Gedichte im Islam
Des Geistes wahre Nahrung

von Avicenna (Ibn Sina), übersetzt von Carl Hermann Ethé

Es ist des Geistes wahre Nahrung fürwahr ein alter edler Wein,
So farbig, dass der Kelch der Rose, der farb'ge, bleicht vor seinem Schein.
Achatgestaltig saphirfarbig und mit Rubineseigenschaften -
Zum Phönix wird die Fliege, schlürft sie von ihm nur einen Tropfen ein.
Zwar schmeckt er bitter, wie die Mahnung des Vaters, aber heilsam wirkt er -
Für die, die Nicht'ges treiben, nichtig - doch Weisen wahrhaft zum Gedeihn!
Gestattet ist er den Verständ'gen und untersagt ist er den Toren,
Aus ihm entkeimt das Bös' und Gute - er ist der wahre Prüfungsstein.
Ist's etwa Schuld des Rebensaftes, dass, wenn berauscht, in finstre Trübe
Die Hand der Dummkopf steckt? Wir recken zu Gott empor sie licht und rein.
Gestattet ist der Wein dem Weisen durch inneres Verstandesurteil,
Doch dem versagt, durch äussre Satzung, der an Verstand und Sinn gemein!
Der Wein ist nur versagt den Toren um ihrer eig'nen Torheit willen,
Wie auch der Mond gespalten wurde für Glaubensleugner ganz allein.
Wenn du den wein nach Denker weise nur schlürfest ganz wie Alis Vater,
Dann wird bei Gott! Dein ganzes Wesen zum absoluten Gottessein!

Anmerkung: Mit "Alis Vater" mein der Autor Abu Ali ibn Sina sich selbst

(Quelle: Spektrum Iran 3, 2013)

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