Musawi Lari

Westliche Zivilisation und Islam

Sayyid Mudschtaba Musawi Lari

Ins Englische Übersetzt J.F. Goulding, hiernach ins Deutsche Übertragung R. H. Sengler

Das Folgende Manuskript ist eine geringfügig überarbeitete und sprachliche verfeinerte Version der 1995 in Qum erschienen deutschen Übersetzung.

Delmenhorst 2004

Zum Autor

von Hadsch Abu’I-Fazl Hazeghi

Sayyid Mudschtaba Musawi Lari wurde 1314 n.d.H. (AHS), 1934 n.Chr. (AD) in Lar, der südiranischen Provinz Laristan geboren. Sowohl sein Vater, Sayyid Ali Asghar Musawi, und sein Großvater, Hadsch Sayyid Abdulhaussein Musawi, gehörten zu den hervorragendsten Gelehrten den islamischen Theologie. Sayyid Abdulhussein war auch einer der großen Revolutionäre, als der Iran begann, die Tyrannei der Qadscharen abzuschütteln und den fortschritt­lichen Weg zu Freiheit und Wohlstand zu beschreiten, auf dem es sich jetzt befindet.

Unser Autor studierte auf den Schulen von Lar, wobei er das Klassische Erziehungsprogramm wählte und überdies spezielle Islam-Studien unter­nahm. Im 18. Lebensjahr zog er in die heilige Stadt Qum, die wegen ihrer goldkuppelgekrönten Moschee berühmt ist, welche den Schrein der Tochter des Imam Musa al-Kazem, Fatima al-Ma’sumé umschließt, die dort 816 n.Chr. starb, als sie ihren Bruden, Imam ‘Ali-ar-Reza in Tus (das heutige Maschhad) besuchen wollte. In Qum betrieb er seine Studien in islamischer Theologie 10 Jahre lang weiter und schloss sie mit dem höchsten Grad ab.

Unglücklicherweise hatte das Wasser von Lar, welches in jener Zeit un­hygienisch und stark verschmutzt war, seine Verdauung in Mitleidenschaft ge­zogen, woran alle Kuren im Iran scheiterten. Schließlich reiste er auf Emp­fehlung seiner Ärzte nach Deutschland in ein Krankenhaus. Aber auch ein verlängerter Aufenthalt in jenem Land unter ärztlicher Behandlung ver­mochte seine Unpässlichkeiten nicht völlig zu beseitigen. Doch mit dem Mut vieler, die an teilweisen körperlichen Ausfallerscheinungen leiden, hat er sich über seine Krankheit erhoben und seine großen Gaben des Verstandes, Patriotismus und der Hingabe dem Dienst an seinem Land gewidmet. Die Werke, die bereits von ihm auf persisch erschienen sind, umfassen

u.a.

  1. Ein Überblick übermoralische und geistliche Probleme

  2. Die Westliche ZIVILISATION auf dem Prüfstand des Islam

  3. Die Rolle des moralischen Faktors bei der Evolution des Menschen.

Diese Bücher wurden so begeistert aufgenommen, das jeweils 3 Auflagen schon erschienen sind.

Er ist regelmäßiger Mitarbeiter der Monatszeitschrift „The Maktab-i-Is­lam“, welche die Islamgelehrtenin Qum publizieren, aber auch vieler anderer Zeitschriften, die sich mit islamischen Grundsätzen befassen. Er hat die Gründung einer Reihe öffentlicher Institutionen in die Wege geleitet und erfreut sich eines so großen öffentlichen Vertrauens, das sich sehr viele um ihn scharten, als es um die Schaffung dieser Stiftungen ging. Sie umfassen Schulen, öffentliche Kliniken, Zentren für religiöse Übungen und Mo­scheen, zumeist in seiner Vaterstadt Lar. Er hat auch eine wohltätige Stif­tung ins Leben gerufen, um den Bedürftigen, Kranken, Waisen und armen Studenten zu helfen. Viele verdanken seinen Anstrengungen das Leben und viele erhielten Hilfe, um ihr eigenes Leben und das von solchen zu be­fruchten, für die sie Verantwortung trugen, weil sie von dieser Stiftung Hilfe erfahren hatten.

Die Familie kam ursprünglich aus Dezful in der südwestlichen Provinz Irans, Khuzistan. Sayyid  Mudschtabas Großvater, Hadsch Sayyid Abdelhussein, begann den Kampf um Irans Freiheit, der seinen Anfang in jenen Landes­teilen nahm. Die Bewegung zwang den Quadscharenherrscher Muzaffar­ud-Din im Dezember 1905 eine demokratische Verfassung anzunehmen. Die Nationalversammlung konstituierte sich im Oktober 1906 und entwarf eine Verfassung; diese unterschrieben und ratifizierten sowohl der Schah Muzafar-ud-Din wie sein Sohn und Erbe, Muhammad Ali Schah, der seinem Vater im Januar 1907 auf dem Thron folgte. Der neue Schah unterstützte jedoch den Vorwärtsdrang seines Volkes in Richtung Freiheit keineswegs und entlarvte sich törichterweise bei seiner Krönung, als er die Abgeord­neten der Nationalversammlung nicht einlud. Er ermutigte auch seine Wesire bei ihrer Weigerung vor der Versammlung zu erscheinen und ihr Rede und Antwort zu stehen. Die neu entfachte Flamme der Freiheit brannte in einer Art Hochofen kriegerischer Auseinandersetzungen hoch.

