Gebrüder Özoguz

Wir sind (keine) “fundamentalistische Islamisten“ in Deutschland

Eine andere Perspektive

Dr. Yavuz Özoguz und Dr. Gürhan Özoguz

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Verschleierte Frauen machen unsicher

Der muslimische Schleier ist zweifelsohne eines der auffälligsten Merkmale islamischer Identität in Deutschland. Zwar unterscheidet sich die muslimische Körperbedeckung der Frau kaum von derjenigen einer katholischen Nonne, aber dennoch erscheinen Nonnen weniger “gefährlich“, denn zum einen gibt es sie kaum in der Öffentlichkeit, und zum anderen sind es ohnehin keine Geschöpfe mit Sexualität. Eine versteckte Sexualität aber erscheint in einer Umgebung, in der alles, aber auch wirklich alles offengelegt wird, wie etwas “Bedrohliches“. Da dieses Thema aber einer ausführlicheren Beschreibung bedarf, als es im Vorläuferbuch angedeutet wurde, haben unsere Ehefrauen später ein ausführlicheres Buch darüber geschrieben[1] – wir erinnern daran, dass wir jeweils nur eine Ehefrau haben und die Mehrzahlform dadurch zustande kommt, dass zwei Männer insgesamt zwei Ehefrauen haben.

Die muslimischen Frauen verstehen in ihrer Bekleidung durchaus eine Befreiung gegenüber einer Gesellschaftsnorm, welche die Entblößung als modern und die Verschleierung als mittelalterlich darstellt. Viele Deutsche, die nur mit weniger gebildeten Muslimen zu tun hatten, können sich gar nicht vorstellen, dass eine gebildete Frau verschleiert sein kann. Die Ironie der Geschichte aber ist, dass die “Verschleierung“ der Frau die in Deutschland am schnellsten wachsende “Mode“ ist. Dennoch darf man nicht übersehen, dass es sich um eine verschwindende Minderheit handelt. Ist es denn so schlimm, wenn in einer Gesellschaft, in der Milliarden für die Entblößung der Frau ausgegeben werden, auch einige Frauen sich wieder bedecken?

In anderen europäischen Ländern sieht man das viel gelassener. In England z.B. gibt es Polizistinnen mit Kopftuch genauso wie Lehrerinnen, und niemand regt sich darüber auf, und auch in Österreich gibt es inzwischen muslimische Lehrerinnen mit Kopftuch.

Muslimische Frauen wollen in der Gesellschaft den Respekt und die “Asexualität“ einer Nonne genießen und dennoch in der Familie ihre Weiblichkeit sowohl als Ehefrau als auch als Mutter ausleben können. Geschäftstüchtige Unternehmer könnten heute schon davon profitieren, wenn sie sich nicht dagegen sperren würden, praktizierende Muslimas auch in gehobenen Positionen einzustellen. Es würden sich ganz neue noch nicht vorhandene Sichtweisen und Kontakte nutzen lassen. Insbesondere scheint es aber eine große Besorgnis zu geben, Muslimas als Verkäuferinnen einzustellen. Dabei ist doch Deutschland Weltmeister im Tourismus und in anderen Ländern kaufen sie doch auch von Frauen mit Kopftuch. Zudem freut man sich doch heutzutage in nahezu jedem Laden schon darüber, wenn man überhaupt noch eine Beratung erhält, ob mit oder ohne Kopftuch! Außerdem bestünde die Möglichkeit, auch die neue Kundschaft gleich mit anzulocken. Denn mit großen Kopftüchern und muslimischen Gewändern lässt sich bestimmt mindestens so viel Geld verdienen, wie mit bauchfreien Nierenproblemhemdchen.

Bedauerlicherweise wird das Kopftuch immer mit Dummheit oder niedrigem Bildungsstand in Verbindung gebracht. Unsere Ehefrauen haben diesbezüglich ihre täglichen Erlebnisse in der Sprache, mit der sie angesprochen werden (“du verstehen“), obwohl sie in Deutschland studiert haben, und in den Anfeindungen in der Öffentlichkeit, welche nach dem 11. September 2001 zugenommen haben. Als Ehemänner, die voller Freude und Dankbarkeit zusammen mit ihren Kopftuch tragenden Ehefrauen spazieren gehen, sind wir mindestens genau so suspekt. Und oftmals scheint nicht Abneigung, sondern eher Unsicherheit durch. Doch die Unsicherheit erfasst auch uns manchmal. Wenn wir es z.B. einmal sehr eilig haben, und ich schnellen Schrittes gehe, “hinkt“ meine Frau allein aufgrund ihrer Körpergröße etwas hinterher. Sofort bremse ich dann ab, damit niemand denkt, meine Frau “müsste“ hinter mir herlaufen.

