Gebrüder Özoguz

Wir sind (keine) “fundamentalistische Islamisten“ in Deutschland

Eine andere Perspektive

Dr. Yavuz Özoguz und Dr. Gürhan Özoguz

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Mittelalterliche Muslime

Das, was ich als Islam kannte bzw. dachte, davon zu kennen – daran gab es für mich am Anfang meines Studiums kaum einen Zweifel – war eine rückständige Religion, die für Unwissenheit und Armut in der Welt mitverantwortlich war. Zwar habe auch ich von früher Kindheit an das islamische Fasten gelernt und immer im Monat Ramadan praktiziert – auch als ich aus dem Elternhaus ausgezogen war, aber das ließ sich gut mit meinem Weltbild zum Einsatz für die Hungernden vereinbaren!

Ein bezeichnendes Ereignis der damaligen Zeit vergesse ich nie: Ein durchaus begabtes Mädchen von ca. zwölf Jahren aus einem türkischen Elternhaus sollte auf Wunsch der Eltern auf der Hauptschule bleiben, weil sie angeblich ohnehin bald verheiratet werden würde, obwohl sie schulisch zu viel mehr fähig war. Die verzweifelte Lehrerin, die der Schülerin mindestens zu einem Realschulbesuch verhelfen wollte, bat die ESG und damit mich als Türkischsprachigen um Hilfe, damit ich bei einem Gespräch mit den Eltern als Dolmetscher fungiere. Lehrerin, ESG-Mitarbeiter und ich standen also angekündigt vor der Tür dieser muslimischen Familie. Wir wurden von der Tochter höflichst hereingebeten. Am Wohnzimmertisch saß der Familienvater in noch grausamerem Zustand, als ich es mir in meinen schlimmsten Vorurteilen jemals vorgestellt hatte: Im Unterhemd, mit herausquellenden Haaren, und er war gerade dabei, seine Fußnägel zu schneiden, wovon er sich auch durch unsere Anwesenheit nicht abhalten ließ! Die Erfolglosigkeit des Gesprächs war bereits vorprogrammiert! Das junge Mädchen tat mir leid, aber wir waren hilflos! Und ich verband das reflexartig mit dem Islam und den Muslimen, zu denen ich zwar aus Geburtsgründen gehörte, aber von denen ich mich in solchen Momenten leichten Herzens distanzieren konnte!

Überhaupt, es konnte doch nicht Gottes Plan gewesen sein, dass wir je nach Geburtsort, Elternhaus usw. einer bestimmten Religion angehörten. Wo war die bewusste Entscheidung für oder gegen etwas? Warum waren die meisten Norddeutschen evangelisch und die Süddeutschen katholisch? Die regionale Historie konnte doch nicht Maßstab für die Gotteserkenntnis sein. Wenn nur eines von vielen Wegen am richtigsten sein konnte, und die meisten Menschen den Weg zu Gott bewusst wählen, dann müssten doch die meisten Menschen Konvertiten sein! Für meinen politischen Einsatz für Nicaragua spielten diese Gedanken aber zunächst keine Rolle.

In Nicaragua kämpften die Menschen gegen den US-Imperialismus. Und sie engagierten sich im Namen Gottes, was mich damals sehr beeindruckte, denn zweifelsohne waren sie der David, der versuchte, sich gegen den Goliath zu behaupten. Und für mich war klar, dass ich immer auf der Seite Davids stehen wollte und nie auf der Seite irgendeines Goliaths.

In dieser Zeit habe ich viele Fragen auch direkt an meinen Schöpfer gestellt. Ich war mehr als überrascht, diese relativ schnell beantwortet zu sehen. Es ist schwer, dieses Gefühl zu beschreiben. Ich habe es auch nie geschafft, dieses meinen Freunden und Bekannten zu übermitteln, aber es ist reell, und ich wünsche es jedem Menschen, diesen direkten Kontakt mit seinem Schöpfer zu suchen. Natürlich hat es auch in dieser Zeit viele Diskussionen mit meinen Freunden gegeben. Und die gibt es auch heute noch. Auch dafür bin ich dankbar.

Die Erkenntnisse, die ich über den Islam gesammelt hatte, waren für mich äußerst verblüffend. Auch konnte ich bedauerlicherweise feststellen, dass genau wie auch im Christentum nicht jeder Muslim über seine Religion Bescheid wusste.

Jahrelang konnte ich nicht begreifen, wie es sein konnte, dass ein in das Judentum Hineingeborener, genau wie ein in das Christentum Hineingeborener und auch jemand der in den Islam hineingeboren wurde, von sich behaupten konnte, die absolute Wahrheit zu besitzen. Da alle drei gewisse Unterschiede aufwiesen, konnten nicht alle drei richtig sein. Aber ich konnte auch nicht glauben, dass der Schöpfer so ungerecht ist und jemanden von Geburt an richtig leitet und den anderen von Geburt an falsch leitet!

Es ist im Rahmen dieses Buches kaum möglich und auch nicht unsere Absicht, detailliert und umfassend die einzelnen Aspekte des islamischen Glaubens zu erläutern. Inzwischen gibt es umfangreiche deutschsprachige Literatur aus muslimischen Quellen dazu. Allerdings möchte ich schon andeuten, warum der islamische Glaube mich so fasziniert hat. Ich wollte schon immer jedes Detail meiner eigenen Gefühle, Gedanken und Antriebe verstehen. Und wie ich es ja auch schon erwähnt hatte, wollte ich das Leben ganzheitlich erfassen. Damit meine ich, einen zeitunabhängigen Blick auf die Geschehnisse dieser Erde und die Schöpfung selbst zu bekommen, der es ermöglicht, unbeeinflusst vom instabilen “Zeitgeist“ urteilen und die für mich richtigen persönlichen Handlungsweisen ableiten zu können. Genau diese alles umfassende Sicht fand ich in den Glaubensinhalten des Islam.

Das Faszinierendste für mich war festzustellen, dass der Erkenntnisgewinn durch gelöste Fragestellungen eine wiederum größere Anzahl von neuen Fragen nach sich zieht. Den Islam zu erforschen bedeutete somit, immer mehr über mich und meine Umwelt zu verstehen. Natürlich ist es schwer diese innersten und persönlichen Erfahrungen offen zu legen. Jedoch wünsche ich jedem Menschen, einmal in seinem Leben einen Kontakt mit seinem Schöpfer aufzubauen, um von der unendlichen Güte profitieren zu können.

Es freute mich zu sehen, dass meine Zuneigung zu dem Judentum und dem Christentum, insbesondere zu den Propheten Moses und Jesus im Islam fest verankert war. Aber gerade bei dieser Thematik macht der Islam deutlich, dass kein Mensch, dadurch dass er als Jude, Christ oder Muslim geboren ist, automatisch “gut“ oder automatisch “schlecht“ ist, sondern jeder wird am Ende seines Lebens nach seinen Taten relativ zu seinen Möglichkeiten beurteilt werden. Jeder Mensch hat die persönliche Verantwortung die Wahrheit zu suchen und danach zu handeln. Den Antrieb für das Suchen hat der Schöpfer uns in die Wiege gelegt. Und letztendlich ist alles Gute der Gnade des Allmächtigen zu verdanken.

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