Gebrüder Özoguz

Wir sind (keine) “fundamentalistische Islamisten“ in Deutschland

Eine andere Perspektive

Dr. Yavuz Özoguz und Dr. Gürhan Özoguz

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Wir werden heimisch in Delmenhorst

Da waren wir also in Delmenhorst eingezogen, einer kleinen Stadt mit ca. 70.000 Einwohnern. Eigentlich ist die Stadt nicht besonders bekannt. Und den damaligen Bürgermeister kannten wir nicht, was sich bei den späteren Bürgermeistern allerdings ändern sollte. Es fiel uns lediglich auf, dass die Behörden und Ämter der Stadt erheblich freundlicher zu Muslimen waren, als wir es von Bremen gewohnt waren. Die Ausweise und Führerscheine mit Kopftuch waren hier kaum ein Problem!

Als Neulinge im Stadtteil Heidkrug luden wir zunächst die gesamte Nachbarschaft ein, uns zu besuchen, damit sie uns kennenlernen konnten. Viele kamen auch. Daraus entstanden bis heute einige sehr gute nachbarschaftliche Beziehungen, teilweise auch freundschaftliche und herzliche.

Nach und nach haben wir das Haus immer weiter ausgebaut und inzwischen auch ein von außen nicht einsehbares acht Meter langes Schwimmbecken im Garten errichtet. Viele muslimische Frauen aus der Umgebung nutzen diese Gelegenheit und verbringen zusammen mit ihren Kleinkindern heiße Sommernachmittage in und an dem kleinen Becken. Gott sei Dank sind unsere Nachbarn so geduldig und ertragen das fröhliche Geplantsche der muslimischen Gäste, ist es doch deren einzige Möglichkeit, in erreichbarer Nähe Schwimmen zu gehen. Denn nirgends sonst im erreichbaren Umkreis wird den muslimischen Frauen eine Schwimmmöglichkeit angeboten, bei der sie sich fern von männlichen Blicken untereinander im Badeanzug zeigen können. Unsere Frauen versuchen dann auch den Nichtschwimmerinnen unter den Gästen einige Schwimmübungen abzuverlangen, aber das ist bei den älteren Glaubenschwestern nicht so einfach. Auch einige ältere Männer haben hier erstmalig Schwimmen gelernt. Viele Menschen in diesem Land können sich gar nicht vorstellen, dass ein Erwachsener nicht schwimmen kann. Dabei sei erwähnt, dass es zu dem Vorbild des Propheten Muhammad gehört – der Friede Gottes sei mit ihm und den Reinen seiner Nachkommenschaft – den Kindern Schwimmen beizubringen, was aber vielen Muslimen aus sehr unterschiedlichen Gründen offensichtlich nicht möglich war.

Ausgehend von dieser Erfahrung haben mein Bruder und ich dafür Sorge getragen, dass alle unsere Mädchen vor dem Alter der religiösen Reife und damit Verhüllung, was bei Mädchen mit knappen neun Jahren eintritt (neun Mondjahre), die verschiedenen Schwimmabzeichen in öffentlichen Bädern erlangt haben. Im Urlaub reisen wir dann entweder in ein Land mit getrennten Stränden, oder aber die Frauen schwimmen in Vollkörpermontur. Inzwischen gibt es jene Montur auch in geeignetem, schnell trocknendem Schwimmanzugmaterial. Unsere ersten Versuche, jene An­züge auch in Deutschland einzuführen, wurden von den Medien als “integrationshemmend“ bezeichnet, wie grundsätzlich alles zunächst abgelehnt wird, was “islamisch“ ist. Inzwischen haben aber viele im Land erkannt, dass genau das Gegenteil der Fall ist, weil so auch Kopftuch tragende Frauen am gemeinsamen Schwimmen teilnehmen können und so die Integration gefördert und nicht behindert wird.

 Auch im Wasser kann die Frau sich vor Blicken schützen

Es kann sein, dass solch ein Foto für Menschen, die diesen Anblick nicht kennen, “befremdlich“ erscheinen mag. Der eine oder andere fühlt sich allein bei dem Foto wahrscheinlich sogar “unwohl“. Aber liegt das nicht möglicherweise daran, dass man es nicht kennt? Kann es nicht sein, dass man ganz anders darauf blicken würde, wenn man mit diesen Menschen befreundet wäre und sie und ihre Bekanntschaft sogar schätzen würde? Der Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin Robert Leicht hat bereits 2003 sehr treffend formuliert: „In Wirklichkeit stört uns an der Religionsfreiheit für Muslime, dass es nicht unsere Religion ist. Uns stört das Befremdliche, nicht das Religiöse. Aber das Befremdetsein hat zwei Seiten ­ den anderen und uns! Auch wir haben zu lernen, damit umzugehen.[1]

Im Laufe der Zeit wurden wir immer “echtere“ Delmenhorster Bürger mit regionaler Einbindung. Nur im Fußball musste die Stadt Bremen noch ab und zu den Delmenhorster Lokalpatriotismus ablösen, aber gehörte Werder Bremen nicht auch zu Delmenhorst?

[1] Mit dem Fremden leben lernen, Tagesspiegel 9.10.2003

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