Musawi Lari

Westliche Zivilisation und Islam

Sayyid Mudschtaba Musawi Lari

Ins Englische Übersetzt J.F. Goulding, hiernach ins Deutsche Übertragung R. H. Sengler

Das Folgende Manuskript ist eine geringfügig überarbeitete und sprachliche verfeinerte Version der 1995 in Qum erschienen deutschen Übersetzung.

Delmenhorst 2004

Islam und politische Theorie

Die moderne politische Theorie preist „den allgemeinen Willen“. Die demo­kratische Regierungsform versucht, diesen allgemeinen Willen zu praktizieren, indem sie eine Politik zum Gesetz erhebt, für weiche die „Mehrheit“ gestimmt hat (die nur 51% zu betragen braucht), wobei sie den Willen der Minderheit (die bis zu 49% den Wählen umfassen kann) für null und nichtig erklärt. Die Minderheit ist also überhaupt nicht „frei“, obwohl sie in man­chen Fällen vernünftig denken und unter den gegebenen Umständen sogar recht haben kann. Aber das „Regieren unter dem Willen des Volkes“ wird niemals freiwillig die Unverletzlichkeit und den Glanz preisgeben, womit es den „allgemeinen Willen“ ausgestattet hat, wobei sie diesem Begriff Vorrang vor allen anderen materiellen und geistigen Werten verliehen hat.

Der Islam andererseits gibt dem Willen des Herrn dieser Welt Vorrang, eher als den unbeherrschten Neigungen und Gefühlen einer Mehrheit menschlichen Wesen. Den Islam weigert sich, die Gottheit der Lenkung der gesetzgeberischen und der richterlichen Gewalt zu berauben. Der muslimische Begriff der Gottheit und des göttlichen Regiments ist weit genug, um alles zu erfassen, was menschliches Leben überall auf diesem Planeten ausmacht. Das macht den Islam zum konkurrenzlosen Beschützer des Menschen. Er verlangt für seine Vorschriften völligen Gehorsam mit der Begründung, das sie Gott-gegeben sind und darum kein menschliches Wesen ein Recht hat, seinen eigenen Wünschen zu gestatten, irgendein Vorhaben unten Bruch diesen Vorschriften und Lebensregeln zu diktieren.

Wie kann en Gott der völligen Hingabe würdig verkündet werden von Leuten, die ihre Lebensführung nach Vorschriften aus anderen Quellen als Gott Selbst herleiten? Kein Mensch darf es wagen, göttliche Autorität für einen Partner anstelle Gottes zu beanspruchen oder Ihn durch einen anderen Gesetzgeben zu ersetzen. Das Ziel des Islam ist, Vorkämpfer für Wahrheit und Recht überall in unserer menschlichen Gesellschaft zu sein, weil die Wahrheit sich nicht einseitig mit sozialen, politischen und finan­ziellen Fragen beschäftigt, sondern die Statur des Menschen selbst mit ihnen schönsten Gewändern versieht.

Die Gestalt des Menschen ist furchtbar und herrlich geschaffen. Genauso die Regeln und die Rechte, die das menschliche Leben bestimmen. Niemand kann sich rühmen, ein vollständiges Wissen aller Geheimnisse vom Bau des Menschen oder von seiner verwickelten Sozialstruktur zu besitzen. Denn diese Struktur umfasst die spezialisierten körperlichen und geistigen Be­reiche aller Individuen, wie all ihren Beziehungen zueinander. Niemand kann sich rühmen, ohne Sünde, Mängel, Fehler oder Irrtum zu sein. Niemand kennt alle Faktoren, die zusammen menschliches Glück und Wohlfahrt ausmachen.