Hadsch Sayyid Abdulhussein, für den sich schon eine große Gefolgschaft nicht nur in ganz Khuzistan, sondern in Laristan und Fans, den beiden Nachbarprovinzen, begeistert hatte, stellte dort 1000 Guerillakämpfer auf, darunter viele aus meiner Heimatstadt Jahrom, und schloss sich dem Marsch auf Teheran gegen den Despotismus an, dem es nur um seine eigenen Inter­essen ging, nämlich das Volk Irans in feudalistischen Ketten zu halten. Es kam zu einem verlustreichen Kampf, in dem der Schah nicht zögerte, Geschütze und Kanonen gegen seine eigenen Untertanen einzusetzen.

Am 12. November 1907 beschwor Muhammad Ali Schah zum 4. Mal die Verfassung vor den Versammlung, aber am 15. Dezember warf er seinen Premier, Naser-ul-Mulk ins Gefängnis, woraus ihn die Britische Gesandt­schaft prompt befreite. Den Volkszorn zwang der Schah, den heiligsten Eid überhaupt zu schwören: Er sandte einen versiegelten Koran mit dem Eid, die Verfassung einzuhalten, wodurch er sich auch als über­führter Meineidiger erwies. Aber er wurde immer noch nicht abgesetzt, eine Tatsache, welche Sir Percy Sykes dem kurz zuvor unterzeichneten englisch-russischen Abkom­men zuschreibt, worin beide Unterschriftsmächte der anderen eine „Einflusssphäre“ im Iran zuteilten. Aber im Februar 1908 fiel eine Bombe in das Auto des Schahs. Im Juni wurde das Kriegsrecht proklamiert, und am 23. Juni ließ er seine aus Kosaken bestehende Söldnerbrigade die Freiheitsanführer angreifen, die sich im Parlament hinter den Sepah-Salar-Moschee und auf dem Beharistan-Platz davor versammelt hatten. Doch im Juli 1909 nahm eine große Streitmacht aus dem Südwesten, geführt von den Bakhtia­ris, Teheran ein und zwang den Schah am 16. Juli abzudanken. Bei diesem Triumph spielten die Guerillakämpfer von Fars unter der Führung von Hadsch Sayyid Abdulhussein eine tapfere Rolle.

Sayyid Abdulhusseins großer Einfluss rührte nicht allein von seiner Gelehr­samkeit und Frömmigkeit her, die ihm die Position eines Mudschtahed, des höchsten Grades bei den schiitischen Korangelehrten, eingetragen hatte, sondern auch von seinen Diensten als Bürger. Denn bald nach den Jahr­hundertwende gründete er eine Lokalregierung in Laristan mit einer Exekutivkörperschaft, unter deren Mitgliedern hervorragende religiöse Persönlichkeiten waren, und unten seinem Vorsitz schützte diese Körperschaft ihre Mitbürger von Übergriffen durch hochfahrende Feudalherren. Er untersagte dem Volk Steuern zu entrichten, die von der Zentralnegierung oder der offiziellen Provinzialregierung erhoben wurden. Die Leute steuerten freudig Beiträge bei für alle Ausgaben, die diese neue unabhängige Verwaltung benötigte. Er druckte sogar besondere Briefmarken mit den Inschrift „Re­gierung von Laristan“, die heute unter den Sammlern einen hohen Selten­heitswert besitzen.

Nach dem erfolgreichen Staatsstreich von 1909 und Muhammad Ali Schahs Abdankung zugunsten seines Sohnes, des l2 jährigen Sultans Ahmed Schah kehrte Sayyid Abdulhussein zu seiner Aufgabe bei den Regierung von Laristan zurück und leistete dem Volk weiterhin vielfältige Dienste. Den feudalistische Widerstand am Ort gegen ihn wurde immer heftiger. Währenddessen bewogen die Städter von Jahrom Hadsch Sayyid Abdul­hussein, die von ihm als Verwaltungszentrum erwählte Stadt Lar zu verlas­sen und in ihre Stadt umzuziehen, welche auch meine Geburtsstadt ist. Er nahm die Einladung an, kehrte Lar den Rücken und wurde in Jahrom aufs wärmste und respektvollste empfangen.