Je nach Ort und Gemeinde kann eine Muslima bei jedem Behördengang, jedem beantragten Pass, jedem Führerscheinfoto Schwierigkeiten bekommen oder problemlos behandelt werden. Sehr oft ist es nur eine Ermessensfrage. Nur bei dem Schwimmunterricht für muslimische Mädchen ist die Rechtslage inzwischen eigentlich klar. Muslime haben das Recht, aus religiösen Gründen ihre Töchter vom Schwimmunterricht abzumelden, bzw. die Nichtteilnahme zu beantragen. Bedauerlicherweise kennen viele einfache muslimische Familien diese bürokratischen Notwendigkeiten nicht und lassen ihre Töchter ohne schriftliche Abmeldung einfach nicht zum Schwimmunterricht gehen. Das führt zu viel Ärger für alle Beteiligten. Daher haben wir im Muslim-Markt einen Antragstext formuliert, mit dem der formale Weg korrekt eingehalten werden kann und haben diesen korrekten rechtlichen Weg beschrieben, den auch die Muslime in diesem Land einzuhalten haben! Dass uns ausgerechnet diese Hilfeleistung eines Tages von keiner geringeren Zeitung als der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Beweis für unsere angebliche “Verfassungsfeindlichkeit“ ausgelegt werden sollte, hätten wir uns niemals vorstellen können. Der Traum, dass es in absehbarer Zeit in diesem Land eines Tages wieder getrennte Schwimmbäder für Mann und Frau geben könnte – zumindest temporär – träumt nicht einmal der noch so träumerische Muslim. Ein einmaliger Versuch diesbezüglich in einem Freizeitbad in Delmenhorst, zu einer sonst wenig besuchten Zeit, das Bad ausschließlich für Frauen zu öffnen mit ausschließlich weiblichen Bademeisterinnen, wurde in der Lokalpresse mit den fürchterlichsten Kommentaren vieler Bürger und der Warnung vor dem Rückfall in das Mittelalter begleitet. Dabei würden auch viele nichtmuslimische Frauen solch eine Stunde “nur für Frauen“ gerne nutzen, trauen sich aber nicht, für so etwas einzutreten. Und Vorzeigefeministinnen tun sowieso oft alles in ihrer Macht liegende, um Muslimas Schaden zu können, selbst wenn sie damit auch Nichtmuslimas schaden.

Die Debatte um das Kopftuch hatte zu jener Zeit aus Sicht der Muslime in diesem Land dermaßen absurde Züge angenommen, dass selbst die öffentlich-rechtliche ARD sich auf seinen Internetseiten gemüßigt fühlte, den Einsatz der Muslime für das Kopftuch öffentlich anzuprangern. So veröffentlichte die ARD folgenden Text nach einer eigenen Umfrage:

Umfrage-Ergebnis zum Kopftuch-Streit

In unserer gestrigen Umfrage zum Thema Kopftuch-Streit vor dem Bundesverfassungsgericht hatten wir gefragt: „Wie würden Sie entscheiden?“. Wie uns ein User kurz darauf mitteilte, wurde auf den Seiten des deutschsprachigen Islam-Portals “Muslim-Markt“ anschließend dazu aufgefordert, auf die Abstimmung einzuwirken. Tatsächlich verschob sich die Tendenz der Umfrage: Nachdem zunächst rund 70 Prozent gegen das Tragen eines Kopftuchs gestimmt hatten und nur etwa 30 Prozent dafür, stieg der Stimmanteil der Befürworter plötzlich um zehn Prozent auf rund 40 Prozent an.

Wir weisen an dieser Stelle darauf hin, dass wir derartige Beeinflussungen unserer Umfragen leider nicht verhindern können. Genauso wenig können wir garantieren, dass ein User nur ein einziges Mal seine Stimme abgibt. Unsere Umfragen sind keine repräsentativen Studien, die die Meinung des Großteils der Bevölkerung widerspiegeln. Vielmehr handelt es sich dabei um Momentaufnahmen, gegen deren Manipulation wir leider nicht gefeit sind. (Stand: 04.06.2003 11:53 Uhr)

Das Endergebnis der Umfrage fiel wie folgt aus:

bulletSie darf mit Kopftuch unterrichten: 5178 Stimmen 72.9%
bulletSie darf nicht mit Kopftuch unterrichten: 1853 Stimmen 26.1%
bulletIch weiß nicht: 69 Stimmen 1.0%

Stimmen gesamt: 7100

Tatsächlich hatte der Muslim-Markt in seinem Newsletter an seine ca. 450 Abonnenten den Hinweis zu der Umfrage gegeben. Selbst wenn sämtliche Leser des Muslim-Markt-Rundmail ihre Stimme abgegeben hätten (was eine absurde Vorstellung wäre), hätten diese nicht einmal 7% Wirkung gehabt! Da aber das Endergebnis offensichtlich noch ungünstiger gegen das Kopftuch ausgefallen ist als vor der Weiterleitung der Meldung durch den Muslim-Markt, bestand die Manipulation ganz offensichtlich nicht im Newsletter des Muslim-Markt, sondern in der außergewöhnlichen einmaligen Reaktion der ARD auf ihrer Internet-Seite. Bei allen möglichen Abstimmungen im Internet werden Rundmails in den entsprechenden Interessengruppen verschickt, und nie reagierte die ARD darauf. Bei den Muslimen aber war es anders, die dürfen natürlich nicht einmal für ihre eigenen Interessen eintreten, und wenn sie das doch tun, dann ist es eine “Manipulation“, gegen die gleich mit der gesamten Internetmacht der ARD entgegengetreten werden muss. Allein die obige Meldung bezüglich der angeblichen Manipulation haben wahrscheinlich mehr Leser gelesen, als der Muslim-Markt damals überhaupt Leser hatte! Oder aber – und wir sollen als Muslime ja immer das Gute annehmen – ein besonders schüchterner Sympathisant des Muslim-Markt in der ARD wollte nur eine versteckte Werbung für den Muslim-Markt werbeträchtig platzieren! Die Möglichkeit der Manipulation von Internetumfragen wurde später – z.B. beim Gaza-Massaker Anfang 2009 – von professioneller Seite für Propagandazwecke missbraucht.

