Gebrüder Özoguz

Wir sind (keine) “fundamentalistische Islamisten“ in Deutschland

Eine andere Perspektive

Dr. Yavuz Özoguz und Dr. Gürhan Özoguz

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Schadensminimierung

Die Reaktionen an meinem Arbeitsplatz waren genau so heftig, wie die Ereignisse es vermuten ließen. Rektorat, Rechtsabteilung, Pressestelle, alle hatten viel zu tun. Und wie ich später erfuhr, hatte die Pressestelle der Universität seit Jahren bei keinem Thema so viel Andrang gehabt wie in diesem Fall. Selbst Journalisten und Fernsehsender aus Spanien und Japan fragten an. Aber es sollte noch lange nicht der Höhepunkt der Belastung der Pressestelle sein.

Um einer unkontrollierten Eskalation in jeder Hinsicht entgegenzutreten, ging ich zwei Wochen nicht mit den Kollegen in der Mittagspause in die Mensa. Per internem Rundmail bat ich alle Kollegen, mich nicht während der Arbeitszeit darauf anzusprechen; nach der Arbeitszeit würde ich zur Verfügung stehen. Aber von dieser Gelegenheit hat niemand Gebrauch gemacht. Auch war meine Angespanntheit an den Tagen wohl kaum zu übersehen.

Ich hatte damals von mir aus angeboten ggf. nach einer Lösung bezüglich meiner “Dauerstelle“ zu suchen und kooperativ zu sein. Aus Sicherheitsgründen habe ich auch sofort meinen Generalschlüssel abgegeben, mit dem ich in alle Räume unseres Gebäudes eintreten konnte. Zwar hätte mir bis dahin niemand einen Vertrauensbruch zugetraut, aber ich wollte mich selbst vor möglichen zukünftigen “Vermutungen“ schützen.

Nicht zuletzt degradierte ich mich selbst auf unseren Internetseiten vom “Oberingenieur“ zum wissenschaftlichen Mitarbeiter, bat meine Vorgesetzten diese “Degradierung“ auch offiziell zu akzeptieren und änderte das von der Bild-Zeitung “verbrauchte“ Foto im Internet ab. Es musste unbedingt jeglicher Schaden von meinem Arbeitgeber, der mich immer fair behandelt hat, abgewandt werden, soweit das noch möglich war. Dutzende von Reportern, die mich am Arbeitsplatz anriefen, verwies ich an meine Privatadresse.

Die Reaktionen der Hochschullehrer waren so unterschiedlich, wie sie unterschiedlicher kaum sein konnten. Während einige ernsthafte Konsequenzen aus dem “Skandal“ herbeireden wollten und eine weitere Arbeit mit mir unter einem Dach für problematisch erachteten, klopften mir andere immer wieder auf die Schulter. Einige Hochschullehrer erwiderten eine Zeit lang nicht einmal mehr meinen Gruß und schauten demonstrativ weg, wenn wir uns begegneten. Aber es gab auch sehr positive Überraschungen:

Am meisten überrascht und beeindruckt war ich von der Reaktion eines Hochschullehrers aus einem anderen Fachgebiet, mit dem ich vorher wissenschaftlich vergleichsweise wenig zu tun hatte, und der zu jener Zeit die Geschehnisse nicht sofort mitbekommen hatte und daher erst Wochen danach reagierte. Ich wollte nach Feierabend gerade heim fahren und stieg in mein Auto, da kam er von weitem rufend auf mich zu, reichte mir überraschenderweise halb im Wagen sitzend die Hand, und während ich höflicherweise versuchte auszusteigen, sagte er zu mir: „Ich wollte ihnen nur auf diesem Weg gratulieren, halten sie die Ohren steif und machen Sie weiter so“. Er sprach mir mehrfach Mut zu, schüttelte mir kräftig die Hand und ließ mich verdutzt vor meinem Wagen stehen. Die Mitfahrer meiner Fahrgemeinschaft, die ich dann unterwegs abholte und ihnen das Geschehnis schilderte, konnten mir nicht glauben. Ein anderer Hochschullehrer bat mich, ihn auf eine Islamausstellung zu begleiten. Mein eigener Vorgesetzter ertrug die Flut der Ereignisse in geduldiger Sachlichkeit und verwies darauf, dass mein “Privatleben“ meine eigene Sache sei. Aber auch außerhalb Bremens hatten die Wissenschaftler davon gehört: Auf überregionalen Kongressen wurde ich gleich mehrfach darauf angesprochen, und so mancher Verantwortliche wollte meine “Beziehungen“ zum Iran für den Wissenschaftsaustausch nutzen.

Doch auch eine Begrenzung meines Aufstiegs auf der wissenschaftlichen “Karriereleiter“ war nicht zu übersehen. Kurz vor dem FAZ-Artikel in 2002 wurde in Berlin eine Professur ausgeschrieben, worauf meine Qualifikation sehr genau passte. Zwar schickte ich meine vollständigen Unterlagen ein, aber nach dem Erscheinen des FAZ-Artikels war die Bewerbung hinfällig geworden, wie ich es über einen Mitbewerber erfuhr und mir auch vorher schon gedacht hatte. Die Stelle erhielt später ein guter Freund und Kommilitone vom mir, dem ich es gönne.

Am 27.8.2002 druckte die FAZ dann einen Leserbrief eines uns unbekannten Steven Arons aus Heidelberg mit dem Titel „Schlimmster Rufmord“, in dem u.a. Folgendes zu lesen war:

Mit dem Artikel „Ayatollah Chamenei und der öffentliche Dienst“ gehen Udo Ulfkotte und die F.A.Z.-Redaktion entschieden zu weit.... Wer aus so wenigen Indizien das Recht ableitet, auf der ersten Seite einer Tageszeitung einen Artikel abzudrucken, der einen Menschen namentlich in die Nähe von Terrorismus rückt, begeht schlimmsten Rufmord. Özoguz wird es als Folge des Artikels äußerst schwer haben. ... Das deutsche Grundgesetz gibt Özoguz nun einmal das Recht, seine Religion frei auszuüben, seine Meinung frei zu äußern und seine Wohnung so zu dekorieren, wie er es gerne mag. Eine Zeitung, die das nicht akzeptieren kann, handelt nicht verantwortungsvoll. Sie handelt verfassungsfeindlich.

Sollte das eine Art verspätete Entschuldigung der FAZ sein? Zum Ende des Jahres 2002 “beruhigte“ sich die FAZ-Angelegenheit vorläufig ein wenig. Lediglich die Springerpresse ließ keine Ruhe und zitierte den Fall weiter in einem Nebensatz eines Artikels des Hamburger Abendblattes vom 30.12.2002. Allerdings sollte Ende 2002 ein Buch erscheinen, in dem gleich ein ganzes Kapitel uns gewidmet wurde, aber dazu später mehr.

Jedenfalls waren wir jetzt endgültig in die Riege der “fundamentalistischen Islamisten“ “aufgestiegen“, und das Feindbild Islam hatte einige weitere “prominente“ Mitglieder in Deutschland bekommen.

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