Jahr 1099 Jerusalem eroberten, waren noch 20.000 von den Million übrig. Bürgerkriege und die Pest folgten dieser „christlichen“ Opferung von Myriaden ihren eigenen und anderer Volksgenossen.

In den Worten von Gustave Ie Bon („Die islamische und arabische Kultur“, S. 407) heißt es: „Die Scheußlichkeiten, welche die Kreuzfahrer gegen Freund und Feind, Soldaten und unbeteiligte Bauern, Frauen und Kinder, alt und jung begingen, reihen sie in den Annalen der Barbarei zuoberst ein. Einer von ihnen, Robert der Mönch, schrieb: „Unser Heer wütete durch Gassen und Plätze und über die Flachdächer anschließender Häuser wie eine Löwin, der man ihre Jungen geraubt hat, tobte und zerriss Kinder in Fetzen voll wilder Lust. Wir erstachen alt und jung. Zur Beschleunigung hängten wir in einer Schlinge gleich einen ganzen Haufen auf. Die Krieger stahlen wie die Raben und schnitten noch das Gedärm Erschlagener auf, ob es etwa Juwelen oder Gold enthielte. Was sie fanden, steckten sie ein. Schließlich trieb Bohemund alle Überlebenden: Männer, Frauen, Verstüm­melte und Hilflose, in der Burg zusammen und metzelte sie allesamt nieder, wobei er nur die Jungen für den Sklavenmarkt in Antiochia aussparte.’ Und Godfrey Hardouinville berichtete dem Papst: ,In Jerusalem wurden die Muslime, die uns in die Hände fielen, von unseren Leuten im Tor zu Salo­mons Tempel niedergestoßen, bis ihr Blut knietief über den Tempelplatz floss’“

Die Folter der Inquisition gegen die Gelehrten und die Intelligenz ihrer Tage erregten einen unvermeidlichen Rückschlag gegen die Kirche. Unab­hängig gesonnene Wissenschaftler betrieben ihre Arbeit weiter trotz strengen Zensur, bis der kirchliche Fanatismus zum Rückzug blasen musste und den Weg für aufgeklärte Studien und Untersuchungen freigab. Aber nun waren die Wissenschaftler dahin gelangt, alle Religion als Parteigänger des Aberglaubens, der Unwissenheit and der Unterdrückung von Wissenschaft und Bildung zu betrachten. Die Ausschreitungen der Kreuzzüge und die Barbarei der Inquisition erregten Abscheu und nährten beim Volk den Verdacht gegen jede Form von Religion überhaupt.

Auch in Russland erregte die kirchliche Vernachlässigung der Armen und Hilflosen und die Gönnerschaft gegenüber den Reichen eine Reaktion’ welche den Aufstieg des Kommunismus unterstützte und seine Führer der Religion den Krieg erklären ließ, denn die Gläubigen seien „kapitalistische Lakaien und Ausbeuter der Arbeitenklasse“. Sie taten kund, dass nur durch die „Eliminierung des Mythos Gott aus den Gehirnen der Menschen die Revolution der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verwirklicht werden könnte.“

Ferdof schreibt in seinem Buch „Die Religion in der UdSSR“: „Im zaristi­schen Russland waren der Kirche eine Menge Land, Gebäude und Zubehör sowie Millionen Goldrubel auf den Banken zu eigen. Weiteres Einkommen bezog sie aus Wäldern, Weiden, Fischereirechten, aus Handel, Industrie und vielem anderem. So war die Kirche der reichste Kapitalist überhaupt, der größte Landbesitzer, der größte Bankier Russlands. Mitleidlos beutete sie Geschäftsleute aus, groß und klein. Die Arbeitsbedingungen in der Industrie zu verbessern - das versuchten sie nicht einmal. Entsprechend groß war der Hass, der solches Verhalten unter der Arbeiterschaft und bei der Geschäftsinhabern auslöste; sie nannten die Geistlichkeit ,Wölfe in Priesterkleidung“.

Das Christentum war zu seiner Zeit der Bewahrer alter Sitten und Ge­bräuche, es war der konservative Reaktionär; heute hat es gelernt, seine Fundamente zu verstärken, indem es seiner glänzenden Vergangenheit all das hinzufügt, was Wissenschaft und Kultur dem modernen Geist zu bieten haben.

Die katholische Kirche allein lässt 4000 Propagandaorgane weltweit spielen. Ihre Mittel erlauben es ihnen noch im dunkelsten Kongo, im entlegensten Tibet und bei den primitivsten Stämmen Australiens um Bekehrungen zu werben.

Der jährliche Haushalt der englischen Staatskirche beträgt über 900 Millionen Tomans (persische Goldmünze, Anm. d. dt. Übersetzers). Solche Zahlen, verglichen mit den Almosen, die dem Islam zufließen, zerreißen einem das Herz.

Das Evangelium ist in mehr als 1000 Sprachen übersetzt worden. Die amerikanische „Gesellschaft für die Veröffentlichung und Verbreitung des Evangeliums“ hat 1973 24 Millionen Exemplare verbreitet.

Der Vatikan hat eine eigene Zeitung „L’ Osservatore Romano“ mit einen Tagesauflage von 300 000 Stück. Außerdem vertreibt er 50 Monatszeitschriften, Gesamtauflage mehrere Millionen. Er unterhält 32.000 Grund­schulen, Universitäten und Krankenhäuser. Vier mächtige Organisationen schicken Missionare in die übrigen Endteile.

Das Christentum bedient sich dreier Propagandamethoden:

  1. Übersetzung der Bücher des Neuen Testaments;
  2. Errichtung von Kirchen und anderen Anbetungsstätten;
  3. Aussendung von Missionaren in alle Teile der Welt.

Protestantische Sekten machen ihrerseits erhebliche Anstrengungen, ihren Glauben zu verbreiten. Den „Reader’s Digest“ schrieb: „Die revolutionäre Gründung der Protestantischen Kirche Amerikas war ein Aufstand gegen Bemühungen in Europa, den „Zehnten“ wieder einzutreiben, das ein­stige Recht der Kirchen. Doch von 1950 an hat die Bewegung der „Haus­halterschaft“ ständig zugenommen, so dass viele Kongregationen ihre Spenden verdoppeln oder verdreifachen konnten, was wiederum den Bau von Hunderten neuer Kirchen und die Verstärkung der Inneren und Äußeren Mission ermöglichte. Am bedeutungsvollsten; die Kongregationen und ihre Mitglieder haben die freudespendenden Wirkungen, die unerwarteten Belohnungen erkannt, welche die Wiederbelebung dieser alten Sitte mit sich brachte.“

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