Dort wurde er der anerkannte religiöse Führer. Er inspirierte große Teile der Jugend, all das zu praktizieren, was ein tiefer Glaube an Gott und den Wunsch, ihrem Land zu dienen, von ihnen verlangen würde. Er machte vielen Mut Theologie zu studieren. Seine öffentlichen Freitags-Gottes­dienste in der Moschee zogen Tausende an, um seine ausdrucksvollen Predigten zu hören und sich seinen inbrünstigen Gebeten anzuschließen.

Als ich noch ein Kind war, gehörte ich zu denen, die am eifrigsten an diesen Gottesdiensten teilnahmen. Noch sehe ich die riesigen Menschen­massen von mir, die sich dafür versammelten; auch erinnere ich mich den vielen, die ihm dann in sein Haus folgten, um beim Mittagessen darüber zu sprechen - ein Mahl Übrigens, das von den ersten Morgenstunden an Scharen von Köchen in der gewaltigen Küche beschäftigte, wo so viele zu verköstigen waren.

Als er starb, gab es niemand in Jahrom, den bei den Trauergottesdiensten und Gedenkstunden fehlte, die in allen Moscheen und Theologieschulen abgehalten wurden. 3 Tage lang blieb der Bazar geschlossen und die ge­schäftlichen Transaktionen ruhten aus Respekt von seinem Andenken.

Er hinterließ drei Söhne: Sayyid Abdulmuhammad; Sayyid Ali Akbar und Sayyid Ali Asghan Musawi, den Vater unseres Autors (1907 in Lar geboren). Sayyid Ali Asghar besuchte die theologische Schule der Stadt Najaf, den Ort des Martyriums Imam Alis (a.), wo er den höchsten Grad den Theologie erlangte. Von dort kehrte er nach Lar zurück und blieb dort.

Den zweite Bruder, Sayyid Ali Akbar, begleitete seinen Vater nach Nahrom und ließ sich dort nieder. Der älteste Sohn, Sayyid Abdulmuhammad, zog nach Schiras, wo er 1973, betrauert von allen, starb.

Sayyid Ali Asghar war ein Anführer von Format, nicht nur im religiösen, auch im sozialen und politischen Leben des Volkes. Als glaubensfester und weiser Anführer, als begabter Organisator von Wohltätigkeitsveranstaltungen war er eine große Hilfe für die Bedürftigen und ein tapferer Kämpfen gegen das Unrecht. Er lehrte seine Anhänger; er betrieb viele wohltätige Einrichtungen; er schrieb eine Reihe wertvollen Werken, das wichtigste davon ist viel­leicht „Die Menschheit braucht Propheten und geistige Führer“, welches zu publizieren ich die Ehre hatte, und zwar gleich, nachdem ich vor fast 30 Jahren zum erstenmal zum Abgeordneten von Jahrom ins iranische Parlament gewählt worden war. Er erwies meiner Frau und mir die Ehre, jeweils bei uns abzusteigen, wenn er von Jahrom kam, um sich eine Zeitlang in Teheran aufzuhalten. Er hatte einen solch hinreißenden Glauben, eine so ansteckende Integrität und war so freigiebig, das unsere ganze Liebe ihm gehörte; und wie groß war unsere Trauer, als er dahinschied. Er liegt nun neben seinem Vater in Jahrom begraben.

Aber er hinterließ uns ein unschätzbares Erbe, nicht nur so wie er vor uns steht und in seinen Schriften, sondern auch in den Früchten der wunderbaren Erziehung, die er seinen Kindern gab, von denen Sayyid  Mudschtaba, der Verfasser dieses Buches, der älteste ist. Den Lesern dieses Buches wird die weite Belesenheit von Sayyid  Mudschtaba auffallen, seine im kleinsten genaue Beobachtung, sein tiefes Urteil, sein durchdringendes Verständnis von Mensch und Gesellschaft und seine weisen Ratschläge für das künftige Wohl von Menschen und Völkern.

Dieses Buch ist ein würdiger Beitrag, und es wird sicherlich ebensoviel Aufmerksamkeit auf sich ziehen wie sie jeden Donnerstagabend und Freitag die Menschenmenge am Schrein seines Vaters und Großvaters darbringt, die in Jahrom begraben liegen. Diese Gräber und ihr Heiligtum sind von einem Vaqf, einer wohltätigen Stiftung, in Verwarung genommen, deren Gelder den Schrein für die Pilger in perfektem Zustand erhalten.

Es war Sayyid Mudschtabas persönliche Bitte, das Mr. Francis Goulding, dessen Kenntnis über den Iran etwa 47 Jahre weit zurückreicht, dieses Buch (ins Englische) übersetze und dadurch zugänglich mache für Leser aus der Zivilisation des Westens, deren Züge unser prominenter Autor so geschmackvoll, oft amü­sant und immer interessant, vor uns darlegt.

Teheran 1977

ABU’L FAZL HAZEGHI

© seit 2006 - m-haditec GmbH & Co KG - info@eslam.de