Trotz aller hingebungsvoller Bemühungen der Wissenschaftler, die Geheimnisse des menschlichen Daseins aufzuhellen, ist der Bereich, in dem es ihnen geglückt ist, immer noch äußerst begrenzt. Um nochmals Dr. Alexis Cannes zu zitieren („Der Mensch, das unbekannte Wesen“, 5. 4): „Die Menschheit hat ungeheuere Anstrengungen unternommen, sich selbst ken­nenzulernen. Obgleich wir einen wahren Schatz von Beobachtungen besit­zen, den die Wissenschaftler, die Philosophen, die Dichter und die großen Mystiker aller Zeiten angehäuft haben, haben wir doch nun gewisse Aspekte von uns ausgeleuchtet. Wir begreifen den Menschen nicht als Ganzes. Wir wissen nur, das er aus unterschiedlichen Teilen zusammengesetzt ist. Und selbst diese Teile sind durch unsere Methoden „erschaffen“. Jeder von uns besteht aus einer Folge von Phantomen, in deren Mitte ein unbekanntes Wirkliches daherschreitet.“

Ohne Verständnis der menschlichen Beschaffenheit können wir keine Gesetze ausarbeiten, die zum Menschsein hundertprozentig passen, noch können wir die sich daraus ergebenden Schwierigkeiten beheben: Siehe die Verwirrung der Gesetzgeber, ihr dauerndes ändern ihrer eigenen Bestim­mungen angesichts neuer Tagesprobleme und unerwarteter Sackgassen. Persönliche Vorteile, Eigennutz, Gewinn, Ehrgeiz, Macht, ja sogar umweltbestimmte Voreingenommenheiten drängen sich vor und verzerren den Ausdruck der Gesetzgeber, bewusst oder unbewusst. Montesquieu sagte von der Gesetzgebung, das „keine jemals völlig objektiv und unparteiisch ist, denn die persönlichen Vorstellungen und Gefühle des Gesetzgebers beeinflussen sein Konzept“. So nützte Aristoteles, der auf Plato eifersüchtig war, seinen Einfluss bei Alexander, um seinen großen Vorgänger herabzusetzen.

Die modernen Schlagworte von „Freiheit und Gleichheit“ und „allgemei­ner Wille“ sind von Politikern gebrauchte Worthülsen, um Unterstützung für ihre Gesetzesvorschläge zu gewinnen; Gesetze, die in Wahrheit nicht die Belange der Massen, sondern die den Grundbesitzer und Kapitalisten vertreten.

Henry Ford schrieb über England, das sich, „die Mutter der Parlamente“ zu sein rühmt: „Wir können nicht den Generalstreik von 1926 vergessen oder die Art, wie die Regierung mit jedem Mittel, das in ihrer Macht stand, ihn zu brechen versuchte. Das Parlament als Werkzeug den Kapitalisten erklärte den Streik für verfassungs- und gesetzwidrig und setzte Polizei und Heer mit Kugeln und Panzern gegen die Streikenden ein. Mittlerweile erklärten die Medien von Radio und Presse, die Regierung sei die Dienerin des Volkes; eine glatte Ausflucht, die durch die Geldbußen, die den Gewerk­schaften auferlegt wurden, Lügen gestraft wurde, ebenso durch die Einkerkerung ihrer Anführer, sobald sich eine Gelegenheit bot.“

Chruschtschow erklärte auf dem 22. Obersten Parteitag den Sowjets: „Im Zeitalter des Personenkults (d.h. unter Stalin) infiltrierte die Korruption die Führung unserer Partei, die Regierung und die Finanzen; sie brachte Dekrete zuwege, die die Rechte der Massen mit Füßen traten. Verringerte Industrieproduktion verängstigte die Menschen bei ihrer Arbeit und ermu­tigte Schmeichler, Denunzianten und Rufmörder.“

So erscheinen sowohl die westlichen wie die östlichen Regierungssysteme fälschlich im Gewand des allgemeinen Willens, Parlamentsherrschaft und Volksvertretung, während Kapitalismus und Kommunismus gleichermaßen parteiische Gesetze schaffen, weil sie die Dekrete des Himmels ignorieren, welche das Beste für den Menschen festlegen.

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