Während das Vorläuferbuch geschrieben wurde, urteilten am 24.9.2003 die höchsten deutschen Richter beim Bundesverfassungsgericht, dass es den Bundesländern überlassen sei, durch gesetzliche Regelungen das Tragen des Kopftuches für Lehrerinnen zu verbieten. Meine damals zwölfjährige Tochter, welche die Nachrichten gebannt am Bildschirm verfolgte, fragte mich besorgt: „Papa, was machen wir, wenn sie auch den Schülerinnen das Kopftuch verbieten?“. Ich versuchte sie zu beschwichtigen und erläuterte ihr, dass die Diskussion die Lehrerinnen beträfe und nicht die Schülerinnen. Gleichzeitig versicherte ich ihr, dass wir uns im Notfall anstrengen würden, das Geld für eine Privatschule aufzubringen. Aber die Antwort war scheinbar wenig überzeugend, denn die Sorge wich nicht aus ihrem Gesicht. So fühlt sich eine zwölfjährige deutsche Muslima, die sich auch mit ihrem Kopftuch bisher nie “unintegriert“ gefühlt hatte, und dennoch jetzt miterleben musste, was es heißt, “integriert“ zu werden. Und diese Integration betrifft nicht allein ihre Religion sondern auch ihr Schamgefühl, welches die Gesellschaft offenbar nicht bereit ist zu akzeptieren. Tatsächlich kam es in den Folgejahren immer wieder zu Schulverboten auch von Schülerinnen aufgrund ihres Kopftuches. Nebenbei sei erwähnt, dass das “andere“ Schamgefühl nicht nur auf muslimische Frauen beschränkt ist. Unsere Söhne haben ihren so geliebten Fußballverein verlassen, da sie gezwungen wurden, mit den anderen gemeinsam nackt zu duschen. All unser Bemühen, damit die muslimischen Kinder gemeinsam mit den Anderen Fußball spielen und somit an der Gesellschaft teilhaben, wurde vehement blockiert. Sie durften nicht zuhause duschen. Ist es dann ein Wunder, dass sich praktizierende Muslime zu eigenen Sportvereinen zusammenschließen?

Vor nicht all zu langer Zeit haben Rechtsradikale in Deutschland Jagd auf Ausländer gemacht. Es wurde sogar versucht, diese in ihren Häusern anzuzünden. Im ganzen Land war man geschockt! Es wurde versucht, dieses Problem auf Ostdeutschland abzuschieben. Aber scheinbar ist die deutsche Presse ohne großen Aufwand in der Lage, auch den Menschen in Westdeutschland eine sehr explosive Einstellung einzuhämmern. In diesem Fall geht es eben um Kopftuch tragende Frauen generell. Die Politiker, die sich dabei in der Masse profilieren wollen, greifen das Thema auf und gehen sogar einen Schritt weiter. Warum soll man nicht ganz einfach überall das Kopftuch verbieten? Möglicherweise stehen wir vor einer Zeit, in der es ganz legal und gern gesehen sein wird, Menschen, die sich nicht nach deutschem Vorbild entblößen wollen, zu ächten, ihre Bildungsmöglichkeiten zu blockieren, ihre Berufschancen zu zerstören, mit Fingern auf sie zu zeigen, sie zu verfolgen usw. usf. , haben wir doch alles schon gehabt. Und es wird auch immer wieder vorkommen, bis zu dem Tag, an dem es einer Gesellschaft gelingt, ihr Wissen nicht von einer manipulatorischen Presse beeinflussen zu lassen, sondern derart auf festen Füßen zu stehen, dass sie auch lernt, Manipulationsversuche richtig einzuschätzen. Zu dem Thema habe ich einen meiner am häufigsten zitierten Artikel geschrieben (“BH-Verbot für deutsche Lehrerinnen ab 1. April in Europien“), welche später in einem Buch zusammen gefasst wurden[2].

[1] Faszination Frau im Islam, Fatima Özoguz und Mihriban Özoguz, m-haditec GmbH & Co KG, Bremen, 2.2008, ISBN 978-3-939416-15-9

[2] Lasst uns unsere Schuhe ausziehen - um den Hass zu überwinden! – Religiös-politische Aufsätze eines deutschen Muslims, Dr.-Ing. Yavuz Özoguz, m-haditec GmbH & Co KG, Bremen, 04.2006, ISBN 978-3-939416-01-2

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