Gebrüder Özoguz

Wir sind (keine) “fundamentalistische Islamisten“ in Deutschland

Eine andere Perspektive

Dr. Yavuz Özoguz und Dr. Gürhan Özoguz

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Wir meiden Veranstaltungen mit Alkohol

Die Tatsache, dass Muslime keinen Alkohol trinken sollen, ist ja allgemein bekannt. Aber die Ablehnung des Alkohols als Getränk geht im idealistisch praktizierten Islam noch einen Schritt weiter; es ist eine aktive Ablehnung der Droge. Daher ist es für uns nicht möglich, an Veranstaltungen teilzunehmen, bei denen Alkohol getrunken wird.

Selbstverständlich ist unser Verhalten für viele, die ja praktisch mit dem Alkohol groß geworden sind, nicht ganz nachvollziehbar, außer er ist Mitarbeiter der Anonymen Alkoholiker. Aber umgekehrt konnten wir schon als Jugendliche nicht nachvollziehen, dass der Kern jeder Feierlichkeit, jeder Klassenfahrt, jeder Freude immer der Alkohol sein sollte. Es wird zwar selten ausgesprochen, aber im Grunde sind die gesellschaftliche Abhängigkeit und deren negative Folgen u.a. für das Sozialsystem und die Unfallstatistik durchaus bekannt. Unabhängig davon muss es aber doch gar nicht so schwer sein, die Motivation eines derart praktizierenden Muslims zu verstehen, warum er solchen Veranstaltungen fernbleibt. Wir möchten einen Vergleich anführen, der im ersten Augenblick für einen Europäer übertrieben erscheinen mag:

Man stelle sich einmal vor, dass ein “normaler“ Bürger zu einer Veranstaltung eingeladen wird, bei der er vor Eintritt in den Saal weiß, dass ein Servierender mit einem Tablett herumlaufen wird, auf dem gefüllte Heroinspritzen liegen, die Anwesenden sich genüsslich davon bedienen und beim gegenseitigen Schuss auch noch einen Rauschspruch von sich geben wie z.B. „zum Wohl“. Eine wirklich absurde Vorstellung; und jeder halbwegs verstandesgemäß bewusste Bürger würde solch einer Veranstaltung fernbleiben, und zwar nicht nur weil es hier verboten ist! Seine Kinder würde er, so weit es ihm möglich ist, davon fernhalten, und ihm würde auch nicht im Entferntesten der Gedanke kommen, dass er etwas verpassen würde.

Natürlich erscheint aus europäischer Sicht dieser Vergleich übertrieben, aber genau so fühlen sich praktizierende Muslime eben auch beim Alkohol, und daran ändert sich auch nichts, nur weil die Mehrheit in Europa den Konsum von Alkohol fast schon zu einer gesellschaftlichen Pflicht erkoren hat und viele in Deutschland Bier gar nicht zu Alkohol zählen.

Sicherlich führt solch ein Verhalten von Muslimen mehrfach zum “Anecken“, denn welcher Normal-Deutsche will sich schon sein Bier madig machen lassen? Und als “Drogenkonsument“ möchte auch niemand betrachtet werden, weshalb er obigen Vergleich entschieden und beleidigt von sich weist. Hingegen sind wir der Meinung, dass der Alkoholkonsum dieser Gesellschaft einen großen Schaden zufügt, aber zu viele Institutionen profitieren davon, so dass es zur Zeit unmöglich erscheint, die Nachteile des Alkoholkonsums wirksam öffentlich zu machen.

Dass es durchaus auch Möglichkeiten zu einer gegenseitigen Annäherung in diesem Bereich geben kann, haben wir selbst unter unseren damaligen Arbeitskollegen erlebt, als ich mit meinem Bruder noch gemeinsam an der Universität arbeitete. Zwar fanden alle privaten Feierlichkeiten ausschließlich mit Alkohol statt, so dass wir grundsätzlich nie teilnehmen konnten, aber ein Mal im Jahr, bei der Weihnachtsfeier des Arbeitgebers, gab es einen Weg zur Gemeinsamkeit. Die betriebliche Weihnachtsfeier begann schon am Nachmittag mit Kaffee, Kuchen und Tee (ohne Schuss). Ein Teil der meist sehr originellen Feierlichkeiten wurde bis zum frühen Abend absolviert, und zu einer vorher festgelegten Zeit verabschieden sich die Muslime dann. Und danach.... .

Häufiger laden mein Bruder und ich Kollegen und Bekannte zu uns nach Hause ein. Auch meine Promotionsfeier habe ich zu Hause veranstaltet, und mein Bruder sogar innerhalb der Universität. Selbst wenn diese Feierlichkeiten und Zusammenkünfte immer ohne Alkohol stattgefunden haben, war das Beisammensein dennoch fröhlich.

Zu einer lautstarken Auseinandersetzung zum Thema Alkohol kam es einmal an einem Elternabend am Gymnasium meines ältesten (damals 15jährigen) Sohnes nach einem Schulausflug. Dort hatte es einen Alkoholmissbrauch großen Ausmaßes gegeben. Betrunkene Schüler hatten sich übergeben, denn die Getränke, die konsumiert wurden, waren für die meisten 16-jährigen in der Klasse nicht verträglich. Die Besäufnisse gingen bis tief in die Nacht hinein, und sehr viele Schüler waren daran beteiligt. Obwohl mein eigener Sohn überhaupt nicht davon betroffen war, äußerte ich in aller Sachlichkeit mein Befremden über das Verhalten der Lehrer, die das alles zugelassen hatten und meine Sorge über den Alkoholmissbrauch. Der Vater eines anderen Schülers brüllte mich daraufhin an, dass ich das nur wegen meiner Religion sagen würde, wir in Deutschland seien, hier der Alkohol zulässig sei und die Kinder den Umgang nur so lernen würden usw.. Fast alle anderen Eltern schwiegen, obwohl jeder wusste oder wissen musste, was geschehen war.

Da stellte sich also jemand gegen mich, nur weil ich Muslim war, sogar in völliger Missachtung der Gesundheit der eigenen Kinder. Dabei hatte ich überhaupt keine Sorge um meinen Sohn, der keinen Schluck dieser Volksdroge mittrinken würde. Ich war mir doch auch bewusst, dass ich es niemals verhindern könnte, dass die anderen Kinder von der Gesellschaft früher oder später an den Alkohol gewöhnt werden würden. Den Ärger hatte ich mir an dem Abend nur eingehandelt, weil ich versucht hatte, auf einen Umstand hinzuweisen, der auch für Deutsche nicht normal sein kann, dass sich minderjährige Kinder unter Aufsicht von Lehrern auf einer Klassenfahrt betrinken und sich übergebend ihre Kontrolle verlieren.

Am Ende des Elternabends, als fast alle Eltern gegangen waren, kam der Klassenlehrer, der sich die ganze Zeit zurückgehalten hatte, zu mir und drückte mir sein vollstes Verständnis aus. Als Lehrer – er war bei der Klassenfahrt nicht dabei – kannte er seine Schüler und wusste, wie er mir bekundete, welche Probleme mit dem Alkoholkonsum verbunden sind.

Als Muslime in dieser Gesellschaft können und wollen wir niemandem etwas aufzwingen, aber unser Engagement zur Verminderung von Problemen sollte nicht nur deshalb abgewehrt werden, weil wir Muslime sind, und Alkohol ist sicherlich ein ernsthaftes Problem dieser Gesellschaft.

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